Schelig | Zwischen den Linien | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 191 Seiten

Schelig Zwischen den Linien


1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7565-9901-1
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 191 Seiten

ISBN: 978-3-7565-9901-1
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Zwischen den Linien' ist ein psychologischer Roman, der die Geschichte von Mia erzählt, einer 27-jährigen Künstlerin, die nach einer Schizophrenie-Diagnose ihr Kunststudium abbrechen musste und sich in ein isoliertes Leben zurückgezogen hat. Die Handlung setzt ein, als Mia bei einem ihrer seltenen Ausflüge in einen Park auf David trifft, einen Architekturstudenten mit einem ausgeprägten Sinn für Schönheit und Tiefe. Trotz ihrer anfänglichen Zurückhaltung entwickelt sich zwischen den beiden eine besondere Verbindung. David, dessen eigener Bruder mit Depressionen kämpft, begegnet Mias Krankheit mit Verständnis und Akzeptanz. Diese Begegnung wird zum Katalysator für Mias Rückkehr zur Kunst und ins Leben. Der Roman folgt Mia auf ihrem Weg, während sie sich verschiedenen Herausforderungen stellt: dem Wiedereinstieg in kreative Kurse, dem Aufbau einer Beziehung zu David, der Integration ihrer Halluzinationen und Stimmen in ihre künstlerische Ausdrucksweise und schließlich dem Schritt in die Öffentlichkeit mit einer eigenen Ausstellung. Parallel dazu erleben wir Davids eigene Kämpfe, als sein Bruder einen Suizidversuch unternimmt und er zwischen seiner Familie und Mia hin- und hergerissen wird. Diese Krise vertieft jedoch letztendlich ihre Verbindung und führt zu der Entscheidung, zusammenzuziehen. Das Werk thematisiert den komplexen Umgang mit psychischer Erkrankung, ohne in Klischees oder Vereinfachungen zu verfallen. Es zeigt, wie Mia lernt, ihre Schizophrenie nicht nur als Hindernis, sondern auch als Teil ihrer einzigartigen Perspektive zu sehen - als eine 'andere Art des Sehens', die ihre Kunst bereichert. Die Geschichte endet nicht mit einer unrealistischen 'Heilung', sondern mit einem neuen Gleichgewicht: Mia akzeptiert, dass ihre Krankheit Teil ihres Lebens bleibt, findet aber gleichzeitig Wege, ein erfülltes Leben zu führen - als Künstlerin, als Partnerin und schließlich sogar als potenzielle Mentorin für andere, die ähnliche Herausforderungen erleben. 'Zwischen den Linien' ist ein einfühlsames Portrait einer Frau, die ihren eigenen Weg findet zwischen Krankheit und Gesundheit, Isolation und Verbindung, Angst und Mut - und dabei entdeckt, dass wahre Kunst und wahres Leben oft in diesen Zwischenräumen entstehen.

Schriftsteller, Blogger und kreative Seele.
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Kapitel 1: Schattentänzer

Mia öffnete ihre Augen und starrte an die vertraute Rissformation an ihrer Zimmerdecke. Die feine Linie, die sich wie ein Fluss durch den weißen Putz schlängelte, hatte sie schon als Kind fasziniert. Damals hatte sie darin Gestalten und Geschichten gesehen – ein unschuldiges Spiel der Fantasie. Heute war sie sich nicht mehr sicher, ob die Gesichter, die manchmal aus den Rissen hervortraten, wirklich nur ihrer Vorstellungskraft entsprangen.

"Steh auf, du verschwendest den Tag," flüsterte eine Stimme von irgendwo hinter ihrem linken Ohr.

Mia ignorierte sie. Dr. Berger hatte ihr beigebracht, dass es besser war, nicht darauf zu reagieren. Die Stimmen würden intensiver, wenn man mit ihnen interagierte. Sie schaute auf ihren Wecker – 7:23 Uhr. Ihr Medikamentenalarm würde in sieben Minuten klingeln.

Die Morgensonne fiel durch die halbgeschlossenen Jalousien und warf gestreifte Schatten auf den Boden ihres kleinen Apartments. Mia lebte seit drei Jahren allein, nachdem sie aus der betreuten Wohngruppe ausgezogen war. Ein Erfolg, auf den sie stolz sein sollte, wie ihre Therapeutin immer wieder betonte. Manchmal fühlte es sich eher wie eine Strafe an – allein mit den Stimmen und den Schatten, die sich bewegten, wenn niemand hinsah.

"Die beobachten dich durchs Fenster, weißt du das nicht?" Die zweite Stimme, tiefer und rauer als die erste, kam von der Ecke ihres Zimmers.

Mia drehte reflexartig den Kopf, obwohl sie wusste, dass dort niemand stehen würde. Natürlich war die Ecke leer, nur ihr alter Schreibtisch und der Stapel ungelesener Bücher darauf.

Der Wecker piepste, und Mia griff automatisch nach der orangefarbenen Pillendose auf ihrem Nachttisch. Sie hatte ein System entwickelt – die Morgendosis neben das Bett stellen, damit sie keine Ausrede hatte, sie zu vergessen. Die kleinen weißen und gelben Tabletten lagen in der Handfläche ihrer Hand wie seltsame Murmeln. Risperidon, Escitalopram und ein Benzodiazepin für besonders schwere Tage.

"Nimm sie nicht. Sie vergiften dich damit. Sie wollen, dass du stumpf und kontrollierbar bist," zischte die tiefe Stimme.

Mia schluckte die Pillen mit einem Schluck Wasser aus der Flasche neben ihrem Bett. Die Stimme hatte unrecht. Die Medikamente waren wie Schwimmwesten in einem stürmischen Meer. Ohne sie würde sie ertrinken. Sie richtete sich auf und schwang die Beine über die Bettkante.

Der Boden war kalt unter ihren nackten Füßen, eine angenehme Erinnerung an die Solidität der physischen Welt. Mia hatte gelernt, sich an solchen kleinen Empfindungen festzuhalten. Die Kälte des Bodens, die Rauheit der Holzmaserung unter ihren Fingern, der bittere Geschmack des Kaffees – das waren Anker in der Realität.

Auf dem Weg ins Badezimmer blieb sie kurz stehen und betrachtete die Fotowand in ihrem Flur. Bilder ihrer Familie – Mutter, Vater, ihre jüngere Schwester Lena. Fotos von Freunden aus der Zeit vor ihrer Diagnose, als das Leben noch einfach erschien. Ein paar neuere Bilder mit Sarah und Tobias aus ihrer Selbsthilfegruppe. Manchmal, in ihren dunkelsten Momenten, fragte sie sich, ob diese Menschen überhaupt existierten oder ob sie sie sich ausgedacht hatte.

Im Badezimmer vermied Mia zunächst den Blick in den Spiegel. Die Morgen waren oft am schwierigsten, bevor die Medikamente anfingen zu wirken. Sie putzte sich die Zähne und duschte schnell, ließ das warme Wasser über ihre Haut laufen und konzentrierte sich auf die Empfindung. Als sie schließlich doch in den Spiegel schaute, sah sie nur sich selbst – hellbraune Augen mit dunklen Ringen darunter, schulterlanges, dunkelblondes Haar, das noch nass von der Dusche an ihrem Gesicht klebte. Keine verzerrten Gesichtszüge, keine Schatten, die sich über ihre Haut bewegten. Ein guter Morgen also.

Zurück im Schlafzimmer zog sie sich an: Jeans, ein einfaches T-Shirt, ein Flanellhemd darüber. Komfortabel und unauffällig. Mia hatte früher bunte Kleidung geliebt, hatte mit Farben und Stilen experimentiert. Jetzt bevorzugte sie zurückhaltende Töne. Auffallen bedeutete beobachtet werden, und das Gefühl, beobachtet zu werden, konnte schnell zu einer Spirale werden, die sie in die dunklen Ecken ihres Verstandes führte.

In der kleinen Küche bereitete sie sich Frühstück zu – eine Schüssel Müsli mit Milch. Die Routine half ihr, geerdet zu bleiben. Während sie aß, ging sie im Kopf ihren Tagesplan durch. Vormittags der Termin bei Dr. Berger, ihrer Psychiaterin. Nachmittags ihre Schicht in der Buchhandlung. Mia hatte vor acht Monaten angefangen, dort teilzeit zu arbeiten – ein weiterer Erfolg laut ihrer Therapeutin. Die Arbeit half ihr, Struktur zu bewahren, und die Bücher boten eine willkommene Flucht, wenn die Realität zu überwältigend wurde.

Als sie gerade die Schüssel in die Spüle stellte, klingelte ihr Handy. Lena. Mia zögerte einen Moment, bevor sie den Anruf annahm.

"Hallo?" Ihre Stimme klang rau, unbenutzt.

"Hey Mia, ich bin's. Nur die übliche Morgenkontrolle. Wie geht's dir heute?" Lenas Stimme war warm und voller Leben, wie immer.

Mia lächelte unwillkürlich. Ihre jüngere Schwester hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Morgen anzurufen, seit Mia allein wohnte. Eine sanfte Art der Kontrolle, die Mia mehr zu schätzen wusste, als sie je zugeben würde.

"Alles okay. Hab meine Medikamente genommen, gefrühstückt, gleich geht's zu Dr. Berger."

"Gut, das klingt nach einem soliden Start. Soll ich dich abholen und hinfahren?"

"Nein, ich nehme den Bus. Das schaffe ich." Mia versuchte, Entschlossenheit in ihre Stimme zu legen. Sie musste lernen, selbstständiger zu werden. Das hatte sie sich vorgenommen.

"Sicher? Es ist wirklich kein Problem für mich."

"Ich bin sicher. Aber danke, Lena."

Nach dem Gespräch legte Mia das Handy auf den Küchentisch und atmete tief durch. Sie liebte ihre Schwester, aber manchmal fühlte sie sich durch die ständige Fürsorge erstickt. Gleichzeitig wusste sie, wie viel Sorge und Angst hinter Lenas täglichen Anrufen steckten. Der Vorfall vor zwei Jahren hatte alle erschreckt, besonders Lena, die sie gefunden hatte.

Mia schüttelte den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben. Stattdessen konzentrierte sie sich darauf, ihre Tasche zu packen – Wasserflasche, Geldbörse, Schlüssel, Notizbuch. Das Notizbuch war Dr. Bergers Idee gewesen. Ein Tagebuch ihrer Symptome, ihrer Gedanken, ihrer Realitätsüberprüfungen. Manchmal half es ihr, manchmal fühlte es sich an, als würde sie ihre eigene Verrücktheit dokumentieren.

Als sie ihre Wohnung verließ, schloss sie die Tür zweimal ab und überprüfte den Griff dreimal. Eine weitere Gewohnheit, die ihr Sicherheit gab. Der Flur ihres Wohnhauses war leer, nur das leise Summen der Neonröhre an der Decke durchbrach die Stille. Mia ging zügig zum Aufzug und drückte den Knopf. Sie wohnte im fünften Stock eines älteren Gebäudes am Stadtrand. Es war ruhig hier, was sie schätzte. Weniger Menschen bedeuteten weniger Stimulation, weniger Verwirrung.

"Er wartet unten auf dich. Er will dich mitnehmen," flüsterte die sanftere Stimme.

Mia ignorierte sie und starrte auf die Anzeige über dem Aufzug, die die Stockwerke zählte. 3...2...1...Erdgeschoss. Mit einem Ding öffneten sich die Türen. Der Aufzug war leer. Natürlich war er leer. Sie trat hinein und drückte den Knopf für das Erdgeschoss.

Die Fahrt nach unten dauerte nur Sekunden, aber Mias Herzschlag beschleunigte sich trotzdem. Öffentliche Verkehrsmittel waren eine Herausforderung. So viele Menschen, so viel Lärm, so viele Eindrücke. Aber sie hatte einen System entwickelt – Kopfhörer aufsetzen, Musik hören, den Blick auf ein Buch oder ihr Handy richten, Atmung kontrollieren.

Als der Aufzug im Erdgeschoss ankam, setzte Mia ihre Kopfhörer auf und wählte eine Playlist mit ruhiger Klaviermusik. Sie verließ das Gebäude und ging die Straße entlang zur Bushaltestelle. Der Himmel war bewölkt, aber es regnete nicht. Eine angenehme Brise wehte durch die Bäume am Straßenrand. Mia konzentrierte sich auf diese Details, auf die reale Welt um sie herum.

Der Bus kam pünktlich, und sie stieg ein, zeigte ihre Monatskarte vor und setzte sich auf einen Einzelplatz am Fenster. Die Fahrt zur Praxis von Dr. Berger dauerte etwa zwanzig Minuten. Mia versuchte, sich in ihr Buch zu vertiefen – einen historischen Roman über das alte Rom – aber die Worte wollten heute nicht recht Sinn ergeben. Stattdessen beobachtete sie die Stadt durch das Fenster, die an ihr vorbeizog.

Dr. Bergers Praxis befand sich in einem modernisierten Altbau in der Innenstadt. Mia mochte das Gebäude mit seiner Jugendstilfassade und den hohen Fenstern. Es strahlte eine gewisse Beständigkeit aus, eine Kontinuität, die sie beruhigend fand. Sie betrat die Praxis und meldete sich bei der Rezeptionistin an, einer freundlichen Frau mittleren Alters namens Frau Keller.

"Guten Morgen, Mia. Dr. Berger ist bereit für Sie. Sie können gleich durchgehen."

Mia nickte dankbar und ging den vertrauten Flur entlang zu Dr. Bergers Sprechzimmer. Sie klopfte leise an und öffnete die Tür, als sie ein "Herein" hörte.

Dr. Berger saß wie immer hinter ihrem Schreibtisch, eine schlanke Frau Ende fünfzig mit kurzen, grauen Haaren und einer modernen Brille. Sie lächelte, als Mia eintrat, und deutete auf den bequemen Sessel ihr gegenüber.

"Guten Morgen, Mia. Wie geht es Ihnen heute?"

Mia setzte sich und legte ihr Notizbuch auf den kleinen Tisch zwischen ihnen. "Ganz gut, denke ich. Die Stimmen waren heute Morgen da, aber nicht besonders aufdringlich."

Dr. Berger nickte und machte sich eine Notiz. "Haben Sie Ihre Medikamente regelmäßig genommen?"

"Ja, wie...



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