Schachinger | denn ihre Werke folgen ihnen nach | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Schachinger denn ihre Werke folgen ihnen nach


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-7013-6204-2
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-7013-6204-2
Verlag: Otto Müller Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Klug geflunkert, ist halb gewonnen - so lautet der Lebensgrundsatz Mario Kamovs, dessen Karriere als Bestsellerautor auf einem Diebstahl basiert: Die bei einem Verlagseinbruch entwendeten Manuskripte bearbeitete und publizierte er - mit beachtlichem Erfolg - als eigene Werke. Jahrzehnte später wird ihm seine Irreführung zum Verhängnis. Um aller Welt zu beweisen, dass er ein angesehener Schriftsteller ist, trotzdem man ihn immer der Unterhaltungsliteratur zurechnete, nimmt er einen Lehrauftrag für Poetik an einer Universität an. Unter seinen Studierenden befindet sich auch Luca, Sohn einer der vom ihm bestohlenen Autoren. Bestrebt Luca zu kontrollieren, wird Mario Kamov sein Mentor. Er beginnt eine Beziehung mit Lucas Mutter, schnüffelt in der Wohnung des jungen Mannes und analysiert dessen Werke, um herauszufinden, ob und welche Gefahr ihm drohe. Lucas Mentor zu sein, das stellt sich bald als keine leichte Aufgabe heraus, denn der Jungautor entpuppt sich als enfant terrible, erscheint zu Lesungen in Frauenkleidern, Kunstleder-Outfits oder Thomas-Bernhard-Hosen. Das Katz-und-Maus-Spiel wird in diesem originell konstruierten und spannenden Roman letztlich zu einem Konkurrenzkampf, den nur einer von beiden überleben kann. Allzu gern würde Mario seinen Mentee ins Jenseits befördern, was er nicht wagt, denn sein ist das Wort, aber nicht die Tat.

Dr. Marlen Schachinger, geboren 1970 in Oberösterreich, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Deutsche Philologie und Ästhetik. Für ihr bisheriges Werk (Kurzgeschichten, Romane, Hörstücke, Lyrik sowie Sachbücher aus dem Fachbereich HerStory) erhielt sie zahlreiche Stipendien und Preise. Ihre Dissertation zum Thema Werdegang, in der sie die Pädagogik verschiedener Schreibstudiengänge verglich, beschloss sie 2012 mit Auszeichnung. Sie lehrt seit 1999 Literarisches Schreiben, 2011 folgte die Gründung eines eigenen Instituts für Narrative Kunst. Marlen Schachinger lebt in der Nähe von Wien.
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I

Ich schlug die Zeitung auf. Unter den Kulturnachrichten prangte schwarz umrandet die Bildzeile:

»Kein Gericht der Welt würde mich schuldig sprechen, und dennoch trage ich die Verantwortung für Luca H.s Tod.«

II

Nein, ich habe keine Schreib-, nennen wir es: -probleme. Es ist bloß eine momentane Desorientiertheit, die sich ein wenig breiter macht als gewöhnlich, es handelt sich nur um eine kurze Phase der Inspirationslosigkeit, denn es anders zu bezeichnen, hieße, dem Schicksal Tür und Tor öffnen. Ich glaube an die Macht der Wörter; dass sie Zustände herbeirufen können, die alsdann eintreten müssen, ja, man könnte sagen, ich bin abergläubisch, das dreimalige Spucken über die Schulter der Schauspieler ist mir vertraut.

Ich suche nach einem Thema, das ich gestalten könnte, klicke Webseiten an und weg, Gemälde, Fotos, Zeichnungen. Ich finde nichts Bewegendes. Vielleicht suche ich seit Tagen auf der falschen Ebene, möglicherweise ist mir eine bloß visuelle Anregung nicht genug? Ich wechsle also zu Cartoons, die weisen zumindest einen Kurztext auf, und als würde ich über Korrekturfahnen sitzen, murmle ich ihre Zeilen in den Raum. Eventuell wäre es möglich, drei oder vier miteinander zu verbinden, eine Kürzestgeschichte, die so entsteht, weshalb nicht? Um zweihundertfünfzig Seiten zu füllen, bräuchte ich folglich siebenhundertfünfzig bis tausendsiebenhundertfünfzig Cartoons, Mittelwert eintausendzweihundertfünfzig, möglicherweise ließe sich ein Textdrittel auch mehrfach nutzen, ohne dass es jemandem auffällt? Es wäre einen Versuch wert. Man könnte es InterTextGewebe nennen.

Ein weiteres Cartoon, auf diesem sind drei Bischöfe zu sehen, sie stehen dickbäuchig und vor Begehren sabbernd um einen Computer. Dass kein Porno über ihren Bildschirm flimmert, sondern sie das Modell einer Internetbeichte vor sich haben, verleitet mich nicht zum Lachen: Wehe dem, der nicht brav seine Buß-Rosenkränze bete, er werde von höllischen Computerviren heimgesucht werden – wo soll da der Witz sein, oder bin nur ich heute zu griesgrämig, um angemessen zu reagieren? Wer würde über so etwas lachen und gibt es Internetbeichten in Wirklichkeit?

Ich tippe das Wort in die Suchmaschine ein. Wer erteilt bei einer solchen Form der Beichte seinen Segen und wie? Kommt der Segen über das Modem? Eine Seelenreinigung durch Versprachlichung einer Befindlichkeit, die sich nicht erfüllen kann, weil sie bereits Vergangenheit ist: Ich weiß, ich habe eine Schreibblockade, obgleich ich es vorziehe, sie anders zu nennen, und diese Verfälschung der Wahrheit ist bedenklich, doch bietet sie Schutz usw. usf. – und danach sollte es einem besser gehen? Wer sagt, dass ich sie mit meiner Inspirationsverzögerung belangen muss? Ich könnte mir doch irgendetwas passend zu den Zehn Geboten herbei fabulieren, stehlen, lügen, begehren, schließlich bereue ich meinen Aberglauben und all seine Konsequenzen, und der Segen, den ich erhielte, er müsste allumfassend sein…

Hier steht, es sei eine Entscheidung Gottes, ob er gebe, was er gebe, wann er gebe, man könne nur bitten.

Aufschreiben statt aussprechen – würde Freud sich heute auch mit elektronischer Post begnügen, um die gequälten Seelen seiner Patienten zu behandeln? Liegt darin eine Geschichte, die ich gestalten könnte?

Ein Engel flattert über die Seite, reichlich kitschig sieht der aus, dazu obendrein das Glockengedröhn, als wäre die Zeit seit Jahrhunderten stillgestanden. In einem Roman würde mir die Lektorin ›Klischee‹ kritisch anmerken.

Ich könnte ausprobieren, was geschieht, wenn einer auf diese Art beichtet. Anderes habe ich schließlich ohnehin nicht zu tun. Ihnen eine Geschichte erzählen, ihnen oder ihm, dem einen Leser, das kann doch nicht so schwierig sein.

Ich starre auf das Feld, in welches die Nachricht einzufügen ist. Das weiße Rechteck blickt mich vorwurfsvoll an. Die vorgegebene Fläche, um eine Beichte einzufügen, ist klein. Alles, was ich schriebe, verschwände sogleich nach oben. Das ist beruhigend. Ich könnte lügen, mich als Mörder, Vergewaltiger, mehrfach Abtreibende ausgeben. Das aber würde Arbeit bedeuten, ich müsste ein Figurenporträt einschließlich biografischem Hintergrund entwerfen, ihm oder ihr eine bestimmte Umgebung zuschreiben, aus alldem eine mögliche Geschichte entwickeln – nein, eine Handlung entlang der wahren Begebenheiten stellte einen weitaus geringeren Arbeitsaufwand dar; nicht »annähernd wahr« oder »den Tatsachen entsprechend«, denn was ist Wahrheit?

Niemals hätte ich die Geschichte eines Sohnes erfunden, denn mir hätte dabei in der Mutterfigur meine eigene Mutter in die Quere kommen können. Ebenso wenig könnte ich mir eine Erzählung über einen Bruder ausdenken, denn es wäre möglich, dass darin – zuerst noch unbemerkt – meine Schwester auftauchen würde, und irgendeines schönen Tages wäre dann wahr geworden, was ich mir ausgedacht hatte. Mag es Aberglaube sein! Ich bin überzeugt, dass Wörtern eine prophetische Kraft innewohnt, dass Ereignisse sich herbei sprechen lassen.

Dies ist ja die quälende Quelle meiner Schreibhemmung: Dass ich mir dies und das als Thema verwehre. Man stelle sich vor: Ich schreibe über einen Bruder, der gesteht, er habe seine Schwester – nein, nicht einmal zu denken wage ich es. Die prophetische Kraft der Wörter, ich bleibe dabei, ich könnte es mir nie verzeihen, käme meine Schwester durch mich zu Schaden.

Ich könnte mit Markus und Darian beginnen, ich könnte von damals erzählen, als wir jung waren:

»De Puff’n bleibt im Auto!«

»Herst Oida, spinnst?«
»Di oda i!«

»Geh, Muffi, hoit dein’ Rand, und setz die Mask’n auf!«

Ich weiß, damit haben Sie nicht gerechnet, gestatten Sie mir bitte trotzdem, die Geschichte authentisch zu erzählen, denn ohne schonungslose Ehrlichkeit macht keine Beichte Sinn, oder? Und eben darum sollte es hier doch gehen. Manche Karrieren beginnen auf absurde Weise, und am Beginn der meinen standen ebenjener Wortwechsel sowie eine Pistole. Knapp einen Monat zuvor hatten wir unseren Grundwehrdienst beendet; wir, das hieß zu jener Zeit stets Markus, Darian und ich. Die Weltwirtschaft steckte mal wieder in der Krise, und keiner in unserem Trio hatte einen Job, ganz zu schweigen von der Aussicht darauf. Markus ging es mit seiner Ach- und-Krach-Matura noch am besten, aber Darian und ich? Mittlere Reife, neun abgebrochene Lehren – er und ich, zusammengezählt.

Doch auch die Wahrheit hinter meinen drei Abbrüchen veränderte kein bisschen jenen Gesichtsausdruck, den ich zu sehen bekam, stellte ich mich in Personalbüros vor, weil man so gnädig (oder mangelhaft vorbereitet) war, mich zu einem Gespräch einzuladen. Drei Lehren. Niemanden interessierte, dass alle dem Einzelhandel zuzurechnen waren, dass ich die erste Stelle, Buchhandel übrigens, bei der man mich einzig als Putz- und Tragekraft einsetzte, gegen eine zweite in der gleichen Branche tauschte, weil man mir eine Stelle in einem vielversprechenden Laden anbot, der jung und hip war, ein Buchcafé, gerade erst von einem Kollegen aus der ersten Lehre gegründet. Dass er nach fünf Monaten Pleite machte und ich somit auch meinen Job verlor, interessierte niemanden. Danach folgte die dritte Lehre, in einem anderen Teilbereich der Branche, denn durch den Wechsel gab man mir in keiner Buchhandlung mehr eine Chance. Ich wählte den – wie ich dachte – sicheren Sektor Elektrogeräte, der mich jedoch nicht interessierte, was meine neue Chefin natürlich innerhalb der Probezeit herausfand und mir deshalb auch sogleich kündigte. Dass diese drei misslungenen Versuche, im Berufsleben Fuß zu fassen, also sehr wohl ihren Hintergrund hatten, tangierte keinen Personalchef.

Obendrein hatte ich während der vergangenen Wochen ausgemachtes Pech gehabt, war nach allen Regeln der Kunst hereingelegt worden. – Darüber zu schreiben fällt mir schwer; nicht weil es meinem damaligen Empfinden nach ehrenrührig gewesen wäre oder es keinesfalls zum ersten Mal geschah, dass ich bis über beide Ohren im finanziellen Debakel steckte – kein Wunder, ich hatte gerade eben dreihundertneunzig monatlich zur Verfügung und mein WG-Zimmer verschlang bereits knapp dreihundert, alles inklusive, zumindest. Ich erzähle deshalb nicht gerne davon, da ein gebrochenes Herz hinzukam. Wer, frage ich Sie, gibt freiwillig zu, dass die innere Einsamkeit einen dazu gebracht hat, einem fremden Menschen den versprochenen Honigmund zu glauben, sich rettungslos zu verfangen, weil ›sie‹ einem per SMS einflüstert, man sei so süß, das Foto, im Internet gefunden, ›sie‹ habe sich sogleich verliebt und hätte es sich nie verziehen, wenn ›sie‹ ihrer Feigheit nachgegeben und mich nicht kontaktiert hätte, solch eine Chance erhalte man nur einmal im Leben. Damit hatte sie nicht Unrecht. Ehe du es dich versiehst, gibst du dein Privatestes preis, schreibst Geheimnisse in die Nacht, und ›sie‹ antwortet mit all dem Gesäusel, das Verliebte von sich geben; mit kühlem Kopf betrachtet wirkt es stets bloß pathetisch, purer Kitsch. Zwei Wochen danach bekam ich...


Dr. Marlen Schachinger, geboren 1970 in Oberösterreich, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft, Deutsche Philologie und Ästhetik. Für ihr bisheriges Werk (Kurzgeschichten, Romane, Hörstücke, Lyrik sowie Sachbücher aus dem Fachbereich HerStory) erhielt sie zahlreiche Stipendien und Preise. Ihre Dissertation zum Thema Werdegang, in der sie die Pädagogik verschiedener Schreibstudiengänge verglich, beschloss sie 2012 mit Auszeichnung. Sie lehrt seit 1999 Literarisches Schreiben, 2011 folgte die Gründung eines eigenen Instituts für Narrative Kunst. Marlen Schachinger lebt in der Nähe von Wien.



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