Scheer | ZBV 3: Ordnungszahl 120 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 3, 200 Seiten

Reihe: ZBV

Scheer ZBV 3: Ordnungszahl 120


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8328-5050-0
Verlag: Bildner Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 3, 200 Seiten

Reihe: ZBV

ISBN: 978-3-8328-5050-0
Verlag: Bildner Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf der Rückseite des Mondes finden kernphysikalische Experimente statt. Dabei wird ein neues Transuran entdeckt, das die 'Ordnungszahl 120' erhält. Als es zusammen mit den Herstellungsunterlagen aus dem Mondlabor verschwindet, wird Captain Thor Konnat, der Agent ZBV, eingesetzt. Er soll das Element wiederfinden, um die Menschheit vor einer Katastrophe zu bewahren.

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6.


Sie hatten uns fünf Sekunden Zeit gegeben, um uns von dem Martyrium des eigentlichen Starts zu erholen. Dann hatten die Triebwerke der zweiten Stufe gezündet. Im gleichen Augenblick waren wir von unsichtbarer Titanenfaust wieder in die Polster gepreßt worden. Ich hatte das Gefühl, als müßte ich ersticken.

Kurz vor Brennschluß der beiden Stufen hatten die automatischen Geräte der Fernlenkstation die Beschleunigungswerte auf 14 g erhöht. Das genügte, um mir zu neunzig Prozent das Bewußtsein zu rauben.

Hannibal war für Sekunden munter geworden, als die zweite Stufe abgetrennt wurde. Zudem Zeitpunkt befanden wir uns bereits im Raum, hundertdreißig Kilometer über der Erdoberfläche. Unsere Geschwindigkeit entsprach schon fast der irdischen Fluchtgeschwindigkeit.

Dann hatte der Ato-Meiler des von seinen Startstufen befreiten Raumschiffes zu arbeiten begonnen. Wieder setzte die unerträgliche Qual ein, die sich von Sekunde zu Sekunde steigerte.

Ich hörte nicht das wilde Brüllen der weißglühenden Gasmassen, auf denen die MR-235 mit wahnwitzigen Beschleunigungswerten in das absolute Nichts schoß. Aber ich fühlte das Vibrieren der Wandungen.

Die Sekunden wurden zu Ewigkeiten. Mein gequältes, blutleeres Gehirn wurde nur von der Frage beherrscht, wann wohl endlich Schluß war. Längst mußten wir die Fluchtgeschwindigkeit von 11,2 Kilometer pro Sekunde überschritten haben.

Die Erde konnte uns nicht mehr zurückholen. Ihre Gravitationskräfte waren von diesem Produkt menschlichen Geistes bereits überwunden; aber wir hatten immer noch zu leiden.

Ich konnte nicht mehr sehen. Meine Augen schienen sich immer tiefer in ihre Höhlen zu pressen. Ich atmete in flachen, krampfhaften Zügen und konnte mich kaum an die Anweisungen über die Atmungstechnik erinnern.

Unter uns fiel die Erde hinweg. Auf dem großen Bildschirm der Außenbordaufnahme mußte sie langsam als Kugel sichtbar werden, doch das konnte ich augenblicklich nicht verfolgen.

Nach endlos erscheinenden Sekunden wurde der Druck plötzlich von mir genommen. Als ich meine Sinne einigermaßen wieder in der Gewalt hatte, hörte ich die plärrende Stimme aus den Lautsprechern. Es war ein Tonband, auf das ein mir unbekannter Mann die Worte gesprochen hatte:

»Ende der ersten Beschleunigungsperiode. Atemtechnik beachten und ruhig liegenbleiben. Wir beschleunigen augenblicklich mit normalen Werten von 1 g. Beginn der zweiten Beschleunigungsperiode in drei Minuten, zweiunddreißig Sekunden. Ich wiederhole...«

Rechts neben mir hörte ich Hannibal fluchen. Der Kleine war tatsächlich bei vollem Bewußtsein, während der Leutnant regungslos und flachatmend auf seinem Druckpolster ruhte. Er war noch besinnungslos.

»Wie fühlst du dich, Zwerg?« keuchte ich.

Seine Antwort konnte ich nicht mehr verstehen, da in diesem Moment das Ato-Triebwerk aufbrüllte. Der Raum vibrierte mit der Resonanz des gesamten Schiffskörpers. Mir war, als läge ich dicht über dem Plutoniummeiler, der das harmlose Wasser in ein tobendes Element verwandelte.

Die »Faust« schlug wieder zu, doch diesmal erträglicher. Man ging jetzt nur noch auf 6 g. Die irdische Atmosphäre mit all ihren hindernden Erscheinungen war längst überwunden. Es spielte nun keine Rolle mehr, mit welchen Werten beschleunigt wurde. Meiner Meinung nach hätte das auch mit der normalen Kraft von 1 g geschehen können, aber das Raumschiff sollte schnell auf Reisegeschwindigkeit kommen. Ich durfte nicht vergessen, daß wir uns an Bord eines Schnelltransporters befanden.

Es dauerte für mich unendlich lange, bis der Druck völlig nachließ. Erschöpft ruhte ich auf dem Polster. Kaum verstand ich die Worte aus dem Lautsprecher, mit denen uns mitgeteilt wurde, daß die Reisegeschwindigkeit mit Brennschluß nun erreicht wäre und man demzufolge das Triebwerk stillgelegt hätte.

Das wäre aber mit dem Effekt des schwerelosen Zustandes verbunden, was andererseits eine Eigenart des leeren Raumes wäre. Den Besatzungsmitgliedern wurde empfohlen, möglichst angeschnallt liegenzubleiben und zu versuchen, das Gefühl des Fallens durch ständiges Schlucken und Atemübungen zu unterdrücken.

Hannibal schimpfte, unterließ es aber ebenso wie ich, die Anschnallgurte zu lösen, die uns auf den Lagern festhielten. Den schwerelosen Zustand kannte ich nur zu gut. Ich darf Ihnen versichern, daß er alles andere als angenehm ist.

Mir machte es nicht so viel aus, Aber Hannibal wurde schon grün im Gesicht. Seine Beine ragten plötzlich gegen die Decke, doch er bemerkte es nicht. Ein »Oben« und »Unten« gab es hier nicht mehr. Sekunden später begann er zu stöhnen. Auch bei mir machte sich ein flaues Gefühl im Magen bemerkbar. Flüchtig mußte ich an einige Erzählungen denken, die ich als Junge gelesen hatte. In den Büchern waren vergnügte Sprünge geschildert, die von den Raumfahrern im schwerelosen Zustand ausgeführt wurden. Die Leute waren lachend durch die Luft gesegelt. Sie hatten sich überkugelt und überaus komische Verrenkungen vollführt, bis die Schwere mit dem Wiedereinsetzen der Triebwerke zurückkehrte.

Wie hatte man sich früher den eigenartigen Zustand der fehlenden Gravitation doch amüsant vorgestellt! Ich persönlich legte nicht den geringsten Wert darauf, wie ein Blatt im Winde durch die enge Kabine zu schweben und mir Beulen zuzuziehen.

Mir war so übel, daß ich nicht einmal den Versuch unternahm, das Außenbordbildgerät einzuschalten, um einen Blick auf den sternfunkelnden Raum und die zur Kugel gewordene Erde zu werfen. Ich dachte nur an meinen Magen, an den Schweißausbruch und an das unbeschreibliche Gefühl des ständigen Fallens. Ich hatte mir sagen lassen, daß der Zustand auf die gestörten Gleichgewichtssinne

zurückzuführen war. Ich wußte auch, daß mein Kreislauf zur Zeit nicht so funktionierte wie unter normalen Umständen.

Ferner war uns erklärt worden, daß der schwerelose Zustand durchaus nicht gefährlich war. Aber man brauchte viele Stunden, bis sich der Körper daran gewöhnt hatte. Hochtrainierte Astronauten reagierten da viel besser. Sie konnten wirklich lachen!

Weder Hannibal noch ich waren Raumpiloten. Wir hatten zwar unser hartes Zentrifugentraining absolviert, aber die Praxis sah doch ganz anders aus. Auf der Erde gab es keine technische Einrichtung, mit deren Hilfe man uns stundenlang auf die Schwerelosigkeit hätte vorbereiten können. Ich verhielt mich so ruhig wie möglich und bemühte mich, die Schleier vor meinen Augen zu verdrängen. Mir war alles gleichgültig. Wenn ich einen klaren Gedanken fassen konnte, so drehte er sich um die Reisezeit von fünfzehn Stunden.

Hannibal wimmerte. Seine Haltung war unverändert. Er versuchte nicht, seine anormale Lage zu korrigieren.

Es schien Ewigkeiten zu dauern, bis links von uns das Sicherheitsschott aufglitt und ein Mann eintrat. Ich sah ihn nur verschwommen. Das Knallen seiner Magnet-Schuhsohlen dröhnte in meinen Ohren. Als er mit seltsam wiegendem Gang näherkam, machte ich mir klar, daß er diesen Zustand schon oft erlebt haben mußte. Er flog bestimmt schon seit Jahren; für ihn war das Schreckgespenst des freien Falls längst nicht mehr vorhanden.

Mit Hilfe seiner Spezialschuhe ging er recht sicher. Seine Körperbeherrschung grenzte an Artistik. Als er dicht vor mir stand, fiel mir sein schadenfrohes Gesicht auf. Er amüsierte sich köstlich über die »Landhupfer«, die jammernd und klagend in den Gurten hingen.

Ich bemühte mich, mein Stöhnen zu unterdrücken. Als sich sein Gesichtsausdruck nicht veränderte, keuchte ich ärgerlich:

»Wir sprechen uns noch auf dem Mond. Was kann ich dafür, wenn ich an den Zustand nicht gewöhnt bin. Was wollen Sie?«

Er zeigte mir die automatische Injektionsspritze, die ein Medikament enthielt, das speziell gegen das Gefühl des Fallens entwickelt worden war.

»Der Kommandant ist der Meinung, Sir, es wäre für Sie besser, wenn Sie den Nadelstich ertrügen. So kommen Sie wenigstens einigermaßen über die schlechte Zeit.«

»Beeilen Sie sich«, stöhnte ich.

Er lachte verhalten und öffnete den kleinen Reißverschluß im linken Bein meiner Kombination. Er war speziell für solche Injektionen gedacht.

Ich empfand lediglich den Einstich der Nadel. Nach mir wurde Hannibal versorgt. Der Kleine befand sich in schlechtem Zustand. Er brachte kein verständliches Wort heraus.

Nach kurzer Zeit fühlte ich mich schon besser. Die Schleier vor meinen Augen lichteten sich. Leutnant Curtis hatte das Bewußtsein noch nicht wiedererlangt. Der Major hatte uns wirklich einen tauglichen Reisebegleiter mitgegeben! Der Junge war bestimmt noch niemals im Raum gewesen. »Eine Funknachricht ist für Sie eingegangen«, meinte der Astronavigator. Ich erkannte ihn jetzt erst. »Lesen Sie vor! Ich kann den Streifen nicht halten.« Mit vorsichtigen Handbewegungen entfaltete er ihn.

»Vom Oberkommando, Sir, Space-Departement. Wortlaut: Nach Eintreffen Werk Huntris sofort Dienst antreten. Das ist alles, Sir.«

Meine Übelkeit war plötzlich wie weggeblasen. Der Gedanke an meine Aufgabe hatte die anderen Empfindungen verscheucht. Wie war der eigenartige Spruch zu verstehen? Nach den Anweisungen, die ich erhalten hatte, sollte ich mich erst einige Zeit umsehen, um den Betrieb kennenzulernen. Der sofortige Dienstantritt konnte nur bedeuten, daß wieder etwas vorgefallen war, was man mir unverschlüsselt nicht mitteilen konnte.

»Okay, danke. Stecken Sie mir den Streifen in die Tasche.« Bevor der Astronavigator ging, meinte er noch:

»Entspannen Sie sich, Sir, Sie werden bald einschlafen. Es ist die beste Möglichkeit, um den unangenehmen Zustand zu überwinden. Bei der nächsten Fahrt...



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