Sbiegay / Blank | Lerncoaching in der Pflege | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 122 Seiten

Sbiegay / Blank Lerncoaching in der Pflege

Auszubildende begleiten und beraten
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-17-042856-0
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Auszubildende begleiten und beraten

E-Book, Deutsch, 122 Seiten

ISBN: 978-3-17-042856-0
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die generalistische Pflegeausbildung weist eine neue Ausbildungsstruktur mit vielfältigen Lernorten sowie individuellen Lernangeboten und Lernbedarfen auf. Die daraus resultierenden Anforderungen an das eigene Lernen können innerhalb der theoretischen Ausbildung nicht vollständig bewältigt werden. Lernende müssen somit selbst in der Lage sein, exemplarisch gelernte Zusammenhänge auf ähnliche Situationen in der Pflegepraxis zu übertragen. Praxisanleitende und Lehrende übernehmen dabei eine elementare Verantwortung & sowohl für die Aneignung des Lerninhaltes als auch für eine entsprechende Kompetenzanbahnung der Auszubildenden. Das Buch verknüpft Lerncoaching und Lernberatung miteinander und unterstützt Praxisanleitende und Lehrende bei der Gestaltung von Lernprozessen. Es werden aktuelle Lernbedingungen sowie typische Lernherausforderungen besprochen, wobei konkrete Lösungs- und Umsetzungsideen vorgestellt werden. Im Fokus der professionellen Beratung steht der Lernprozess auf der Aneignungsebene des Lernenden. Durch eine individuelle, prozesshafte Beratung wird versucht, einen Transfer vom Lerngegenstand auf den Lernenden anzustreben.

Andreas Blank, M.A. Bildungswissenschaften, Diplompflegepädagoge, Lehr- und Lerncoach an der Fakultät Pflege und Gesundheit der Hochschule Hannover, Steffi Sbiegay, M.A. Erwachsenenbildung, Lehr- und Lerncoach an der Klinikum Region Hannover Akademie.
Sbiegay / Blank Lerncoaching in der Pflege jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


1       Aktuelle Lernbedingungen in der theoretischen und praktischen generalistischen Pflegeausbildung


Lernen ist vielmehr als die Aneignung von Wissen. Es ist die Auseinandersetzung mit einem interessengeleiteten Thema, das anwendbar gemacht wird, um so einen hohen Behaltenseffekt zu erzielen. 2020 wurde die Pflegeausbildung elementar erneuert. Durch das Inkrafttreten des neuen Pflegeberufegesetzes hat man einen weiteren Schritt in die Richtung zur dualen beruflichen Bildung gewagt. Damit verbunden ist die Annäherung an das verschulte System der beruflichen Bildung. Ein hoher Anteil an medizinischen Inhalten ist durch pflegespezifische, berufliche Handlungsaspekte ersetzt worden. In einigen Bundesländern hat man sich auch dafür entschieden, allgemeinbildende Fächer wie Deutsch, Englisch, Politik und Religion zusätzlich zu integrieren. Zum einen wurden somit die Lernbedingungen im theoretischen Kontext viel mehr auf die pflegeberuflichen Inhalte fokussiert – weg von der starren Vermittlung und Reproduktion von naturwissenschaftlichem, medizinischem Massenwissen, was in der beruflichen Praxis fast keine Anwendung findet, hin zu den berufsrelevanten Kernaufgaben. Zum anderen bieten die aktuellen Lernbedingungen in der praktischen Pflegelandschaft ein heterogenes Angebot. Dieses ist leider auch stark durch den aktuellen Personalbedarf in allen Pflegesettings geprägt, sodass Lernende immer mehr als Arbeitskraft gesehen werden und sich vor allem zu Beginn ihrer Ausbildung in der heterogenen Pflegewelt nicht wirklich orientieren können.

Diese neue Pflegeausbildung generalistisch auszurichten, ist völlig richtig, am Puls der Zeit und vor allem in Deutschland längst überfällig. Die Grundausbildung soll als Berufsorientierung verstanden werden. Im Anschluss ist dann eine Spezialisierung durch weitere Bildungsmaßnahmen möglich. Das erfordert allerdings auch eine gut strukturierte, curricular fundierte Ausbildung, in der die Chance der breiten Orientierung in allen Pflegesettings ermöglicht wird. Faktoren, um gut lernen zu können, sind daher im theoretischen und praktischen Lernort erforderlich. Dazu gehören nicht nur das Aneignen von Wissen sowie das Merken und Wiedergeben, sondern auch ein förderliches Lernklima, Mitlernende, moderne Ausstattung, Wohlfühlatmosphäre, gute WissensvermittlerInnen und -begleiterInnen, aufbereitetes Lernmaterial, wertschätzendes Arbeiten und vieles mehr. Blickt man allerdings pragmatisch auf die vorherrschenden Lernbedingungen, geht es vielmehr um Verwertung der Lernenden, Legitimation von Wissensvermittlung, typische Klassenzimmer mit veralteter Technik und einer überforderten Pflegepraxis, die unter dem Pflegenotstand leidet und sich fast gar nicht mehr in der Lage fühlt, eine junge Generation in ihren Bedürfnissen auszubilden. Ein Kooperieren zwischen den Lernorten bietet für Lernende eine elementare Sicherheit und gibt Orientierung. Dies wird leider im Rahmen der neuen Pflegeausbildung eher abgeschnitten, da der verschulte Gedanke der beruflichen Bildung verfolgt wird: Die Theorie bewertet das theoretisch gelernte Wissen und die Praxis beurteilt eine berufliche Eignung. Eine Verzahnung beider Bereiche rückt in den Hintergrund. Obwohl die Gesetzgebung von beruflichen Lernanlässen spricht, die einen klaren Bezug zur Berufspraxis herstellen, überwiegt doch das schulische System in Form von Leistungserbringung. Noten stehen viel mehr im Fokus als in der alten Ausbildung. Klausuren müssen jetzt in allen curricularen Einheiten geschrieben werden, eine Beteiligungsnote wird erhoben und im Praxisfeld dominieren Praxisaufgaben und Praxisbegleitungen, die ebenfalls benotet werden – von den Stationsbewertungen mal ganz abgesehen. Der Lernende befindet sich eigentlich im kontinuierlichen Lernmarathon, im Theorie- wie auch im Praxisfeld. Diese Noten finden sich in den Jahreszeugnissen wieder, entscheiden über die Examenszulassung und nehmen Einfluss, im Rahmen der Vornotenregelung, auf die Examensnote.

Eine weitere große Herausforderung ist die Unkenntnis über die gesetzlichen Grundlagen und die neue Struktur der Pflegeausbildung. In der Pflegepraxis herrschen immer noch diverse Vorurteile gegenüber der generalistisch ausgerichteten Pflegeausbildung vor. Die Kinderkrankenpflege sieht sich zu wenig berücksichtigt, die Krankenpflege spricht von einer wenig fundierten Ausrichtung und die Altenpflege stellt einen zu hohen fachspezifischen Fokus her. Diese Unwissenheit überträgt sich direkt auf die Lernenden und sorgt zusätzlich für eine große Verunsicherung. Wenn schon die Pflegebasis nicht genau weiß, wie die Ausbildung umzusetzen ist, wie sollen dann die Lernenden eine klare Struktur erfahren? Auch an den Pflegefach- und den Berufsschulen herrscht eine hohe Heterogenität der curricularen Verankerung der gesetzlichen Vorgaben. Die Spanne reicht von einem komplett neu implementierten Curriculum bis hin zu der Anpassung von alten Unterrichtsinhalten an die neuen gesetzlichen Vorgaben. Somit ist das Anforderungsprofil an die Lernenden völlig divers und nicht vergleichbar. Es entstehen unterschiedliche Anforderungsniveaus, die die Ausbildungsstruktur noch unklarer machen. Eine Orientierung ist für Lernende schier unmöglich. Auszubildende aus der vorherrschenden Generation Z fühlen sich schnell überfordert und nicht in der Lage, diese neuen Lernprozesse für sich anzubahnen. Zum einen bietet die Masse an Wissensstoff eine große Herausforderung und zum anderen ist diese Masse viel weniger faktisches Wissen. Das heißt für den Lernenden, er muss den Lernstoff vernetzen, verstehen und in Anwendung bringen, um ihn dann im Prüfungssetting abzurufen. Es geht nicht mehr darum, Wissen auswendig zu lernen und zu reproduzieren, sondern vielmehr darum, die Wissenszusammenhänge exemplarisch zu verstehen und dieses Wissen auf unterschiedliche fachpraktische Situationen zu übertragen. Diese Herausforderung ist sehr hoch, da auch viele Lernende aus ihrer Schulbiographie ein anderes Lernen kennen und wenige Situationen erlebt haben, in denen sie ihren Lernprozess selbstverantwortlich strukturieren mussten.

1.1      Rückmeldung von Praxisanleitenden


Im Rahmen von diversen Rückmeldungen und Befragungen von PraxisanleiterInnen in der generalistischen Pflegeausbildung zu Lernherausforderungen der Auszubildenden hat sich in den unterschiedlichsten Settings ein doch eher homogenes Meinungsbild widergespiegelt. Als größtes Lernproblem bei den Auszubildenden wurde immer wieder die Motivation benannt. Praxisanleitende sehen sich immer mehr in der Situation, die Lernenden für ihren Lernkontext zu motivieren, ihnen mit guter Laune zu begegnen, positive Lernbedingungen aufzuzeigen und den Lernprozess zu organisieren. Es sind auch existenzielle berufsbezogene Motivationseinstellungen der Lernenden, die zu großen Herausforderungen führen. PraxisanleiterInnen sehen sich in einer Verteidigungsposition für den Pflegeberuf und stellen perspektivisch den Auszubildenden eine gute Berufsprofession dar, die sie selbst in der beruflichen Praxis weniger erleben.

Eine weitere Lernherausforderung ist die Sprachbarriere. Zum einen wird hier die aktuelle Jugendsprache als Barriere gesehen und zum anderen werden die NichtmuttersprachlerInnen genannt, die zum eigentlichen Lernstoff auch noch ein Verständnisproblem mit der deutschen Sprache vorweisen (obwohl Sprachniveau B2 zur Einstellung gefordert ist). Praxisanleitende finden sich aufgrund des Sprachverständnisses immer mehr in der Rolle des eigentlichen Lehrers. Sie sind nicht nur für die richtige fachpraktische Anleitung verantwortlich, sondern auch für das richtige Verständnis infolge der Sprachunkenntnis. Dieser Faktor birgt ein hohes Konfliktpotential in sich, da sich das Tätigkeitsprofil der PraxisanleiterInnen immer mehr in eigentlich rein pädagogischen Schwerpunkten wiederfindet. Es müssen vor der eigentlichen praktischen Anleitung das Aufgabenverständnis, Wortbedeutungen, o. Ä. geklärt werden, um eine klare Umsetzung zu gewährleisten. Das führt dazu, dass sich die eigentliche Anleitungszeit am zu versorgenden Menschen wesentlich verkürzt.

Die generell geringen zeitlichen Ressourcen für Begleitungen in der Pflegepraxis werden ebenfalls von Praxisanleitenden benannt. Der hohe Fachkräftemangel ist in allen Pflegesettings merklich zu spüren. Das hat zur Folge, dass es in einigen Pflegebereichen keine PraxisanleiterInnen mehr gibt oder das diese bereichsübergreifend mit den Auszubildenden arbeiten müssen. Auch werden immer häufiger mehrere Lernende als Lerngruppe zusammengefasst, um die gesetzlich nachzuweisenden Stunden zu erfüllen. Ein individuell gestütztes Lernen ist daher immer weniger möglich. Lernanlässe werden immer häufiger verallgemeinert und das einzelne Unverständnis bei den Lernenden aus Zeitmangel gar nicht mehr bearbeitet.

Hier schließt sich eine weitere Herausforderung für die Praxisanleitenden an, und zwar die merklich hohe Unsicherheit der Lernenden. Es wird wahrgenommen, dass sich viele Lernende schnell damit überfordert fühlen, die umfassenden...


Andreas Blank, M.A. Bildungswissenschaften, Diplompflegepädagoge, Lehr- und Lerncoach an der Fakultät Pflege und Gesundheit der Hochschule Hannover,
Steffi Sbiegay, M.A. Erwachsenenbildung, Lehr- und Lerncoach an der Klinikum Region Hannover Akademie.



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