Schaeuffelen / Arch | Meine indische Reise | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 595 Seiten

Schaeuffelen / Arch Meine indische Reise


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-2608-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 595 Seiten

ISBN: 978-3-7543-2608-4
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Besonderer Service durch E-Book-Kauf: Für die Buchung einer exklusiven Diskussionsrunde bzw. Lesung mit dem Herausgeber, Fragen, Wünsche oder Anmerkungen schreiben Sie eine E-Mail an books.gabrielarch [at] t-online.de. Das Werk Eine indische Reise von Eugenie Schaeuffelen gilt als Klassiker der Reiseliteratur. In der britischen Kolonialzeit bereiste die Autorin Indien. Ihre Expedition führte sie u.a. an folgende Orte: Agra, Benares, Bombay, Delhi, Jaipur, Kalkutta, Madras. Zitat aus dem 21. Kapitel: Die einzelnen Perrons von Puri Jagannath sind so breit wie die Maximliansstraße in München. Erleben Sie das ursprüngliche, authentische Indien weit vor Beginn des Massentourismus. Sorgsam editiert und erstmals in E-Book-Form.

Eugenie Schaeuffelen (1849 - 1919) war eine Grande Dame. Das Tagebuch Meine indische Reise ist ihr einziges Werk.
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1 Der Beginn der Reise


»Eine Reise ist ein Trunk aus dem Quell des Lebens.«

Hebbel.

Am Sonntag, den 9. November 1903, verlassen wir München, um die Fahrt nach Indien anzutreten.

Auf dem Bahnhof haben sich unsere Angehörigen und Freunde getreulich eingefunden. Ihre guten Wünsche sollen uns in die unbekannte Zukunft begleiten. Obwohl es mich mit unwiderstehlicher Gewalt nach dem Land der Palmen und Märchen zieht, so bleibt mir doch der Abschiedsschmerz nicht erspart. Die Trennung fällt mir sehr schwer!

In Genua treffen wir mit unsern Reisegefährten zusammen: Frau v. R., Baron und Baronin Gemmingen, Herr Federer und Graf Lippe.

Wir sind alle in mehr oder weniger erregter Stimmung. Die letzten Stunden vor der ersten so großen Reise wecken die verschiedensten Gefühle: Man freut sich. Man bangt. Man möchte den Reiseplan nie gefaßt haben. Man kann es nicht erwarten bis die Anker gelichtet werden. Kurz, man ist trotz der besten Nerven nervös. Nicht genug mit dieser Unruhe, gesellte sich zu unserm Reisefieber noch ein lähmender Schreck. Der Kreditbrief war verschwunden! Was beginnen?! Alle teilen unsere Aufregung! Ich packe die Koffer aus, die Taschen, die Hutschachteln! Nirgends etwas zu finden! Wir suchen fieberhaft, überall, nur nicht dort, wo die Sorge um seine Sicherheit den Kreditbrief versteckt hatte. – Im Futter des Tropenhelms lag der Schatz verborgen.

13. November. Baron und Baronin Novellis, die von La Spezzia herübergekommen sind, um »Lebewohl« zu sagen, bringen uns in ihrer Dampfbarkasse an Bord des »König Albert«. – Die Freunde verabschieden sich. Solange sie uns zu erkennen vermögen, begleiten sie mit ihrer Dampfbarke unser stolzes Schiff, das majestätisch den Hafen verläßt. Winkend und grüßend stehen wir am Reeling. Die Barkasse wird kleiner. Sie entschwindet. Mehr und mehr weicht die Küste zurück. Sie versinkt.

Nach einem kurzen Orientierungsgang durch das Schiff, währenddessen wir uns versichert haben, daß die schriftlich bestellten Plätze für unsere Liegestühle auf dem Promenadedeck reserviert sind, begebe ich mich in unsere Kabine, um mich in ihr häuslich einzurichten. Wer weiß, wie lange »Meeresstille und ruhige Fahrt« freie Bewegung erlauben.

14. November. Die erste Nacht auf See war recht unangenehm. Unsere Kabine ist zwar für vier Personen eingerichtet und gilt daher für sehr geräumig. Allein mir erscheint sie trotzdem eng! An die beschränkten Raumverhältnisse, wie an vieles andere, muß man sich gewöhnen: An den Lärm im allgemeinen, an das Türzuschlagen im besonderen, an das Stöhnen und Stampfen des Schiffes, an die unermüdlichen Spaziergänger auf dem Promenadedeck, an die Laufspiele der Kinder.

Ich habe das untere Bett gewählt. Alfred klettert auf einer schmalen Leiter in das obere Stockwerk. Die Betten sind weich und bequem. Jedoch Alfreds Bettrost ist defekt. Durch die Last, die auf ihm ruht, beschwert, senkt er sich zu mir herab. Ich kann mich nicht aufrichten, ohne daß sich meine Haare in dem Drahtnetz verwickeln. Alfred rührt sich zwar kaum, und doch, so oft er Atem holt, prasselt es über mir, als ginge ein Hagelwetter auf ein Glasdach nieder. An Schlaf ist für diesmal nicht zu denken. Mögen Boreas und Neptun erlauben, daß ich während der nächsten drei Wochen mehr Ruhe finde!

Heute um ein Uhr mittags ankern wir vor Neapel. Der Süden wird in allen Tönen hörbar. Unzählige kleine Barken umtänzeln unsern dreistöckigen Koloß. In einem Kahn sitzt eine musikalische Familie, und nach dem Klang der Violine und Mandoline tanzt ein Kinderpaar Tarantella in schwankendem Boote. Ein Mann im Trikot taucht nach Silbergeld. Kähne mit Blumen und Obst, Dampfbarkassen, welche die Passagiere an und von Land bringen, umlagern in wildem Durcheinander das Schiff.

Nachmittags Fahrt durch Neapel. Um halb elf Uhr sollen die Anker gelichtet werden.

Die Nacht ist herrlich, der Mond beleuchtet scharf die Konturen der Berge, die den Golf umgrenzen, seine Strahlen gleiten sanft über die gekräuselten Wasser hin, tausend geheimnisvolle Zeichen aus der Tiefe zaubernd, die bald wie chinesische Buchstaben, bald wie Millionen kleiner glitzender Schlänglein durcheinanderschwirren. Von allen Seiten tönt »Santa Lucia« und »O bella Napoli!« In den Barken wird getanzt, und fröhlich klingt das »Buon Viaggio« herauf. Ein umgestülpter Regenschirm, an dessen Stiel eine Laterne befestigt ist, schwingt begehrlich auf und nieder; von den verschiedenen Etagen des Schiffes fliegen Soldis in diese höchst originelle Sammelstelle.

Die Welt liegt in friedlicher Pracht da. Man begreift nicht, daß diese ruhige, silberschimmernde Fläche sich auch wild aufbäumen kann, um all dieses genießende Wohlsein in jammerndes Elend zu verwandeln. Wir wiegen uns in dem Gedanken, daß der Zauber andauern müsse, trotzdem um den Mond langgestreckte Wolken ziehen, die, sich auflösend, jene kleinen Cirruswölkchen bilden, welche als Vorboten schlimmer Stunden gelten.

Ich gehe noch vor Lichtung des Ankers zu Bett und schlafe die ganze Nacht ausgezeichnet, denn Alfred hat sein Bett über mir verlassen und benützt aufopfernderweise das Sofa, welches nicht schmäler, aber vielleicht doch nicht ganz so gut wie das Bett ist.

15. November. Herrliche Fahrt entlang der Küste. Der Vulkan Stromboli, ein stumpfer Kegel, ragt einsam aus dem Wasser. Sein Krater schweigt für den Augenblick, aber ist es nicht wunderbar, daß unter diesem feuerspeienden Berg sich eine Ortschaft gebildet hat, deren Einwohner friedlich und unbekümmert in der ewig drohenden Gefahr leben und lieben! Es folgen die Liparischen Inseln, und gegen Mittag durchfahren wir die Meerenge von Messina. Alles ist in herrlichen Sonnenschein getaucht. Ultramarinblau breitet sich das Meer mit seinen Buchten vor uns aus. Schiffe mit unzähligen kleinen und großen Segeln schweben gleich Schwänen über die glatte Flut. – Mit Kap Spartivento entflieht uns das letzte Stückchen europäischer Erde, und wir stampfen hinaus in die weite See, wo gleich ein ganz neuer, ungewohnter Wellengang einsetzt. Die Wogen schlagen über das Vorderdeck, und Alfred, der den Lockungen der schönen Braut von Tientsin leichtfertig gefolgt ist und mit ihr dort spaziert, wird ganz durchnäßt. Die Braut von Tientsin ist eine junge Frankfurterin – Fräulein A… –, die mit ihrer zukünftigen Schwägerin, Fräulein von P…, dem Brautkleid und dem Schleier nach Tientsin zur Hochzeit reist.

16. November. Wetter unverändert, ziemlich hoher Seegang. Nachmittags kommt Kreta in Sicht. Das Meer hat sich ein wenig beruhigt. Der Leuchtturm der Insel Gavdos blickt kaum sichtbar aus der Ferne herüber. Das Wasser ist tiefschwarz, und die weißen Katzenpfötchen, die auf jeder Welle gierig vorkrabbeln, scheinen an den herabgelassenen Leinenvorhängen des Promenadedecks heraufzugreifen und kratzend die ganze Länge des Schiffes entlang zu huschen. Alles, was nicht krank, liegt auf Deck und genießt die frische, kräftigende Luft.

Das Leben auf dem Schiff ist nicht sehr tatenreich. Es besteht aus Essen, Trinken und Schlafen. Früh um halb acht erschallt das Trompetensignal: »So leben wir, so leben wir alle Tage«, und wirklich, bis heute leben wir in Freuden und ohne Seekrankheit. Zugleich mit dem Signal streckt die Badefrau, Madame Schwepke, ihren roten Kopf in die Kabine und ruft: » Bath ready!« Das ganze Schiffspersonal spricht nämlich englisch, so gut oder schlecht es geht, und wenn man deutsch antwortet, scheinen sich die Leute erst auf ihre Muttersprache besinnen zu müssen, so sehr sind sie die britischen Passagiere gewöhnt. Ich eile ins Bad; man muß sehr pünktlich sein, denn jede halbe Stunde ist vergeben. Nach dem Bade finde ich dann in meiner Kabine eine Tasse Tee mit Kakes und Früchte bereit. Ich lege mich aufs Bett, um möglichst wenig Platz zu verbrauchen, und frühstücke so, während mein Herr Gemahl, der mittlerweile auch gebadet bat, sich ankleidet. – Um halb neun Uhr ertönt neuerdings Trompetensignal. Nun bedeutet es, daß das »Breakfast« fertig ist und bis zehn Uhr bereit gehalten bleibt. Wir dejeunieren um neun Uhr. Ich beschränke mich bald auf Porridge – Hafergrützsuppe –, die den Vorzug hat, nach nichts zu schmecken, und auf gefüllten Pfannkuchen, der verhältnismäßig auch nach möglichst wenig schmeckt. Alle Speisen sind zwar so gut zubereitet, daß man wirklich nicht klagen kann, indessen, man wird der vielerlei Gerichte rasch müde und wählt bald ausschließlich das einfachste. Nach dem »Breakfast« macht man eine Promenade, nimmt sich vor, zehnmal um das Oberdeck herumzulaufen, aber schon nach dem fünftenmal liegt man bereits wieder, ein Buch in der Hand, auf seinem Stuhl und liest – nein, man liest nicht, sondern paßt auf, ob der Nachbar nicht einschläft und man, ohne sich vor ihm schämen zu müssen, auch einen Nicker machen darf. Es ist unglaublich, wieviel man an Bord schlummern kann. Plötzlich fallen die Augen zu, das Buch in den Schoß, und man verliert das Bewußtsein.

Um elf Uhr hört man das ganze Schiff entlang eine hohe Stimme teilnehmend fragen: »Bouillon oder Limonade gefällig?« und einen Ton tiefer eine andere: »Belegte Brötchen?« Man nimmt Bouillon, die weniger angenehm, aber gesünder als Limonade ist, und Käse-, Wurst- oder Schinkenbrötchen dazu, welche in unwandelbarer Reihenfolge auf der ganzen Reise nebeneinander liegen. Zweimal die Woche werden Bouillon und belegte Brötchen mit Musik begleitet, serviert. Denn »Musik muß sein«, sie erfrischt die Lebensgeister, wie unser vorsorglicher Kapitän Pollack sagt, der allmorgendlich einen Rundgang über das Promenadedeck macht, wo die meisten...



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