Schenker | Anaxagoras oder Der Nord-Süd- Konflikt | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Schenker Anaxagoras oder Der Nord-Süd- Konflikt


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7528-8451-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-7528-8451-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Anaxagoras, ehemals Orakelpriester zu Delphi, nunmehr Insasse des Seniorenheims "Elysium" draußen vor Athen, blickt auf sein bewegtes Leben zurück. Er erzählt von der goldenen Zeit in Athen, die vorbei ist, von den Persern, vom Nacktturnen im Gymnasium, von der blutigen Chirurgenpraxis seines Vaters, vom Unterricht bei Chloe im Eroscenter, von den Zärtlichkeiten des väterlichen Freunds im Kriegszelt, von seiner Eheschließung und der damit vollzogenen Fusion einer Öl- und einer Weinfirma, von der Hetäre Kleopatra, von seiner Orakeltätigkeit in Delphi und von seiner Flucht in die Volksrepublik Sparta... Die Alltäglichkeiten des klassischen Altertums, so wie sie in diesen Aufzeichnungen des Anaxagoras berichtet werden, ähneln irgendwie unserer Gegenwart... Aber Anaxagoras sagt, die Akropolis sehe aus wie ein Schutthaufen. Und aus Schutt baut Walter Schenker seine Erzählwelt. Schutt der Geschichte: das sind Wörter wie "Eros", "Gymnasium", "Demokratie", das sind all die Klischees, die so bequem und fast unmerklich unsere Gegenwart deuten, weil sie als geschichtlich tradiert über die Zweifel erhaben scheinen, und mit denen gründlich abgerechnet wird. Schenkers Roman erschien erstmals 1981, zur Zeit also der "Zürcher Jugendunruhen". Der "Tages-Anzeiger" Zürich sah damals eine Verwandtschaft zwischen dem Anarchisten Anaxagoras und jener Bewegung.

Walter Schenker, Prof. Dr., geboren in Solothurn, lebt in Trier. Von ihm erschienen die Romane "Professor Gifter" (Rowohlt 1979/BoD 2007), "Anaxagoras" (Rowohlt 1981/BoD 2006), "Eifel" (Ammann 1982/BoD 2005), "Gudrun" (Ammann 1985/BoD 2006), "Am andern Ende der Welt" (Ammann 1988), "Manesse" (Ammann 1991, Neuauflage bei BoD 2008), "Zum roten Stiefel" (BoD 2005), "Leider/Solothurner Geschichten" (Kandalaber 1969), "Soleil" (Phi 1981) und "Engelsstaub" (Ammann 1986). "Porta Nigra" (BoD 2008)
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GÄRAS / das Alter


Vorgestern waren sie wieder da, die nächste Generation und die übernächste. Um genau zu sein, waren diesmal anwesend die Familie meines Sohnes Jason sowie meine Töchter Iphigenie, Helena und Nausikaa mit ihrem kompletten Anhang; entschuldigen ließen sich – wie mir beteuert wurde, zu ihrem größten Bedauern – mein Ältester, Theseus, sowie die beiden Jüngsten, die Zwillinge Herakles und Ödipus, aber sie würden das nächste Mal ganz bestimmt auch wieder kommen.

Meine Frau ist mir im Tod vorausgegangen, eine Lungenentzündung vor vier Jahren. Im Frühling waren es genau vier Jahre.

Die Kinder wissen dann nicht recht, was man reden soll, und eigentlich haben wir uns auch nicht viel zu sagen, das Leben geht sichtlich weiter, meine Enkel lockern zum Glück etwas auf, werden aber sofort in die Schranken verwiesen, wenn es bei mir einen schlechten Eindruck hinterlassen könnte, also wissen auch meine Enkel nicht mehr, wie sie sich anlässlich der Besuche bei mir verhalten sollen, und langweilen sich bestimmt zu Tode. Behaglich ist niemandem, auch mir nicht. Vorgestern hat Nausikaa ihren Ältesten etwas auf der Flöte spielen lassen, langgezogene Töne, für sein Alter sicher beachtlich, eine melancholische Melodie, musikalisch bin ich nie gewesen, er besucht jetzt auch schon das Gymnasium, ja, es geht schnell, und dann bringe ich ständig die Namen meiner Enkel durcheinander, was gelegentlich zu Verstimmungen geführt hat, nein, das ist nicht Agamemnon, Agamemnon ist doch der Sohn von Helena und noch nicht so groß, das hier ist Nikias, so dass ich auf die Namensnennung besser verzichte, vielleicht bedarf es nur kurzer Jahre, und ich kann auch die Namen meiner Kinder nicht mehr auseinander halten. Dabei habe ich Nausikaa, meine jüngste Tochter, immer ganz besonders gemocht.

Immerhin, noch weiß ich, weshalb mich meine Nachkommenschaft in schöner Regelmäßigkeit hier überhaupt besuchen kommt.

Ich wohne seit dem Tod meiner Frau in so einem Seniorenheim, dem sie den Namen »Elysium« gegeben haben, an sich also Aufenthaltsort vor allem der Heroen und sonstigen Götterlieblinge. Die Terrasse, auf der ich meine Familienbesuche empfange, ist schön, in der Tat. Ich bin auch froh, dass sich mein Seniorenheim, das übrigens nur Staatsbeamte oder deren Witwen aufnimmt, etwas außerhalb von Athen befindet, mehr Richtung attische Riviera. Die Akropolis, Athens Prestigeobjekt, ist zu sehen, aus der Ferne freilich sieht sie aus wie ein Schutthaufen, weil die Neubauten darauf zwar zu vermuten, aber nicht zu erkennen sind. Reisende aus Kleinasien, wo der städtische Komfort deutlich höher liegen muss, waren immer wieder erstaunt, wenn sie dieses mächtige Athen zum ersten Mal sahen, diese engen, verschlungenen Gassen, was ja noch romantisch gewesen wäre, doch wenn ihnen dann all diese Gerüche in die Nase stiegen, sagten sie: Athen stinkt. Die kostspielige Akropolis freilich nahmen sie aus, all diese Prachtbauten hier oben, sagten sie, entschädigten sie für das andere. Diese Bauten sind aber auch aus anderen Geldern erbaut, als sie uns der bescheidene Export erbracht hätte, der ja praktisch nur aus Öl besteht und aus Wein.

Ich erhalte meine staatliche Pension für meinen ehemaligen Job als Orakelpriester in Delphi und später, ohne Orakeltätigkeit allerdings, im Poseidontempel auf Kap Sounion.

Selbstverständlich machen sie nicht aus diesem Grunde ihre regelmäßigen Familienbesuche. Aber meinen Kindern und möglicherweise selbst den Kindeskindern ist bekannt, dass ich aus meiner Zeit in Delphi ein kleineres Vermögen mitgebracht habe, das übrigens den gleichen Geldern entstammt, denen wir diese Neubauten auf der Akropolis zu verdanken haben, und eben dieses mein Vermögen bewirkt es, dass sich meine Verwandtschaft regelmäßig auf der Terrasse des Seniorenheims »Elysium« versammelt.

Der Blick auf Athen ist jedes Mal eines der Hauptgesprächsthemen. Diese phantastische Aussicht, sagt beispielsweise Iphigenie, sie sei jedes Mal wieder verzaubert; Iphigenie eignete schon immer ein gewisser Hang zum Pathos, den sie nur von ihrer Mutter haben kann. Aber ich finde die Terrasse gerade in solchen Situationen äußerst praktisch, mindestens zur Aussicht fällt garantiert irgendjemandem etwas ein, und sei es auch nur die trockene Frage Jasons, wie groß denn eigentlich genau die Distanz zwischen Athen und dem »Elysium« sei, auf die ich die Antwort schuldig bleiben muss. Gelt, du hast es schön hier, Papa, fragt Nausikaa, aber sie erwartet meine Bestätigung von vornherein und leitet damit das andere Hauptgesprächsthema ein, nämlich die Frage nach meinem Befinden, gesundheitlich und sonst, in erster Linie aber gesundheitlich. Dazu aber später.

Ich werde mich hüten, es mir in irgendeiner Weise anmerken zu lassen, wie sehr Nausikaa mein Lieblingskind ist noch heute, dann nämlich ist der Krach sofort da wegen Delphi, und die Versammlungen meines Nachwuchses im »Elysium«, die sich auf neutraler Distanz bewegen, würden unerträglich. Nausikaa – natürlich hängt es mit der ganzen Odyssee zusammen, wo der irrende Odysseus auf der Insel der freundlichen Phäaken strandet, nackt, Gesangesstimmen von Mädchen hört, sich mit Zweigen das Geschlecht verhüllt, Gesangesstimmen von Nausikaa und ihren Gespielinnen beim Wäschewaschen, natürlich die Homer-Lektüre im Gymnasium, während der ich eingeschlafen bin. Aber diese Beziehung, die Nausikaa höchstens fühlt … Vielleicht ist es ein wenig so, wie meiner verstorbenen Frau seinerzeit Ödipus, der mich so selten besucht, ans Herz gewachsen war. Also, die verwandtschaftlichen Sitzungen auf der Terrasse des »Elysium« würden ein Horror mindestens für mich, wenn ich den anderen sichtbar meine Tochter Nausikaa irgendwie bevorzugen würde, und sei es mit einem Blick, ganz abgesehen davon, dass ich es auch einfach deswegen nicht mache, weil Nausikaa leider, leider einen Mann bekommen hat, der sich meiner Meinung nach als ihrer nicht würdig erweist. Dies jedoch war nicht vorauszusehen, damals, als ich die Hand meiner jüngsten Tochter zu vergeben hatte, war er, dessen Namen ich der Nachwelt nicht überliefere, ein vielversprechender junger Mann, gebildet, und dass er heute nur noch schnelle Pferde im Kopf hat, war in keiner Weise vorauszusehen, ich bedaure Nausikaa, kann ihr kein Zeichen meiner Zuneigung geben, die leise und nicht unrealistische Hoffnung bleibt mir altem Mann, dass dem Gatten meiner Tochter Nausikaa in Ausübung seines Hobbys noch vor meinem Ableben etwas Menschliches zustößt.

»Und Nausikaa trat zum lieben Vater und sagte: / Lieber Papa, lass mir doch einen Wagen bespannen, / hoch, mit schönen Rädern; damit ich die kostbare Kleidung, / die mir im Schmutze liegt, an den Strom hinfahre, zum Waschen.«

Erinnerungsfetzen vom Gymnasium her, und plötzlich tauchen sie auf, und ich kann mich noch so sehr fragen, wieso gerade das, vielleicht habe ich ausgerechnet an dieser Stelle nicht geschlafen im Gymnasium, und Nausikaa hat ihren Namen davon.

Und dann passiert es, Iphigenie sagt etwas beinahe Poetisches vom Sonnenuntergang, die ganze Gesellschaft beginnt zu schweigen, Blick auf das Abendrot über Athen, meine Enkel, wenn sie sich äußern, werden stumm zurechtgewiesen, ach, und dann könnte ich meinen Kindern, so schwach ich bin, Ohrfeigen geben bei Sonnenuntergang und eintretender Dämmerung auf der Terrasse des »Elysium«, Ohrfeige um Ohrfeige, dass es nur so knallt, was keinen Sinn hätte übrigens, ich belasse es bei der Bemerkung: Kein Vergleich mit einem Sonnenuntergang auf Kap Sounion. Was sie für die Bemerkung eines senilen Mannes halten, obwohl sie stimmt. Vielleicht hasse ich irgendwie dieses Athen und hasse es gerade, weil es mir so tief sitzt, hasse und liebe zugleich, ich habe gesagt, die Akropolis, ein Schutthaufen aus der Ferne, ich habe gesagt, Fremde aus dem Osten geben zu verstehen, Athen, von diesen Neubauten oben auf diesem Hügel abgesehen, sei ein Alptraum. Aber ich möchte nicht noch einmal jung sein, nein, nur das nicht.

Die Söhne haben meine Töchter vorgeschickt, und die haben mir – Iphigenie zuvorderst, Nausikaa in Schweigen und Helena so ganz sachlich – vom »Elysium« erzählt, Athen ganz nahe, dort baue man uns alten Menschen ein neues Haus. Es werde Mitte der nächsten Olympiade fertig gestellt sein, ein Haus zum Wohlfühlen, zum Nocheinmal-zu-Hause-Sein, auch mit einer wahrhaften Fülle von Einrichtungen: Unterhaltung, Gymnastik, Freizeit, Kultur (wir gehen sogar öfter nach Athen ins Theater), Geselligkeit aber auch, Gesundheitsfürsorge und Therapie, und wohnen werde ich als mein eigener Herr in vier Wänden, geachtetes Mitglied einer Gemeinschaft zugleich von Altersgenossen, mit denen ich mich sicher verstehen werde, und jüngere, hilfsbereite Wesen würden alles tun, mir ein Alter in Würde und Sorglosigkeit zu bereiten. Helena sodann berichtete von den Räumlichkeiten, dem Festsaal, gedacht für Konzerte, Theater,...



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