Schenker | Zum roten Stiefel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 296 Seiten

Schenker Zum roten Stiefel


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7528-8352-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 296 Seiten

ISBN: 978-3-7528-8352-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



"Es macht Spaß, Schuhhändler zu sein, und wenn ich mich, was vorkommt, ärgere, rede ich mir den Spaß wieder ein." Der Besitzer des Schuhgeschäfts "Zum roten Stiefel" in Solothurn erzählt sein Leben. Er lässt sich von seinen Erinnerungen tragen und treiben, und aus einem "Gefühl von Vergänglichkeit" heraus schreibt er auf, was ihn gerade beschäftigt, was ihn einmal beschäftigt hat: Tradition, Fortschritt, Krieg, Konkurrenz, Pubertät, Kunst, Ehe, Affären, Markt und Kapital, elf Kapitel im Ganzen. Hellwach registriert er, was um ihn herum geschieht in der Schweizer Kleinstadt und was sich verändert in der weiten Welt. In der eigenen Lebensgeschichte zeigen sich die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten fünfzig Jahre. Aus der Erfahrungswelt des Schuhhändlers heraus kommt er immer wieder zu verblüffenden Einsichten. Alles wird aus einer mittleren Distanz erzählt und geht einem gerade dadurch nahe. Es wird erzählt mit einer gelassenen Direktheit, zuweilen mit einem spöttisch-ironischen Unterton. Dieser Mann will niemandem gefallen, auch sich selber nicht. Er macht sich nichts vor, macht auch denen nichts vor, die ihm nahe stehen. Die Sprache ist präzise, sachlich, hat nie etwas Gesuchtes, ist locker und leicht. Und dabei geht es in dem, was gesagt wird, nicht nur um leidige Kleinigkeiten des Alltags, sondern mitunter auch um Schweres und Schwieriges. Wird hier aus einem Schuhhändler ein überzeugender Autor, oder versetzt sich der Autor überzeugend in die Rolle eines Schuhhändlers hinein? Wie dem auch sei, wer das Buch liest, liest es mit Vergnügen und Gewinn.

Walter Schenker, Prof. Dr., geboren in Solothurn, lebt in Trier. Von ihm erschienen die Romane "Professor Gifter" (Rowohlt 1979/BoD 2007), "Anaxagoras" (Rowohlt 1981/BoD 2006), "Eifel" (Ammann 1982/BoD 2005), "Gudrun" (Ammann 1985/BoD 2006), "Am andern Ende der Welt" (Ammann 1988), "Manesse" (Ammann 1991, Neuauflage bei BoD 2008), "Zum roten Stiefel" (BoD 2005), "Leider/Solothurner Geschichten" (Kandalaber 1969), "Soleil" (Phi 1981) und "Engelsstaub" (Ammann 1986). "Porta Nigra" (BoD 2008)
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Tradition


Ich bin ein Schuhhändler. Das Schuhgeschäft, das ich führe, trägt den Namen zum roten Stiefel. Es hat eine – nicht unproblematische – Familientradition.

Mein Großvater gründete es im Jahr 1911, Jahre also vor der Roten Revolution in Russland, aber dass es auf den Namen zum roten Stiefel getauft wurde, hat mit dieser nichts zu tun – was sich der Großvater dabei gedacht hatte, weiß ich nicht. Der älteste Sohn, mein Vater, musste ins Geschäft, zwei Söhne konnten studieren, die Tochter heiratete einen Stöckli, und der jüngste Sohn, mein Onkel Willy, ging später auch ins Geschäft. Es war Krisenzeit, dann kam der Krieg. Der Großvater war froh, dass er das Geschäft meinem Vater und dem Willy verkaufen konnte. Dann kamen die Nachkriegsjahre mit der Hochkonjunktur, und jetzt merkten die anderen Geschwister plötzlich, dass das Geschäft zu gut rentierte, und wohl vor allem der Stöckli hetzt den Willy auf, man solle doch die Kollektivgesellschaft der zwei Brüder in eine Familien-AG umwandeln, die anderen Geschwister wollten sich am Geschäft auch beteiligen. Und der Willy, ohnehin enttäuscht, dass sein ältester Bruder zwar spät, aber doch noch geheiratet hat und deshalb kein Erbonkel war, scheint sich ausgerechnet zu haben, es sei besser, wenn er mit dem Stöckli und den anderen Geschwistern gemeinsame Sache mache: da er so eine Mehrheit hinter sich habe, könnte er den ältesten Bruder einfach aus dem Geschäft werfen und schließlich alleiniger Geschäftsinhaber werden. Einmal nach Ladenschluss jedenfalls überrumpeln die Geschwister mit Willy den ältesten Bruder, und wie sie sehen, dass mein Vater auf den Handel nicht eingehen will, sondern an seinem Pult ruhig weiter die gerade aufliegende Geschäftskorrespondenz erledigt, ziehen sie sich erbittert zurück. Anschließend ein sich über Jahre hinziehender, fast aussichtsloser Zivilprozess. In dieser Situation trat auch ich ins Geschäft ein. Schließlich, der Umsatz ging zurück, kam es zu einer Versteigerung, wir boten mehr, mein Onkel Willy wurde ausbezahlt und schied aus. Und seit dem Tod meines Vaters, der 1976 an den Folgen einer Prostataoperation verstorben ist, bin ich der Inhaber des Roten Stiefels in Solothurn.

Dies in aller Kürze.

Solothurn ist überhaupt, wie es einmal wörtlich geheißen hat, eine kleine Stadt mit großer Tradition.

Das Geschäft bestand ursprünglich nur aus der Liegenschaft 15 an der Hauptgasse. Die Liegenschaft 13 kam erst später dazu. Sie konnte recht billig – Krisenzeit – aus einem Konkurs gekauft werden. Nach dem Krieg hat man die Mauern der beiden Häuser zum Teil durchbrochen und den Hinterhof überbaut. Eine Fotografie existiert mit dem Großvater als Patron vor dem Geschäft. Er steht genau unter dem roten Stiefel, der über dem Eingang angebracht ist. Damals war er aus Holz. Ich erinnere mich, ihn noch im Keller gesehen zu haben, bevor er irgendwann zum Abfall () kam. Später war er aus Blech. Diesen roten Stiefel aus Blech habe ich drin an der Treppe, die hinauf in die Herrenabteilung führt, aufgestellt einfach so zur Dekoration. Draußen hängt jetzt einer aus Plastik. Zwei Mal schon haben ihn Lastwagen beim Vorbeifahren touchiert und beschädigt. Beide Male konnte ich ihn selbst reparieren, indem ich ihn wieder zusammengeklebt habe.

Auf der Fotografie mit dem Großvater sieht der hölzerne rote Stiefel aus wie ein Galgen.

Der Rote Stiefel als Verhängnis? Etwa gerade als mein Verhängnis?

Nein. Entschieden nein. Denn ich bin so ziemlich aus eigenem Entschluss, also nicht gezwungenermaßen, Schuhhändler geworden. Und ich bereue es nicht. Es macht mir Spaß, Schuhhändler zu sein, und wenn ich mich, was vorkommt, mal ärgere, rede ich mir den Spaß wieder ein. Nein, ich bin zufrieden als Schuhhändler.

Aber mein Werdegang zum Schuhhändler war nicht geradlinig – eben, weil ich es nicht gezwungenermaßen geworden bin.

Als Kind zwar wollte ich von Anfang an Schuhhändler werden, wie mein Vater einer war. Immer, wurde ich gefragt, was ich werden wollte, wenn ich groß bin, sagte ich selbstverständlich: Schuhhändler. Auch dann meine Kameraden in der Primarschule nahmen es für selbstverständlich, dass ich, als der Schuh-Schenker, einmal Schuhhändler würde. Und kaum war ich in der Schule, begann ich Schuhlöffel zu verkaufen, für fünfzig Rappen das Stück. Das begann spielerisch. Dass meine Großmutter (mütterlicherseits) mich fragte, als ich ihr einen Schuhlöffel schenken wollte: Was willst du dafür haben? Und ich den richtigen Preis nannte: Fünfzig Rappen. Ich bekam ein Fünfzigrappenstück. Dann wurde es ernst. Es gab die Schuhlöffel aus Celluloid mit aufgeprägtem Firmensignet Schenker zum roten Stiefel in den verschiedensten Farben. Ich schaffte mir ein kleines Lager an und bot sie systematisch allen Erwachsenen, die ich kannte, feil und hatte meist Erfolg. Stolz vermerkte ich, wenn es hieß: Ganz der zukünftige Schuhhändler. Schuhlöffel wurden im Geschäft an gute Kunden gratis abgegeben, regulär aber für fünfzig Rappen verkauft. Was ich betrieb, war also strenggenommen Diebstahl und Verkauf von Diebesgut. Aber mein Vater, auch stolz auf den geschäftstüchtigen Sprössling, duldete es, so dass ich, wenn ich mein Lager ergänzte, mich nicht heimlich, sondern unter den Augen der Verkäuferinnen aus der Schublade am Packtisch bediente. Ständig trug ich mindestens einen Schuhlöffel in der Hosentasche, den ich verkaufen konnte. Das Geschäft lief, wie gesagt, gut. Mit dem Erlös kaufte ich mir zusätzliche Spielautos, Dinky Toys, die ich im Spielwarengeschäft Hirsig aussuchte.

Weil mein Vater gezwungenermaßen ins Geschäft musste, blieb ihm das Gymnasium verwehrt. Er hatte darunter gelitten. Bewusst wurde mir das, als wir mit dem neuen Opel Kapitän einen der ersten Sonntagsausflüge nach Sarnen am Sarnersee machten. Das war 1954, denn in diesem Jahr kam der erste Opel Kapitän mit Pontonkarosserie heraus, und ich war elf. Wir hatten die Vesper in der Klosterkirche besucht und das Sarner Jesuskind geküsst, diese Porzellanpuppe mit dem bestickten beigefarbenen Kleid und den weißen Strümpfen, und bevor wir ins Tea-Room auf der anderen Straßenseite gingen zu Kaffee und Patisserie und – für mich – Eis, spazierten wir auf dem Gelände der Klosterschule, wo mein Vater vor der Banklehre die Realschule besucht hatte. Da blieb mein Vater vor einem Gebäude stehen, das mir, lag es an den dunklen Bäumen oder am in meiner Erinnerung verhangenen Himmel, düster vorkam. Er machte mich aufmerksam auf das Portal mit den paar Treppenstufen, über dem in Großbuchstaben das Wort stand. Diese Schrift hätte er sich damals angeschaut, aber da habe ihn sein Vater am Ärmel genommen und gesagt: Das ist nichts für dich, du gehst zur Realschule. Mein Vater erzählte es beiläufig, aber ich spürte, es war ihm tief gegangen damals. Ich schaute mir die für ihn unüberwindlichen paar Treppenstufen an. Seine Zukunft im Schuhgeschäft war ihm unweigerlich vorbestimmt, und das Gymnasium ist ein Traum geblieben.

Das war bei mir nicht so.

Als wir in Sarnen vor dem Gymnasium standen, war gerade die Frage offen, welche weiterführende Schule ich besuchen sollte. Mein Vater hätte es zwar gern gesehen, wenn ich an die Bezirksschule und dann an die Handelsschule gegangen wäre. Aber da kam etwas dazwischen, so dass auch meinem Vater, gottgläubig, wie er war, einleuchtete, dass es eine höhere Macht gab. Und das Gymnasium war für mich kein Traum, sondern die schiere Notwendigkeit.

Ich wollte nämlich, ziemlich plötzlich, Priester werden.

Längst verkaufte ich keine Schuhlöffel mehr.

Meine Eltern fragten mich: Bist du dir da sicher?

Ich war mir sicher.

Die Großmutter freute sich und betete.

Wenn das mit dem Priester nicht dazwischen gekommen wäre, hätte ich wohl nicht das Gymnasium besucht.

Und als sich, eine gewisse Zeit darauf, mein Plan, Priester zu werden, zerschlagen hatte, verdankte ich es vielleicht sogar Onkel Willy, dass ich weiter am Gymnasium bleiben konnte. Denn was gab es für ein Theater, als mir am Gymnasium das Provisorium drohte und der Mathematiklehrer zu Hause anrief wegen meinen bedenklichen Noten. Zuerst das schweigende Abendessen, um so schriller klirrte das Besteck auf den Tellern. Nach dem Essen verzog ich mich sofort in mein Zimmer. Ich sah die Schulbücher und die Schulhefte. Dann kam der Vater herauf und sagte mit gepresster Stimme: Kannst noch herunter kommen (). Und ich ging wieder ins hintere Zimmer, setzte mich an meinen Essplatz unter dem fürchterlichen Ölgemälde mit den Alpen aus dem Lötschental. Der Vater setzte sich auch und schwieg, bis er sagte: Ich möchte dich um deine Stellungnahme bitten. Ich sagte: Ich weiß auch nicht. Wieder Schweigen. Dann: Es ist ausdrücklich dein Wunsch gewesen, ans Gymnasium zu...



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