Schierl | Mein Jakobsweg | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 292 Seiten

Schierl Mein Jakobsweg

Erfahrungen einer Jakobuspilgerin
3. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8482-9347-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erfahrungen einer Jakobuspilgerin

E-Book, Deutsch, 292 Seiten

ISBN: 978-3-8482-9347-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nutzt sich der Jakobsweg ab, weil er sozusagen in Mode gekommen ist? Seit Showmaster und andere Prominente von ihren Pilgerschaften nach Santiago di Compostela berichten, könnte dieser Verdacht aufkommen. Wie die vorliegenden Berichte einer realistischen und bodenständigen Persönlichkeit wie Brunhilde Schierl zeigen, kann sich ein Pilgerweg gar nicht abnützen, wenn er in der richtigen inneren Haltung begangen wird. Und da kommt es nicht einmal darauf an, dass das große Weihrauchfass von Santiago erreicht wird. Wer mit dem Willen aufbricht, sich von diesem Weg und seinen Begegnungen verändern zu lassen, kommt in jedem Fall ans Ziel.

Brunhilde Schierl, geb. 1951, Mutter von vier erwachsenen Töchtern. Von Jugend an ist sie ehrenamtliche tätig, widmet sich lange der Obdachlosenarbeit und der Schuldnerberatung, betreut psychisch Kranke. Nach ihrer Trennung 1991 engagiert sich die Justizsekretärin auch in der Seelsorge.
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DIE PILGERREISE BEGINNT


Heute stehe ich sehr zeitig auf. Alles ist gepackt und vorbereitet. Wegen meiner noch immer vorhandenen Knieprobleme fährt mich Daniela nicht wie ursprünglich geplant zu meinem Startpunkt nach Markt Bibart, sondern ich fahre mit dem eigenen Auto.

Dies hat für mich den Vorteil, noch einige Tage mit geringem Tagesgepäck laufen zu können. Auf diese Weise hoffe ich mich schonend einzulaufen und das Knie wieder ganz in Ordnung zu bringen. Außerdem habe ich so für die ersten Tage gleich meine Übernachtungsmöglichkeit dabei.

Über den Zubringer, die Bundesstraße 505, befahre ich ein kurzes Stück der Würzburger Autobahn. Ich verlasse sie bereits an der Ausfahrt Schlüsselfeld wieder. Auf den Landstraßen ist kaum Verkehr. Die Dörfer im Steigerwald sind noch unbelebt.

In einem Dorf sitzt ein weißer Hase mitten auf der Straße und bewegt sich nicht vom Fleck. Ich fahre langsam an ihn heran und hoffe, dass er weghoppelt. Doch er bleibt sitzen. Nun bin ich so dicht vor ihm, dass ich ihn nicht mehr sehen kann. Also halte ich völlig an, damit Herr Langohr gemütlich die Straße räumen kann. Er lässt sich Zeit.

Vermutlich ein entlaufener Stallhase, der noch keine Autos kennt. So früh am Morgen will ich mich seines Schicksals jedoch nicht annehmen. Es dürfte um diese Zeit schwierig sein, seinen Besitzer zu finden. Ich wünsche ihm Glück für seinen weiteren Weg.

In Markt Bibart parke ich bei der Kirche und schlüpfe in die neuen Wanderschuhe. Ich weiß, dass man den Jakobsweg nicht mit neuen Schuhen angehen soll. Die alten habe ich vorsorglich ebenfalls dabei. Doch die fallen fast auseinander und ich fürchte, dass sie die geplante Tour mit 1200 Kilometern nicht mehr durchhalten.

Mit einem sehr starken Knick-Senk-Spreizfuß, bei einem ausgeprägten Hallux valgus, ist für mich jeder Schuhkauf ein größeres Problem. Für jeden Verkäufer bin ich damit eine Herausforderung. Ein Schuhproblem kann ich unterwegs mit Sicherheit nicht lösen. Kaputte Schuhe würden einen Abbruch der Tour bedeuten. Meine Schuhe müssen diese Reise durchhalten. Das zwingt mich, die neuen Wanderschuhe doch noch in den nächsten Tagen einzulaufen.

Es gab Gewitter- und Unwettermeldungen. So marschiere ich bereits um halb sieben in Markt Bibart los. Vor vielen Jahren habe ich mit meinen vier kleinen Kindern ein Gewitter am Gipfel eines Berges erlebt. Das sitzt mir noch heute im Nacken. Seither habe ich großen Respekt vor den Gewalten der Natur. Ich versuche jedem Gewitter in der freien Natur auszuweichen.

In Markt Bibart suche ich die Wegmarkierung und lasse mich von ihr in den Wald leiten. Bis Rothenburg habe ich eine Wegbeschreibung. Die führt acht Kilometer nur durch Waldgebiet, durch den Limpurger Forst. Dieser Weg durch den Steigerwald ist vorwiegend als markiert. Bisher kam ich damit gut zurecht. Doch heute habe ich meine Probleme. Ich finde den Weg in diesem Abschnitt des Waldes sehr schlecht markiert. Es fällt mir oft schwer, mich für den einen oder anderen Weg zu entscheiden. Und schon verliere ich die richtige Route. Irgendwann habe ich das Gefühl, unsinnige Umwege zu gehen. Es ist bereits Mittagszeit. Von der Gehzeit her müsste ich längst den Wald verlassen haben. Mir wird klar: Ich habe mich total verlaufen. Den Weg zurück bis zur letzten Markierung würde ich vermutlich nicht mehr finden, es wäre auch viel zu weit. Zu oft bin ich ohne mein Wanderzeichen abgebogen oder geradeaus gelaufen. Die Wanderzeichen wechselten dann in alle möglichen Farben. Keines davon kann ich in meiner Wanderkarte entdecken.

Der weitere Weg wird spannend sein, denn künftig werde ich nicht einmal eine Wanderkarte mitführen.

Erneut stehe ich an einer Weggabelung und muss eine Entscheidung treffen. Ein Weg ist mit einem mir unbekannten Wanderzeichen ausgeschildert. Er führt leicht bergauf. Das kann nicht passen, denn ich muss hinunter ins Tal. Der andere Weg führt zwar abwärts, hat aber keinerlei Wanderzeichen. Mein Knie schmerzt zunehmend und am Himmel zeigen sich bereits die grauen Unwetterwolken. Ich entscheide mich, auf dem markierten Wanderweg zu bleiben.

Doch je länger ich laufe, desto mehr steigt der Weg an. Er führt mich von einer anderen Seite auf eben den Berg, von dem ich komme. Nach etwa zwei Kilometern werde ich nervös. So komme ich nie ins Tal. Also kehre ich um, um an der letzten Weggabelung doch den unmarkierten, abwärts führenden Weg zu nehmen. Er passt zwar nicht von der Richtung, aber ich will einfach nur noch raus aus dem Wald, egal wo. Auf keinen Fall will ich ein Unwetter im Wald erleben.

Also wieder zurück zur Weggabelung, wo ich erneut die Wanderkarte studiere. Doch ich kann nicht herausfinden, wo ich mich überhaupt befinde. Der Wald ist groß und hat viele Wege. Hier kann man stundenlang umherirren. Meine Wegentscheidung kann ich nur auf Vermutungen aufbauen. Doch das gibt keine wirkliche Orientierung. Ich bin ratlos.

Meine innere Stimme sagt mir plötzlich: Keinesfalls einen unmarkierten Weg nehmen. Mir bleibt keine andere Wahl als der Weg bergauf. Ich laufe den gleichen Weg, den ich eben umgekehrt bin, zurück. Vielleicht komme ich irgendwann an eine Kreuzung, die mir zur Orientierung verhilft, hoffe ich.

Jetzt bin ich ziemlich nervös und verdopple mein Tempo. Mir läuft die Zeit davon. Innerlich kämpfe ich gegen meine Gewitterpanik.

Ich muss Ruhe bewahren, sonst mache ich nur unsinnige Sachen, wie eben. Mindestens vier zusätzliche Kilometer hat mir das eingebracht. Solche Eskapaden kann ich mir gerade jetzt nicht leisten, weder für das Knie, noch von der Zeit her.

Die Panik lässt mich den Schmerz im Knie fast vergessen, ich spüre stattdessen den inneren Zeitdruck.

Kein Wald macht mir Angst, auch wenn ich mich verlaufe, sofern ich nur genug Zeit habe. Die scheint mir jetzt zu fehlen. Das Unwetter naht und wenn ich mein Knie zu lange und zu sehr belaste, kann mich das zur Gehunfähigkeit bringen. Ich habe das mit meinem Knie bereits erfahren. In diesem Riesenwald ist mir den ganzen Tag noch kein einziger Mensch begegnet. Nun bereue ich, das Handy im Auto gelassen zu haben. Im Notfall könnte es doch nützlich sein.

Der Weg steigt immer mehr bergan. Aber ich bin nun entschlossen, ihm zu folgen, bis er mich zu anderen Markierungen führt. Tatsächlich entdecke ich irgendwann mein ersehntes Wanderzeichen. Mein Weg wäre vermutlich schon oben am Berg ein schmaler, stets abwärts führender Pfad gewesen, der die breiten Forstwege abschneidet. Auch jetzt überquert der Pfad den Forstweg und leitet mit der Markierung den Pfad bergab.

Nun ist mir klar, welche unsinnigen Schleifen ich marschiert bin. Irgendwo muss ich die Markierung zu diesem Pfad übersehen haben, sofern sie tatsächlich vorhanden war.

Ich bin ungeheuer erleichtert. Mit diesem Abkürzungspfad gelange ich schnell nach unten. Endlich lichtet sich der Wald. Ich laufe an Wiesen und Feldern vorbei und gelange kurz vor zwei Uhr nach Weigenheim.

Nun erst, wo ich mich in Sicherheit weiß, spüre ich mein Knie wieder. Siebeneinhalb Stunden bin ich gelaufen, viele Kilometer mehr, als für diese Tagesetappe geplant war. Das reicht! Nach Uffenheim müsste ich weitere viereinhalb Kilometer auf betoniertem Flurweg laufen. Das tue ich meinem Knie nicht mehr an. Ich beschließe, ab hier zu meinem Auto zu trampen. Doch in diesem abgeschiedenen Ort bewegt sich kein Auto. Ich stehe längere Zeit an der Straße. Es ist entsetzlich heiß und drückend. Drei Autos verlassen in großen zeitlichen Abständen den Ort, halten aber nicht an. Das ist nicht sehr ermutigend.

Endlich kommt ein Wagen mit zwei jungen Männern. Sie halten und nehmen mich mit. Sie sind auf dem Weg nach Uffenheim. Wir erreichen über eine unbedeutende Verbindungsstraße die Bundesstraße zwischen Uffenheim und Markt Bibart. Mir ist sofort klar, dass hier niemand für mich anhält. Die Autos fahren auf einer derartigen Vorfahrtsstraße mit großer Geschwindigkeit, viel zu schnell, um mich zu beachten.

Also lasse ich mich mit nach Uffenheim nehmen. Das ist zwar die verkehrte Richtung, doch am Ortsende von Uffenheim sehe ich größere Chancen für mich. Hier versuche mein Glück.

Wegen der Hitze sind nur wenige Menschen unterwegs. Wer kann, verkriecht sich im Haus. Entsprechend dünn ist der Verkehr auf der Straße. Es dauert einige Zeit, bis wieder ein Auto anhält. Ein älteres Ehepaar, das hier Urlaub macht, ist auf dem Weg nach Suggenheim. In Suggenheim muss ich dann von der Bundesstraße in die andere Richtung abzweigen. Hier nimmt mich rasch ein sympathischer Mann mit, der mich in Markt Bibart direkt an meinem Auto absetzt.

Mein Auto stand in der prallen Sonne und kocht regelrecht. Ich reiße alle Türen auf, bevor ich mir die Wanderschuhe ausziehe. Es nützt nicht viel, da die Temperaturen in der Sonne ebenfalls extrem sind. Erst einmal will ich zur Kirche, mir meinen Pilgerstempel holen und auch irgendwo meine leere Wasserflasche auffüllen.

Aber ich kann den Autoschlüssel nicht finden. Ich suche unter den Kleidungsstücken auf meinem Bett, in allen...



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