E-Book, Deutsch, Band 2, 416 Seiten
Reihe: Academy of Lies
Scheweling Academy of Lies (Band 2) - Autopsie einer Intrige
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7320-2635-7
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der fulminante Abschluss der fesselnden Medizinthriller- Dilogie!
E-Book, Deutsch, Band 2, 416 Seiten
Reihe: Academy of Lies
ISBN: 978-3-7320-2635-7
Verlag: Loewe Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nina Scheweling arbeitete als Kinderbuchlektorin und übersetzte zahlreiche Bücher, bevor Junior-Agent Nick Nader sie dazu überredete, selbst Geschichten zu schreiben. Zusammen mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern lebt sie am Kaiserstuhl.
Autoren/Hrsg.
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Mein Körper fühlt sich an wie aus Blei. Ich versuche, die Augen zu öffnen, doch selbst meine Lider lassen sich kaum bewegen. Als es mir endlich gelingt, sie aufzuschlagen, brauche ich eine Weile, um mich zu orientieren. Ich liege in meinem Bett in der WG. Durch das Fenster fällt trübes graues Licht, und der Wecker auf dem Nachttisch zeigt 8.17Uhr. Ich überlege, welcher Tag heute ist. Mittwoch? Donnerstag?
Langsam verflüchtigt sich das Blei aus meinen Adern, und mein Kopf fängt an zu arbeiten. Vor zwei Tagen war Flos Beerdigung. Gestern Morgen ist meine Mutter abgereist; nachmittags bin ich zurück in die WG gezogen. An die Zeit danach kann ich mich nicht erinnern, aber vermutlich bin ich todmüde ins Bett gefallen und eingeschlafen. Jetzt, nachdem die Schwere langsam aus meinen Gliedern verschwindet, fühle ich mich dagegen so ausgeruht wie lange nicht mehr.
Ich stehe auf und nehme wahllos eine Jeans und einen Pullover aus dem Schrank. Während ich mich anziehe, betrachte ich mich im Spiegel. Trotz meiner ungewöhnlichen Energie heute Morgen begegnen mir lange, zerzauste Haare, ein blasses Gesicht und Augenringe. Ich habe so sehr abgenommen, dass mein Schlüsselbein und meine Hüftknochen unschön hervorstehen. Unwillkürlich fahre ich mir mit einer Hand über den Bauch, ohne dass ich sagen könnte, warum. Die Haut dort ist glatt und unversehrt – im Gegensatz zu der leicht erhabenen, zwanzig Zentimeter langen Narbe auf dem Brustkorb, wo man mir vor zehn Jahren mein Herz herausgeschnitten und durch ein anderes ersetzt hat.
Sobald ich ins Wohnzimmer komme, fühle ich mich, als hätte ich einen Dekoshop für Weihnachtsartikel betreten. Überall sind Lichterketten, Papiersterne und bunte Kugeln angebracht. Auf der Fensterbank stehen kleine Engelsfiguren und ein Lichterbogen, und neben der Badezimmertür hängen zwei Schokoadventskalender an der Wand. Beim linken sind ein paar Türchen geöffnet, beim rechten noch keins. Der Anblick lässt mich lächeln. Zwar kann ich mit Miras übertriebenem Sinn für Dekoration nichts anfangen, aber dass sie mir einen Adventskalender besorgt hat, obwohl ich in den letzten zwei Wochen gar nicht hier war, rührt mich. Ich öffne die entsprechende Anzahl an Türchen, breche die kleinen Figuren heraus und stecke sie mir nacheinander in den Mund.
Mira steht normalerweise nach mir auf, aber heute Morgen ist ihre Zimmertür offen und von ihr weit und breit nichts zu sehen. Eigentlich gehen wir immer zusammen den kurzen Weg zur Akademie, selbst dann, wenn wir unterschiedliche Kurse haben. Vielleicht will sie mir nach Flos Tod ein bisschen Raum lassen. Noch wahrscheinlicher ist allerdings, dass sie gar nicht hier war heute Nacht. Wer weiß, ob sie in den letzten zwei Wochen nicht einen neuen Mann – oder eine neue Frau – kennengelernt hat. Es können ja nicht alle so kontaktarm veranlagt sein wie ich.
Als ich das Bad verlasse, ist es Viertel vor neun. Ich sollte langsam los. Mein erster Kurs heute ist Anatomie, und da Konrad um Punkt neun Uhr die Türen zuschließen lässt, will ich auf keinen Fall zu spät kommen. Schon gar nicht, nachdem ich das Semester nur mit einer Sondergenehmigung beenden darf.
Eigentlich habe ich zu viele Einheiten verpasst, um alle Anforderungen zu erfüllen. Aber aufgrund außergewöhnlicher Umstände, wie die Verwaltung den Tod meines Bruders genannt hat, wird bei mir eine Ausnahme gemacht: Wenn ich am Ende des Semesters sämtliche Prüfungen bestehe, bekomme ich die Kurse trotz der Fehlstunden angerechnet. Ich werde in den nächsten Wochen Tag und Nacht lernen müssen, um das Pensum zu schaffen, was mir jedoch gerade recht ist. So bleibt mir keine Zeit, an Flo zu denken, an seinen toten Körper, die Fixer-Nadel noch in der Hand. Und auch nicht an die erschreckend kleine Kiste mit seiner Asche, die in ein ebenso kleines Loch in der Erde versenkt wurde.
Auf dem Weg zur WG-Tür fällt mein Blick auf den Mülleimer neben der Kommode. Er quillt fast über, also hole ich den Beutel heraus und nehme ihn mit nach unten. Die großen Tonnen stehen schon an der Straße; heute ist Müllabfuhr, und die Behälter sind ziemlich voll. Als ich den Beutel hineinwerfe, stutze ich. Obenauf liegt eine durchsichtige Tüte mit einem Pullover, der genauso aussieht wie meiner. Darunter ist ein T-Shirt … mit dem Wappen meines ehemaligen Internats.
Was soll das? Wieso schmeißt irgendjemand meine Sachen in den Müll?
Es fühlt sich komisch an, mich in die Tonne zu beugen, beinahe, als würde man in der Privatsphäre anderer Leute herumschnüffeln. Aber der Gedanke, dass jemand meine Klamotten geklaut und weggeworfen hat, lässt mich alle Hemmungen über Bord werfen. Also ziehe ich den Beutel heraus und öffne ihn.
Mit zitternden Fingern – warum zittern meine Finger? – hole ich den Pullover hervor. Auf Höhe des Bauches befindet sich ein Schnitt, und der Stoff ist durchzogen von rot-braunen Flecken. Das T-Shirt sieht noch schlimmer aus. Und die Hose ebenfalls.
Mein Herz beginnt zu rasen. Ich taste über die verkrusteten Stellen und rieche vorsichtig daran. Als ich einen leichten, süßlichen Geruch wahrnehme, zucke ich erschrocken zurück. Ist das … Blut? Wie kommt es auf meine Sachen? Meins kann es nicht sein, eine derart schlimme Verletzung hatte ich noch nie. Aber wessen ist es dann?
So viel Blut.
Was zum Teufel ist hier passiert?
Eine Passantin kommt den Gehweg entlang, und obwohl sie mich nicht beachtet, drehe ich mich hastig zur Seite und stopfe die Sachen zurück in den Beutel. Dabei fällt etwas zu Boden: eine kleine weiße Visitenkarte. Wie in Trance bücke ich mich und hebe sie auf.
Entsetzen strömt in meine Adern wie flüssiges Eis. Ich kenne diese Karte. Es ist die gleiche wie im Fell der Katze, mit einem in Gold geprägten Sigillum Dei auf der Vorderseite. Meine Hände zittern immer noch, als ich sie umdrehe und den Text lese, den jemand mit schwarzer Tinte auf die Rückseite geschrieben hat.
Du hast unsere Einladung angenommen.
Halte dich bereit.
Eine Nachricht des Zirkels. Was hat das zu bedeuten? Ich starre auf die Worte und bin sicher, dass sie mir etwas sagen sollten, aber sosehr ich mich auch anstrenge, ich komme nicht darauf. Dabei habe ich das Gefühl, dass da etwas sein müsste. Etwas, das ich vergessen habe.
Das Eis in meinen Adern wird zu Feuer und treibt meinen Puls schlagartig in die Höhe. Das Blut, die Karte des Zirkels, die unangenehme Leere in meinem Kopf … Habe ich gestern Abend wirklich nur geschlafen? Oder … kann ich mich nicht daran erinnern, was geschehen ist, weil ich das Medikament bekommen habe?
Plötzlich höre ich das Schlagen einer Kirchturmuhr. Scheiße. Es ist neun Uhr. Konrads Anatomiekurs! Wenn ich nicht da bin, bevor die Tür verschlossen wird, kann ich mein Studium an den Nagel hängen.
In meinem Inneren herrschen so viele Gefühle gleichzeitig– Unglaube, Entsetzen, Panik –, dass ich mich wie gelähmt fühle. Doch irgendwo in meinem Gehirn legt sich ein Schalter um auf Autopilot. Eilig stecke ich die Visitenkarte in die Hosentasche, werfe die Klamotten zurück in den Müll und rase wie eine Irre auf die Akademie zu. Ich nehme die Abkürzung durch den Innenhof, durchquere das Foyer des Hauptgebäudes, haste wieder raus in einen kleineren Hof und erreiche völlig außer Atem das Nebengebäude, in dem die Anatomiekurse stattfinden. Als ich die Tür zum Vorraum aufreiße, renne ich fast Selina um, eine der Tutorinnen, die gerade auf dem Weg war abzuschließen.
»Glück gehabt«, brummt sie und dreht den Schlüssel im Schloss, doch meine Antwort besteht nur aus einem Nicken, weil mir zum Sprechen die Luft fehlt. Mein Herz springt mir fast aus der Brust, so heftig schlägt es. Trotzdem grenzt es an ein Wunder, dass ich den Sprint überhaupt geschafft habe.
Ich bin immer noch außer Atem, als ich mir den weißen Kittel überstreife, das Präparierbesteck aus der Tasche hole und dann hinter Selina den Anatomiesaal betrete. Die anderen stehen bereits an den Seziertischen, um mit der Arbeit an den Körperspendern zu beginnen. Eine konzentrierte Stille liegt über dem Raum, doch während ich zu meiner Präp-Gruppe gehe, ändert sich die Atmosphäre schlagartig. Es wird so leise im Saal, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Die meisten starren mich an, einige wenden den Blick ab, manche tuscheln hinter vorgehaltener Hand miteinander. Ich kann mir denken, worum es geht: Ich bin nicht nur die Enkelin des Akademiegründers, sondern auch die Schwester eines Mörders, der sich in einem Drogenunterschlupf den goldenen Schuss gesetzt hat. Ich bin ein wandelnder Skandal, und vermutlich wissen meine Kommilitonen nicht, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen; ob ihr Mitleid überwiegt oder ihre Abscheu. Was sie erst denken würden, wenn sie von den blutigen Klamotten in meinem Müll wüssten?
So viel Blut …
Schnell verdränge ich das Bild, genau wie das Getuschel und die verstohlenen Blicke. Ich habe kein Problem damit, die Außenseiterin zu sein, die Außenstehende, auf die alle mit dem Finger zeigen. Aber bei dem Gedanken, dass mein Bruder – der friedlichste, sanftmütigste Mensch auf der Welt – von einem Geheimbund in einen Sumpf aus Verrat und Tod gezogen wurde und nun ewig als Drogenabhängiger und der Mörder unseres Rektors in Erinnerung bleiben wird, krampft sich mein Herz zusammen.
Den anderen aus meiner Präp-Gruppe ist ihr Unbehagen mir gegenüber ebenfalls anzusehen. Sobald ich an den Tisch trete, nicken Carl und Selim mir nur kurz zu, ehe sie rasch wieder auf den Körper der alten Frau hinabschauen, der in den vergangenen Wochen ein...




