E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Schenker Gudrun
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7528-8446-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 340 Seiten
ISBN: 978-3-7528-8446-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Walter Schenker, Prof. Dr., geboren in Solothurn, lebt in Trier. Von ihm erschienen die Romane "Professor Gifter" (Rowohlt 1979/BoD 2007), "Anaxagoras" (Rowohlt 1981/BoD 2006), "Eifel" (Ammann 1982/BoD 2005), "Gudrun" (Ammann 1985/BoD 2006), "Am andern Ende der Welt" (Ammann 1988), "Manesse" (Ammann 1991, Neuauflage bei BoD 2008), "Zum roten Stiefel" (BoD 2005), "Leider/Solothurner Geschichten" (Kandalaber 1969), "Soleil" (Phi 1981) und "Engelsstaub" (Ammann 1986). "Porta Nigra" (BoD 2008)
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Traumhaft kommt mir vor und schemenhaft nur der Ort, da ich geboren sein muss, Königsberg. Ich hätte meine Mutter befragen können, kam sie doch nie los von den Erinnerungen an damals, sodass wir Kinder ihr, begann sie aus jenen Zeiten zu erzählen, sagten, denn es erschien uns peinlich: Mutter, aber hör doch bitte auf davon. Immer wieder wollte Mutter davon anfangen, bei den unpassendsten Gelegenheiten, Geburtstagen, Hochzeiten, Beerdigungen. Aber Mutter, lass doch, sagten wir. Sie schwieg dann. Und heute ist mir schmerzlich, dass ich die Erinnerung nicht zusammenbringe, lediglich ein paar Schimmer davon, in denen ich es mit eigenen Augen aus dem Gedächtnis sehe: Königsberg, meine früheste Kindheit, bevor wir flüchten mussten, da war ich ungefähr drei Jahre.
Aber man kann schon Erinnerungen haben, die früher sind als drei Jahre.
Ich sehe einen Garten mit Kieswegen, der meiner eigenen Erinnerung entstammt, denn von jener Zeit gibt es keine Familienfotografien. Ich sehe einen Wagen, hoch gepackt, alles schien unheimlich zu eilen, ich hatte meine Puppe noch im Garten.
Mutter schrie: Gudrun, Gudrun. Ich höre ihre Schreie wie gegenwärtig im Gedächtnis. Und ich war enttäuscht, als sie mich im Garten entdeckte und wegriss.
Dies sind nur Schimmer oder Fetzen.
Meine Geschwister kann ich nicht befragen. Ich bin die Älteste.
Letzthin am Tag der deutschen Einheit hörte ich im Radio Lieder aus allen Gegenden, die einmal deutsch waren, ich hörte wie gebannt, und ein Gefühl von riesenhafter Heimat bildete sich in mir.
Ich könnte zur Zeit gar nicht hin, wo ich herkomme.
Als ich in Bonn studierte, gab es in der Mensa öfter Königsberger Klopse. Hatte ich die Wahl, nahm ich ein anderes Gericht. Ich mochte sie nicht, diese festen Fleischkugeln, die kaum Eigengeschmack besaßen und mit einer weißlich hellgrauen Soße übergossen waren. Doch jedes Mal, wenn ich mir anstelle dieses Gerichts ein anderes geben ließ, hörte ich die Worte meines Vaters, als stände er neben mir und raunte sie mir zu, so wie er sie in unserer Kindheit regelmäßig sprach, wollte eines von uns ein Gericht nicht essen aus irgendeinem Grund: Gudrun, du sollst dies nicht verschmähen.
»Verschmähen« war Vaters Wort dafür.
Ich sah es auf der Karte. Königsberg gehört zu Russland.
Uns Kinder belustigte, waren wir unter uns, Vaters Wort »verschmähen«, andererseits war uns noch während des Lachens bange davor, dass es morgen wieder fiel, falls etwas auf den Tisch kam, was einen unweigerlich leise ekelte.
Das aber war Jahre später und nicht mehr in der Gegend, die Mutter als die alte Heimat bezeichnet.
Bei meiner Geburt war Vater im Krieg. Er war Offizier.
Mutters alte Heimat bleibt in ihren Augen nicht nur ihre, sondern unser aller alte Heimat, in der man sommers regelmäßig den Urlaub an der Küste verbrachte – »man«, das war die bessere Gesellschaft Ostpreußens, dessen Hauptstadt Königsberg war, Mutter als Tochter eines Gutsbesitzers gehörte ihr seit jeher an und Vater als Leutnant und Studienrat seit seiner Vermählung, und so begaben sich meine Eltern zusammen mit der Gesellschaft über den Sommer zum Urlaub an die Küste der Ostsee, bis zum Kriegsausbruch. Vater hatte nach seiner Referendarzeit seine Assessorenstelle angetreten, doch da er, auf die dringende Empfehlung eines Professors, bei dem er das Staatsexamen ablegte, als Student an Wehrübungen teilgenommen hatte, zogen sie ihn nun, kurz vor der Umwandlung seines Dienstverhältnisses auf Anwartschaft in ein solches auf Lebenszeit, in den Kriegsdienst ein. Wegen Vaters Bewährung als Leutnant im Kriegsgeschehen wurde er schon anlässlich des ersten Urlaubs in einem Königsberger Gymnasium, dessen Namen ich nicht weiß, zum deutschen Beamten auf Lebenszeit vereidigt.
Ich wurde am 14. September 1940 in Königsberg geboren. Die Frage auf den amtlichen Formularen nach dem Aufenthaltsort am 1.9.1939 entfällt bei mir. Es kommt vor, dass ich gefragt werde, wo denn Königsberg sei. Und selbst meine Geschwister, die heute in alle Winde zerstreut sind, haben keine Ahnung, wie es damals gewesen sein muss, und aus welchem Grund sollte sie Mutters alte Heimat interessieren. Ohne meine Mutter wüssten vielleicht auch sie nicht, dass es eine Stadt dieses Namens gibt oder wo sie liegt, hätte Mutter ihnen die alte Heimat nicht unermüdlich heraufbeschworen, dass selbst ich ihr sagte: Ach, Mutter, lass das doch jetzt.
Ende 1943 verließ Mutter mit uns Königsberg. Vater muss Einblicke in die Geschehnisse an der Ostfront erhalten haben, die ihn nur das Schlimmste ahnen ließen, und im Urlaub veranlasste er Mutter, unmittelbar mit uns westwärts zu gehen, bald würde es nicht mehr möglich sein, westwärts nach Greifswald zu den Verwandten, die wir dort hatten, dorthin würde er uns folgen.
Nach dem Zusammenbruch in Stalingrad 1943 schien Vaters Glaube an den Sieg zur Gänze erschüttert. Sie überrollen uns, muss er meine Mutter verzweifelt gewarnt haben, so wie er es später berichtete: Unsere alte Heimat haben sie einfach überrollt, und nie werde ich sie wiedersehen, und ich will sie nicht sehen, solange die Bolschewiken dort sind. Es ging damals ums nackte Überleben. Ohne Vaters Ahnung wäre ich nicht mehr am Leben. Viel später las ich es auch, wie die russischen Soldaten am Kriegsende plünderten, vergewaltigten alle Mädchen und Frauen, brandschatzten, mordeten. Sowjetpanzer und Tiefflieger schossen die Flüchtlingstrecks auf den Landstraßen zusammen. Mutter und wir, wir hätten es nicht überlebt.
Mutter ließ das Haus in Königsberg so, als kehrten wir nach kurzer Zeit wieder zurück. Vater hatte es so angeordnet, und nur den kleinen Karren mit dem Nötigsten zog sie mit, den Nachbarn aber sagte sie, wir gingen nur vorübergehend zu Verwandten, ein Onkel väterlicherseits liege im Sterben, und es würde allerhand zu ordnen geben.
So kommt es, dass mein Gedächtnis an Königsberg erst da lebendig wird, wo ich Königsberg verlassen habe. Ich sehe nur die Puppe auf dem Kies, höre Mutter rufen, schreien: Gudrun. Ich sehe noch den Wagen, Vater wird ihn gepackt haben, und die Trauer ist noch gegenwärtig in meinem Gedächtnis geblieben, jetzt den Garten verlassen zu müssen.
Sonst lässt mich das Gedächtnis im Stich. Alles ist weg. Und ich habe doch sicher öfter mit der Puppe gespielt in Garten und Haus.
Während der sommerlichen Urlaubszeit an der Küste müssen Kurkonzerte stattgefunden haben. Ich weiß es von Mutter.
Da bleiben nur die Bücher.
Die Schriften Kants, beispielsweise sie.
Oder die Gestalt Kants. Sie war klein. Die Kleider mussten mit Hilfe künstlicher Mittel befestigt werden, da sie am muskelschwachen Körper keinen Halt gefunden hätten. Die Brust war eingefallen. Der rechte Schulterknochen trat hinten etwas hervor, nicht stark, aber sichtbar. Die Augen waren blau. Gesundheitsregeln waren auf die Schwäche des Körpers berechnet. Sein Tod war ein »Aufhören des Lebens und nicht ein gewaltsamer Akt der Natur«, wie sein Schüler Wasianski feststellte. Fichte äußerte 1791: »Sein Vortrag ist schläfrig.« Die Wörter wollen sich immer weniger zu Sätzen bilden. Die Erinnerung nahm ab. Früher schon war das linke Auge erblindet, auch die dreifache Brille reichte nun nicht mehr zur Lektüre. Eine süße Speise ließ sich nicht mehr von einer sauren scheiden. Sein Wohnhaus wurde bald zur Gaststätte für Billard, das Billardspiel war sein einziges Vergnügen während der Studentenzeit. Zur Hundertjahrfeier 1881 der »Kritik der reinen Vernunft« stieß man im Grab auf zwei Skelette, das eine wurde identifiziert. 1950 wurde der Sarkophag Kants von unbekannten Tätern aufgebrochen.
In Königsberg muss der Name des Philosophen bis zur Einnahme der Stadt am 18. März 1945 geläufig gewesen sein. Ich schließe es daraus, wie Mutter der Name zeitlebens ein Begriff geblieben ist: Ja, ja, Gudrun, Kant, der Philosoph, war ebenso Königsberger wie du und ich.
Ich las in der Tageszeitung und habe es ausgeschnitten.
»Kriegsende jenseits der Oder-Neiße-Linie im Frühjahr 1945: In Königsberg, Breslau oder Danzig rollen Fahrzeuge durch die von Trümmern übersäten Straßen, Trampeln von Stiefeln, ungeduldiges Trommeln an den Türen. Männer und Frauen weichen erschrocken zurück.«
Ich entnahm es dem Tagebuch von Goebbels:
»Die Sowjetsoldaten bemächtigen sich in den deutschen Ostgebieten vor allem der Branntweinvorräte, betrinken sich sinnlos, kleiden sich in Zivil, setzen sich Hut und Zylinder auf und fahren mit Fahrrädern gen Osten. In einzelnen Dörfern und Städten sind alle Frauen zwischen zehn und siebzig Jahren ungezählte Male vergewaltigt worden.«
Als Gymnasiastin versuchte ich Kant zu lesen. In Vaters Bibliothek entdeckte ich die »Kritik der praktischen Vernunft«. Ich wollte von vorne...




