Scherf | Sind alle Deutschen so wie du? | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 568 Seiten

Scherf Sind alle Deutschen so wie du?

...viel gemacht und Vieles richtig... Eine Autobiografie
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-1916-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

...viel gemacht und Vieles richtig... Eine Autobiografie

E-Book, Deutsch, 568 Seiten

ISBN: 978-3-7597-1916-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mein Leben möchte ich erzählen. Normal beginnt es und wird so weit. Zwei Jahre in London, eins in Paris, eins in Rom. Alles als verbeamtete Lehrerin. Wie geht das? Dann ein Jahr Shanghai, drei Monate New York und zwei Monate Wien. Erfolge als Regisseurin, Ausflüge ins Bildhauern, ins Malen, immer Cello im Streichquartett spielend. Zwei Ehemänner, ein Kind. Begeistert für Doppelkopf, Ma Jong und Bridge. Vor allem Freundinnen und Freunde. Ohne geht gar nichts. Kein Wunder, dass ich dankbar bin und froh. Sehr froh!

Nach der Mittleren Reife arbeitete Elisabeth Scherf zunächst in einer Hotelküche, ging ein Jahr als Au-pair Mädchen nach England, machte die Ausbildung zur Kindergärtnerin und arbeitete danach sechs Jahre als Erzieherin auf der Psychosomatischen Abteilung der Universitätskinderklinik in Hamburg-Eppendorf. Nach dem Begabtenabitur studierte sie Pädagogik und Soziologie an der Uni Hamburg und arbeitete danach als Studienrätin VR in Hamburg. Ihre Tätigkeit als Lehrerin unterbrach sie für ein einjähriges Graduiertenstudium an der Central School of Speech and Drama in London und übernahm anschließend nebenberuflich fünfzehn Jahre die künstlerische Leitung des Hamburger Richtertheaters (www.richtertheater.de). Im Rahmen eines Promotionsstipendiums hielt sie sich ein Jahr Paris und ein Jahr in Rom auf. Nach ihrer Pensionierung nahm sie das Studium der Sinologie an der Universität Hamburg auf und lebte ein Jahr Shanghai. Seit 2006 widmet sie sich der Bildhauerei und unterrichtet als Privatlehrerin die Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Chinesisch. 2011 verbrachte sie drei Monate in New York und nahm dort am Gotham Writers Workshop teil. 2015 lebte sie zwei Monate in Wien für einen Poetry-Kurs und weitere Inspirationen am writers studio. Weiterführende Informationen zu ihren Publikationen, Leben und Werk, Theaterstücken, Kurzgeschichten, Skulpturen, Plastiken, Malerei und Zeichnungen sind auf ihren Webseiten zu finden: www.elisabethscherf.de
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Kapitel 1
Die Familie


Meine Eltern


In diesem Monat bin ich seit vierundachtzig Jahren auf der Erde. Ich sehe auf einen riesengroßen Kreis von Leben zurück. Allem voran taucht Luise in meinen Gedanken auf, meine wunderbare Mutter, die als Erziehungsmittel nie ein schlechtes Gewissen benutzt hat. „Darf ich deine Mutter ‘mal in den Arm nehmen haben mich Freundinnen früher oft gefragt. „Gerne!“ habe ich geantwortet und nie gefragt, warum. Ich konnte das verstehen.

Meine Mutter muss 1894 geboren sein.

Erst lange nach ihrem Tod bin ich dem Geheimnis ihrer ungewöhnlichen Unabhängigkeit auf die Schliche gekommen. Als ich noch nicht erwachsen war, überraschte uns alle – das waren mein Vater, meine vier älteren Schwestern und mein älterer Bruder – ihr unabhängiges Urteilsvermögen und ihr konsequentes Verhalten, das ganz auf ihren Gefühlen und ihren Einschätzungen beruhte.

Mein Vater war Küster an der Marienkirche in Minden in Westfalen. Zum Beginn der neuen Stelle hatte meine Mutter alle Putzaufgaben der Kirche tatkräftig mit übernommen. Blumenschmuck- und Organisationsaufgaben hat mein Vater allein getätigt. Nachdem ein Jahr in dieser Arbeitsverteilung vergangen war, hat meine Mutter zu meinem Vater gesagt: „Ein Jahr lang habe ich nicht nur meine Aufgaben in unserem großen Haushalt gemacht und unseren großen Garten zum Verkauf von Obst und Gemüse besorgt, sondern ich habe dir umfassend zur Seite gestanden und Kirche und Konfirmandensäle geputzt. Nicht ein einziges Mal habe ich das Wort „Danke“ von dir gehört oder eine Anerkennung bekommen. Von nun an mache ich nur noch meine Aufgaben.“ Alles Bitten meines Vaters half nichts. Sie hatte ihre Erfahrung gemacht und damit basta.

Meine Eltern genossen im Rentenalter immer sehr ihr allmorgendliches Frühstück. Eines Morgens saßen sie um den Frühstückstisch. Mein Vater hatte einen gepflegten Schnurrbart und trank seinen Kaffee aus einer großen Schnurrbart-Tasse, extra groß mit Porzellanriegel-Stopper für den Schnurrbart.

Meine Mutter schenkte sich an diesem Morgen zum zweiten Mal eine Tasse Kaffee ein. „Luise, denkst du auch an mich? Lass für mich noch etwas übrig!“ fragte mein Vater besorgt. „Bestimmt!“ antwortete meine Mutter. Mein Vater aß alles ‘trocken‘, weil er gelesen hatte, dass das gesünder sei. Als er nun zum Kaffee bereit war, schob er meiner Mutter seine große Schnurrbarttasse hin. Meine Mutter schenkte ihm Kaffee in die Tasse. Als sie voll war, goss sie weiter. Sogar die Untertasse füllte sie mit Kaffee, schließlich floss das köstliche Nass über den Untertassenrand auf die frische, weiße, gestärkte Tischdecke. Die Augen meines Vaters wurden immer größer und schon während dieser Überflutung stieß er hervor: „Genug! Hör auf! Was machst du?“ Aber meine Mutter hatte mit belustigtem Gesicht weitergegossen. Dann setzte sie die leere Kanne ab, sah meinen Vater an und sagte erheitert: „Ich wollte dir zeigen, was ich für dich ‘überhabe‘.“

Eng an eine Seite des Kirchturms schloss sich ein ehemaliges Kloster für Frauen an. In diesem Kloster lag die Dienstwohnung meines Vaters und dort bin ich im Wohnzimmer am 25. Februar 1939 in meinen kleinen Körper geschlüpft. Mein Vater war während der ‚Roaring Twenties‘ in Berlin eine ganz schlimme Nummer gewesen – glaube ich. Von Tante Trude, damals bereits die verwitwete Frau des großen Bruders meines Vaters, habe ich alle Informationen über meinen Vater erhalten. Mein Onkel, der Mann meiner Tante, war nach dem Ersten Weltkrieg Förster im Berliner Grunewald. Er hatte meinem Vater den Posten eines Sprengmeisters vermittelt. Mein Vater wollte eigentlich Opernsänger werden und die ihm von der Natur verliehene Tenorstimme wäre die richtige Voraussetzung gewesen. Mein Vater muss 1899 geboren sein, denn er war fünf Jahre jünger als meine Mutter und meine Mutter war fünfundvierzig Jahre alt bei meiner Geburt. So habe ich das ausrechnen müssen und mich dabei gefragt, ob die meisten Menschen die Geburtsjahre ihrer Eltern kennen. Ich jedenfalls kannte sie bis jetzt nicht.

Heute scheint mir nicht unwesentlich zu sein, in welcher geschichtlichen Epoche meine Eltern ihr Leben bewältigen mussten. Zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert müssen die Europäer, zumindest die Österreicher und Deutschen kriegsgeil gewesen sein. Ich weiß, dass mein Vater am Krieg ‘teilgenommen‘ hat. Die Haltung meines Vaters kenne ich nicht. Blutjung muss er in den Krieg eingezogen worden sein. Wenn meine Rechnung stimmt, dann war er 1914 zu Beginn des 1. Weltkrieges sechzehn Jahre alt. Sprengmeister im Grunewald muss er dann in seinen Zwanzigern gewesen sein. Mannomann! Als Jugendlicher zum Krieg eingezogen zu werden! Er hat auch ein wenig Französisch aufgeschnappt. Häufig hat er scherzhaft vor sich hin geträllert:“ Toujour, toujour traivailler! Travailler nix bon!“

Lieber Vater, hätten wir Kinder gewusst, dass man dir so gemein deine Jugend gestohlen hat, dann wären wir ganz anders mit deinem Verhalten umgegangen. Du hast zu wenig, ja, fast gar nichts von dir erzählt. Ganz wenige „Dönekes“ – wie man solche kleinen Erinnerungsgeschichten in Minden in Westfalen nannte. Ich erinnere mich nur daran, dass du sauer darüber gewesen warst, so viele Kinder zu haben. Aber wer hat Mutter denn neun Mal schwanger gemacht? Gertrud, meine fünf Jahre ältere Schwester, hat einmal kühn zu meinem Vater gesagt, dass wir Kinder nichts dazu könnten, dass wir auf der Welt seien.

Mit uns zu reden, um von unseren Freuden und Leiden zu erfahren, das kam ohne emotionale Vorwürfe nicht vor. Eines Tages, ich war wohl vierzehn Jahre alt, hat er wütend zu mir gesagt: „Merkst du gar nicht, dass ich seit einem halben Jahr nicht mehr mit dir rede?“ „Nein“, habe ich geantwortet, „wie sollte ich das gemerkt haben? Du hast noch nie mit mir geredet.“

Du hast ausgestrahlt, dass du immer der Angeschmierte warst – – – ein wenig kann ich das in Bezug auf deine frühen Jahre nun verstehen. Wie streng deine ehrgeizige Mutter war, das haben wir alle selbst mit ihr als unsere Großmutter erfahren. In ihrem Riesengarten wuchsen viele Früchte, aber wir sollten alle mit den Händen auf dem Rücken durch den Garten spazieren. Natürlich sind sechs Kinder sehr viele Münder und für sie entsprach das wohl einem Insektenschwarm, der die Ernte vernichtet.

Eine Geschichte, die mein Vater uns als gutes Beispiel immer wieder erzählt hat, war die von seinem eigenen Vater, der mit ihm und seinem älteren Bruder und seiner älteren Schwester sehr selten mal einen Ausflug gemacht habe. Sei man irgendwo eingekehrt? Nein, der Vater habe obendrein noch eine Reichsmark gefunden. Und so sei man hungrig, aber sehr erfolgreich und zufrieden abends wieder zu Hause angekommen.

Da kann ich heute nur wieder zu ihm sagen: „Warum hast du nicht deine Enttäuschung erzählt anstatt dieser enttäuschenden Geschichte, die für uns auch noch ein Beispiel für richtige Haltung sein sollte?“ So bist du leider immer wieder an unserer Zuneigung vorbeigeschrappt.

Du warst eigentlich ein lebensfroher Mensch, nach Tante Trudes Erzählungen warst du ein toller Tänzer, dem Alkohol offensichtlich zugeneigt und du hast nach eigenen Aussagen viel zu gerne und zu gut Karten gespielt. Käthe soll deine Verlobte geheißen haben. Sehr hübsch und sehr kess soll sie gewesen sein.

Dann bist du von Berlin nach Hause, nach Minden, zu deiner Mutter gefahren. Wer dich damals in das Missionszelt mitgenommen hat, das weiß ich nicht, aber du fühltest dich von ganzem Herzen angesprochen und hast dich an dem Abend ganz und gar dem christlichen pietistischen Glauben versprochen. Und später bist du auch Mitglied bei den „Blaukreuzlern“ geworden, einer christlichen Organisation zur Selbsthilfe bei Suchtkrankheiten. Das heißt, du hast gelobt, selbst dein Leben lang keinen Tropfen Alkohol mehr zu trinken und auch in deinem Haus niemals Alkohol auszuschenken.

Jedes Jahr kam der „Blaukreuzler“-Kalender ins Haus. Ein veritables Buch mit entsetzlichen Geschichten über Menschen, die durch Trunksucht Hab‘ und Gut und Frau und Kinder und Selbstachtung, Ehre und Leben verloren hatten. Ich habe diese realistischen, abschreckenden Geschichten in diesem Buch verschlungen. Und bin mein Leben lang Alkohol mit Respekt begegnet.

Mein Misstrauen gegenüber Alkohol hat zu interessanten Experimenten geführt. Gewöhnlich sind Gastgeber besorgt, auf jeden Fall genug Wein vorrätig zu haben. Ich nicht. Alle wissen, dass Wasser aus dem Wasserhahn - zumindest in Hamburg – unschlagbar rein und gut ist. Mich interessierte einmal, wie sich eine Gastrunde verhalten würde, wenn es zum großen Abendessen keinen Alkohol gäbe. Das habe ich bei einem meiner großen monatlichen Essen ausprobieren wollen. Mein Freund Reinhard kam als erster. Mit verschmitztem Gesicht habe ich ihm von meiner Absicht erzählt. Er war entsetzt, hat...



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