Schaefer | Die Söhne des Windes | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 322 Seiten

Schaefer Die Söhne des Windes

Der Opferaltar
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-99146-224-8
Verlag: novum pro Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der Opferaltar

E-Book, Deutsch, 322 Seiten

ISBN: 978-3-99146-224-8
Verlag: novum pro Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dark weiß nicht, wie viele Generationen von Menschen und magischen Wesen er beeinflussen wird, als er seinen Kult der Drachenmagier gründet. Er kann nicht wissen, wie viele sterben werden, um den Dunklen Gott Sombra zu bannen. Aber Dark weiß, dass das Böse nicht die Macht über Carrera erlangen darf. Rund fünfhundert Jahre später ist es dann an der Zeit. Und Dark hat Glück, denn außer eine Hochzeit einzufädeln, scheint es nicht viel zu brauchen, um das Land zu retten. Aber jede Hochzeit ist erst der Beginn, manchmal von etwas Gutem, manchmal allerdings auch von viel weiterem Leid. Doch die Prophezeiung scheint sich zu erfüllen und langsam kommen die wichtigsten Spielfiguren zusammen. Der Vampirjäger, Meisterschwertträger, Gestaltwandler, die Kriegerin und Amazone finden sich.

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Prolog

„SIE SIND IN DER STADT! FLIEHT! RENNT UM EUER LEBEN!“

Mehrfach wurde der Hohepriester der Drachenmagier unsanft angerempelt und geriet ins Straucheln. Immer wieder gelang es ihm, auf den Beinen zu bleiben und weiter zu rennen. Er war fast eins neunzig groß und schlank. Sein giftgrünes Haar fiel ihm mit einer Art beiläufiger Eleganz in die smaragdgrünen Augen. An einem seiner spitzen Ohren hing ein zwei Zentimeter großer Ohrring, der die Form einer Feder hatte. Er trug ein ärmelloses, weißes – nun verdrecktes – Hemd und eine ebenso weiße Hose. Schuhe hatte er keine an. Den durch den Kampf zerrissenen, grünmelierten Umhang der Drachenmagier hatte er irgendwo fallen lassen. Um seinen Oberarm schlang sich ein goldener Reif, in dessen Windungen sich ein schlangenförmiger Drachenkörper widerspiegelte.

Er eilte gehetzt durch die zerstörten Straßen. Fast alle Gebäude, an denen er vorüberkam, waren eingestürzt. Türen hingen aus den Angeln. Scheiben waren eingeschlagen. Er hatte aufgehört zu zählen, an wie vielen ermordeten, geliebten Menschen er vorbeigekommen war. Tränennasse Spuren zeichneten sich auf seinem jungwirkenden hübschen Gesicht ab.

Ein ohrenbetäubender Knall ertönte, als ein gigantisches Stück der Stadtmauer weggesprengt wurde. Dark, der Hohepriester, wandte den Kopf panisch und blickte zurück. Er konnte das Schwarze Heer vorrücken sehen und die Kreaturen der Finsternis. Er erschauderte. Plötzlich blieb er mit dem Fuß hängen und stürzte hart, wobei er sich die Hände aufschürfte. Er sah sich nach der Ursache um und bereute es sogleich wieder. Dark war über die entstellte Leiche seines Schülers Tai gestolpert. Die Tränen und den Ekel niederringend raffte er sich auf und rannte geblendet von Tränen weiter. Allerdings konnte er es nicht verhindern, dass sich Grauen erfüllte Vorahnungen in seinem Kopf bildeten: Was, wenn ich zu spät komme? Was, wenn ich ihn nicht retten kann? Was, wenn ich ebenso versage wie bei Tai? Nur sehr langsam und mühevoll konnte er diese Gedanken verdrängen. Er musste sich zusammenreißen. Unter keinen Umständen durfte er zulassen, dass solche Vorstellungen in seinem Kopf weiterhin Gestalt annahmen.

Als er schließlich bei seinem Häuschen angelangt war, welches sich tief im Zentrum der Magierstadt befand, blieb er wie angewurzelt stehen. Ein Angstschauer lief ihm über den Rücken. Die Tür war zertrümmert worden.

„Nein – bitte nicht!“, hauchte er.

Panik packte ihn erneut. Dennoch brachte er seine Furcht mühsam unter Kontrolle und betrat vorsichtig sein Haus. Die Dielen über ihm knarrten, also musste jemand oben sein. Er hoffte inständig, dass es nur Joaquin war und keines dieser Ungeheuer, die die Stadt der Magier in Sugiawa überfielen. Ungeheuer, gegen die kein Zauber half, wie er und seine Mitstreiter verlustreich erfahren mussten, als sie versucht hatten, die Stadt vor dem Ansturm des Schwarzen Heeres zu verteidigen. Nun kämpften nur noch wenige Verzweifelte. Der Rest der Menschen hatte Hals über Kopf die Flucht ergriffen. Einige hatten sogar ihre Kinder vor lauter Angst vergessen. Wie die meisten hatte er die Stadt für verloren erklärt. Nun versuchte er zumindest das Leben seines Sohnes zu retten. Er glitt lautlos die Stufen hinauf. Im oberen Stockwerk befand sich der Eingang zu Joaquins Zimmer. Von dem starken Holz der Tür waren nur Holzsplitter übriggeblieben. Im Rahmen befanden sich üble Risse und Kratzer. Das Brett, was einmal die Zimmertür gewesen war, hatte es mit solcher Kraft weggeschleudert, dass es an der gegenüberliegenden Wand in tausend Stücke zerschellt war. Er ließ den Blick mit einer dunklen Vorahnung durchs Zimmer schweifen. Das Mobiliar des kleinen Raumes war dem Erdboden gleichgemacht worden. Sein Sohn Joaquin saß lachend auf der Erde zwischen den Trümmern seines einst bescheidenen, aber schönen Zimmers. Er klatschte nach einem unverständlichen Muster in die Hände, was ein langes knochendürres Wesen nach dem Takt der Hände tanzen ließ.

Trotz des Grauens, welches er eben noch gesehen hatte, entlockte es dem Drachenmagier ein Lächeln.

Joaquin drehte ihm den Kopf zu und strahlte. „Er ist lustig, nicht?“

Sein Vater schüttelte seufzend den Kopf. Wann würde der Junge endlich lernen, dass nicht alle Besucher Freunde und Spielkameraden waren? Er ging auf ihn zu und hob ihn auf die Arme. Der Junge hörte auf zu klatschen und das Knochenwesen brach vor Erschöpfung zusammen. „Warte nur Dark“, zischelte es mit den letzten Atemzügen. „Du und dein Bastard, ihr entkommt uns nicht … die Stadt ist vollständig umzingelt … das Schwarze Heer ist überall … überall … auch in der Luft … und unter der Erde … überall … sogar in dir bekannten Menschen …“

Der Drachenmagier wandte sich von dem toten Wesen ab und wollte durch die Tür entschwinden. Doch dort trat gerade ein Trupp Soldaten ein, die alle durch schwarze Rüstungen gepanzert waren, auf denen der rote Salamander prangte. Das Zeichen von Sombra, dem Gott des Hasses und der Finsternis, dem Gebieter über das Schwarze Heer.

Dark wich zum Fenster zurück. Doch von dort kletterten gerade weitere Skelette herein. Die dünne, bleiche Haut war fest über die durchschimmernden, schwarzen Knochen gespannt. Sie saßen in der Falle.

Hilf mir Veneno, schrie der Drachenmagier gedanklich seinem Freund zu.

Ein Bruchteil einer Sekunde verging, dann wurde das Dach mit Ohren betäubendem Getöse fortgerissen. Die Anhänger des Herrn der Finsternis wichen panisch zurück, als ein riesiger geschuppter Kopf über ihnen auftauchte. Der gigantische, giftgrüne Drache riss das Maul auf und verschlang Dark und dessen achtjährigen Sohn. Er stieß sich so heftig von dem Haus ab, um in die Lüfte zu kommen, dass es in seine Einzelteile zerfiel. Er flog bis zu einem Plateau in der Nähe und setzte dort behutsam auf. Nachdem der Drache sich vergewissert hatte, dass niemand in ihrer unmittelbaren Nähe war, legte er den Kopf auf den kargen Fels und öffnete sein Maul. Dark und Joaquin kletterten an seinen mannshohen Reißzähnen vorbei ins Freie. Dark trat an den Rand des Plateaus und blickte auf die brennende Magierstadt herab. Seine grünen Augen sahen verbrannte Felder, zerstörte Häuser, flüchtende Menschen. Und all das brachte sein Herz zum Weinen. Es zog sich schmerzhaft zusammen, bis er keine Luft mehr bekam und glaubte, ersticken zu müssen. Ein endloser Schwall mit Tränen rann über sein von blutigen Kratzern entstelltes Gesicht. Er spürte eine kleine Hand, die sich an seiner festhielt, und blickte zu seinem Sohn hinunter. Er fiel neben ihm auf die Knie und umarmte den Jungen fest.

„Vater, was hast du denn?“, fragte Joaquin verwundert, denn noch immer begriff er nicht den Ernst der Lage, noch immer war alles für ihn nur ein Spiel.

Der giftgrüne Drache Veneno, der seinen Herrn leicht mit der Nase anstupste, hob plötzlich abrupt den geschuppten Kopf. Dark, durch ihn gewarnt, wischte sich die Tränen fort und folgte dem Blick des Drachens.

Drei schwarz gekleidete Gestalten waren in der Mitte des Plateaus erschienen. Sie schlugen fast gleichzeitig die Kapuzen ihrer Umhänge zurück und Dark erstarrte, als er die Frau erkannte. Es war niemand anderes als Selina, die Letzte, die er zur Priesterin ausgebildet hatte. Ihr langes, eisblaues Haar umrahmte ihr zartes Antlitz. Ihre nun mitleidlosen, blauen Augen bohrten sich in die seinen. Nichts an ihr erinnerte mehr an das schüchterne, hilfsbereite Mädchen, das er vor acht Jahren unterwiesen hatte.

Der Mann, der die Front des Trios bildetet, war ihm gänzlich unbekannt. Er war gut zwei Meter groß, hatte pupillenlose, schwarze Augen und ein mörderisches Lächeln auf dem blassen Gesicht.

Der Dritte im Bunde war offenbar ein Tiermensch. Er hatte buschige, luxähnliche Ohren und Schnurrhaare. Sie zierten sein leichenbleiches Gesicht, während die gelben Augen boshaft hervorstachen. Sein kurzes, zerzaustes Haar war schwarz wie die Nacht.

„Wir fordern Euch auf, Eure Schuld zu bezahlen, Dark, Hoher Priester der Drachenmagier und Anführer des Korps der Drachen“, sagte der große Mann mit triefendem Spott. Dennoch war es eine unmissverständliche Aufforderung, der Dark schleunigst nachkommen sollte, wenn er noch einen Morgen erleben wollte.

„Wer seid Ihr, dass Ihr es wagt, irgendwelche Forderungen an mich zu stellen? Gebt Euch zu erkennen!“, forderte der Drachenmagier den Fremden heftig auf. Doch dieser grinste nur unbeeindruckt und kam einen Schritt auf den Drachen, seinen Reiter und dessen Sohn zu. Joaquin machte eine schnelle –, für alle Anwesenden – unvorhersehbare Dummheit. Er stieß seinen Vater mit einem kräftigen Stoß seiner fast grenzenlosen Magie über den Rand der Klippe. Dark war so überrascht, dass er nicht mal schreien konnte. Sein Blick bohrte sich in die traurigen Augen seines einzigen Sohnes, der nur noch ein Lebewohl für ihn auf den stummen Lippen hatte. Veneno tat genau das, was der Junge sich erhofft hatte – er sprang hinter seinem Herrn die Klippe hinunter.

Joaquin wandte sich wieder den drei Ankömmlingen zu. „Ihr wart einer vom schönen Volk!“, sagte er und blickte den Mann mit den leeren, schwarzen Augen an. Dann fiel sein Blick auf den Tiermensch. „Und Ihr wart...



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