E-Book, Deutsch, 139 Seiten
Reihe: Ernst Reinhardt Verlag
Schäfer Therapeutisches Bogenschießen
3. aktualisierte Auflage 2025
ISBN: 978-3-497-62022-7
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 139 Seiten
Reihe: Ernst Reinhardt Verlag
ISBN: 978-3-497-62022-7
Verlag: Ernst Reinhardt Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Karl-Heinz Schäfer, Psychologischer Psychotherapeut, Ravensburg, ist in eigener Praxis tätig. Er leitet Fortbildungsseminare an der Sebastian-Kneipp-Akademie sowie am Seminarzentrum Wollmarshöhe. Arbeitsschwerpunkte sind Psychotherapie (Einzel- und Gruppentherapie), Hypnotherapie, Entspannungsverfahren und Therapeutisches Bogenschießen. Weitere Informationen zum Autor finden Sie hier.
Zielgruppe
Psychologische und Ärztliche Psychotherapeut:innen, Psycholog:innen; Psychiater:innen
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Inhalt
Vorwort 7
Einführung 9
1
Intuitives Bogenschießen und sein Potential 13
1.1 Der Anfang: Vermittlung des Bogenschießens 14
1.1.1 Vorbereitung 14
1.1.2 Vermittlung der Basistechnik 22
1.1.3 Verfeinerung der Technik 28
1.2 Das Potential: Bogenschießen als Modell und
Übungsmöglichkeit 41
1.2.1 Prozess-Orientierung 42
1.2.2 Achtsamkeit 44
1.2.3 Intuition 46
1.2.4 Ruhe in der Bewegung 50
1.2.5 Weitere Aspekte 54
2 Therapeutisches Arbeiten mit Pfeil und Bogen 57
2.1 Die therapeutischen Ebenen des Bogenschießens 58
2.1.1 Bogenschießen als Ressource 58
2.1.2 Bogenschießen als Spiegel der Seele 58
2.2 Hinweise zur therapeutischen Beziehung und Kommunikation 62
2.2.1 Grundlegende Herangehensweisen beim Bogenschießen 62
2.2.2 Begleitende therapeutische Gesprächsführung 64
2.2.3 Persönliche Voraussetzungen für therapeutisches Arbeiten
mit Pfeil und Bogen 67
2.3 Therapeutisches Bogenschießen auf der
Ressource-Ebene 68
2.3.1 Zugang 69
2.3.2 Beispiele 70
2.3.3 Entwicklung 75
2.4 Therapeutisches Bogenschießen auf der Problem-Ebene 79
2.4.1 Allgemeine Ebene 79
2.4.2 Metaphorische Ebene 80
2.5 Die zentrale therapeutische Vorgehensweise:
Metaphern-Arbeit 84
2.5.1 Entdecken des Zusammenhangs 86
2.5.2 Entwickeln zur Lösung 88
2.5.3 Übertragung ins Leben 94
2.5.4 Besiegelung 95
2.5.5 Weitere Beispiele 95
2.6 Aktive Bedeutungsgebung und symbolische Handlungen 99
2.6.1 Erhellende Experimente und korrigierende Erfahrungen 99
2.6.2 Aktives Einbringen symbolischer Bedeutungen 103
2.6.3 Bereiche Pfeil und Ziel 104
2.6.4 Beispiel "Ende einer Illusion" 106
2.6.5 Weitere Beispiele 109
2.6.6 Der Luftballon als bedeutungsvolles Ziel 116
2.7 Therapeutischer Parcours 123
2.8 Der spezielle Wert des Therapeutischen Bogenschießens 134
Schlusswort 138
Literatur 139
Sachregister 141
Einführung
Bogenschießen ist ein Relikt aus alter Zeit. Gegen Ende der Altsteinzeit, vor mehr als 15000 Jahren, kam es in der Menschheitsentwicklung nach Faustkeil und Speer zur Entdeckung einer ganz neuartigen Jagdwaffe, die die Grenzen der reinen Muskelkraft überschreitet: Die in einem Holzstock enthaltene Kraft wird durch Biegen mit Hilfe einer Sehne dazu genützt, einen Pfeil über eine größere Entfernung zu schießen.
Gelegentlich vollziehen Kinder dieses Stück Menschheitsgeschichte noch spielerisch nach, indem sie sich Flitzebogen und Pfeile anfertigen und damit in Feld und Wald herumstreifen.
Die ursprüngliche Jagdsituation, das Töten eines Tiers, um sich Nahrung zu beschaffen, ist natürlich immer noch in Pfeil und Bogen enthalten, auch wenn heutzutage die Jagd überhaupt und speziell mit Pfeil und Bogen für das Überleben weitestgehend bedeutungslos geworden ist. Auch die spätere Nutzung des Bogenschießens in Kampf und Krieg ist seit Erfindung der Feuerwaffen längst überholt.
Im Wesentlichen tritt Bogenschießen in der Gegenwart in drei Formen in Erscheinung: Sport, Spaß und Meditation.
Bogenschießen ist zum Leistungssport geworden. Bei der Olympiade werden mit technisch perfekten Geräten und vollendeter Körperbeherrschung erstaunliche Leistungen vollbracht. In zahlreichen Vereinen üben viele Mitglieder den Bogensport aus, jedoch ist Bogenschießen, da nicht so telegen, in den Medien kaum präsent.
Im Freizeitbereich hat sich das traditionelle Bogenschießen weit verbreitet. Orientiert an historischen Beispielen wie Robin Hood trifft man sich in freier Natur und mit mehr oder weniger traditioneller Ausrüstung zur „Jagd“ auf einem Parcours mit Tierfiguren aus Schaumstoff, manchmal auch bei großen Events mit Wettkampfcharakter und zünftiger Geselligkeit für die in der Szene aktiven Gruppen und Familien.
Auch die Möglichkeit, sich wie in der Steinzeit einen Bogen selbst zu bauen, wird vielfach angeboten.
Eine ganz andere Richtung ist das meditative Bogenschießen, am bekanntesten (u. a. durch das Buch von Eugen Herrigel, Zen in der Kunst des Bogenschießens, 2005, erstmals 1951) in der Form des traditionellen japanischen „Kyudo“, einer eigenen Welt mit besonderer Kleidung, auffallender Gestalt des Bogens und streng ritualisiertem Ablauf. Bogenschießen wird dabei als eine Form von Meditation und als Weg zu einer bestimmten spirituellen Geisteshaltung verstanden. Teilweise wird dieser „Bogen-Weg“ inzwischen auch in einfacherer Form praktiziert (Österle 2016) oder völlig anders aus der westlichen, europäischen Tradition hergeleitet (Richter 2000).
Therapeutisches Bogenschießen ist nun keine neue, besondere Form des Bogenschießens, definiert sich also nicht durch besonderes Material oder eine besondere Technik beim Schießen.
Es zeichnet sich dagegen durch den Sinnzusammenhang aus, in dem es eingesetzt wird: Pfeil und Bogen sollen therapeutisch wirksam werden, das Bogenschießen soll den Patienten helfen, in ihrer Psychotherapie voranzukommen.
Selbstverständlich stellt auch Sport einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit dar, sind Spaß und Spiel in sozialen Gruppen elementare Bestandteile des Lebens und ebenso ist die Erfahrung von Meditation ausgesprochen wertvoll – all das gilt auch für Patienten.
Dennoch ist eine psychotherapeutische Praxis oder eine psychosomatische Klinik kein sportliches Trainingslager, kein Robinson-Club oder Erlebnispark und auch kein buddhistisches Zentrum, sondern ein Ort der Therapie, der konstruktiven persönlichen Veränderung und Entwicklung.
Richtig verstanden ist sie auch kein „Reparaturbetrieb“, damit die Menschen wieder „funktionieren“, wie zuvor, und dient nicht der (Re-)Integration in die Leistungs- und Spaßgesellschaft oder in eine spirituelle Gemeinschaft. Vielmehr verbindet sie mit der psychosomatischen Gesundung eine selbstbewusste und lebendige als auch konstruktive und kritische Haltung sowie die Perspektive, auf Basis eigener Erfahrung und eigenen Denkens seinen persönlich sinnvollen Lebensweg zu finden.
Wie kann nun Bogenschießen in diesem Rahmen sinnvoll eingesetzt werden, wie wird es zum wertvollen Teil einer guten Therapie?
Am Beginn steht das Kennenlernen und Lernen des Bogenschießens, die Patienten sollen mit diesem Teil der Menschheitserfahrung in Berührung kommen. Es ist gut, wenn dies auf einfache, möglichst leicht zugängliche Weise geschieht, also ohne den technischen Perfektionismus des heutigen Leistungssports, aber auch ohne die historisierende Spielerei der Eventkultur und ohne die Fremdartigkeit östlicher Traditionen.
Diese einfache Basis-Erfahrung mit Bogenschießen hat allemal schon einen Wert. Doch bleibt es in der therapeutischen Praxis nicht bei einem Bogenschießen mit Patienten. Therapeutisches Bogenschießen ist noch etwas anderes.
Dieses Andere ist die Perspektive. Als Therapeut schaue ich durch das Bogenschießen auf die Person. Sie befindet sich als Patientin oder Patient in Therapie, hat bestimmte Probleme bzw. Störungen und ernsthafte Schwierigkeiten in ihrem Leben. Und ich halte nun Ausschau nach Möglichkeiten, sie in ihrem therapeutischen Prozess, in ihrer Entwicklung zur Gesundheit durch Bogenschießen zu unterstützen.
Es geht also nicht um das Bogenschießen an sich, ich strebe nicht an, die Patienten zu sportlich erfolgreichen Bogenschützen zu machen; das wäre Aufgabe eines Trainers im Sportverein. Das Bogenschießen wird therapeutisch eingesetzt und bildet ein Medium der Therapie, ganz ähnlich z. B. der Maltherapie: Auch dort ist ja nicht das Ziel, die Patienten zu Künstlern auszubilden, sondern Farben und Pinsel sind das Medium der Therapie und eine Gestaltungstherapeutin gibt keinen Kunstunterricht. Ebenso ist eine Reittherapeutin keine Reitlehrerin, ein Tanztherapeut kein Tanzlehrer.
| Es geht nicht um (sportliche) Leistung, Perfektion, Erfolg, sondern um Erleben, Selbsterfahrung, Selbstausdruck und persönliche Entwicklung. |
Dabei ist Bogenschießen in seinen Ausdrucksmöglichkeiten deutlich begrenzter als die Maltherapie. Andererseits ist es als klar definierter Handlungsablauf mit Grundelementen wie Kraft, Ziel und messbarem Ergebnis näher am Alltagsleben der Menschen, speziell am beruflichen Bereich, und auch elementarer durch seine ursprüngliche Bedeutung der Nahrungsbeschaffung.
Deutlich wird der Unterschied in der Herangehensweise auch an den Fragen, die ich mir innerlich stelle. Fragen des Sporttrainers lauten zum Beispiel:
¦Was kann ich tun, damit die Person noch bessere Ergebnisse erzielt?
¦Was muss sie noch mehr trainieren?
¦Ist sie talentiert genug, um richtig erfolgreich zu sein?
Beim Vermitteln des Bogenschießens im Freizeitbereich steht im Vordergrund:
¦Wie macht es der Person am meisten Spaß?
¦Welche Gelegenheiten gibt es für sie, Bogenschießen mit anderen gemeinsam zu machen?
Die Betrachtungsweise beim Therapeutischen Bogenschießen lässt sich dagegen mit der Frage umreißen:
¦Inwiefern ist das Bogenschießen gesund und förderlich für diese Person?
Ein spezieller therapeutischer Nutzen entfaltet sich vor allem an der Frage:
¦Zeigen sich beim Bogenschießen problematische Muster, die für die Person und ihr Leben bedeutsam sind?
Bei gutem Verlauf entfaltet das Bogenschießen mit Hilfe des Therapeuten eine relevante psychische Wirkung beim Patienten. Auf dem Boden von einfachem Können und Freude entdeckt der Patient, was ihm der Umgang mit Pfeil und Bogen geben und sagen kann.
Wenn das Bogenschießen als Können und Fähigkeit eine wertvolle Ressource wird, etwa als Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen oder Selbstwirksamkeit zu erleben, dann befinden wir uns bereits im therapeutischen Bereich.
Doch eine ganz andere therapeutische Ebene beginnt da erst: Am Bogenschießen kann sich zeigen, in welchem Punkt eine innere Entwicklung der Person notwendig oder sinnvoll ist, und durch Bogenschießen kann diese Entwicklung dann auch in Gang gesetzt, erprobt und eingeübt werden.
Solches Therapeutische Bogenschießen ist Erfahrungstherapie, die von konkretem, körperlich-sinnlichem Erleben ausgeht und das therapeutische Gespräch immer mit unmittelbarem Handeln verbindet. So werden problematische Muster direkt beobachtbar, und für viele Patienten ist der Zugang zu ihren Emotionen auf diese Weise leichter. Veränderungen, die in der Therapie geschehen, manifestieren sich auch sofort in wirklicher Erfahrung.
Ich verwende den prägnanten Begriff Erfahrungstherapie sehr bewusst, denn im Wort Erfahrung ist, wenn man es genauer als im Alltagsgebrauch betrachtet, die Idee der Veränderung und Entwicklung enthalten. Ein Erlebnis, so toll, intensiv,...




