Scharf | Traum | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 524 Seiten

Scharf Traum


2. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7412-1791-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 524 Seiten

ISBN: 978-3-7412-1791-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jemand unterzieht sich einem Experiment: Traum, Raum und Zwischenraum auszuloten. Die Realität wird in Frage gestellt, Antwort nur spärlich gegeben. Das Experiment wird abgebrochen. Irgendwer, mit gehörigem Abstand, schreibt ein Nachwort.

geb. am 13. Mai 1954; Fernstudium am Leipziger Literaturinstitut (1978 bis 1981); lebt in Wolgast.
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Nacht zum 4. Februar


Von der Kaufhalle her, komme ich am Gymnasium vorbei.

Es ist heller Tag, ich gehe unbeschwert. Ich kenne, was ich sehe, genau.

Hier, die Gasse führt zu den Apfelbaumgärten. Die Häuser auf dem Wall, dort drüben, betrachten mich stumm. Ich schaue zu ihnen hinauf.

Selbst das Geröll, man hat die Straße ausgebessert, ist mir vertraut.

Nur jener riesenhaft große Stein, an der Einmündung zur nächsten Straße, der da mitten im Weg liegt, bleibt mir fremd. Kein Auto wird ihn umkurven können.

Ich habe, fällt mir ein, von dieser Verkehrsberuhigung nichts in der Zeitung gelesen.

Noch in Gedanken versunken, biege ich an der Ecke rechts ab. Ich korrigiere mich aber, ich muss doch nach links!

Die Häuser sind, wie ich sie immer schon kannte, nur dass sie bisweilen im Lichtschein flackern, im Lidschlag des Tages.

Auf einem blechernen Schild steht, in altdeutschen Lettern: Mildstraße.

Der Name ist mir unbekannt. Vielleicht habe ich falsch gelesen. Ich befrage ein Ehepaar, das grad vorüber geht. Der Name wird mir bestätigt.

Nun meinen die beiden, mir weiterhin helfen zu müssen, sie reden von anderen Straßen, hier in der Nähe, die mir allesamt unbekannt sind.

Wir gehen ein Stück. Ich würde, wäre es meine Stadt, doch alle Straßen kennen!

Zweigte hier nicht ein Weg, den Berg hinunter, rechts ab? Er fehlt jetzt.

Aber dort vorn gabelt sich die Straße, bildet ein V.

Ein Park, der hier nie gewesen, wird von einer Mauer umrandet.

Das Flackern ist stärker geworden. Schwarze Flecken, schattengleich, gleiten über alles.

Am V angelangt, wende ich mich nach rechts.

Die Straße ist sehr belebt.

Zwei Damen in Miniröcken flanieren an mir vorbei. Allerdings interessiert mich weitaus mehr jene junge Frau, dort vor dem Hauseingang. Sie trägt verwaschene Jeans, Schatten wandern über ihr Gesicht. Ich möchte die Schatten verbannen, wegwischen einfach.

Aber ich frage die Frau nur, ob ich mitkommen kann, mit ihr, ein Stück.

Sie hat nichts dagegen, schon ist sie an meiner Seite. Ihre Hand ruht auf meiner Hüfte und wandert nun weiter. „Dann können wir doch“, sagt die Frau.

Den Schluss des Satzes höre ich nicht. Weil alles verblasst, weil ich erwache.

Wir wandern auf staubiger Straße, mein Begleiter und ich.

Ich bin mir nicht im klaren, ob jener, der da mit mir geht, vielleicht nur mein Schatten ist.

Bald ist der Andere neben mir, bald bleibt er zurück, als nähme die Sonne an uns, oder doch nur an mir, verschiedenes Maß. Es scheint auch so zu sein, als wolle mein Begleiter zuweilen meine Rolle übernehmen und mich an den Rand verdrängen.

Die ersten Stadthäuser tauchen auf.

Ein Fernfahrer lenkt seinen mächtigen Laster uns entgegen, und wendet ihn jetzt.

Als ich einsteigen will, verliere ich den Halt und hänge, an der Fahrertür pendelnd, in der Luft.

Der Fahrer merkt das nicht gleich, erst mein Begleiter macht ihn auf mich aufmerksam.

Nach einer Weile vermag ich, mich fester anzuklammern.

Beim nächsten Bremsmanöver lasse ich los, lande sanft auf der Straße.

Ich hatte gedacht, diese Stadt wäre eine Metropole, doch sind die ersten Häuser des Ortes augenscheinlich auch seine letzten.

Ein Bus kommt uns entgegen, ein Jeep auch, gemächlich tuckernd, erreicht uns.

Der Jeep hält, mit elegantem Sprung wechseln wir hinein. Da sitzen schon fünf oder sechs Leute. Wir reichen einander die Hände.

Ich blicke nach rechts. Dort schimmert der Himmel in allen erdenklichen Farben.

Aus einem Bergkegel, ansonsten ist die Landschaft flach, sprühen Farbkeile.

„Seht nur“, sage ich, „wie ein Vulkanausbruch!“

Wir halten, nehmen mit allen Sinnen das herrliche, farbverzauberte Bild in uns auf.

Die bunten Flächen, die Farben und Keile nehmen, je länger wir sie betrachten, die Formen überdimensionaler Kisten und Pakete an, aus denen, sich über den Himmel verteilend, riesige Figuren, grandiose Spielzeugtiere fallen, stürzend jagen.

Zwar sind sie noch leblos, doch teile ich meine Befürchtung den anderen mit.

„Ich hoffe nur, dass dies eine Luftspiegelung ist. Wenn die manifestieren!“

Da passiert es auch schon. Die Tiere landen auf der Wiese, werden lebendig und rennen los.

Namenloser Schrecken hat uns gepackt, wir sind unfähig, darüber nachzudenken, welche Richtung wir einschlagen müssten, um der trampelnden Horde zu entgehen.

Ich sitze vorne rechts, neben dem Steuer, oder am Steuer selbst, neben meinem Begleiter, der vielleicht neben mir sitzt.

Elefanten, Brontosaurier, Löwen preschen vorbei. Wir fahren in der selben Richtung wie sie. Wir biegen jetzt links ab. Kurz vor einem Wäldchen, versperrt uns ein Nashorn den Weg.

Als wir nahe heran sind, macht es uns Platz. Wir loben es dafür.

Quer zur Laufrichtung der Tiere fahren wir nun.

Der Motor säuft ab. Eine turmhohe Hyäne rast heran.

Ich höre eine beruhigende Stimme: „Das ist nur ein Megalotherium.“

Die Hyäne schnappt sich meinen Begleiter, hält ihn, der noch lebt, quer im Maul, läuft davon.

„He, Waigel“, höre ich von hinten, „mach doch etwas!“

„Halt das Maul!“ ruft ein anderer. Er scheint nicht die Hyäne zu meinen.

Der Platz am Steuer ist leer, ich sitze nur daneben.

Der Wagen wird sich nie mehr bewegen, nicht in diesem Traum, aus dem ich nun schweißgebadet erwache.

[ Vormittags, sobald es hell geworden ist, lese ich (meinem Vorsatz, täglich ein Buch zu „bewältigen“, blieb ich bislang treu) – ohnehin verspüre ich zu dieser Zeit keine Lust, das Wenige, das zu notieren wäre, aufzuschreiben (dafür gibt es den späten Abend); und wenn ich dann schreibe (so im Durchschnitt vier Seiten), sind auch die Nachbarn noch am Wirken, selbst die Kinder noch aktiv – O Gott, jetzt sind Ferien! – (aber den Techno-Freaks gönne ich gern eine längere Urlaubsreise!).

Später am Abend, wenn es stiller geworden ist, lese ich wieder – so etwa bis Mitternacht, oder länger. – Ich bin bemüht, ein Buch, das ich lesend begann, auch zu „beenden“ (sollte mich auch Langeweile quälen); gewiß gab es Fälle, da widerte ein Buch mich dermaßen an, dass ich es – verschenkte (früher mal; heute verschenke ich nur noch die Bücher, die mir gefallen haben).

Hermann Hesse, erinnere ich mich, empfahl nur jene Bücher, die ihm gutgetan hatten; da dürfte ich ja hier einige Bücher gar nicht erwähnen!

Zum Beispiel (von den Herren Chatschaturjanc – seines Zeichens Psychophysiologe und Raumfahrtmediziner – und Chrunov, Fliegerkosmonaut).

Ich fühlte mich unangenehm an meine frühe Lektüre erinnert (die heroischen Raumfahrerhelden – Tautologie ist beabsichtigt! – kommunistischer Machart; damit wurden wir in der Ex-DDR förmlich zugeschissen, besonders in den fünfziger/sechziger Jahren; Lem und die Strugazkis und wenige andere waren löbliche Ausnahmen; die „Übrige Welt“ hatte zu schweigen; statt Wells gab es Verne).

„Marina ist doch ein Prachtkerl, denkt Karpenko.“ – Da haben wir gleich (das Buch der beiden Kosmos-Experten wurde Ende der Siebziger geschrieben) einen Rückfall in die Sowjetzeit der dreißiger/vierziger/fünfziger Jahre: zum Slogan „Unsere Frauen, diese Prachtkerle!“ Romanheld Kalantarov ist „der einzige der Gruppe, der sich auf alte Art mit dem gefährlichen Messer rasierte, da der Elektrorasierer nicht mit zwei tiefen Falten zurechtkam, die ihm von der Nase zu den Mundwinkeln liefen.“ – „kam es auch noch zu anderen Vorfällen – manchmal unbedeutend, manchmal ernsthaft. Indessen“ – so werden hundert Flugtage zusammengefasst – „wuchs tagtäglich die Zuversicht, dass der Flug gut enden und das Expeditionsprogramm durchgeführt werden würde.“ – Bordingenieur Akopjan enthusiasmiert, beim Bolzen lösen auf der Außenhaut des Schiffes, die gesamte Mann- (und Quotenfrauen-)schaft: „Während er einen Bolzen nach dem andern losmachte, summte er eine alte armenische Weise.“ – „Der siebente Bolzen war los, und Akopjan begann zu singen. Im Lautsprecher ertönte ein altes Kampflied der armenischen Krieger. Keiner von der -Besatzung verstand den Text, aber in der Melodie erklang ein mächtiger Aufruf zur Tat. Während Akopjans Arbeit hatten alle Gelegenheit, die Melodie des alten Kampfliedes auswendig zu lernen.“ – Prachtkerl Marina gibt sich Zweifeln hin, ob sie auch immer dieser hehren Bezeichnung gerecht werden kann: „In fünfzehn Minuten musste der fällige Bericht über den Gesundheitszustand der Besatzung zur Erde durchgegeben werden...



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