E-Book, Deutsch, 328 Seiten
Schairer Am Anfang war Neuseeland
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-89741-950-6
Verlag: Ulrike Helmer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 328 Seiten
ISBN: 978-3-89741-950-6
Verlag: Ulrike Helmer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Diplom-Journalistin arbeitete unter anderem in der Medienbeobachtung, der Markt- und Meinungsforschung und in der PR eines Großunternehmens. Sie lebt in Wien. Seit dem Jahr 2008 erscheinen ihre Romane und Krimis kontinuierlich im Ulrike Helmer Verlag, darunter 'Ellen', 'Die Spitzenkandidatin', 'Küsse mit Zukunft' und 'Dunkle Erleuchtung' (CRiMiNA). Mit ihrem Roman 'Marie anderswie' (2011) - über eine Frau mit Aspergersyndrom - war Carolin Schairer für den DeLiA-Literaturpreis nominiert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Freising
Eine Horde Soldaten marschierte durchs Wohnzimmer. Ihre donnernden Schritte ließen den Boden erbeben.
Zumindest schien es Alexa so, die gerade vom Tennistraining nach Hause gekommen war und im Vorraum ihren Anorak in der Garderobe verstaute. Die Geräuschkulisse, die jetzt in ein Pfeifen und Jubeln überging, war ihr mittlerweile nur allzu vertraut. Seit ihr Partner vor acht Jahren World of Warcraft für sich entdeckt hatte, verging kaum ein Wochenende, an dem er nicht ein weiteres Level zu erklimmen und seine Ausrüstung zu verbessern versuchte.
Alexa hatte es aufgegeben, Andis Leidenschaft für digitale Charaktere wie Elfen, Zwerge und Trolle verstehen zu wollen. Seinen anfänglichen Versuchen, sie zum Mitspielen zu bewegen, hatte ihr Referendariat am Landgericht Würzburg ein Ende gesetzt. Es folgten ein paar Monate an der deutsch-chilenischen Handelskammer in Santiago di Chile. Als sie danach für die Vorbereitung auf das zweite Staatsexamen nach Freising und damit in die gemeinsame Wohnung im Obergeschoss von Andis Elternhaus zurückgekehrt war, spielte dieser bereits auf einem Level, das sie unschwer erraten ließ, womit er die Zeit während ihrer Abwesenheit vorwiegend verbracht hatte.
Jetzt saßen sich Andi und sein bester Freund Tom am Esstisch gegenüber, ihre Notebooks vor sich, je eine Flasche Bier daneben, die Augen konzentriert auf die Monitore gerichtet. In der Mitte des Tisches stand eine große Schüssel, in der zwei übriggebliebene Nachos davon zeugten, dass offenbar auch Bildschirm-Schlachten hungrig machten.
»Zahnärzte in ihrer Freizeit«, kommentierte Alexa süffisant, während sie sich in der zum Wohnbereich offenen Küche ein Glas Mineralwasser einschenkte. »Möchte mal wissen, was ihr tätet, wenn das Wlan ausfällt!«
»Oh! Hallo, Schatz!« Der Rotschopf hob den Kopf und grinste sie an. Die makellose Zahnreihe machte seinem Berufsstand alle Ehre. »Hab dich gar nicht bemerkt …«
»Kann ich mir vorstellen«, erwiderte sie, während sie ihm über die Schulter schaute. Durch graubraune Felslandschaften mit Schluchten und Erdlöchern hüpfte eine bunte Fantasy-Gestalt, die von einer anderen gejagt wurde.
»Mensch, fuck!«, kam es vom Gegenüber, als der Jäger sein Opfer einholte. »Fuck, fuck, fuck! Schon wieder!«
Tom schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Andi lachte schadenfroh. Dann klickte er auf den Pause-Button und ließ das Bild erstarren.
»Würde sagen, der Sieg geht heute klar an mich«, stellte er fest, während er sich nun erhob, um Alexa mit einem Kuss zu begrüßen. Sie wich ihm geschmeidig aus.
»Ich bin verschwitzt. Muss erst unter die Dusche.«
»Ähm. Hi, Alexa.« Tom, mit dem Andi seit dem ersten Semester Zahnmedizin um die Häuser gezogen war, hatte sich wieder beruhigt und prostete ihr mit seinem Bier zu. »Ich hoffe, du warst beim Tennis heute erfolgreicher als ich hier …«
»Ich kann nicht klagen«, erwiderte sie. »Sechs zu drei, zwei zu sechs, sechs zu drei – zu meinen Gunsten letztendlich.«
»Wie immer auf der Siegerseite. Wie könnte es auch anders sein.« Andi betrachtete sie mit Stolz. »So ist sie, meine Zukünftige. Deshalb passen wir ja so gut zusammen!«
Tom verschluckte sich prompt und prustete den Rest wenig galant über den gläsernen Esstisch, um anschließend vor Verlegenheit rot anzulaufen. Er stammelte eine Entschuldigung, während Alexa noch nach der Pointe suchte. Dass sie offensichtlich die einzige im Raum war, der es so ging, zeigte ihr das breite Zahnpastawerbungsgrinsen in Andis Gesicht. An seinen Humor würde sie sich nach dem Jahr, das sie in Atlanta verbracht hatte, um bei CNN Erfahrung als Medienrechtlerin zu sammeln, wohl erst wieder gewöhnen müssen.
Sie ließ die beiden allein und schloss die Badezimmertür hinter sich ab. Tom würde bald gehen, jetzt, da sie vom Tennis zurück war, und sie wollte vermeiden, dass ihr Andi im Badezimmer einen unwillkommenen Besuch abstattete.
Was sich da durch Jucken und Brennen bereits während des Spiels bemerkbar gemacht hatte, wollte sie erst einmal alleine begutachten. In Unterwäsche stellte sie sich vor den Spiegel, die Augen auf ihre Ellbogen, dann auf die Knie gerichtet. Glänzend silbrige Hautschuppen hoben sich von geröteten Hautarealen ab. Auch um den Nabel herum hatte sich schon ein roter, unschöner Fleck gebildet.
Es fängt wieder an.
Die bittere Erkenntnis trieb ihr Tränen in die Augen – Tränen, die sie hastig mit dem Handrücken wegwischte. Sie würde nicht weinen wegen einer Sache, die im Grunde nichts Neues darstellte. Seit sie sechzehn war, begleitete die Schuppenflechte sie durch das Leben. Die Psoriasis kam, sie ging, sie kam wieder. Mal trat sie stärker auf, mal schwächer. Der Verlauf folgte keinem Schema, was ihren Hautarzt dazu veranlasst hatte, der Diagnose irgendwann den Vermerk atypische Verlaufsform hinzuzufügen.
Ein besonders schwerer Schub hatte sie, die Musterschülerin, den ersten Anlauf zur Abiturprüfung gekostet. Während ihre Mitschüler die Zeugnisse überreicht bekamen und feiern gingen, lag sie in Salzbädern, trug Salbenverbände und kämpfte mit den Nebenwirkungen der Cortison-Therapie, auf die ein vielleicht etwas zu übereifriger Oberarzt bestanden hatte.
Nach drei Monaten stationär und auf Kur war die Frist für die schulische Nachprüfung verstrichen. Sie hatte das Schuljahr regulär wiederholen müssen und damit eine unschöne Lücke im Lebenslauf, die sie bei Vorstellungsgesprächen kunstvoll verschleiern oder füllen musste. Immerhin war sie in diesem unvorhergesehenen Schuljahr mit Andi zusammengekommen, der sich weder durch Schuppenhaut noch durch depressive Verstimmungen hatte abschrecken lassen – was möglicherweise auch daran lag, dass sie sich bereits aus dem Sandkasten kannten. Alexas Eltern und das Zahnarzt-Ehepaar waren seit langem befreundet.
Andi war schon immer Teil ihres Lebens gewesen. Seit diesem letzten Schuljahr hatte er einfach nur eine andere Rolle darin eingenommen. Seither war es ihr gesundheitlich nie wieder so schlecht gegangen wie damals vor dem Abitur.
Trotzdem wollte sie nicht, dass er jetzt Zeuge wurde, wie sie mit zusammengebissenen Zähnen unter der Dusche vorsichtig Schuppen abzog, die sich leicht lösen ließen, und die empfindliche, teils leicht blutende Haut darunter freilegte. Die Krankheit würde sie nicht noch einmal in die Knie zwingen.
Als sie ihren Körper schließlich eingesalbt hatte, um den Juckreiz und die Ausbreitung einzudämmen, fühlte sie sich schon etwas besser. Im Vergleich zu anderen Betroffenen hatte sich die Erkrankung bei ihr zumindest noch nie im Gesicht oder auf der Kopfhaut gezeigt und sich bisher auch nicht auf innere Organe ausgewirkt. Die hässlichen Veränderungen an Armen, Beinen und diversen Gelenken ließen sich durch Kleidung kaschieren. Und solange sie nicht zum Tennisturnier antreten wollte, störte sich auf der familiär gehaltenen Anlage am Freisinger Stadtrand auch niemand daran, wenn sie in knöchellangen Leggins statt im Röckchen zum Match antrat.
Als sie das Badezimmer in Jeans und Sweatshirt verließ, stand Andi in der Küche und frittierte Tofu-Würfel im Wok. Auf Tellern standen Paprika, Karotten, Champignons in Schnipseln bereit.
»Ist Tom schon weg?«
»Ja, der wollte noch zu Sylvia.« Andi wendete den Tofu. »Du weißt schon – seine neue Flamme. Die, die er bei Parship kennengelernt hat.«
Zumindest das ist mir erspart geblieben, ging es Alexa durch den Kopf, während sie ein Stück Karotte naschte. Die Vorstellung, dass sie sich anhand knapper Informationen und vielleicht einem Foto online jemanden auswählen sollte, dem sie dann bei einem gemeinsamen Abendessen gegenübersaß und der abcheckte, ob sie als – wie die Amerikaner sagten – girlfriend material taugte, jagte ihr einen Schauder über den Rücken.
Sechzehn Jahre Beziehung mit einem Mann, mit dem sie als Achtzehnjährige zusammengekommen war und der über ihre Schuppenflechte genauso hinwegsah wie über ihre ständigen, für ihre Ausbildung unentbehrlichen Auslandsaufenthalte. Einem, der nach New York, Santiago di Chile, Lausanne und Atlanta flog, um sie zu sehen. Der durch seine freundliche, humorvolle Art vielen Leuten die Angst vor dem Zahnarzt nahm und privat dafür sorgte, dass sie gesund aß und sich nicht mit Dingen auseinandersetzen musste, für die sie kein Talent hatte – Haushalt, beispielsweise, aber auch lästige Handwerkertermine.
Andi war ein Goldstück. Selbst ehemalige Freundinnen, die einst geätzt hatten, warum sie, die mit ihrer hüftlangen dunklen Lockenmähne zu den Schulschönheiten gehörte, ausgerechnet mit diesem schüchternen, rothaarigen Pummel ausging, beneideten sie inzwischen glühend. Zwei aus ihrer früheren Clique waren inzwischen wieder geschieden, die dritte mit einem Mann verheiratet, der sie kaum zu Wort kommen ließ. Andi hatte inzwischen an Selbstvertrauen gewonnen und an Kilos verloren, sie ihre Locken auf Schulterhöhe gestutzt und ein überdurchschnittlich gutes Staatsexamen in der Tasche – und sie waren nicht nur noch immer zusammen, sondern standen kurz davor, zu heiraten.
»Außerdem ist Tom sowieso die Grafikkarte eingegangen«, plauderte Andi unverdrossen weiter, während er nun die Tofu-Würfel aus dem Öl nahm und stattdessen Zwiebel und Knoblauch röstete. »Die hat immer so schrill gepfiffen; das war echt nervig. Spulenfiepen nennt man das, falls du mal mit Fachwissen glänzen willst!«
»Ich wüsste wirklich nicht, wer mich das fragen sollte.« Alexa sank...




