Schairer | Tödliche Verstrickungen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: CRiMiNA

Schairer Tödliche Verstrickungen


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-89741-986-5
Verlag: Ulrike Helmer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: CRiMiNA

ISBN: 978-3-89741-986-5
Verlag: Ulrike Helmer Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Pünktlich zu Schulanfang wird in der niederbayrischen Marktgemeinde Aichendorf doch tatsächlich eine Bank überfallen. Durch ihre Freundschaft mit Kommissar Jörg Berger wird auch Landärztin Gesine Hofmann in den Fall verwickelt - obwohl sie schon genug am Hals hat: Eine besorgte Mutter stellt ihr den kleinen Jonathan vor, dessen Erkrankung Gesine immer mehr Rätsel aufgibt. Und auch privat läuft es mit Lebensgefährtin Holly nicht immer blendend, weil diese heftig erkrankt ist. Auf der Spur nach der richtigen Diagnose und Behandlung für ihren mysteriösen kleinen Patienten stößt Gesine auf eine eigenwillige Gemeinderätin und Anwältin für Ehe- und Familienrecht. Ein gemeinsames Abendessen soll gewisse Dinge klären helfen. Es kommt anders: Als die Ärztin am Morgen danach aufwacht, ist einer ihrer Kollegen erschlagen worden, der kleine Jonathan liegt auf der Intensivstation, die 16-jährige Tochter des örtlichen Notars ist verschwunden und Gesines Beziehung... tja, die steht plötzlich auf wackeligen Beinen. Hier begegnet uns erneut die sympatische Medizinerin aus 'Todesursache: Ungeklärt' (2014), die einen wunderbar lakonischen Humor besitzt und doch eigentlich nur mit Lebensgefährtin Holly in Ruhe leben will...

Die Diplom-Journalistin arbeitete u.a. in der Medienbeobachtung, Markt- und Meinungsforschung und in der PR eines Großunternehmens. Sie lebt in Wien. Seit dem Jahr 2008 erschienen kontinuierlich mehr als zehn Romane und Krimis im Helmer Verlag, darunter 'Ellen', 'Die Spitzenkandidatin', zuletzt 'Die Sterne vom Himmel holen' (2016) sowie der Kriminalroman 'In jener Nacht' (2015).
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Einige Wochen vorher …


Verkohlte Steaks und rote Beulen


»Jonathan hat wieder einen dieser Fieberkrämpfe gehabt! Es war so schlimm, ich dachte, er stirbt!«

Die Frau, die an diesem Sonntagmittag an meiner Tür Sturm geläutet und mich vom Grill losgerissen hatte, war mir gänzlich unbekannt. Auf ihrem schmalen, blassen Gesicht, das von dunkelblonden Locken umrahmt wurde, zeichneten sich rote Flecken der Aufregung ab. Ihre blutleeren Lippen passten zu der leicht heiseren, gehetzt klingenden Stimme.

Gefangengenommen von den dunklen Schatten unter ihren graugrünen Augen und den eingefallenen Wangen, brauchte ich einige Sekunden, um das Kleinkind, das sie eng an ihren Körper gepresst trug, überhaupt wahrzunehmen: ein Junge, etwa zwei Jahre alt, mit fiebrig glänzender Haut. Trotz der sommerlichen Temperaturen mit einer langen Latzjeans und einer Strickjacke bekleidet. Er war wach, hatte aber die Augen geschlossen und wirkte völlig teilnahmslos. Sein Brustkorb hob und senkte sich wie nach einem Marathonlauf.

Wut baute sich in mir auf.

»Verdammt, weshalb kommen Sie damit zu mir?«, fuhr ich die Frau an. »Warum haben Sie nicht den ärztlichen Notdienst gerufen?«

Jetzt brach sie in Tränen aus. Das Kind in ihren Armen öffnete die Augen, starrte mich kurz an – und begann ebenfalls zu heulen.

Sofort bereute ich meinen Ausbruch.

Vor mir stand eine verzweifelte, besorgte Mutter mit einem kranken, fiebernden Sohn, die bei mir Rat und Hilfe suchte, und ich hatte nichts anderes zu tun, als sie rüde zu belehren, dass ihr Kind schon längst im Krankenhaus sein sollte. Dabei hatte Frau nur das getan, was gewiss jede besorgte Mutter an ihrer Stelle unternommen hätte: den nächsten verfügbaren Arzt in ihrer Nähe um Hilfe bitten. Und das war nun einmal ich, die nicht nur ihre Praxis in Aichendorf hatte, sondern auch dort wohnte – etwas, was mich von meinem niedergelassenen Kollegen Dr. Thomas Seyfried unterschied. Seyfried hatte nach dem Unfalltod von Dr. Bauer vor drei Jahren dessen Kassenstelle übernommen, wohnte aber nach wie vor im dreißig Kilometer entfernten Regensburg. Seine Frau hielt Aichendorf mit seinen knapp 7.000 Einwohnern als Wohnort für zu provinziell.

In den mittlerweile fast drei Jahren, die ich hier als niedergelassene Allgemeinmedizinerin residierte, war es ohnehin nicht das erste Mal, dass ich an einem Sonntag von an meiner Haustür läutenden Patienten gestört wurde.

So ist das Leben als Landärztin eben, hörte ich in Gedanken meine Mutter sagen. Du hast dir das selber ausgesucht, Gesine.

Ein Seufzen unterdrückend, wandte ich mich nun mit betont sanfter Stimme an die weinende Frau: »Jetzt, wo Sie schon einmal hier sind, werde ich mir Ihren Kleinen natürlich ansehen. Meine Praxis ist nebenan. Gehen wir hinüber, da habe ich bessere Möglichkeiten, ihn zu untersuchen. – Einen kleinen Moment noch, ich hole kurz den Schlüssel …«

Ich eilte zum Schlüsselbrett und dann in den kleinen Garten, wo Onkel Gustav, meine Freundin Holly, meine Schwester Tabea und zwei meiner Freunde kauend und kichernd an dem Biertisch saßen, den wir für Gelegenheiten wie diese vor einiger Zeit gekauft hatten. Eine Garnitur Würstchen lag auf dem Grill; der Duft zog verführerisch in meine Richtung.

»Ich bin kurz weg«, rief ich hinüber, das Knurren meines Magens tapfer ignorierend. »Patienten.«

»Ach nein!«, maulte Holly genervt. »Nicht schon wieder.

Es ist immer dasselbe …«

Ich wusste bereits, was sie dazu zu sagen hatte, und kehrte dem Grill rasch den Rücken, ehe sie weiter im Text fortfahren konnte. Unsere knappe gemeinsame Freizeit – verschuldet durch mein berufliches Arbeitspensum – war einer der Punkte, über die wir häufig stritten.

Zum Glück hatte sich die besorgte Mutter wieder beruhigt, und das Weinen des Kindes war in ein leises Quengeln übergegangen. Eilig sperrte ich im Nachbarhaus die Türe zu meiner Praxis auf bat sie in eines der beiden Behandlungszimmer.

»Ziehen Sie Ihren Sohn bitte schon einmal aus; ich bin gleich bei Ihnen.«

Ich fuhr den Computer hoch und zog mir meinen Arztkittel über.

Als ich ins Behandlungszimmer zurückkam, lag der kleine Bub nur mit einer Windel bekleidet am Wickeltisch. Ich trat an ihn heran – und riss erstaunt die Augen auf, als ich die drei knallroten Geschwülste sah, die sich mir am linken Oberarm, an der Schulter und im Brustbereich erbsengroß entgegenwölbten.

Was, um Himmels Willen, waren das für Furunkel?

»Seit wann hat er die?«, fragte ich die Mutter, bemüht, meine Stimme unter Kontrolle zu halten.

Offenbar nicht bemüht genug, denn die Unbekannte verzog das Gesicht bei meinen Worten so schmerzlich, dass ich einen erneuten Tränenausbruch fürchtete.

»Gestern waren es nur Pickel«, sagte die Frau mit brüchiger Stimme. »Ich dachte mir nichts dabei … so schlimm sieht es erst seit heute aus! – Frau Doktor, was kann das sein?«

Ich befühlte die Geschwulst am Oberarm vorsichtig mit dem Finger. Sie war warm und hart, ließ aber wenig Raum für Zweifel.

»Vermutlich ein Abszess. – Haben Sie zu Hause schon Fieber gemessen?«

»Vor einer Stunde. Als er den Fieberkrampf hatte. Also, danach 39,2 Grad.«

Das Kind glühte noch immer. Ich steckte ihm ein Fieberthermometer unter die Achsel. Schlaff und mit glasigem Blick lag der Kleine vor mir, offensichtlich zu erschöpft, um sich gegen irgendetwas zu wehren.

»Fieberkrämpfe können bei Kleinkindern durchaus vorkommen«, kramte ich mein Wissen aus ein paar Pflichtsemestern Pädiatrie hervor. »Ein schrecklicher Anblick, und ich kann natürlich voll und ganz verstehen, dass Ihnen das einen Riesenschrecken eingejagt hat, aber …«

… aber leider habe ich im Zusammenhang mit den Abszessen nicht die geringste Ahnung, welche Ursache diesen Symptomen zu Grunde liegt.

Laut sagte ich nach einer kurzen Pause: »… aber in der Regel ziehen diese Fieberkrämpfe keine Folgen nach sich. – Wie alt ist Ihr Sohn?«

Sie strich dem Kleinen sanft über den Kopf.

»Im Juli drei Jahre alt geworden.«

Drei? – Hoppla, da hatte ich mich offenbar saftig verschätzt. »Für sein Alter ist er sehr klein und schmächtig«, stellte ich fest.

Die Schultern der zierlichen Frau sackten nach unten.

»Ja, ich weiß. Jonathan ist sehr oft krank. Er war von Anfang an ein Sorgenkind.«

»Wie meinen Sie das?«

»Mein Sohn war eine Frühgeburt. Vierunddreißigste Schwangerschaftswoche. Er wog nur 2080 Gramm. Die Schwangerschaft verlief auch schon sehr problematisch, ich habe häufig unter Blutungen gelitten und …«

Das Piepsen des Fieberthermometers unterbrach ihren Redefluss. 38,5 Grad. Ich hörte den Herzschlag des Kleinen ab: kräftig, aber viel zu schnell.

»Haben Sie Ihre Karte dabei, Frau …«

Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich noch immer nicht den Namen kannte.

»Eva Kraus«, sagte sie und kramte aus ihrer kleinen rosa Handtasche auch schon die Plastikkarte hervor.

Während der Computer damit beschäftigt war, die Daten zu laden, beobachtete ich Frau Kraus dabei, wie sie sich wieder ihrem Söhnchen zuwandte. In ihrem Blick lag tiefe Sorge, als sie ihm vorsichtig T-Shirt, Latzhose und Jacke anzog.

Sie selbst trug, der sommerlichen Außentemperatur angemessen, ein luftiges beigefarbenes Sommerkleid mit kleinen blauen Punkten. Ihre Taille war schmal, Arme und Beine wirkten knochig. Der blassen Hautfarbe nach zu urteilen, war sie in diesem Sommer trotz der vielen Sonnentage nicht viel draußen gewesen. Auf mich machte die Frau einen müden, abgekämpften Eindruck.

»Sind Sie normalerweise Patientin von Doktor Seyfried?«

»Bitte?« Eva Kraus, die beruhigend auf ihr nun wieder leise quengelndes Kind eingeredet hatte, hob den Kopf.

»Doktor Seyfried. Mein Kollege hier am Ort. Sie haben doch sicher einen Hausarzt … oder bei wem ist Jonathan denn sonst in Behandlung? Bei einem Kinderarzt in Straubing vielleicht?«

Straubing war die nächstgelegene Kreisstadt. Ich gab ihr die Gesundheitskarte zurück.

»Nein … nein.« Eva Kraus fuhr sich durch ihre Locken. Einen Moment lang wirkte sie geistesabwesend. »Wir sind neu hierhergezogen. Ich wohne erst seit zwei Wochen hier. Larisa Ionescu, meine Nachbarin, hat mich zu Ihnen geschickt. Ihre Töchter seien bei Ihnen in Behandlung, sagte sie.«

Das waren sie tatsächlich. Liana und Luena Ionescu, Zwillinge, zwölf Jahre alt, Typ-1-Diabetikerinnen, die regelmäßig zu mir kamen. Vorzeigepatientinnen. Die Mädchen hatten die Krankheit gut im Griff, nicht zuletzt deshalb, weil ihre Mutter streng darauf achtete, dass die beiden alle meine Hinweise zum Thema Ernährung und Bewegung befolgten. Ich wusste, dass die Familie mich...


Die Diplom-Journalistin arbeitete u.a. in der Medienbeobachtung, Markt- und Meinungsforschung und in der PR eines Großunternehmens. Sie lebt in Wien. Seit dem Jahr 2008 erschienen kontinuierlich mehr als zehn Romane und Krimis im Helmer Verlag, darunter "Ellen", "Die Spitzenkandidatin", zuletzt "Die Sterne vom Himmel holen" (2016) sowie der Kriminalroman "In jener Nacht" (2015).



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