E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Schermer Sozusagen Liebe
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-311-70257-3
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-311-70257-3
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marijke Schermer wurde 1975 in Amsterdam geboren, wo sie auch heute noch als Dramatikerin und Autorin lebt. Ihr Roman Unwetter wurde von der Kritik hymnisch gelobt, NRC Handelsblad nannte ihn »einen Roman, der keine Wünsche offen lässt«, Trouw setzte noch einen drauf: »Ein explosives Thema, ein überraschender Höhepunkt und zutiefst menschliche Figuren. Marijke Schermer hat den perfekten Roman geschrieben.«
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Sommer
Aus den Fugen
Es vollzieht sich immer mehr oder weniger gleich: Sie sagen das eine und andere zueinander, sie trinken ein Glas Bier oder Tonic oder Wasser, manchmal duscht er, und dann gehen sie ins Bett. Es hat das richtige Verhältnis zwischen Leichtigkeit und Ernst. Es ist erregend, ungeniert, aber auch emotional. Manchmal schluchzt er in ihren Armen. Danach sind sie entspannt. Manchmal schlafen sie um ein Haar ein. Sie reden über ihre Arbeit, über ihre Kinder, er erzählt von der Naturkatastrophe, sie nimmt seine Frau in Schutz. Beim Essen bewundern sie die Aussicht. Sev wohnt sehr weit oben, von ihrem Fenster aus blickt man auf die Stadt, sieht, wie sich der Fluss durch sie hindurchschlängelt. Wenn die Zeit ausreicht, gehen sie danach wieder ins Bett. Er bringt nie etwas mit, keinen Wein, keine Blumen. Er bleibt nie über Nacht. Er sagt jedes Mal, dass es das letzte Mal sei. Sie ruft ihm ein Taxi und schaut zu, wie er unten einsteigt und sich wegfahren lässt.
Die Balkontür steht offen, aber der Vorhang ist gegen die Sonnenhitze zugezogen. Sev lehnt in der halbdunklen Küche an der Arbeitsplatte und schreibt David eine Nachricht. Sie stellt sich ihn bei ihm zu Hause in der Gorterlaan, wo sie nie gewesen ist, in seiner Küche vor. Wie er der Verzweiflung damit zu Leibe rückt, dass er seine Töchter umsorgt. Die sich das gerne gefallen lassen, alt genug, sich auch das Ihre dabei zu denken. Sev ist ihnen nie begegnet; alles, was sie über sie, über ihn und seine Frau weiß, weiß sie von ihm. Sie stellt sich alles vor.
Sie selbst hat an diesem Nachmittag ihren achtjährigen Sohn Hendrik zu seinem Vater gebracht. Nun hat sie gemischte Gefühle, einerseits verspricht die anstehende Woche mehr Freiraum, andererseits fehlt ihr auch etwas. Sie wartet darauf, dass David ihre Worte sieht und sie wissen lässt, dass sie angekommen sind, sie weiß, dass ihre Worte ankommen, genau deswegen hat sie sie versandt. Ein kabelloses Audiosystem füllt die Zimmer ihrer Wohnung mit Satie. David sagt, dass seine Ehe fünfundzwanzig Jahre lang glücklich gewesen sei, dass sein Leben glücklich gewesen sei, bis zu der Naturkatastrophe. Sie nimmt sich eine Flasche Bier, überlegt, was sie essen soll, etwas scharf Gewürztes, etwas Nicht-Kindgerechtes. Legt ihre Tasche auf den Tisch, sie könnte noch etwas arbeiten, später, wenn es endlich kühler geworden ist. Fünfundzwanzig Jahre Glück in Scherben, Sev weiß nicht, welches das größere Mysterium für sie ist, diese fünfundzwanzig Jahre oder der Gnadenstoß.
leuchtet auf dem Display ihres Handys auf. Sie schmunzelt. In vierundzwanzig Stunden wird David seine Hände auf ihren Körper legen. Darum ging es in ihrer Nachricht, um seine Hände, dass sie sie schon fühlt und wo. Sie denkt an das erste Mal, als sie mit ihm schlief, bevor sie sein Gesicht gesehen oder seine Stimme gehört hatte. Ein sorgfältig vorbereiteter Ablauf, sie hatte ihm jeden Schritt beschrieben, den er in ihrer Wohnung machen sollte. Sie hatte ihre Handlungen beschrieben, was sie tun würde, was sie von ihm erwartete. In der immer kürzer werdenden Spanne, bis er kommen würde, realisierte sie, dass sie trotz der Korrespondenz mit ihm nichts von ihm wusste. Als sie an jenem Nachmittag Wein einkaufte, kam ihr der Gedanke, dass er womöglich der schmuddelige Kerl mit dem schaumigen Speichel in den Mundwinkeln und einer Flasche Wodka in der Hand sein könnte. Sie dachte: Ein Lustmörder hätte ihrem Kennenlernen niemals so ausführlich und detailliert so viele Worte gewidmet, hätte niemals so intensiv und effektiv Sprachbalz betrieben. Sie war stark, physisch, kein Opfertyp, sie könnte ein Messer neben ihrem Bett deponieren.
Als er ihr verdunkeltes Schlafzimmer betrat, im Türrahmen auftauchte, dachte sie: Ein Mann, es ist kein Jüngling, sondern ein Mann. Er zog neben ihrem Bett seine Schuhe, sein Oberhemd und seine Hose aus, sie roch seinen Geruch, er schlüpfte unter die dünne Einziehdecke und legte den Kopf auf ihre Brust.
Es folgt ein Foto von seiner Pfanne. Er schickt oft Fotos von den Gerichten, die er zubereitet, sie zoomt die Dinge darum herum näher heran, probiert, das Puzzle durch Nebensächliches zu vervollständigen, durch Gewürze, die er verwendet, Zutaten, die er eingekauft hat, Messer, mit denen er schneidet, herumliegende Sachen von seinen Kindern, Trivialitäten des Alltagslebens, das er ihr vorenthält. Sie hat auch gleich Appetit auf Scampi.
Er hat noch nie gesagt, dass sie schön sei, oder etwas benannt, was er schön an ihr findet. Das gefällt ihr. Sie hat Freunde gehabt, die sie schön fanden, und sie hat Freunde gehabt, denen sie nicht schön genug war. Derartige Beurteilungen sind, auch wenn sie positiv ausfallen, immer erniedrigend. Wie er sie ansieht, wenn er sie berührt, wie er sich zurücklegt und sich ihr hingibt, wie er sich ihr Essen schmecken lässt und von seinem Leben berichtet, das ist es, worauf es ihr ankommt. Er sagt, dass ihre Unkonventionalität und ihr Ungebundensein eine Art Schutz vor dem Urteil anderer seien. Er sagt, dass er sie um ihre Freiheit beneide. Er sagt, dass es kein Unvermögen sei, keine Beziehung zu haben, als sie mal so etwas suggeriert, sondern dass sie einfach keine Beziehung wolle. Gerade in seinen Fehleinschätzungen klingt seine Bewunderung für sie durch. Sie macht ein Foto von ihrer Flasche Bier, schreibt etwas über seine Zunge und seinen Kopf zwischen ihren Schenkeln. Sie will ihn stören, den hingebungsvollen Vater.
Sie kennt ihn seit vier Monaten, und sie hat ihn nie in Gesellschaft erlebt, ist nie jemand aus seinem Leben begegnet, hat noch nie in der Öffentlichkeit mit ihm verkehrt. Lernt man einander so auf die reinste Weise kennen? Oder bleiben dadurch Seiten verborgen, die genauso bestimmend dafür sind, wie jemand ist? Auf einer Party hätte sie ihn sich vielleicht nicht herausgepickt. In ihrem Freundeskreis hätte sie ihn wahrscheinlich eher als den Mann von Terri gekannt, wenn überhaupt. Er ist wortgewandt und kann seine Gedanken auf den Punkt bringen, sie weiß, dass er kein Blender ist, dass er geistreich und schlagfertig ist, dass er liest und sich auf dem Laufenden hält und eine Meinung zu aktuellen Fragen hat, die sich nur in Nuancen von der ihren unterscheidet, sodass es sich gut diskutieren lässt. Aber sie glaubt auch zu wissen, wie reserviert er normalerweise in Gesellschaft ist, wie sehr er sich in seiner Familie verschanzt hatte und von etwas umgeben war, was man bei Leuten mit Familie häufiger antrifft: einer gewissen Unantastbarkeit. Da ist etwas, was sie zu Hause lassen, etwas, das sich der Außenwelt nicht mehr zu stellen und in seinem Umfang nicht an einem andern zu messen braucht. Genau deswegen hätten sie einander zu keinem anderen Zeitpunkt als jetzt, im Epizentrum seiner Krise, kennenlernen können. Weil seine Innenwelt so lange so gut geborgen war, weil jede Turbulenz in ihr durch Zufriedenheit, durch Selbstbeherrschung und Moral bezwungen war, ist sie jetzt, mitten im Sturm, eine schimmernde Perle. Sev kann nicht genug davon bekommen.
Er sagt, dass ihm durch sie neue Gefilde erschlossen worden seien. Sev fürchtet, dass er bloß den Sex meint, aber diese Angst hat sie nur, wenn sie zulässt, dass sie sich ganz klein macht. In Wahrheit sind all die Segmente nicht zu trennen: Sex, Liebe, Intimität, Erkenntnis, Heimweh. Und das ist auch die Schwierigkeit. Sie weiß nicht, ob sie sich an diese Abmachung halten kann.
In der Gorterlaan schneidet David den Knoblauch, die Peperoni, die Schalotten und gibt sie ins Öl. Liebe. Er tupft die Scampi trocken und stellt die Spaghetti ins kochende Wasser. Liebe. Er frittiert die Petersilie kurz in der kleinen Pfanne und legt die Scampi in die andere Pfanne. Liebe für die Kinder. Er kippt ein Glas Wein hinunter. Doppelt so viel Liebe, doppelt so viel Fürsorge. Alles, was sie brauchen, und mehr wird er liefern. Sein Oberhemd klebt ihm am Rücken. Er schenkt sich Wein nach. Von dem Tag an, da Terri in sein Leben kam, vor fünfundzwanzig Jahren, wandelten er und sie sich allmählich zu einem Wir, und dieses Wir erweiterte sich im zweiten Jahrzehnt ihrer Verbindung zum Kollektiv einer Familie, jenem vielköpfigen Organismus. Er und sie lösten sich auf, wie Wellen im Meer. Deswegen hat er jetzt nicht mehr die geringste Ahnung, wer er ist, weiß nur, wo er ist: hier, in seinem Haus. Wie das Erstaunen in Sevs Gesicht explodiert, wenn er so etwas sagt. Er pflückt Blätter von der Basilikumpflanze auf der Fensterbank. Das Fenster ist schmutzig, er muss es putzen, wenn die Sonne nicht darauf scheint. Die Kugel Mozzarella auf der Arbeitsplatte lässt ihn unwillkürlich an ihren Körper denken. Ein Schauer durchrieselt ihn. Er legt den Deckel genau zur richtigen Zeit schräg auf den Topf, in dem die Pasta kocht. Er findet das richtige Messer und legt es bereit. Er kocht, wie er heimwerkt, an einen Funken Inspiration schließt sich eine straffe Folge präziser Handlungen an.
Als Ally Terri gebeten hat, , war ihm kurz so, als gerate die Welt in Schieflage. Als müssten seine Kinder ihn beschützen und nicht er sie. Doch dann ging ihm auf, dass es noch mal anders war. Von beschützen oder beschützt werden kann in dem Pfuhl, zu dem ihr Leben geworden ist, keine Rede mehr sein. Er und Krista und Ally sind Körper, Organ, und als Ally von seinem Schmerz gesprochen hat, war auch ihr eigener Schmerz gemeint. Aber die Liebe, die Fürsorge und die Spaghetti werden den Schmerz lindern und vergessen machen....




