E-Book, Deutsch, Band 1, 228 Seiten
Reihe: Anna und ...
Scherf Anna und ...
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-7606-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit 60 Jahren, nun aber!
E-Book, Deutsch, Band 1, 228 Seiten
Reihe: Anna und ...
ISBN: 978-3-6957-7606-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach der Mittleren Reife arbeitete Elisabeth Scherf zunächst in einer Hotelküche, ging ein Jahr als Au-pair Mädchen nach England, machte die Ausbildung zur Kindergärtnerin und arbeitete danach sechs Jahre als Erzieherin auf der Psychosomatischen Abteilung der Universitätskinderklinik in Hamburg-Eppendorf. Nach dem Begabtenabitur studierte sie Pädagogik und Soziologie an der Uni Hamburg und arbeitete danach als Studienrätin VR in Hamburg. Ihre Tätigkeit als Lehrerin unterbrach sie für ein einjähriges Graduiertenstudium an der Central School of Speech and Drama in London und übernahm anschließend nebenberuflich fünfzehn Jahre die künstlerische Leitung des Hamburger Richtertheaters (www.richtertheater.de). Im Rahmen eines Promotionsstipendiums hielt sie sich ein Jahr Paris und ein Jahr in Rom auf. Nach ihrer Pensionierung nahm sie das Studium der Sinologie an der Universität Hamburg auf und lebte ein Jahr Shanghai. Seit 2006 widmet sie sich der Bildhauerei und unterrichtet als Privatlehrerin die Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Chinesisch. 2011 verbrachte sie drei Monate in New York und nahm dort am Gotham Writers Workshop teil. 2015 lebte sie zwei Monate in Wien für einen Poetry-Kurs und weitere Inspirationen am Writers Studio. Ausgewählte Publikationen: - anders denken: eine Welt ohne Geld. von allem weniger und von Liebe mehr. Roman 256 S., Paperback: 978-3-8391-2102-3, E-Book: 978-3-7412-1967-3, Books on Demand, 2016 - anders denken: ur-teilen heilen. 8 Menschen und 1 Bauernhaus. Roman 256 S., Paperback: 978-3-7322-4590-1, E-Book: 978-3-8482-2007-6, Books on Demand, 2013 - anders denken - ewig leben. Memoiren-Roman 188 S., Paperback: 978-3-8448-0331-0, E-Book: 978-3-8448-9053-2, Books on Demand, 2012 Weiterführende Informationen zu Leben und Werk: Theaterstücke, Kurzgeschichten u.v.m.: www.elisabethscherf.de Blog zur Entstehung und Veröffentlichung der Roman-Trilogie anders denken: www.elisabethscherf.wordpress.com Skulpturen, Plastiken, Bilder: www.elisis-bildermappe.jimdofree.com
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1.Kapitel
„…Nein, lieber Felix-Vater, du kannst nicht zu mir ziehen und den letzten Lebensabschnitt deines Alters bei mir verbringen. Du hattest in diesem Leben alle Vorteile, die auf dieser Welt verteilt werden: du bist als Sohn auf die Welt gekommen. – Daumen hoch! – Deine Familie war nicht nur reich, sondern international und gebildet. Du durftest jeden Entwicklungsschritt selbst entscheiden und er wurde bezahlt. Bei mir war das anders. Ich bin eine Frau. Großvater hat mich von klein auf, gleich nach Mamas Tod „übernommen“ und oft, besonders am Anfang „kurz-gehalten“. Ich war das Versuchskaninchen für den Gegenentwurf zu dir. Vieles durfte ich nicht, musste es mir verdienen, immer wieder über meine Grenzen gehen. Mit sieben Jahren ist das nicht leicht einzusehen. Zu der Zeit warst du zweiunddreißig und ein weltgewandter „Hallodri“, wie Großvater immer gesagt hat. Warum hast du eigentlich nicht um mich gekämpft, eine von deinen Häusern zu deiner bevorzugten Bleibe gemacht und mich zu dir geholt? Nein, Papa, von mir darfst du nichts erwarten. Du erntest deine Saat, Geld genug hast du wie immer, eine Tochter nicht. Einem Kind ist man nicht nur der Erzeuger. Um es zu seinem Kind zu machen, muss man zum Vater werden, zum Kümmerer, zum Gebenden, bevor man weiß, ob etwas zurückkommt. Du warst für mich immer der bildhübsche Mann im weißen Anzug. Jetzt bist du Fünfundachtzig. Das muss noch nicht das Ende sein, zwanzig Jahre mindestens könnten noch vor dir liegen. Man kann sein Leben jeden Tag neu beginnen.
Ich wünsche dir gute Einfälle dazu. Die Mittel sie umzusetzen, die fehlen dir nicht.
Als Kontakt biete ich dir an: alle sechs Monate einen Briefwechsel zwischen uns. Das wäre ehrlich. Fast ein kleiner Anfang.
Ich grüße dich. Mit guten Wünschen
Anna“
Nachdem sie einen Moment innegehalten hat, drückt sie auf „Senden“ und klappt ihren Laptop sanft zu.
Ihre Gedanken gehen zu ihrem Großvater, ihrem eigentlichen „Vater“, der seit vierzig Jahren nicht mehr in „Fleisch und Blut“ ihr unmittelbar Nächster ist. Aber wie oft ruft sie innerlich bei ihm an. Zumindest unmittelbar nach seinem Tod war das so. Sie war Zwanzig, als er diese Welt verlassen hat. Das Abitur lag, mit der vom Großvater erwarteten sehr guten Note, hinter ihr und gemeinsam mit ihm hatte sie die Programme von Universitäten in England gesichtet. Natürlich sollte der erste Schritt ihrer Berufsausbildung in England liegen. Erstens war dies das Land des Webens, der qualitativ besonders ausgewählten, hochwertigen Stoffe und Tuche und zweitens würde sie auf diese Weise gleichzeitig ihre Zweitsprache lernen, Englisch. Sie hatte gerade die ersten zwei Jahre, was bedeutete sechs Trimester mit Projekten, Prüfungen und Präsentationen, erfolgreich abgeschlossen und plante die nächste Studienstufe: Textildesign, da kam am Morgen nach der Abschlussfeier in St. Martins in London die Nachricht, dass es dem Großvater in Hamburg sehr schlecht gehe und sie umgehend nach Hamburg zurückkommen müsse.
Sie hatte nicht an eine ernste Erkrankung des Großvaters geglaubt, zu sehr passte diese Schocknachricht in einem Moment der Entspannung in das Erziehungskonzept des Großvaters. Relativ frohgemut kam sie deswegen am Flughafen in Hamburg an. Sie war nicht überrascht, als sie von Herrn Ahrens, dem Chauffeur und Georg, seinem Sohn abgeholt wurde. Er hatte sie gleich am Flughafen mit dem Ernst der Situation vertraut gemacht.
„Ihr Großvater kann kaum noch aufstehen. Er wartet dringend auf Sie, Frau Weberlein. Ich habe gesehen, Sie haben nur wenig Gepäck, aber ich fürchte, Sie müssen bleiben. Der Tag X ist gekommen.“
So war sie gut ausgebildet und viel zu jung die neue Besitzerin und Chefin der Familienfirma „Weberlein“ geworden. In dritter Generation.
Im Haus gab es damals bei ihrer Ankunft als Kind als einzige Frau die „Frau Hedwig“. Frau Hedwigs Zuneigung galt nur dem Großvater und Annas Erzeuger, „dem Felix“ wie die ihn immer nannte. Diesen Namen „Felix“ kannte sie nur als Ursache für Mamas Tränenströme.
„Meine kleine Anna“, hatte die Mutter oft in ihre Locken geweint, „dein Papa heißt Felix, das heißt der Glückliche, aber das ist er für sich, nur für sich, nicht für mich und nicht für dich. Mein Vater hatte mich gewarnt. Aber wie kann ein so schöner, kluger und lustiger Mann andere so unglücklich machen?“ Das hatte sich in ihre Erinnerung eingegraben und auch dies: traue keinem Wort, es muss nicht die Wahrheit sagen. Aber Worte, Wörter liebte sie. Mama hatte ihr von klein auf erst Bilderbücher ohne Wörter, dann mit Bildern und wenigen Wörtern und schließlich Bücher ohne Bilder vorgelesen. An einem besonderen Abend hatte die Mama sie noch einmal ins Wohnzimmer gerufen, sich in den Sessel gesetzt und Anna auf das Sofa, eine Decke um sie gekuschelt und gesagt:
„Anna, Bücher sind deine besten Freunde. Es sind nur schwarze Linien auf Papier, aber die können in dir die ganze Welt nachbauen. Mit einer Geschichte aus einem Buch kannst du noch fast Tausende von Jahren nachdem etwas passiert ist, nachfühlen, mitfühlen, was Menschen erlebt haben. Welche Wünsche sie hatten und welche Schwierigkeiten sie bewältigen mussten und darüber kannst du dann manchmal heute noch weinen oder lachen.“
„Was war die erste Geschichte, Mama?“ hatte die sechsjährige Anna gefragt.
„Die passierte in Mesopotamien, Anna. Das ist eine traurige Geschichte. Morgen schauen wir im Atlas nach, wo Mesopotamien war, ja? Heute heißen diese Länder anders. Aus diesen Ländern kommt die Kultur.“
„Was ist Kultur?“
„Wenn etwas viel größer ist, als es auf den ersten Blick erscheint.“
„Und woher weißt du das alles, Mama?“
„Meine Mutter hat doch bei meinem Vater studiert. Archäologie. In der Archäologie erfährt man über vergangene Zeiten. Meine Mutter war eine seiner ersten Studentinnen gewesen. Früher durften Frauen nicht alles.“
„Darf ich alles, Mama?“
„Alles? Na, bestimmt nicht, aber erlesen und erlernen kannst du viel. Bücher bewahren alles Wissen.“
„Wie heißt die traurige alte Geschichte?“
„Gilgamesch-Epos. Gilgamesch ist ein Name, und Epos bedeutet, dass erzählt wird, wie etwas nach und nach passierte.“
„Und was passierte in der Geschichte?“
„König Gilgamesch war zur Hälfte ein Mensch und zur Hälfte Gott. Das heißt, er hatte zur Hälfte einen fleischlosen Körper.“
„Was war das dann, Mama“
„Was an uns Menschen göttlich ist, das ist unser Geist.“
„Was ist Geist, Mama?“
„Das ist alles das, was nicht Materie ist. Materie kannst du anfassen. Wenn du lachen musst oder weinen musst, dann ist meist etwas in deinem Geist, was du durch Lachen oder Weinen ausdrückst. Wörter sind die Verbindung zwischen Geist und Materie. Wenn du einmal etwas nicht weißt, dann musst du zu den Büchern gehen.“
„Ist die alte Geschichte von dem König auch lustig?“
„Nein. die Geschichte von dem König ist traurig. Sein Freund „Enkidu“ stirbt und da wird der König Gilgamesch sehr, sehr traurig, ja, verzweifelt und geht auf die Suche nach Unsterblichkeit. Er will ewig leben.“
„Mama, musst du auch sterben?“
„Alle Menschen müssen sterben!“
„Nein!“
„Doch, doch, diese Tatsache fand Gilgamesch auch so furchtbar, aber am Schluss musste er einsehen, dass alle Menschen sterben. Wegen dieser Suche nach Unsterblichkeit ist Gilgamesch immer noch für uns Menschen wie ein Bruder.“
Die Mutter lacht.
„Ich sterbe nicht und du sollst auch nicht sterben, Mama.“
„Wird gemacht“, hatte die Mutter damals gesagt und Anna auf ihren Schoß gesetzt. So hatte Anna Bücher ohne Bilder lieben gelernt. Die Wörter stehen auf und laufen herum, hatte Anna gedacht. Komischerweise war das nicht bei allen Büchern so. In manchen Büchern blieben alle Wörter auf der Buchseite liegen. Die brachte Anna dann in die Bücherei zurück. Sie hatte sehr früh lesen gelernt.
Wie verzweifelt war sie nach dem viel zu frühen Tod ihrer Mutter als Achtjährige gewesen, als der Großvater ihr ein altes Kopfkissen mit einem Gewirr aus unterschiedlich farbigen und unterschiedlich dicken Fäden übergeben hatte mit den Worten:
„Wenn du hieraus eine Tasche machen kannst, dann stecke ich sie proppenvoll mit Geldscheinen. Dann hast du schon einmal das Geld, um den hinteren Teil des Pferdes zu kaufen, das du dir so sehnlichst wünschst.“
Sie kannte ihren Großvater schon gut. Sein spöttisches Lächeln hatte ihr klargemacht, dass er nicht an sie glaubte. Wie kurz war in diesem ersten Jahr der Moment gewesen, wenn er von der halbgeöffneten Tür ihres Zimmers sein pflichtschuldiges „Gute Nacht, Anna! Schlaf gut!“ rief. Seine...




