E-Book, Deutsch, 192 Seiten
Schermer Unwetter
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-311-70043-2
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 192 Seiten
ISBN: 978-3-311-70043-2
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marijke Schermer wurde 1975 in Amsterdam geboren, wo sie auch heute noch als Dramatikerin und Autorin lebt. Ihr Roman Unwetter wurde von der Kritik hymnisch gelobt, NRC Handelsblad nannte ihn »einen Roman, der keine Wünsche offen lässt«, Trouw setzte noch einen drauf: »Ein explosives Thema, ein überraschender Höhepunkt und zutiefst menschliche Figuren. Marijke Schermer hat den perfekten Roman geschrieben.«
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3
Hoch über ihr ist die Decke. Im Putz verzweigen sich die Risse wie Flussläufe. Die Sonne strömt ins Zimmer und bildet eine Pfütze auf dem Parkett. Emilia versucht zu erraten, wie spät es ist. Sie vertut sich um eine Stunde. Das Vakuum, in dem man zwar die weiche Wärme des Bettes registriert, aber das Bewusstsein noch nicht wieder zurück ist, hat heute höchstens drei Sekunden angehalten. Dann war ihr alles wieder präsent. Die Jungs. Alicia. Die Aufführung. Frank. Unten hört sie fröhliche Stimmen und das Rennen kleiner Füße. Von weit her weht das Quengeln einer Mähmaschine herein. Emilia kippt sich den kalten Tee, der neben ihrem Bett steht, in die trockene Kehle. Ein Kater ist das körperliche Äquivalent zur Beschämung.
Sie steht auf, zieht eine Strickjacke über, meidet ihren Anblick im Spiegel, verlässt das Zimmer. Die Küche ist aufgeräumt, der Inhalt ihrer Tasche in einer Schale deponiert. Die Whiskyflasche steht wieder oben auf dem Schrank. Obwohl sie diesen Whisky mehr als zehn Jahre lang aufbewahrt hat und er nun wie sie zweiundvierzig Jahre alt ist, hat er nicht besonders gut geschmeckt. Bruch gießt ihr Kaffee ein und fragt mit einem Anflug von Spott in der Stimme, ob es gehe. Sie nickt. Aber er hat sich schon abgewendet. Ja, sagt sie, ja, es geht. Er fragt, ob es okay ist, dass er jetzt gleich schwimmen geht. Natürlich, sagt sie. Sie wünschte, er würde sie in den Arm nehmen. Er läuft die Treppe hinauf. Aus dem Augenwinkel sieht sie Osip, der mit einer kleinen Gießkanne den Fußboden wässert. Leo liegt auf dem Bauch und schaut sich einen Film an. Emilia nimmt die Zeitung vom Tisch, entwindet Osip die Gießkanne und drückt ihm stattdessen einen Keks in die Hand, wirft ein Handtuch auf den nassen Fußboden und setzt sich neben Leo. Nach einem halben Artikel liegt die Zeitung auf dem Boden, Osip sitzt bei ihr auf dem Schoß, und Leo erzählt simultan zum Film, was sich darin abspielt. Durch den Garten läuft Bruch auf den silbrig glitzernden Fluss zu. Er hängt seinen Bademantel über den Pfosten. Taucht ins Wasser. Mit seiner bleichen Haut. Pflügt mit angespannten Muskeln unter der Oberfläche dahin. Warum hat sie ihm nicht von Frank erzählt? Weil es eigenartig und peinlich war und schwer nachzuerzählen. Weil es ihr zur Gewohnheit geworden ist, Dinge nicht zu erzählen. Im ersten Sommer ihrer Beziehung hat sie den Tenor gesetzt, als sie beschloss, ihm nicht zu erzählen, was passiert war. Was passiert ist, macht mich nicht aus, rechtfertigte sie das sich selbst gegenüber, im Gegenteil: Es würde sich vor mich schieben und ihm die Sicht auf mich nehmen. Es ist ein Akt der Autonomie zu entscheiden, ob ein Vorfall eine Rolle in deinem Leben spielen darf oder nicht. Stimmt das? Kann man das als Standpunkt gelten lassen, oder ist das eine Ausflucht? Kann sie das zurücknehmen? Kann man Jahre, nachdem eine Frage gestellt wurde, noch eine Antwort darauf geben? Ihr fallen Gedanken ein, die sie vergessen hatte. Als der Mann ihr mit der Faust ins Gesicht schlug, dachte sie an das eine Mal, da sie als Kind eine Spritze ins Bein bekam. Der Arzt schlug ihr mit der flachen Hand auf den Po, ihre Aufmerksamkeit war abgelenkt, weshalb sie sich entspannte und weniger bewusst spürte, wie kurz darauf die Nadel in ihre Haut drang. Sie hatte sich, so klein sie war, durch diese fadenscheinige Methode hintergangen gefühlt.
Leo erzählt, wie die Figuren in dem Film heißen, und Emilia soll raten, ob sie gut oder böse sind. Das ist leicht, denn man kann an ihrem Aussehen deutlich ablesen, wo sie auf dem ethischen Spektrum angesiedelt sind. Leo lehnt sich an sie und wickelt ihr Haar um seine Händchen. Osip probiert, auf ihren angezogenen Knien zu balancieren, fällt aber immer wieder um, worauf sie ihn kitzelt, bis er kreischt und sich ihrem Griff zu entwinden versucht. Bevor sie Kinder bekam, wusste sie nicht, dass der Kontakt so körperlich sein würde, so sinnlich, so grenzenlos.
Der Faustschlag bleibt ihr im Sinn. Wie oft hatte er sie geschlagen? Sechsmal, zwanzigmal? Mit welchem Schlag brach er ihr den Kiefer? War es überhaupt möglich, es Bruch jetzt noch zu erzählen? Wusste sie noch, wie es abgelaufen war? Ist etwas zwölf Jahre später noch zu rekonstruieren? Das Gesicht, das sie immer und überall wiedererkennen zu können glaubte, ist ihrer Erinnerung entschwunden. Als sie sich bemüht, es sich zu vergegenwärtigen, ähnelt es Franks Gesicht, doch sie ist sich sicher, dass es nicht wirklich Ähnlichkeit damit hatte, dass das einzig und allein mit gestern zu tun hat und ihr Gedächtnis ihr einen dummen Streich spielt, um zu verdeutlichen, wie wenig sie sich darauf verlassen kann.
»Er ist zu Ende.«
»Dann mach mal aus.«
»Ich will noch einen Film gucken.«
»Nein, Leo, mach aus.«
»Aber ich will noch einen Film gucken! Der war ganz kurz.«
»Leo.«
»Bitte. Mama? Mama! Der war echt ganz kurz.«
»Nein.«
»Liest du mir dann was vor?«
»Später.« Leo stampft böse in die Küche.
Alicia sagte, sie sei erpresst worden. Leo wollte im großen Bett schlafen, nicht in seinem eigenen. Sie bat um Entschuldigung. Erpresst, womit?, wollte Emilia fragen, aber Alicia sah sie mit einer solchen Verachtung an, dass sie schwieg. Bruch ließ sich überhaupt nicht mehr blicken. Sie hatte nach Atem ringend inmitten ihres Tascheninhalts gehockt. Zugesehen, wie Alicia ihre Kontonummer auf die Wandtafel schmierte, weil sie nicht erwartete, dass Emilia noch das Portemonnaie zücken würde. Zugesehen, wie sie das Glas, das sie anfangs noch hinter ihrem Rücken versteckt hatte, in aller Seelenruhe austrank, bevor sie es leise in die Spüle stellte.
Osip schläft in der Sofaecke ein. Sie isst das Ei, das vor ihr auf der Anrichte steht, und schält einen Apfel. Bruch ist schon seit einer Stunde weg. Ist das nicht sehr lange, in einem ziemlich kalten Fluss? Sein Bademantel hat den Pfosten in einen Mast mit roter Flagge verwandelt. Leo hockt bei seinen Legosteinen. Sie stellt einen Teller mit dem Apfel neben ihm auf den Boden und breitet eine Decke über Osip. Geht dann in den Garten. Es ist windig und noch kälter, als sie dachte. Sie läuft durch das hohe Gras. Nicht mehr lange, und es wird zu hoch für den Rasenmäher sein, sodass man ihm nur noch mit der Sense beikommt. Als Kind legte sie im großen Garten hinter ihrem Elternhaus immer eine kleine lilafarbene Decke zwischen die mannshohen Brennnesseln, zog Hose und Jacke aus und ließ sich in Unterwäsche zum Lesen nieder, gleichermaßen versteckt und gefangen. Das Rufen ihrer Mutter hörte sie irgendwo weit weg.
Sie zupft an seinem Bademantel. Auf dem Steg stehen seine Slipper. Der Wind wirft lange Wellen mit spitzen Kämmen auf dem grauen Wasser auf. Das Wasser steht hoch. Am anderen Ufer stehen zwei Kühe und beäugen sie. Schwimmt er immer so lange? Schwimmt er zuerst stromaufwärts oder stromabwärts? Sie dreht sich um und geht zurück, vage beunruhigt, aber nicht gewillt, diese Empfindung zuzulassen. Das Haus steht klein und geduckt in der Mitte des Gartens. Unter einer großen Plane auf der einen Seite liegen Baustoffe, Holzbalken und eine Aluleiter. Die Küche, der Ausbau des Dachbodens, schließlich und endlich werden sie das doch alles machen.
Drinnen ist alles beim Alten, ihr Gehen und Kommen sind unbemerkt geblieben. Osip schläft, Leo spielt, den Apfel hat er nicht angerührt. Emilia steht eine Zeitlang regungslos in der Küche. Sie muss etwas gegen das Gefühl tun, das sie erfasst hat. Sie muss zusehen, dass sie sich wieder den normalen, alltäglichen Dingen zuwendet und vergisst, was sie sich zu vergessen vorgenommen hatte.
Unwillkürlich entfährt ihr ein Schrei, als die Türklingel die Stille durchbricht. Wer ist das? Am Sonntagmorgen. Um halb elf. Jemand, der sagt, dass Bruch ertrunken ist? Leo schaut zu ihr herüber. Als Emilia die Hand auf die Klinke legt, um die Tür zum Flur zu öffnen, wird hinter ihr die Terrassentür aufgeschoben. Sie erschrickt erneut. Dreht sich langsam um. Bruch steht mit nassen Haaren und vor Kälte fleckigem Gesicht im Türrahmen. Sie starrt ihn an. Er macht einen Klimmzug am Türsturz.
Es klingelt noch einmal.
»Erwartest du jemanden?«, fragt Emilia.
»Sophie und Douwe, oder nicht? Jetzt schon?« Er schaut auf die Uhr.
»Scheiße. Vergessen.« Sophie ist eine Kollegin von Bruch. Sie und ihr Mann Douwe haben versprochen, beim Abriss des Schuppens hinten im Garten zu helfen.
»Man darf nicht Scheiße sagen«, sagt Leo. »Ich mach auf!«
»Okay. Sag, dass wir gleich kommen.« Und in einem plötzlichen Energieschub schießen Bruch und sie die Treppe hinauf, während Leo zur Haustür läuft. Bruch geht ins Badezimmer und dreht die Dusche auf. Sie geht ins Schlafzimmer. Als sie vor dem Kleiderschrank steht, tritt Bruch hinter sie, fasst sie um die Taille und küsst ihren Nacken. Er schiebt die Hand unter ihr T-Shirt auf ihre Brust. Die Hand ist vom Flusswasser kalt und steif. Emilia stöhnt. »Du stöhnst«, flüstert er ihr ins Ohr. Dann lässt er sie los und verschwindet unter die Dusche. Sie zieht sich langsam an. Im Badezimmer kämmt sie sich die Haare und steckt sie hoch, während der Spiegel beschlägt. Dann geht sie die Treppe hinunter und holt auf den letzten Stufen tief Luft, als wollte sie unter Wasser tauchen.
»Wie seid ihr euch eigentlich begegnet?« Sie stellt die Frage, weil sie sich wünscht, dass man ihr die Gegenfrage stellt, dass man ihre Geschichte hören will.
»Gar nicht.«
»Wir sind uns nicht begegnet.«
»Ich kann mich nicht erinnern, dass Sophie je nicht da war.«
»Seine Schwester hat mit meiner Schwester gespielt.«
»Wir gingen in dieselbe...




