E-Book, Deutsch, Band 5, 336 Seiten
Reihe: Die Bundschuhs
Sawatzki Woanders ist es auch nicht ruhiger
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-99801-7
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 5, 336 Seiten
Reihe: Die Bundschuhs
ISBN: 978-3-492-99801-7
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Andrea Sawatzki, geboren 1963, gehört zu den bekanntesten deutschen Film- und Fernsehschauspielerinnen. Nach ihrem SPIEGEL-Bestseller »Ein allzu braves Mädchen« erschien die turbulente Weihnachtskomödie »Tief durchatmen, die Familie kommt«. Mit »Von Erholung war nie die Rede«, »Ihr seid natürlich eingeladen«, »Andere machen das beruflich« und »Woanders ist es auch nicht ruhiger« veröffentlichte sie mittlerweile vier weitere Bücher um die Familie Bundschuh. Alle fünf Bände wurden mit Andrea Sawatzki, Axel Milberg und anderen für das ZDF verfilmt. Ihr autofiktionaler Roman »Brunnenstraße«, in dessen Mittelpunkt ihr an Demenz erkrankter Vater stand, war wochenlang auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. 2025 legte sie mit »Biarritz« ein psychologisch schillerndes Buch über die Beziehung zu ihrer verwitweten Mutter vor. Andrea Sawatzki lebt in Berlin.
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5. Kapitel
Die nächsten Tage sprachen wir nicht viel miteinander. Zum Glück war Gerald tagsüber im Finanzamt, und ich konnte ihm abends aus dem Weg gehen. Ich fand es ungeheuerlich, angesichts unserer eigenen finanziellen Situation, die zwar nicht alarmierend, aber auch nicht besonders rosig war, zusätzlich für die Schulden seiner Mutter aufkommen zu müssen. Besonders wenn man bedenkt, dass Susanne sich nie wirklich um ihren Sohn gekümmert hat. Im Gegenteil. Sie hat immer nur ihr eigenes Leben und ihren eigenen Spaß im Blick gehabt. Und Gerald hat sich dann bei mir darüber ausgeweint, wie sehr er stets unter seiner egozentrischen Mutter zu leiden hatte. Er ist sogar drei Monate lang zu einer Gesprächstherapie gegangen, die er aber vorzeitig abgebrochen hat, weil es ihm Probleme bereitet, Fremden gegenüber von seiner Mutter zu sprechen. Außerdem war er der Meinung, der Therapeut würde ihn manipulieren wollen, damit er, Gerald, seine Mutter kritischer betrachten würde, als ihm eigentlich zustünde. Denn er sei immer noch ihr Sohn und liebe sie über alles in der Welt. Ich konnte mir daraufhin die Frage nicht verkneifen, warum er für diese Erkenntnis zwanzig Therapiestunden gebraucht hatte. Andererseits war ich dankbar, dass der Spuk nun endlich vorbei sein würde. Die Krankenkasse hatte sich nämlich geweigert, die Kosten für Geralds Sitzungen zu übernehmen, und wir zahlten immer noch monatliche Raten.
Trotz meiner Wut über die geheimen Absprachen meiner Familie musste ich mir eingestehen, dass das Leben im Rotkehlchenweg auf lange Sicht nicht mehr auszuhalten war. Susanne und Ilse teilten sich nun schon seit Wochen das Wohnzimmer, weil Susannes Gästezimmer im Keller nach den Überflutungen im letzten Sommer dauerhaft feucht war. Leider sind sich unsere Mütter, wie Sie vielleicht wissen, auch so schon nicht grün. Sobald man sie allerdings gemeinsam in ein Zimmer sperrt, kann man froh sein, wenn sie sich nicht gegenseitig die Augen auskratzen. Zu allem Überfluss hockten Rose und Hadi auch ständig bei uns. Sie fanden ihre Wohnung im Haus gegenüber zu klein. Außerdem hatten sie keinen Balkon und mussten unseren Garten mitnutzen, wie sie nicht müde wurden zu erklären. Eddie Barack brauche schließlich frische Luft, um gesund heranzuwachsen. Deshalb saßen die drei jeden Tag von morgens bis abends auf der Terrasse und ließen sich von mir bewirten. Sie gewöhnten sich bald sogar an die im Fünfminutentakt auftauchenden Flugzeuge.
Eine Woche nach unserem Streit kam Gerald etwas später nach Hause als gewöhnlich. Noch an der Eingangstür hörte ich ihn rufen, dass wir uns in Kürze im Esszimmer einzufinden hätten.
Kurz danach steckte Matz den Kopf zur Küchentür herein und brüllte: »Mami! Mami! Papi hat unser neues Zuhause gefunden!«
Wie auf Knopfdruck, nein, wie Mäuse, die ein Käsestückchen wittern, eilten die Bundschuhs aus ihren Löchern und scharten sich um meinen Mann. Ich hielt ein bisschen Abstand. Schlimm genug, dass ich die letzten Jahre meines Lebens wahrscheinlich mit Kartoffelklauben in der Uckermark verbringen müsste, aber die Idee, das dann gemeinsam mit meiner Familie tun zu müssen, raubte der Vorstellung auch noch den letzten Funken Romantik.
»Gundula!«, rief Susanne. »Komm doch näher, du siehst ja gar nichts!«
»Danke, ich seh’ genug«, sagte ich.
»Wer nicht will, der hat schon«, murmelte meine Mutter und Susanne fügte hinzu: »Versteh’ ich nicht, warum sie in letzter Zeit so eingeschnappt ist. Sie kann sich doch freuen, dass Gerald sich so viele Gedanken um unsere Zukunft macht. Es geht ja auch um ihre eigene Zukunft, oder nicht?«
Gerald breitete die Papiere auf dem Esstisch aus. Nach einem ziemlich langen Moment übereinstimmender Sprachlosigkeit brach meine Familie unisono in ohrenbetäubenden Jubel aus. Alle fielen sich um den Hals und beglückwünschten Gerald zu seinem grandiosen Fundstück. Sogar meine Mutter konnte sich kaum beherrschen und strich Gerald anerkennend über die Brust. Und das will was heißen, da sie grundsätzlich jeglichen Körperkontakt vermeidet und Gerald obendrein eigentlich nicht so wahnsinnig mag. Deshalb fragte ich mich, wieso sie so angetan war von den Papieren.
Ich schob mich ein bisschen näher heran und spähte auf Geralds Unterlagen. Vor mir lag die Abbildung eines riesigen, alten Dreiseitenhofs mit imposanter Auffahrt, einem Türmchen und einer Scheune, inmitten eines wildromantischen, parkähnlichen Gartens, der in ein Kiefernwäldchen mündete. Ich muss zugeben, das Anwesen wirkte im ersten Moment ziemlich eindrucksvoll, was aber eventuell auch daran lag, dass ich nicht scharf sah. Ohne meine Brille habe ich nur einen Blick fürs Grobe. Allerdings konnte ich sehr wohl erkennen, dass das Gebäude viel zu groß für uns war. Wer sollte die Heizungskosten bezahlen, die eventuell anstehenden Reparaturen? Den Schulbus für Matz? Wer sollte für uns einkaufen? Gab es Strom und fließend Wasser? Und wer sollte das Haus eigentlich putzen? Ich vielleicht?
»Und wer soll das putzen?«, fragte ich deshalb, wurde aber überhört, weil meine Familie schon völlig durchdrehte.
Meine Mutter rannte zum Kühlschrank, entnahm ihm eine Flasche Rotkehlchen Sekt, der eigentlich für Feiertage reserviert war, und hielt sie Gerald hin.
»Mach auf, mein Lieber. Darauf müssen wir anstoßen.«
Aber Gerald hob die Hände und bedeutete unseren Lieben, sich noch einen Augenblick zu gedulden. Dann erzählte er uns, wie er auf das Gebäude aufmerksam geworden war. Er hatte einem Kollegen von unserer unerträglichen Wohnsituation erzählt und Rüdiger, besagter Kollege, erwähnte daraufhin, dass er gerade genau das Richtige für uns reinbekommen habe. Einen Dreiseitenhof in Brandenburg, der aufgrund einer verschleppten Insolvenz nun zur Zwangsversteigerung ausstünde. Auf Geralds Nachfrage, wie teuer so etwas denn ungefähr sei, sagte Rüdiger, seiner Meinung nach könne der Hof nicht mehr als 150.000 Euro plus der üblichen Zuschlagsgebühr und den Kosten für die Eintragung ins Grundbuch kosten, weil er sich doch ziemlich weit draußen befinde. Abgesehen davon kenne er niemanden sonst außer einer elfköpfigen Familie, der sich ernsthaft für solch ein Projekt interessieren würde. Gerald hatte sich also die Unterlagen für die Zwangsversteigerung ausgedruckt, um sie uns zu zeigen.
»150 000 Euro, Gerald?! So viel haben wir auf die Schnelle doch gar nicht!«, sagte ich.
»Wenn wir den Rotkehlchenweg verkaufen, haben wir so viel«, sagte Susanne, als wäre sie die Besitzerin.
»So schnell kauft keiner ein Haus in der Anflugschneise des Berliner Flughafens. Was für Interessenten sollten das denn sein?«
»Vielleicht könnte man den Rotkehlchenweg ja an Leute geben, die was für Behinderte brauchen? Also ich könnte mir zum Beispiel schon vorstellen, dass so Leute, die ein Heim für Taubstumme suchen, den Rotkehlchenweg ganz toll finden würden«, sagte Rose.
»Was ist denn das für ein Blödsinn? Wieso sollen hier denn Taubstumme einziehen wollen?«, fragte meine Mutter.
»Weil die doch nichts hören! Denen ist der Flughafen egal.«
»Ja, und warum glaubst du, dass ausgerechnet ein Heim für Taubstumme von heute auf morgen auf der Matte stehen wird, um den Rotkehlchenweg zu kaufen?«
»Weil andere Leute ihn nicht kaufen werden«, sagte Susanne, und ich musste ihr ausnahmsweise zustimmen.
»Eben. Niemand wird den Rotkehlchenweg auf die Schnelle kaufen. Sag ich doch.«
»Wie viel Zeit bleibt uns, Gerald?«, fragte meine Mutter. »Ich habe das Gefühl, dieser Dreiseitenhof wäre unsere Chance, um –«
»Nein!«, rief Matz dazwischen. »Was soll ich denn da? Kann auch mal jemand an mich denken? Ich komm doch dann gar nicht mehr in die Schule!«
»Auch auf dem Land gibt es Schulen, mein Sohn«, sagte Gerald. »Wir müssen jetzt erst mal an den Rest der Familie denken.«
»Matz hat schon recht«, sagte ich. »Entweder gibt es da eine gute Schule für ihn oder ich bleibe hier.«
»Ich WILL auf keine andere Schule!«, rief Matz. »Das ist so unfair!«
»Ich finde auch, dass das keine gute Idee ist. Und wie willst du überhaupt ins Büro kommen, Gerald? Hast du mal darüber nachgedacht? Wie sollen wir denn zusätzlich für die ganzen Benzinkosten aufkommen?«
»Die kann ich von der Steuer absetzen, Gundula, weil ich dann ja Pendler bin. Das wäre also das geringste Problem.«
»Bis wann musst du das Geld haben, Geraldchen?«, fragte Susanne und zupfte ihren Seidenschal zurecht.
»Also eigentlich sofort. Die Zwangsversteigerung findet in vier Wochen statt, aber ich muss die zehn Prozent des Verkehrsgutachtens so schnell wie möglich überweisen, weil ich damit vermeidbare Zinslasten verhindere.«
»Die beim Finanzamt haben ja anscheinend überall ihre Finger drin«, sagte meine Mutter.
Gerald räusperte sich.
»Es geht jetzt in erster Linie nicht ums Finanzamt, Ilse. Zwangsversteigerungen gehen erst mal über die Justizvollzugsanstalt und später erst wird das Finanzamt mit eingebunden.«
»Sag ich doch! Die haben immer ihre Finger in allem drin.« Meine Mutter wischte imaginäre Krümel von der Tischdecke. »Grauenhaft.«
»Und wann kann man sich das alles mal ansehen?«, fragte Hadi. Seine Wangen glühten. Es war klar, dass mein Bruder und Rose bereit waren, sich sofort und komplett vorbehaltlos in dieses Abenteuer zu stürzen. Ich sah sie schon vor mir: Hadi lustwandelte durch die Parkanlage unseres Dreiseitenhofs. Um sich vor der Sonne zu schützen, trug er einen eleganten cremefarbenen Sonnenhut, dazu einen karierten Anzug aus feinem Leinenstoff. Aus der Ferne sah er tatsächlich aus wie ein Graf auf einem schottischen Landgut. Jetzt blieb er inmitten der Rosenrabatten stehen und...




