Scheuring | Drei Blatt hat jeder Baum | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Reihe: tredition GmbH

Scheuring Drei Blatt hat jeder Baum


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-15672-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Reihe: tredition GmbH

ISBN: 978-3-347-15672-2
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Buch ist eine Hilfe und Anleitung zur Selbstmeditation. Um Stille zu erfahren und sich darin selbst zu erkennen, genügt es, das pausenlose Reden der Gedanken im Kopf zu beenden. Das ist einerseits eine hohe Kunst, andererseits das normalste auf der Welt. Das zählen der DREI BLATT ist eine meditative Möglichkeit, aus der verwirrenden, selbstentfremdeten Gedankenmaschine auszusteigen und ins Schweigen zu kommen. Ohne das Schweigen des Verstandes gibt es keine Stille, keinen Frieden im Herzen. Die DREI BLATT sind eine Brücke, über die man die Selbstliebe erreicht und die Selbstheilungskräfte aktiviert.

Gunther Scheuring erkannte, dass jedes Denken entscheidend ist für eine gesunde Lebensweise. Was ich denke und rede, lebe ich. Es gibt keine Negativität im Leben, alles beruht auf Erkenntnissen. Aus 10 Gedanken einen zu machen, ist der bessere Weg.
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EIN BLATT

Die DREI BLATT hängen dort am Baum vor meinem Küchenfester jedes Jahr, und das schon viele Jahrzehnte lang. Diese einzigen DREI BLATT haben mein ganzes Leben verändert. Weder ihre Farbe, ihre Größe noch ihre Schönheit habe ich bewundert. Es war ihre Anzahl, drei Stück, bewirkten meine Veränderung. Derselbe Ast, derselbe Baum, dieselbe Höhe. Sommer wie Winter, Tag und Nacht, waren es nur diese DREI BLATT. Immer dieselben. »EIN BLATT, ZWEI BLATT, DREI BLATT« zählte ich täglich mehrmals. Ich musste immer nachschauen, dass auch keines fehlte oder eines zu viel da war. EIN BLATT, ZWEI BLATT, DREI BLATT. Alle waren sie jeden Morgen und jeden Abend vollzählig vorhanden. EIN BLATT, ZWEI BLATT, DREI BLATT zählte ich immer und immer wieder. Es waren diese DREI BLATT, die für mich die Welt bedeuteten, die einzigartig waren in meinem Leben.

Gegen nichts hätte ich sie eintauschen oder hergeben wollen. Alles andere war so bedeutungslos geworden gegen sie, meine DREI BLATT. Dreimal am Tag, und das minutenlang, zählte ich sie in tiefster Bewunderung. Noch nie hingen für mich so viele Blätter am Baum, dass ich nicht meine DREI BLATT hätte erkennen und erzählen hören können. EIN BLATT, ZWEI BLATT, DREI BLATT. Es erfreute mich jedes Mal, wenn ich still und ruhig vor meinem Küchenfenster auf einem Stuhl saß und hinausschaute. Ich war ergriffen und begeistert, dass alle noch da waren und ihre Anzahl stimmte.

Ich musste nichts weiter hinzulernen, nichts Ungewöhnliches verstehen – ich brauchte mich nur auf diese DREI BLATT zu konzentrieren. Ich musste es allerdings erst lernen, immer und immer wieder nur bis DREI zu zählen, denn ich war vom Alter her schon weit über die Schulzeit hinaus. Meine Augen sahen und mein Kopf dachte viel mehr Blätter an diesen wunderschönen grünen Baum, als ich in Wirklichkeit brauchte. Die Gedanken wollten weiterzählen, doch es interessierte mich nicht, was mein Denken mir vorsäuselte. Stockte ich, fing ich nochmals an mit meinem ungewöhnlichen Zählrhythmus. Es machte mir Spaß, in dieser immerwährenden Monotonie zu verbleiben und das sich dazwischen schieben wollende Denken zu ignorieren, um drei saftig grüne Blätter zu gewinnen.

Anfangs war es Schwerstarbeit: Ich wusste gar nicht, dass es so viele Gedanken in meinem Kopf gab, die alle etwas zu sagen hatten. Ein Gedanke schrie lauter als der andere. Ich erhielt Androhungen des Verzichtes bis hin zum Mord. Nicht erhörte Gedanken sind ein rebellisches Volk, was man in seinem Kopf mit sich herumträgt – es hat sich unbewusst eingeschlichen, eingeschleimt und man scheint es nie wieder loszuwerden. Es ist eine vorprogrammierte Katastrophe, deren Ausmaß man nicht einschätzen kann. War ich froh darüber, dass ich meine drei Blätter gefunden hatte!

Es war eines Abends, ich saß am Küchentisch und mein Kopf wurde immer schwerer. Ich konnte meine Augen nicht mehr offen halten und er fiel plötzlich unkontrolliert und kraftlos auf die Holzplatte meines Tisches. Was war ich erschrocken! Ein Schmerz stieg in mir auf, eine Beule bildete sich über meinem rechten Auge, und in meinem Kopf brummte es. Der Magen tat auch weh, denn ich hatte nichts gegessen zu Mittag und wenig getrunken den Tag über. Kein Wunder, dass ich diese Körperreaktionen spürte. Ich hob meinen Kopf wieder hoch und sah ziemlich hoffnungslos und deprimiert aus meinem Küchenfenster – und da hingen sie: diese einzig scheinenden drei Blätter am Baum gegenüber, mitten im Sommer. Mein Denken war wie gelähmt, ich erkannte nur diese drei wunderschönen grünen Blätter an diesem übergroßen Blätterball. Damit ich sie nicht wieder vergessen würde, fing ich an, sie zu zählen. Es gab nur diese drei für mich, und ich zählte sie immer wieder: »EIN BLATT, ZWEI BLATT, DREI BLATT«. Es nahm kein Ende, ich zählte ununterbrochen die halbe Nacht hindurch. Auch dann noch, als es dunkel war. Keinen schien es zu stören, denn alles schlief. Ich fühlte mich von Stunde zu Stunde immer besser, bis ich irgendwann auch eingeschlafen war.

Am nächsten Morgen erwachte ich verändert. Ich saß zwar immer noch am Tisch, doch ich war mit meinem Gedanken noch zu hause. Nicht wie sonst, schon auf der Arbeit, gedanklich im Büro sitzend und Pläne für den Tag machend. Während ich, noch im Schlafanzug, frühstückte, blieb ich gedanklich anwesend. Was war los mit mir? Waren es etwa diese drei Blätter, die meinen Zustand so verändert hatten? Wo war bloß mein allmorgendliches Beim-Frühstück-mich-weg-Denken abgeblieben? Ich aß plötzlich Honig, Ei und Käse zum Frühstück, was für mich gar nicht normal war. Hatten diese drei Blätter nicht nur meine abdriftenden Gedanken, sondern meine alten Gewohnheiten gleich mit entsorgt? Unvorstellbar, dachte ich, das können sie nicht! Diese drei winzig kleinen Blätter standen nun meinem unaufhörlichen Nachdenken gegenüber und erwiesen sich als stärker.

Irgendetwas hat sich da unbewusst verändert in mir, dachte ich. Ich wusste zwar noch nicht was, würde es aber bestimmt erfahren. Davon war ich überzeugt. Da diese Sache für mich gut anfing, beschloss ich weiterzumachen. Es konnte ja nur noch besser werden! Also nahm ich mir zunächst morgens und abends fünf Minuten Zeit und zählte unter dem vielen Grün am Baum in meinem Garten jene DREI BLATT ab. Dieses immer und immer wieder zu tun, an jedem Tag, hatte sich bald als ein Ritual in mein Leben eingeordnet. Und es fühlte sich gut an: In mir schien es langsam ruhiger zu werden, und das sonst so viele unbewusste Denken ordnete sich der Monotonie unter. Das konkrete bewusste Überlegen fiel mir dagegen nicht mehr so schwer, und manche Dinge in meinem Leben schienen einfacher zu sein, als ich immer gedacht hatte.

Ich konnte lange nicht herausfinden, woher ich die innere Gewissheit nahm, dass mein Leben, so zählend, besser funktionieren würde. Ich merkte nur, dass es sich leichter ordnen lies und der Alltag nicht mehr so viele Probleme mit sich brachte. Woher und wieso, ich hatte keine Erklärung dafür. Es war eben so. Ich dachte leichter und unkomplizierter, oder die Dinge ergaben sich einfacher, ohne überhaupt viel darüber nachdenken zu müssen. Es hatte etwas Wundersames, etwas Magisches an sich, dieses Wiederholen, dieses unendlich Monotone. Es veränderte nicht nur meine Sichtweise auf das Außen rings um mich herum, sondern auch ich, in mir selbst, verändert mich auf eigenartige Weise.

Mir fiel auf, dass mein Denken nicht mehr wie bisher alles bestimmen wollte, in meinem Kopf wurde es ruhiger und ich fühlte mich besonnener. Ich machte nicht mehr viele Worte und erlebte häufiger Stille. Es war sehr angenehm für mich, also hatte ich nichts einzuwenden gegen die Veränderung, die diese DREI BLATT in mein Leben brachten. Ich glaubte nur an sie, Tag und Nacht, und das fühlte sich gut an. Ich sah auch an jedem anderen Baum nur drei Blätter hängen, und das ein ganzes Jahr hindurch. Idiotisch, dachte ich, aber nein! Stimmt nicht, ich bin ja dem Land der Illusionen entstiegen! DREI BLATT – in was für einen Gedankenrausch war ich da hineingeraten? Ich erzählte anderen davon, doch es wäre besser mein Geheimnis geblieben, denn Freunde und Bekannte lachten darüber, selbst meine eigene Familie sah mich etwas zweifelnd an, als hätte sie Angst, ich würde in eine Demenz abrutschen und es käme sehr viel Arbeit auf sie zu. Nichtsdestotrotz pflegte ich diese ungewöhnliche Begegnung mit meinen DREI BLATT weiter. Sie und ich, wir hatten vorher nichts voneinander gewusst, doch nun wurden wir einander vertraut. Wir bauten eine enge Beziehung miteinander auf und wurden regelrecht unzertrennlich. Weder sie noch ich konnten ohne den anderen existieren. Diese DREI BLATT waren wie eine wohltuende Tablette, die mich den Tag über in guter Laune hielt. Ich konnte mich auf sie verlassen. Ich wusste, mit ihr war ich auf der sicheren Seite im Leben. Weder Drogen noch eine Glaubensrichtung hätten mir so viel Zuversicht und Kraft schenken können.

Diese Monotonie enthält übrigens eine unermessliche Fülle an Informationen. Sie besteht aus dem Nichts, das alles in sich trägt. Vor allem Frieden. Der innere Frieden ist das, wonach der Mensch sich sehnt, was ihn glücklich macht und unzerbrechlich. Nur DREI BLATT könnten Frieden und Freiheit in die ganze Welt bringen! Unendliche Freiheit erlangt man durch Zufriedenheit, aus beidem entwickelt sich ein Glückszustand, der den Menschen erneuert und sein Bewusstsein verändert.

Man braucht nur DREI BLATT, um erfüllt zu leben:
das Selbst, die liebe und den eigenen atem.

Ich musste sogar öfters über mich lachen und dachte: Auf was für einen Blödsinn hast du dich da wieder eingelassen? Mit der Zeit machte es mir sogar Spaß, denn ich hatte eine sinnvolle Beschäftigung gefunden, die keine Ängste in sich trug. Das war die erste Erkenntnis, die ich...



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