E-Book, Deutsch, 292 Seiten
Schenker Engelsstaub
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7528-8447-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Protokoll mit Anhang
E-Book, Deutsch, 292 Seiten
ISBN: 978-3-7528-8447-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Die Droge ermöglicht Assoziationsketten, die im Wortsinn irrwitzig erscheinen, luzide Gedankengänge von Länge, aus denen das Objekt des Denkens entschwindet, schließlich die Vorstellung, vom Atomtod oder Erde als einem ästhetischen Schauspiel, das niemanden betrifft. Das einzige Ziel dieses Schreibens ist das Schreiben selbst, ob wohl das ich sich vom Stil des 'nouveau roman' distanziert. 'Es war eine schöne Reise' - Und ein gut geschriebenes Buch, das sich jeder Sinngebung oder Interpretation durch den Leser in den Trip entzieht.' Jürg Scheuzger in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG
Autoren/Hrsg.
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Freitag. Die Hinfahrt
Wir parkten das Auto auf dem Platz neben der Post beim Bahnhof. Durch die beschlagenen Scheiben sahen wir das graugelbe Licht, in das in der damaligen Frühe der ganze Platz getaucht war. Er war leer. Sonst, tagsüber während der Woche, steht er voller parkender Autos.
Hier könnte bequem ein Hubschrauber landen, dachte ich für mich und sah prüfend zum Himmel und wieder auf den Platz.
Drüben bei den Bussteigen wartete bereits der Bus. Seine Innenbeleuchtung war schwach zu erkennen.
Als wir von zu Hause wegfuhren, Brigitte hatte den Herd noch ein zweites Mal kontrolliert, dass er abgeschaltet war, versuchte ich im Dunkel die Papageiensiedlung jenseits der Ebene auszumachen, aber es war kein Licht zu erkennen. Die Papageiensiedlung hat ihren Namen, weil die Wohnblocks dort grellbunt bemalt sind. Sie wurde aus dem Boden gestampft. Es ist nicht sicher, ob die Leute in der Papageiensiedlung überhaupt wissen, dass sie in der Papageiensiedlung wohnen, denn der Name hat was von Spott.
Während ich diese Sätze schreibe, kommt mir im Zusammenhang mit der Papageiensiedlung ein Satz von Goethe in den Sinn, den ich mir gestern rausgeschrieben hatte.
Ich gehe und hole das Kärtchen, auf das ich ihn notiert habe.
Er lautet: »Unter einem heitern und blauen Himmel ist eigentlich nichts bunt, denn nichts vermag den Glanz der Sonne und ihren Widerschein im Meer zu überstrahlen.«
Goethe hat dies unter dem Himmel von Neapel geschrieben. Ich schlage die Stelle nach.
»Die lebhafteste Farbe wird durch das gewaltige Licht gedämpft.«
Ich möchte doch nur so wie gestern in aller Ruhe lesen, was Goethe über seine italienische Reise schreibt.
Und dann kommt dieser Zwang, und ich schreibe über die Papageiensiedlung und den Bus, mit dem wir nach Paris fuhren damals.
Die Nacht war auf der Kippe zum Tag.
Damals dachte ich nicht an Goethe in Italien, sondern an Globi in Paris.
Globi ist ein Fabelwesen zwischen Mensch und Tier. Seine Haut ist blau. Er hat einen großen gelben Schnabel. Er trägt rot-schwarz karierte Hosen und eine Baskenmütze. Er hat einen Schwanz. Sein Name kommt vom Warenhaus Globus, nach dem die Globus-Krawalle benannt sind, die im heißen Sommer 1968 in Zürich ausgebrochen waren, und als es Jahre danach zu den Jugendunruhen kam in Zürich, bewegten sich diese um ein gleiches Autonomes Jugendzentrum wie zuvor die Globus-Krawalle von 1968, als das Globus-Provisorium eines werden sollte. Von Globi gibt es unzählige Kinderbücher mit links Zeichnungen und rechts Versen. Einzelne Titel lauten: ›Globi als Soldat‹, ›Globi der Kinderfreund‹, ›Globi bei den Indianern‹ und so weiter. Und der Titel eines dieser Globibücher lautet: ›Globi in Paris‹. Ob ich will oder nicht, jedes Mal, wenn ich nach Paris fahre, kommt mir Globi in den Sinn. Als Globi zum ersten Mal mit der Metro fuhr, klemmte er sich seinen Schwanz in der Tür ein.
Als er das Lächeln der Mona Lisa sah, wurde ihm mulmig.
Ist Globi in Paris nicht sogar mit einem Flugzeug unter dem Triumphbogen hindurchgeflogen?
Globi an der
Lauter Kindheitserinnerungen an Paris, die ich nicht hätte ohne Globi.
Wir brauchten nur über die Straße zu gehen, um zum Bus zu gelangen.
***
Engelsstaub. Das Wort ist inzwischen aus der Mode gekommen. Ich konnte es in keinem Wörterbuch finden. Auch Langenscheidts Großwörterbuch Deutsch-Französisch vermeldet lediglich:
und damit Schluss.
Aber Engelsstaub gibt’s, den Wörterbüchern zum Trotz.
Engelsstaub ist ein verschwindend kleines Stück Chemie und lässt Heroin und LSD weit hinter sich im Schatten.
Engelsstaub gestattet Supertrips. Ungeahnt und schön. So schön, dass alles unendlich weit weg ist. Und es kann sein, dass man sich mit einem Messer den Arm durchschneidet oder mit der Axt ein Bein abhackt. Es kann auch sein, dass man fliegen zu können meint und unten auf der Straße zerschmettert.
Das alles ist Engelsstaub. Nur das Wort scheint verloren gegangen zu sein.
***
»Wir pflegen gewöhnlich die Liebhabereien zu bunten Farben barbarisch und geschmacklos zu nennen.« Goethe in Neapel an der schon einmal nachgeschlagenen Stelle. Und auch: Neapel sehen – und sterben.
***
Aus einer Illustrierten herausgerissene Bilder aus Texas. (Überschrift der Reportage: »Giftige Spiele«.)
Der mit einem gebogenen Eisen aufgesperrte Rachen einer Schlange vor einem roten Hemd. Die Schlange ist lilabraun und hat gelbe Ringel – eine Klapperschlange.
Ein altes Paar, Touristen, beide mit einer ausgestopften Klapperschlange in der Hand, lächelnd, zum Fotografieren hingestellt, für die Erinnerung.
Larry Webb lässt sich Klapperschlangen in den Schlafsack schaufeln. Nachher wird er – schön langsam – herauskriechen. Das Dunkel und die Wärme im geschlossenen Schlafsack machen die Tiere ruhig, aber nicht so ruhig, dass sie nicht jeden Augenblick zubeißen könnten.
Dann heult Larry Webb. Die miesen zappelnden glitschigen Biester im Schlafsack haben’s wieder mal geschafft. Larry schreit auf und schwitzt und zittert. Gewebe wird ihm herausgeschnitten.
Später wird Larry Webb seine Narben zeigen »wie Tapferkeitsmedaillen«.
Ein Bild vom aufgeschnittenen Arm mit dem blutroten Fleisch.
Ein später aufgenommenes Bild vom stolz hochgehaltenen Arm mit den Narben.
***
Wir stiegen in den Bus. Die Reiseleiterin hakte unsere Namen auf der Teilnehmerliste ab. Der Fahrer verstaute unseren Koffer unten im Gepäckraum. Im Bus drin war diese Art Panikbeleuchtung eingeschaltet. Viele Plätze waren leer. Die wenigen Leute schwiegen oder unterhielten sich gedämpft, übertönt vom im Leerlauf brummenden Motor. Die Aschenbecher an den Sitzen waren nicht zu öffnen.
Beinahe wehmütig sah ich hinunter zu unserer giftgrünen Celica, was ja heißen soll: die Himmlische. Einsam stand sie, von Dunkel umhüllt, auf dem leeren Platz und sollte in ein paar Stunden inmitten parkender Autos von Postkunden stehen, sodass niemand auf die Idee käme, sie sei hier abgestellt wegen einer Busreise nach Paris. Der Bus zitterte vom leerlaufenden Motor. Es war wie immer bei einer Reise, dass sich ein Gefühl der Erleichterung einstellte, wenn für ein paar Stunden nichts mehr zu denken war, es war wie im Flugzeug, wenn mit dem Anschnallen von allem abgeschaltet werden konnte.
Zwingli befand sich im Tierheim St. Franziskus (Zwingli: unser Siamkater). Am Vorabend hatte er seinen großen Auftritt im Fernsehen. Bei der Sendung war er aber schon im Tierheim und konnte es selber nicht sehen. Das Fernsehen vom Südwestfunk Mainz war am Dienstag für ein paar mit mir wegen der gerade erschienenen Erzählung »soleil« in unsere Wohnung gekommen, da schnupperte Zwingli an all den Geräten herum, und das Fernsehteam ließ ihn sogar in all die Kabel reingrapschen. Was sich bewegt, interessiert ihn eben. Ich hatte, unter anderem, erklärt, schreiben würde ich unter einem inneren Zwang und meine Vergangenheit, die hätte ich »gekillt«, in irgendeinem Zusammenhang mit »soleil«, dieser Geschichte zwischen Tag und Traum, derentwegen wir ja nun auch zu einer Lesung nach Paris fuhren. Dann sagte ich bei laufender Fernsehkamera: Zwingli komm! Und wie ein Hündchen, aber er ist kein Hündchen, sprang Zwingli neben mich aufs Sofa, und ich fügte dem hinzu, des Katers Sprache sei das Hochthailändische, und ich hätte mich allerdings auch schon gefragt, ob ich mich seinerzeit über die Sprache des Reformators Zwingli nicht für die Katze habilitiert hätte. Aber auch: wie ich die Katze bewunderte, dass sie nicht alles und jedes gleich in eine Schublade zu tun gebrauchte, sondern das, was sie sah, wenn sie am Fenster saß, ständig neu durchging von links nach rechts und von oben nach unten. Und hält das aus, weil sie so völlig in sich selbst ruht. Das kam dann alles in der Sendung »Magazin regional Kultur«. Ob der Kater sich im Fernsehen erkannt hätte? Wenn er vor dem Spiegel ist, meidet er es, sich darin in die eigenen Augen zu geraten. Aber wenn das Fernsehen Vögelchen bringt, prankt er nach ihnen, bis sie weg sind. Ach ja, gestern noch das Fernsehen und heute in aller Herrgottsfrühe auf nach Paris, da war es kein Wunder, dass die Müdigkeit in den Gliedern saß bei Brigitte und bei mir. Der Gedanke an die Fernsehsendung hatte das Einschlafen verzögert, und der Gedanke an Paris erst recht.
Die Reiseleiterin erklärte noch, dass sich nur wenige für die Reise nach Paris angemeldet hätten, und dass wir deswegen zuerst nach Saarbrücken führen und von dort aus dann gemeinsam mit den Reisegästen, die in Saarbrücken zustiegen, im gleichen Bus nach Paris.
***
»Jetzt, da das Alter kommt, will ich wenigstens das Erreichbare...




