E-Book, Deutsch, Band 8, 512 Seiten
Reihe: Weihnachtshund
Schier Weihnachtszauber und Hundepfoten
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7499-0608-6
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Romantisch, kuschelig und einfach zum Dahinschmelzen - Petra Schiers Weihnachtshunde versüßen die Adventszeit
E-Book, Deutsch, Band 8, 512 Seiten
Reihe: Weihnachtshund
ISBN: 978-3-7499-0608-6
Verlag: HarperCollins eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Eine mutige Boxerdame rettet Weihnachten
Seit Melissa ihren gewalttätigen Ex-Mann verlassen hat, lebt sie in ständiger Angst. Als sie dann dem Sicherheitsexperten Lennart und seiner jungen Boxerdame Sissy begegnet, will sie instinktiv auf Abstand gehen. Zu groß ist Melissas Angst vor Nähe, und sie hat sich geschworen, ihren kleinen Sohn Andy vor jeglicher Gefahr zu schützen, koste es, was es wolle. Doch Lennart ist so ganz anders als ihr Ex und setzt sanft alles daran, sie näher kennenzulernen. Bald schon kann sie sich ihrer Gefühle für ihn kaum noch erwehren. Doch dann überschlagen die Ereignisse sich, und Santa Claus und seine Crew haben alle Hände voll damit zu tun, das Weihnachtsfest doch noch zum Fest der Liebe zu machen.
Seit Petra Schier 2003 ihr Fernstudium in Geschichte und Literatur abschloss, arbeitet sie als freie Autorin. Neben ihren zauberhaften Liebesromanen mit Hund schreibt sie auch historische Romane. Sie lebt heute mit ihrem Mann und einem deutschen Schäferhund in einem kleinen Ort in der Eifel.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel
Es war noch früh an diesem Montagmorgen; der Wecker in Form eines Delfins auf dem Nachtschränkchen zeigte gerade halb sechs an, doch Andy war bereits hellwach. Er hatte so leise wie möglich die Toilette benutzt und schlich sich nun an das Schlafzimmer seiner Mama heran, das ihnen gleichzeitig als Wohnzimmer diente. Die Tür stand wie immer einen winzigen Spalt weit offen. Vorsichtig schob er das Türblatt ein wenig weiter auf und schlüpfte hindurch. Im Licht der Straßenlaterne, das durch das Fenster hereinfiel, konnte er alles in dem kleinen Raum ganz genau erkennen: die uralten Schränke aus dunklem, abgenutztem Holz, die graue Couch, die man mit ein paar Handgriffen zu einem Bett umfunktionieren konnte, auf der man allerdings nicht besonders gut schlafen konnte, weil die Polster total durchgelegen waren und ein Brett schief stand, sodass es in den Rücken drückte. Außerdem gab es noch einen niedrigen, klobigen Couchtisch und unter dem Fenster einen winzigen Schreibtisch, vor dem einer der beiden Küchenstühle stand, weil Mama gestern Abend noch irgendwelche Papiere durchgesehen hatte. An der Wand gegenüber der Couch hing ein kleiner Fernseher. Für viel mehr war in dem Zimmer kein Platz, und wenn die Couch ausgezogen war, konnte man nicht einmal zum Fenster gehen, sondern musste, wenn man dorthin wollte, über die Möbel klettern.
Dicht vor dem provisorischen Bett blieb Andy stehen und betrachtete seine Mama, die noch tief und fest schlief. Sie lag auf der linken Seite, das Gesicht ihm zugewandt, und hatte ihre Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen. Sie wirkte im Schlaf ganz ruhig und entspannter, als wenn sie wach war. Trotzdem kam es Andy so vor, als ob er auf ihrem Gesicht ein bisschen was von dem besorgten Ausdruck erkennen könnte, den er so oft an ihr sah, obwohl sie ihn fast immer zu verstecken versuchte.
Obwohl er erst sechseinhalb Jahre alt war, wusste er doch genau, dass seine Mama ganz, ganz viele Sorgen hatte. Das war schon immer so gewesen, aber noch schlimmer geworden, als sie beide einen Tag nach seinem vierten Geburtstag von zu Hause abgehauen waren. Die Leute glaubten immer, Kinder würden sich in seinem Alter nicht an viel erinnern, was in der Vergangenheit passiert war. Doch Andy hatte alles noch genau vor Augen. Die Tasche und seinen Rucksack, die Mama ganz heimlich gepackt und unter dem Bett versteckt hatte, wie sie ihn mitten in der Nacht geweckt hatte und sie mucksmäuschenstill mit ihrem wenigen Gepäck aus dem Haus geschlichen waren, und das Taxi, das an der nächsten Straßenecke auf sie gewartet hatte. Dann waren sie total lange gefahren, mindestens zwei Stunden oder so, raus aus Berlin in irgendeine kleine Stadt. Dort hatte der Taxifahrer sie vor einem Haus abgesetzt und gefragt, ob er ihnen noch irgendwie helfen könnte. Doch Mama hatte Nein gesagt und war zusammen mit Andy ganz schnell zum Eingang gegangen, der offen gewesen war, obwohl es immer noch Nacht war.
Drinnen hatte es ausgesehen wie eine Mischung aus einem Wohnzimmer, einer Küche und dem Hotel, in dem sie mit Papa mal ein Wochenende verbracht hatten. Jedenfalls gab es da auch so einen komischen Tresen, hinter dem eine Frau stand und sie freundlich begrüßte. Was Mama mit der Frau geredet hatte, hatte er nicht alles verstanden, aber trotzdem wusste er, dass sie jetzt in Sicherheit waren und nicht mehr nach Hause zurückkehren würden. Die Frau hatte ihnen ein kleines Zimmer gezeigt, in dem ein Bett stand, das groß genug für sie beide war, und außerdem ein Kleiderschrank mit drei Türen. An den Wänden hingen Fotos von Bäumen und Wiesen und Blumen. An die Blumen konnte Andy sich noch besonders gut erinnern; es waren Sonnenblumen gewesen. Auch eine Uhr hatte an der Wand gehangen, das wusste er ebenfalls noch ganz genau, weil sie so laut getickt hatte.
Das war jetzt schon mehr als zwei Jahre her, und trotzdem standen die Bilder Andy noch so deutlich vor Augen, als wäre alles erst gestern passiert. Er konnte sich an den Geruch in dem Zimmer erinnern – ein bisschen wie Seife mit Zitrone – und an Mamas erleichtertes Seufzen, als die Tür sich hinter der Frau geschlossen hatte und sie beide sich ins Bett gelegt hatten.
»Jetzt wird alles wieder gut, Andy«, hatte sie geflüstert und ihn ganz fest in die Arme genommen. »Alles wird wieder gut.« Dann hatte sie geweint.
Andy konnte sich nicht erinnern, ob seine Mama seit jener Nacht noch einmal geweint hatte. Wenn sie mit ihm zusammen war, versuchte sie immer, gut gelaunt und lieb und fröhlich zu sein, außer natürlich, wenn er sich mal danebenbenommen hatte. Dann schimpfte sie auch schon mal mit ihm, aber sie wurde nie so böse, wie Papa es werden konnte, und schon gar nicht hatte sie ihn jemals gehauen.
Papa hatte das aber gemacht, nicht bei ihm, dazu war er wahrscheinlich noch zu klein gewesen, aber bei Mama. Andy hatte ihn einmal davon abhalten wollen, doch Mama hatte ihn ganz böse und laut angeschrien, dass er sich in seinem Zimmer verstecken sollte. Das hatte er danach immer gemacht, wenn Papa böse geworden war und ihr wehgetan hatte. An die Angst, die er damals gehabt hatte, konnte Andy sich ebenfalls noch ganz genau erinnern. Manchmal träumte er heute noch davon, dass er in dem Schrank saß, in den er sich dann jedes Mal geflüchtet hatte. Als er ein bisschen älter gewesen war, hatte Mama ihm erklärt, dass sie hatte verhindern wollen, dass Papa auch auf ihn böse wurde und ihn schlug. Das verstand er zwar inzwischen, aber trotzdem weinte er manchmal heimlich, weil er Mama damals nicht geholfen hatte. Natürlich war er noch viel zu klein, auch jetzt noch, um wirklich etwas gegen seinen Papa ausrichten zu können, aber er hatte seine Mama einfach im Stich gelassen, und deshalb hatte sie Papas Zorn immer ganz allein aushalten müssen.
Auch jetzt stiegen Andy brennend heiße Tränen in die Augen, als er seine Mama beim Schlafen beobachtete. Heftig rieb er sich über die Augen, um nicht wirklich zu weinen anzufangen. Mama hatte die Schläge und das Gebrüll immer ertragen, und vielleicht wären sie nicht abgehauen, wenn sein Papa nicht eines Tages plötzlich doch angefangen hätte, auch Andy anzuschreien und ihm Ohrfeigen zu geben und ihn heftig am Arm zu zerren, nur weil er nicht leise genug gewesen war, als der Fernseher lief.
Aus dem Haus mit der netten Frau, es war ein Frauenhaus gewesen, wie er später gelernt hatte, waren sie nach einem halben Jahr ausgezogen. Zu dem Zeitpunkt war Mama bereits von Papa geschieden gewesen. Die Leute in dem Frauenhaus und eine andere nette Frau, die eine Anwältin war, hatten ihr dabei geholfen. Danach waren sie mehrmals umgezogen und schließlich hier gelandet. Die Fahrt in die kleine Stadt in der Nähe von Köln hatte mit dem Bus fast einen ganzen Tag gedauert, weil sie mehrmals angehalten und Pausen gemacht hatten.
Auch als sie hier in die kleine Wohnung eingezogen waren, hatte Mama ihm versichert, dass jetzt alles gut werden würde. Das war es eigentlich auch. Andy war hier in den Kindergarten gekommen, und Mama hatte schnell eine Halbtagsstelle bei einer ganz lieben Frau gefunden, die eine Künstlerin war und voll schöne Sachen aus Glas machte, die Andy aber nicht anfassen durfte, um sie nicht kaputt zu machen. Jana war wirklich lieb und hatte sie sogar letztes Jahr zu Weihnachten und danach auch noch einmal zu Ostern zu ihrer Familienfeier eingeladen. Das war total schön gewesen, denn Andy hatte noch nie ein richtiges Familienweihnachtsfest – oder Ostern – erlebt. Zumindest konnte er sich nicht daran erinnern. Janas Mama und Papa waren auch dabei gewesen und ihre Schwester und Janas Mann. Oder Verlobter. Mama hatte gesagt, die beiden wären jetzt verlobt und wollten bald heiraten. Oliver war auch lieb. Er spielte manchmal mit Andy, und das Beste war, dass er einen großen Hund hatte, Scottie.
Scottie spielte immer mit Andy, aber man musste aufpassen, weil er so groß und tollpatschig war und Andy schon ein paarmal versehentlich umgeworfen hatte. Andy fand das lustig, weil Scottie dann immer über sein Gesicht schleckte und an ihm herumschnüffelte, so als ob er sich entschuldigen wollte.
Ein Lächeln erschien auf Andys Lippen, als er die kräftige Bordeauxdogge vor sich sah. Dann fiel sein Blick wieder auf seine Mama, die sich ein bisschen im Schlaf bewegte und etwas Unverständliches murmelte. Am besten war es, wenn er sie schlafen ließ. Ihr Wecker würde erst um halb sieben gehen, das war noch fast eine Stunde. Zwar war es verlockend, sich zu ihr unter die Decke zu kuscheln, auch wenn ihr Bett total unbequem war, aber ihm kam eine andere Idee. Es war zwar noch ganz lange hin bis Weihnachten, mehr als einen Monat, aber in der Schule – er ging ja jetzt in die erste Klasse! – hatten ein paar Kinder erzählt, dass sie jetzt schon ihren Wunschzettel an den Weihnachtsmann oder das Christkind schrieben. Oder vielmehr malten sie ihren Wunschzettel, weil sie noch gar nicht alle Buchstaben gelernt hatten und noch nicht richtig schreiben konnten.
Am liebsten hätte Andy seiner Mama kurz über das Gesicht gestreichelt, tat es aber nicht, weil er Angst hatte, sie vielleicht doch zu wecken. So leise, wie er gekommen war, verließ er das Wohn-Schlaf-Zimmer und kehrte in sein eigenes Zimmer zurück. Es war noch kleiner als das Wohnzimmer. Hier gab es nur sein Bett, seinen schmalen Kleiderschrank und einen kleinen Schreibtisch mit Drehstuhl, an dem er manchmal saß und malte oder Buchstaben übte. Leise zog er sein Federmäppchen aus dem alten Schulranzen, den Mama auf dem Flohmarkt für ihn gekauft hatte, und öffnete es. Dann kramte er aus der Schublade unter der Tischplatte seinen Malblock hervor, setzte sich auf den Stuhl und begann im Licht der Schreibtischlampe ein Bild zu...




