E-Book, Deutsch, 121 Seiten
Schelig Elonora
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7565-9886-1
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Chronik der Nacht
E-Book, Deutsch, 121 Seiten
ISBN: 978-3-7565-9886-1
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schriftsteller, Blogger und kreative Seele
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Kapitel 2: Prüfungen der Dunkelheit
Cassandra führte mich durch ein Labyrinth aus Korridoren, vorbei an Türen aus dunklem Holz, die fest verschlossen waren, und unter Bögen, die mit fremdartigen Symbolen verziert waren. Das Haus der Nacht war wie ein lebendiger Organismus, jeder Winkel schien mit Geschichte und verborgenen Geheimnissen gefüllt zu sein. Die Luft roch nach altem Pergament, nach Kerzenwachs und etwas anderem – einem subtilen, metallischen Duft, den ich nun als Blut erkannte.
"Viele von uns nennen diesen Ort 'Das Archiv'", erklärte Cassandra, während wir eine gewundene Treppe hinabstiegen. "Er beherbergt nicht nur den Rat, sondern auch die gesammelten Aufzeichnungen und Artefakte unserer Art seit über tausend Jahren. Einige der ältesten Schriften stammen aus Zeiten, als Wien noch eine römische Grenzstadt war."
Ihre Stimme trug einen Hauch von Ehrfurcht, als sie von der Geschichte des Gebäudes sprach, und ich fragte mich unwillkürlich, wie alt Cassandra selbst war. Ihr Aussehen ließ auf eine Frau von höchstens dreißig Jahren schließen, doch ihre Augen verrieten eine Weisheit und Müdigkeit, die nur aus Jahrhunderten der Erfahrung stammen konnte.
Wir erreichten einen tieferen Teil des Gebäudes, der in natürlichen Felsstein gehauen war. Die Luft wurde kühler, die Gänge enger. Schließlich hielten wir vor einer schlichten Tür aus dunklem Eichenholz.
"Deine Unterkunft für die kommenden Tage," sagte Cassandra und öffnete die Tür. "Es ist bescheiden, aber sicher."
Der Raum dahinter war tatsächlich einfach, aber nicht unangenehm – ein kleines Gemach mit steinernen Wänden, ausgestattet mit einem eleganten, wenn auch schlichten Sarg, einem Bücherregal mit einigen alten Bänden, einem Tisch mit Kerzen und einem hohen Spiegel an der Wand. Es gab weder Fenster noch sichtbare Belüftungsschächte – ein perfekter Schutz vor dem Tageslicht.
"Der Rat ist... vorsichtig mit Neugeborenen," erklärte Cassandra, als sie meinen Blick auf die massive Tür bemerkte. "Besonders mit solchen, die ohne Erlaubnis erschaffen wurden."
"Bin ich eine Gefangene?" fragte ich, obwohl die Antwort offensichtlich war.
Ein flüchtiges Lächeln huschte über Cassandras Gesicht. "Sagen wir, du bist ein Gast mit eingeschränkten Privilegien. Die Tür wird verschlossen bleiben, bis die Zeit für deine Prüfungen gekommen ist."
Sie trat in den Raum und ging zum Bücherregal. Mit eleganten Fingern zog sie einen in Leder gebundenen Band hervor. "Dies ist die 'Chronik der Schatten' – eine Sammlung unserer ältesten Gesetze und Geschichten. Wenn du weise bist, wirst du die Stunden bis zur nächsten Nacht damit verbringen, dich auf deine erste Prüfung vorzubereiten."
Sie reichte mir das Buch, und ich spürte das Gewicht der Jahrhunderte in meinen Händen. Der Einband war aus altem, brüchigem Leder, und als ich es öffnete, sah ich Seiten aus vergilbtem Pergament, beschrieben mit einer eleganten, aber fremdartigen Handschrift.
"Dies ist Latein," stellte ich fest, während ich die ersten Seiten überflog.
Cassandra neigte leicht den Kopf. "Du kannst es lesen?"
"Ich habe Kunstgeschichte studiert," erklärte ich. "Latein war notwendig für meine Arbeit an mittelalterlichen Manuskripten und Kirchengemälden."
"Interessant," murmelte Cassandra. "Vielleicht hat Valerian besser gewählt, als der Rat vermutet." Sie deutete auf weitere Bücher im Regal. "Diese sind in moderneren Sprachen verfasst – Übersetzungen und Kommentare zur Chronik. Sie könnten hilfreich sein."
Sie wandte sich zur Tür, hielt aber noch einmal inne. "Ein Rat, kleine Schwester: Der Rat schätzt Wissen, aber er schätzt Ehrlichkeit noch mehr. Versuche nicht zu täuschen oder zu beeindrucken. Beantworte die Fragen direkt und ohne Ausschmückung."
Bevor ich antworten konnte, war sie durch die Tür verschwunden, und ich hörte das schwere Geräusch eines Riegels, der vorgeschoben wurde. Ich war tatsächlich eingesperrt.
Allein in dem stillen Raum, mit nichts als alten Büchern und meinen eigenen Gedanken als Gesellschaft, überkam mich plötzlich die volle Wucht meiner Situation. Vor wenigen Tagen war ich noch eine normale Frau gewesen, eine Restauratorin für historische Gemälde mit einer bescheidenen Wohnung, einem regelmäßigen Einkommen und Freunden, die mich zum Abendessen einluden. Jetzt war ich eine Kreatur der Nacht, gefangen in einem unterirdischen Kerker, während ein Rat uralter Vampire über mein Schicksal entschied.
Ein hysterisches Lachen drohte in meiner Kehle aufzusteigen, doch ich unterdrückte es. Zusammenbrechen konnte ich später. Jetzt musste ich mich konzentrieren, lernen, überleben.
Ich setzte mich an den Tisch, öffnete die "Chronik der Schatten" und begann zu lesen.
Die Stunden vergingen, während ich mich durch die alten Texte arbeitete. Die Chronik begann mit einem Ursprungsmythos – einer poetischen, aber vagen Erzählung über den ersten Vampir, der aus einer Verbindung zwischen einem gefallenen Engel und einem menschlichen Weib entstanden sein soll. Ob dies als Wahrheit oder Allegorie zu verstehen war, blieb unklar.
Es folgten Berichte über die ersten Vampire in Europa, ihre langsame Ausbreitung, ihre Kämpfe gegen menschliche Jäger und übernatürliche Rivalen. Die Texte waren eine Mischung aus historischen Aufzeichnungen, philosophischen Betrachtungen und praktischen Anweisungen zum Überleben.
Ich erfuhr von den drei großen Geboten, die alle Vampire zu befolgen hatten: Erstens, die Existenz unserer Art vor der menschlichen Welt zu verbergen; zweitens, niemals einen anderen Vampir ohne triftigen Grund zu vernichten; und drittens, niemals einen Sterblichen ohne die Sanktion des lokalen Rates zu verwandeln.
Valerian hatte gegen das dritte Gebot verstoßen, und nun hing sein Schicksal – und meines – davon ab, ob ich die Prüfungen bestehen würde.
Die neueren Bücher enthielten detailliertere Informationen über die Blutlinien der Vampire, ihre besonderen Fähigkeiten und ihre komplexe Politik. Ich las von Konflikten zwischen den älteren Linien, von Bündnissen und Verrat, von Territorien, die gewonnen und verloren wurden. Die Vampirgesellschaft erschien wie ein düsterer Spiegel der menschlichen Welt – mit eigenen Hierarchien, Traditionen und unausgesprochenen Regeln.
Je mehr ich las, desto bewusster wurde mir, wie wenig ich über meine neue Existenz wusste, wie unvorbereitet ich war. Und doch, ein Teil von mir – vielleicht jener Teil, der mich einst dazu gebracht hatte, mich in staubige Archive zu vertiefen, um die Geheimnisse alter Kunstwerke zu entschlüsseln – fand eine seltsame Faszination in diesen vergilbten Seiten.
In einem der neueren Werke entdeckte ich ein Kapitel über Marcus, den Vorsitzenden des Rates. Er war, so schien es, einer der ältesten lebenden Vampire in Europa, über zweitausend Jahre alt, ein ehemaliger römischer Patrizier, der während der frühen Kaiserzeit verwandelt worden war. Das Buch beschrieb ihn als fair, aber unnachgiebig, als einen Bewahrer der alten Traditionen, der dennoch die Notwendigkeit der Anpassung an die moderne Welt erkannte.
Während ich las, bemerkte ich kaum, wie die Stunden verstrichen. Das Brennen des Hungers in meinem Inneren wurde stärker, ein ständiges Hintergrundgeräusch, das ich zu ignorieren versuchte. Ich fragte mich, ob der Rat mich absichtlich hungern ließ – vielleicht als Teil meiner bevorstehenden Prüfung der Kontrolle.
Schließlich, als meine Augen müde wurden vom Entziffern der alten Schriften, legte ich die Bücher beiseite und streckte mich. Der Tagschlaf würde bald kommen, jene unwiderstehliche Lethargie, die alle Vampire mit dem Nahen der Dämmerung überkam. Ich betrachtete den Sarg in der Ecke des Raumes mit einer Mischung aus Widerwillen und Neugier. Er war aus dunklem Holz gefertigt, mit schlichten, aber eleganten Schnitzereien versehen – keine groteske Bestattungskiste, sondern eher wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit.
Mit einem leisen Seufzen öffnete ich den Deckel. Das Innere war mit dunkelroter Seide ausgeschlagen, die sanft im Kerzenlicht schimmerte. Ich legte mich hinein, zögernd zuerst, dann mit zunehmender Akzeptanz. Die Seide fühlte sich kühl an gegen meine Haut, und als ich den Deckel über mir schloss, umfing mich eine seltsam tröstliche Dunkelheit.
In dieser vollkommenen Finsternis, während der Tagschlaf langsam von mir Besitz ergriff, dachte ich an Valerian. Wo war er jetzt? Litt er? Bereute er es, mich erschaffen zu haben? Trotz der Umstände meiner Verwandlung konnte ich keinen echten Hass mehr auf ihn empfinden. Er hatte mir die Ewigkeit gegeben – ein Geschenk und ein Fluch zugleich. Mein letzter Gedanke, bevor der Schlaf mich übermannte, war eine stille Entschlossenheit: Ich würde diese Prüfungen bestehen. Ich würde überleben. Und dann würde ich entscheiden, was ich mit der Ewigkeit anfangen wollte.
Der Klang eines Schlüssels im Schloss weckte mich aus dem Tagschlaf. Ich öffnete den Sargdeckel und fand Cassandra am Eingang des Raumes, begleitet von dem schweigsamen blonden Vampir, der am Vorabend mit ihr und Demetrious gewesen war.
"Es ist Zeit," sagte sie ohne Umschweife.
Ich stieg aus dem Sarg, dankbar, dass ich noch die Kleidung vom Vortag trug – ein einfaches schwarzes Hemd und dunkle Jeans, die Valerian mir gegeben hatte. Ich fuhr mir mit den Fingern durch die Haare in einem instinktiven Versuch, präsentabel auszusehen.
"Wie gut hast du die Chronik studiert?" fragte Cassandra, während der blonde Vampir regungslos an der Tür wartete.
"So gut ich konnte," antwortete ich ehrlich. "Obwohl ich kaum Zeit hatte, alles zu verstehen."
Sie nickte, als hätte sie...




