Scheuermann | Emma James und die Zukunft der Schmetterlinge | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 252 Seiten

Reihe: Fischer Schatzinsel

Scheuermann Emma James und die Zukunft der Schmetterlinge


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-400952-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 252 Seiten

Reihe: Fischer Schatzinsel

ISBN: 978-3-10-400952-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Schicksal oder Zufall? Die elfjährige Emma James kann in die Zukunft sehen: nicht oft und nicht besonders weit, aber immerhin reicht es, um vorsorglich einen Regenschirm einzupacken, wenn sie einen Wolkenbruch voraussieht. Aber auch ohne diese Gabe ist das Leben für Emma James aufregend genug. Da ist ihr bester Freund Paul, der gegen Bezahlung Hunde ausführt und einen davon zum Theaterstar machen will. Da ist die Wahrsagerin Karin Korall, die junge Frauen in Liebesdingen berät. Da sind ihre Eltern, die mit Emma James nicht über die Krankheit ihres Bruders sprechen wollen. Und Emma James hat einen Traum, der das Schlimmste befürchten lässt. Steht die Zukunft eigentlich fest oder kann man sie vielleicht doch beeinflussen? Mit zauberhaften Vignetten von Franziska Harvey.

Silke Scheuermann, geboren 1973 in Karlsruhe, lebt in Offenbach. Für ihre Gedichte, Erzählungen und Romane erhielt sie zahlreiche Stipendien und Preise, darunter ein Stipendium der Villa Massimo sowie den Hölty-Preis für Lyrik. Im Wintersemester 2012/13 hatte sie die Poetikdozentur in Wiesbaden inne. Zuletzt wurde sie mit dem Bertolt-Brecht-Preis 2016, dem Robert-Gernhardt-Preis 2016 und dem Georg-Christoph-Lichtenberpreis 2017 ausgezeichnet. Sie veröffentlicht Lyrik und Prosa, darunter 2005 den Erzählungsband »Reiche Mädchen«, 2007 den Roman »Die Stunde zwischen Hund und Wolf«, 2010 das Kinderbuch »Emma James und die Zukunft der Schmetterlinge« sowie die Romane »Shanghai Performance« (2011), »Die Häuser der anderen« (2012) und »Wovon wir lebten« (2016). 2018 hatte sie die renommierte Frankfurter Peotikdozentur inne.
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8. Eine Probe, bei der es vor allem laut zugeht


»Es ist gut möglich, dass der Regisseur schlechte Laune hat«, sagte Emma James auf dem Weg zum Gemeindezentrum. »Hat überhaupt nichts zu bedeuten.« Aber Rainer Maria interessierte das nicht. Er wollte unbedingt den Einkaufswagen schieben, in dem Schmitti saß, und weil Emma James aufpasste, dass er dabei nicht außer Atem geriet, ging es nur sehr langsam vorwärts.

»Zehn Minuten zu spät«, sagte Regisseur Spielvogel, als sie eintrafen.

Rainer Maria guckte erschrocken. Das fängt ja gut an, dachte Emma James bei sich. Immerhin nahm Spielvogel Rainer Marias Anwesenheit gelassen hin; er nickte ihm nur kurz zu.

An diesem Tag lernte Emma James endlich die Schauspieler kennen, die sich zum Glück nicht mit ihren komplizierten Nachnamen, sondern einfach als Martha und Edward vorstellten. Die zwei entpuppten sich als ein eher unscheinbares Paar, etwas rundlich, etwas älter als Emma James’ Mutter und Vater. Martha trug einen Blumenrock und offene Schuhe, aus denen ihre dicken Zehen guckten – so riesengroße Fußzehen hatte Emma James noch nie gesehen, sie waren länger als die Schuhe und berührten links und rechts aus der jeweiligen Sandale ragend in einem flotten Bogen fast die Erde. Edward hatte eine ausgebeulte Hose und ein T-Shirt an, auf dem »Monster im Universum« stand. Freundlich winkten sie beide von der Bühne – das heißt dem Teil des Zimmers, der mit zwei Stühlen als Bühne markiert war – herüber.

»Weitermachen! Schließ die Augen, Edward, und stell dir vor, du hast lange unglückliche Jahre mit dieser Frau zusammengelebt. Du hasst sie! Am liebsten würdest du sie töten!«, sagte der Regisseur eindringlich.

Emma James sah besorgt zu ihrem kleinen Bruder. Er war ein wenig blass und beobachtete das Geschehen mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund; Emma James ärgerte sich einmal mehr, wie wenig sie von ihm wusste. Sie konnte nicht sagen, ob er sich fürchtete oder alles einfach nur aufregend fand. Vorsichtig beugte sie sich zu ihm hinüber und flüsterte in sein winziges linkes Ohr: »Weißt du, sie spielen nur …«

Rainer Maria nickte, aber er nahm die Augen nicht vom Geschehen. Emma James blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass es ihm gefiel.

»Für nichts haben wir Geld«, klagte die Frau, aber es klang nicht sehr traurig. »Wir werden in diesem Winter frieren und verhungern!«

»Ach, und das überrascht dich?«, erwiderte der Mann. »Wenn du nicht alles Geld für Kleider und Schmuck ausgegeben hättest, sondern für etwas Vernünftiges, wäre es nicht so!«

So, wie er das sagte, klang es allerdings nicht wie ein Vorwurf, und er hatte alle Mühe, dabei nicht über das ganze Gesicht zu strahlen.

»Nei-hein-hein! Edward! Ihr strei-hei-hei-tet!«, stöhnte der Regisseur.

Er mühte sich noch einmal, seinen Text zu sagen und dabei die Frau anzuschreien, aber es klang fast genauso harmlos.

»Ich hetze den Hund auf dich«, rief Martha liebevoll zurück.

Schmitti stand in der Ecke und wedelte mit dem Schwanz. Der Regisseur machte einen Hops auf die Bühne – also auf den Platz, der durch Stühle als Bühne markiert war – und schrie »buh!«, um Schmitti zu erschrecken. Emma James zuckte zusammen. Rainer Maria klatschte vor Freude in die Hände. Schmitti kroch zu ihm hin und winselte leise. Jetzt war es Emma James, der der Mund offenstehen blieb, denn das war der bisher größte schauspielerische Einsatz, den Schmitti bewiesen hatte.

»Wir proben die Hundeszene später und fangen noch mal mit den Geldproblemen der Familie an!«, sagte der Regisseur. »Jetzt machen wir erst einmal Pause.«

»Ich verstehe nicht«, sagte Emma James zu Rainer Maria, »wieso der Streit das letzte Mal, als Paul zugeschaut hat, angeblich so echt gewirkt hat.«

»Pause!«, rief der Regisseur noch einmal, weil Martha und Edward enttäuscht in ihrer Position blieben, »wir gehen einen Kaffee trinken.«

Emma James seufzte. Immerzu gingen Erwachsene irgendwo Kaffee trinken, und meistens war es langweilig. Dabei hatte sie gar nichts gegen Kaffee, sie mochte ihn lieber als Kakao – bloß dass Erwachsene einem in der Regel irgendeinen anderen Blödsinn bestellten.

Erfreut stellte sie fest, dass dies in der Kantine des Gemeindezentrums anders war. Kaum hatten sie sich gesetzt, stand Edward, der Hand in Hand mit Martha hergelaufen war, wieder auf und sagte, er würde für alle Kaffee und Orangensaft holen gehen.

»Wer will Kuchen? Die Kinder kriegen sowieso welchen.«

Rainer Maria lächelte.

»Für ihn nur Saft. Für mich auch Kaffee«, sagte Emma James, damit es keine Missverständnisse gab.

»Für mich bitte zuckerfreien, koffeinfreien Cappuccino mit fettarmer Milch, Liebster. Und kein Kuchen«, sagte Martha.

Der liebste Edward zog los. Das Erste, das Emma James auffiel, als er zurückkam, war, dass sämtliche Kaffees gleich aussahen, auch der zucker- und koffeinfreie Cappuccino für Martha.

»Was ist das?«, fragte die sofort entsetzt und sah ihre Tasse an wie einen gefährlichen Sprengsatz, »wo ist der Milchschaum? Ist der wirklich ohne Koffein? Willst du mich vergiften?« Ihre Stimme war auf einmal hoch und schrill. Rainer Maria hörte auf, Schmitti mit Kuchen zu füttern, und sah sie mit offenem Mund und weit aufgerissen Augen an, genau wie eben bei der Darbietung. Edward zuckte merklich zusammen, nur Regisseur Spielvogel wirkte erfreut.

»Immer vergisst du das!«, sagte Martha. »Genau wie neulich.«

»Neulich war die Kaffeemaschine gerade kaputt gegangen, und jetzt ist sie es immer noch«, sagte Edward leise. »Tut mir leid, Martha.«

»Wirklich? Immer noch? Gibt es doch nicht!«, sagte Regisseur Spielvogel ungläubig und machte es dadurch noch schlimmer. Es sah fast so aus, als ob er ein zufriedenes Lächeln verbarg. In diesem Moment hatte Emma James einen Verdacht.

Und tatsächlich – ab jetzt verlief alles wie vorgesehen. Martha war den ganzen Nachmittag böse und giftete ihren Freund laut und gerne an, und nach einer Weile reichte es dem, und er wurde ebenfalls sauer. Schmitti hatte inzwischen die Wurst bekommen, obwohl er Edward nicht angekläfft hatte, und war auf dem Boden eingeschlafen. Nach zwei Stunden Gekeife sagte der Regisseur: »Genug für heute! Es reicht!« Aber es war verdammt schwierig, die beiden Streithähne wieder auseinanderzubringen.

Emma James war völlig erschöpft, aber Rainer Maria wirkte noch so frisch wie am Anfang, genau genommen sogar noch frischer – er hatte ein wenig Farbe auf den Wangen bekommen.

»Das hat mir gut gefallen«, teilte er seiner Schwester auf dem Rückweg mit.

»Prima«, erwiderte Emma James. »Wenn du es Mama und Papa nicht erzählst, darfst du mal wieder mit.«

Am Abend sagte Emma James’ Mutter erstaunt: »Komisch, wenn Rainer Maria mit mir spazieren geht, langweilt er sich immer.« Sie freute sich, dass sich die Geschwister gut verstanden hatten, und Emma James war so froh darüber, dass sie nicht genauer nachfragte, denn noch mehr als zu lügen hasste sie es, Lügen auch noch auszumalen.

Sie konnte es nicht erwarten, Paul anzurufen. Kaum war sie in ihrem Zimmer, schlich sie schon wieder in den Flur, holte das Telefon und tippte die Nummer.

»Paul, das war eine tolle Idee, Rainer Maria mitzunehmen. Es hat ihm gefallen.«

»Klasse. Und wie war es sonst?«

»Na ja … sag mal, Edward und Martha – haben sie bei der letzten Probe auch erst nach der Kaffeepause richtig gut gestritten?«

»Genau, woher weißt du das? Martha hat von Edward nicht den Kaffee bekommen, den sie wollte, und war sauer … Emma James, wieso lachst du?«

Aber Emma James musste erst zu Ende lachen, bevor sie erzählte, dass es gerade eben genauso gewesen war.

Paul lachte mit, nach einer Weile sagte er nachdenklich: »Man könnte meinen, Spielvogel macht das mit der kaputten Kaffeemaschine extra, damit Martha nie den Kaffee bekommt, den sie möchte, und immer sauer ist auf Edward.«

»Vielleicht besteht das Geheimnis der Kunst in kaputten Kaffeemaschinen«, sagte Emma James. Sie alberten noch eine Weile herum, dann musste Paul zu seiner Oma ins Altersheim, um einige fertig gehäkelte Umhängetaschen abzuholen.

Emma James begann lustlos, ihr Zimmer aufzuräumen. Die Sachen, die herumlagen, schienen dabei aber eher mehr als weniger zu werden. Entmutigt setzte sie sich im Indianersitz auf den Boden.

Und dann – auf einmal merkte sie es. Sie bekam wieder ihre Kopfschmerzen.

Oje, dachte sie noch, bitte nicht. Das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen.

Aber es war schon zu spät, der Kopf tat so weh, dass sie die Augen schließen musste. Sie sah deutlich einen großen Raum. Darin standen Laufbänder, immer paarweise angeordnet, und auf denen befanden sich abwechselnd ein Jogger und – ein Hund. Es waren verschiedene Rassen, genau wie auch die Personen neben den Hunden verschieden waren: junge Frauen, alte Männer, große und kleine, manche liefen schnell, andere langsam. An den Wänden des Studios waren Logos angebracht, die die Umrisse von einem Mann und einem Hund zeigten, die gemeinsam in die Abendsonne liefen: »Mensch und Hund« stand darunter. »Du und dein Tier, ihr lauft jetzt hier.« Im Traum dachte Emma James gerade, dass sich das ja völlig albern reimte, da kam schon ein neues Bild.

Zwei Hände, die Emma James nicht kannte, hoben keinen anderen als Schmitti auf ein leeres Laufband. Sie versuchte zu sehen, wer sich auf das Laufband daneben stellte, aber die Stelle blieb seltsam hell und verschwommen, wie ein ausgewaschener Fleck im Bild. Und dann war der »Traum« schon...


Harvey, Franziska
Franziska Harvey, geboren 1968, studierte Illustration und Kalligraphie und arbeitet als freie Illustratorin für verschiedene Verlage und Agenturen. Sie lebt mit ihrer Familie in Frankfurt am Main.

Scheuermann, Silke
Silke Scheuermann, geboren 1973 in Karlsruhe, lebt in Offenbach. Für ihre Gedichte, Erzählungen und Romane erhielt sie zahlreiche Stipendien und Preise, darunter ein Stipendium der Villa Massimo sowie den Hölty-Preis für Lyrik. Im Wintersemester 2012/13 hatte sie die Poetikdozentur in Wiesbaden inne. Zuletzt wurde sie mit dem Bertolt-Brecht-Preis 2016, dem Robert-Gernhardt-Preis 2016 und dem Georg-Christoph-Lichtenberpreis 2017 ausgezeichnet. Sie veröffentlicht Lyrik und Prosa, darunter 2005 den Erzählungsband 'Reiche Mädchen', 2007 den Roman 'Die Stunde zwischen Hund und Wolf', 2010 das Kinderbuch 'Emma James und die Zukunft der Schmetterlinge' sowie die Romane 'Shanghai Performance' (2011), 'Die Häuser der anderen' (2012) und 'Wovon wir lebten' (2016). 2018 hatte sie die renommierte Frankfurter Peotikdozentur inne.

Silke ScheuermannSilke Scheuermann, geboren 1973 in Karlsruhe, lebt in Offenbach. Für ihre Gedichte, Erzählungen und Romane erhielt sie zahlreiche Stipendien und Preise, darunter ein Stipendium der Villa Massimo sowie den Hölty-Preis für Lyrik. Im Wintersemester 2012/13 hatte sie die Poetikdozentur in Wiesbaden inne. Zuletzt wurde sie mit dem Bertolt-Brecht-Preis 2016, dem Robert-Gernhardt-Preis 2016 und dem Georg-Christoph-Lichtenberpreis 2017 ausgezeichnet. Sie veröffentlicht Lyrik und Prosa, darunter 2005 den Erzählungsband 'Reiche Mädchen', 2007 den Roman 'Die Stunde zwischen Hund und Wolf', 2010 das Kinderbuch 'Emma James und die Zukunft der Schmetterlinge' sowie die Romane 'Shanghai Performance' (2011), 'Die Häuser der anderen' (2012) und 'Wovon wir lebten' (2016). 2018 hatte sie die renommierte Frankfurter Peotikdozentur inne.
Franziska HarveyFranziska Harvey, geboren 1968, studierte Illustration und Kalligraphie und arbeitet als freie Illustratorin für verschiedene Verlage und Agenturen. Sie lebt mit ihrer Familie in Frankfurt am Main.



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