Schier | Kuschelglück und Gummistiefel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: HarperCollins eBook

Schier Kuschelglück und Gummistiefel


1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7499-0532-4
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: HarperCollins eBook

ISBN: 978-3-7499-0532-4
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Neuanfang am Meer

Diagnose: Burn-out! Der erfolgreiche Anwalt Maik Zengler muss einsehen, dass sein Leben auf der Überholspur in Berlin so nicht weitergehen kann. Außerdem hat er nach dem Tod seiner älteren Schwester das Sorgerecht für seine Nichte Michelle und seinen Neffen Jacob übernommen. Also beschließt er, sich völlig neu zu orientieren und in den kleinen Küstenort Lichterhaven zu ziehen. Doch das neue Leben im Einfamilienhaus, mit Garten und dem quirligen Airedale-Terrier-Mädchen Finchen fällt ihnen allen nicht leicht. Die Kinder vermissen die Stadt und ihre Eltern, und Maik muss feststellen, dass er keine Ahnung hat, wie man mit zwei Kindern zusammenlebt. Deshalb belegt er einen Kochkurs bei der hübschen, lebenslustigen Hannah. Und ohne es zu wollen, stellt sie sein Leben endgültig auf den Kopf ...



Seit Petra Schier 2003 ihr Fernstudium in Geschichte und Literatur abschloss, arbeitet sie als freie Autorin. Neben ihren zauberhaften Liebesromanen mit Hund schreibt sie auch historische Romane. Sie lebt heute mit ihrem Mann und einem deutschen Schäferhund in einem kleinen Ort in der Eifel.

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1. Kapitel


»Wir sind bald da.« Erleichtert setzte Maik den Blinker seines silbernen Ford Kuga und nahm die Autobahnabfahrt. Die Fahrt von Berlin an die Nordseeküste war lang und anstrengend gewesen. Zweimal waren sie in einen zähen Stau geraten, und insgesamt viermal hatten sie eine Pause machen müssen, um etwas zu essen, sich die Beine zu vertreten oder weil mindestens einer der vier Insassen des Wagens zur Toilette gemusst hatte. Deshalb atmete Maik nun tief durch, als er am Ende der Ausfahrt nach links in Richtung ihres Zielortes abbog.

Noch vor einem Jahr hätte er sich nicht träumen lassen, dass er sich einmal auf die Ankunft in dem ruhigen kleinen Touristenstädtchen freuen würde, das sich malerisch an die Küste schmiegte und in dem sich, zumindest gemessen an einer pulsierenden Großstadt wie Berlin, Fuchs und Hase Gute Nacht sagten. Doch heute, um einen Burn-out samt unerfreulicher Nebenwirkungen und mehrere Monate Therapie reicher, rollte die Erleichterung, endlich hier zu sein, wie eine warme Welle über ihn hinweg. Er war nun so weit wie nur möglich von seinem alten Leben entfernt, hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen, war bereit für einen Neustart.

Ein Blick in den Rückspiegel ließ die Besorgnis jedoch umgehend wieder die Oberhand gewinnen. Auf der Rückbank saßen seine vierzehnjährige Nichte Michelle und sein achtjähriger Neffe Jakob mit sprichwörtlichen Leichenbittermienen.

»Hier ist ja alles total grün, und nirgendwo sind Häuser.« Ablehnung und Verblüffung hielten sich bei Jakobs Bemerkung die Waage. »Da ist ein Traktor!« Für einen Moment überwogen Überraschung und Interesse. »Und Kühe, total viele! Wohnen wir jetzt auf einem Bauernhof?«

»Nein, selbstverständlich nicht.« Maik versuchte sich an einem heiteren Lächeln. »Aber es gibt hier einige Bauernhöfe in der Umgebung. Wenn du Lust hast, können wir bestimmt mal einen besuchen und uns alles ansehen.«

Jakob antwortete nicht darauf, von seiner Schwester hingegen kam ein lang gezogenes »Pfff«. Sie starrte missmutig vor sich hin. »Kühe! Und bestimmt lauter dämliche Dorftrampel.«

»Michelle.« Es fiel Maik nicht leicht, sein Lächeln beizubehalten und die Ratschläge der Psychologin zu beherzigen, die ihn seit seinem Burn-out betreut und vor einigen Wochen auch Michelle und Jakob unter ihre Fittiche genommen hatte, nachdem die Mutter der beiden an einer – hoffentlich! – versehentlichen Überdosis Tabletten verstorben war. »Ich bin sicher, es gibt hier keine Trampel, sondern jede Menge nette junge Leute. Gib ihnen erst mal eine Chance. Du willst doch auch nicht einfach vorverurteilt werden, oder?«

»Ich bin ja auch kein Dorftrampel. Bestimmt haben die hier nicht mal ein Einkaufszentrum oder ein Starbucks oder … irgendwas.« Sie schnaubte abfällig. »Nur Felder und Kühe …«

»Und Pferde«, warf er ein und deutete nach rechts, um sie auf eine große Pferdeweide hinzuweisen.

»Pferde sind toll«, murmelte Jakob gerade noch hörbar und drückte sich die Nase an der Fensterscheibe platt.

»Mir doch egal.« Trotzig schob Michelle das Kinn vor. »Es regnet«, setzte sie einen Moment später spöttisch hinzu, als ein leichter Schauer über sie hinwegzog. Just im selben Augenblick passierten sie das Ortsschild von Lichterhaven.

Maik seufzte innerlich. Zu ihrer Begrüßung zeigte sich das Wetter nicht gerade von seiner besten Seite. Der Himmel war von hell- bis dunkelgrauen Wolken verhangen, der für die Küste typische Wind ließ die Temperaturen nicht über fünfzehn Grad steigen, und der Regen tat nun sein Übriges, um die Stimmung dem Nullpunkt anzunähern. »Es hört bestimmt gleich wieder auf«, versuchte er, positiv zu bleiben. »Guckt mal, da hinten am Horizont hellt es bereits auf. Man kann sogar ein bisschen blauen Himmel sehen.«

Zur Antwort bekam er von Michelle lediglich ein weiteres lang gezogenes Schnauben, das Jakob nur einen Moment später nachmachte. Der Junge war vermutlich nicht annähernd so angefressen wie Michelle, orientierte sich jedoch momentan in so gut wie allem, was er sagte oder tat, an seiner großen Schwester.

Frau Dr. Busse hatte Maik bereits darauf vorbereitet, dass dieses Verhalten möglicherweise noch eine ganze Weile anhalten würde, ebenso wie Michelles sperrige Art und ihr Widerstand gegen alles und jeden – einfach die ganze Welt. Die beiden hatten erst vor knapp sieben Wochen ihre Mutter verloren. Da weder Michelles noch Jakobs Vater auffindbar oder überhaupt bekannt war, hatten die beiden niemanden gehabt, der ihnen in den ersten Tagen hätte beistehen können. Das Jugendamt hatte sie in ein Heim gebracht, bis man ihn, Maik, ausfindig gemacht hatte.

Marianne Zengler war seine Halbschwester gewesen; die Tochter seines Vaters aus erster Ehe und fünf Jahre älter als Maik. Sie hatten einander so gut wie nicht gekannt. Er konnte sich erinnern, sie als Kind zwei- oder dreimal getroffen zu haben. Danach war der Kontakt weitgehend abgebrochen. Die Ehe seiner Eltern war gescheitert, als er zehn Jahre alt gewesen war. Danach war er mit seiner Mutter von Berlin nach Straßburg gezogen, wo sie nach wie vor lebte, während sein Vater in mittlerweile vierter Ehe in einer Finca auf Mallorca wohnte. Zumindest nahm Maik an, dass dies der aktuelle Stand der Dinge war, denn viel Kontakt hatte er zu seinem alten Herrn nicht.

Erst zum Studium war Maik nach Berlin zurückgekehrt und war dortgeblieben, hatte Karriere gemacht, ein Leben auf der Überholspur geführt und kaum jemals einen Gedanken an seine Halbschwester verschwendet. In seinem Leben hatte sie keine Rolle gespielt. Umso erstaunter war er gewesen, dass sie seinen Werdegang ganz genau gekannt zu haben schien. Kontakt hatte sie nie zu ihm aufgenommen, doch schon um Jakobs Geburt herum hatte sie ein Testament aufgesetzt, in dem eine Sorgerechtsverfügung hinterlegt war. Diese besagte, dass er, Maik Zengler, im Falle ihres Ablebens das Sorgerecht über ihre beiden Kinder erhalten sollte.

Maik war aus allen Wolken gefallen, als er das Schreiben der Nachlassverwalterin sowie ein weiteres vom Jugendamt erhalten hatte. Er hatte mit sich gehadert, mit seiner Mutter Rücksprache gehalten und sogar seinen Vater zu erreichen versucht. Auf dessen Antwort wartete er heute noch. Die Aussicht, ab sofort für zwei Kinder – oder vielmehr ein Kind und eine Jugendliche – verantwortlich zu sein, warf ihn einigermaßen aus der Bahn.

Auch mit seiner Therapeutin hatte er lange darüber geredet und war sich dabei klar geworden, dass er die Kinder seiner Halbschwester auf keinen Fall im Stich lassen wollte. Die beiden hatten sonst niemanden mehr. Zumindest niemanden, der geeignet war, sich um sie zu kümmern. Auch in dieser Hinsicht hatte Marianne sehr genaue und begründete Angaben in ihrem Testament hinterlassen. Weder ihrer Mutter noch ihrem und Maiks Vater hatte sie das Sorgerecht übertragen wollen. Im Falle ihrer Mutter hatte sie sogar explizit ein Verbot vom Notar formulieren lassen. Da die Frau derzeit in einer betreuten Wohngemeinschaft lebte, kam sie aber für das Jugendamt sowieso nicht infrage. In ein Heim oder zu Pflegeeltern wollte Maik seinen Neffen und seine Nichte auf keinen Fall geben, deshalb hatte er Mariannes letzten Wunsch schließlich erfüllt. Dabei hatte er seinen Einfluss und seine Erfahrungen als Anwalt genutzt, um die bürokratischen Hürden so rasch wie möglich zu nehmen.

Seit knapp drei Wochen nun hatte er die volle Verantwortung für Michelle und Jakob. Drei Wochen, in denen sie sich seine ehemalige Eigentumswohnung mehr schlecht als recht geteilt hatten. Zudem hatte er sich reichlich unbeliebt gemacht, indem er nach Rücksprache mit Schule und Jugendamt ihrer aller Leben vollkommen und unwiderruflich auf den Kopf gestellt hatte.

Frau Dr. Busse hatte seine Pläne befürwortet. Ihrer Ansicht nach war ein Tapetenwechsel und Neuanfang genau das, was sie alle brauchten. Allerdings hatte sie Bedingungen gestellt. Die wichtigste war eine weitere therapeutische Betreuung für sie alle drei für mindestens weitere sechs Monate. Sie hatte ihm sogar schon Termine bei einer Psychologin in Lichterhaven verschafft, einer Dr. Nasira Scholz. Das erste Telefonat war nett und heiter gewesen, sodass Maik hoffte, bei ihr in guten Händen zu sein.

Während sie das pittoreske Städtchen durchquerten, stieß Michelle immer wieder leise Würgegeräusche aus, die Jakob natürlich sofort nachmachte, wenngleich nicht ganz so subtil. Maik erinnerte sich, dass er bei seinem letzten Besuch hier vor fast einem Jahr ebenfalls nicht sehr begeistert gewesen war. Dabei hatte er eigentlich nichts gegen die gepflegten Vorgärten der Einfamilienhäuser, in denen späte Azaleen neben bunten Polsterstauden und dichten Hundsrosenbüschen blühten, ebenso wenig wie gegen die aufwendig restaurierte Stadtmauer, die eine wunderschöne mittelalterliche Altstadt umgab. Weder der historische Museumshafen noch der Fischereihafen missfielen ihm. Er war nur einfach ein Großstadtmensch durch und durch und hatte sich in diesem vergleichsweise verschlafenen Nest fehl am Platz gefühlt, wie der sprichwörtliche Fisch auf dem Trockenen.

Ein bisschen kehrte dieses Gefühl nun zurück, als sie hinter einem hoch mit Gras beladenen Erntewagen, gezogen von einem Monster von Traktor, die Stadtmitte durchquerten und den Marktplatz passierten, auf dem neben einem restaurierten Fischkutter aus dem 19. Jahrhundert auch die überlebensgroße Figur von Watti Wattwurm stand, einer lustigen Comicfigur und dem Maskottchen von Lichterhaven. Hoffentlich tat er wirklich das Richtige, indem er sich und die beiden Kids so vollständig entwurzelte und hierher in die Pampa...



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