E-Book, Deutsch, 205 Seiten
Schierlitz Wenn überhaupt, dann höchstens kaum
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-475-54547-4
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Skurrile Geschichten
E-Book, Deutsch, 205 Seiten
ISBN: 978-3-475-54547-4
Verlag: Rosenheimer Verlagshaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wolfgang Schierlitz war Schriftsetzer, Verlagshersteller, Typograf sowie Grafiker und Texter. Schließlich zog es ihn wieder zu den Wurzeln seines beruflichen Ursprungs. Mit dem Wissen um Schrift und Gestaltung eröffnete er eine Druckerwerkstatt. Seine satirische Einstellung zum Dasein brachte es mit sich, dass er acht Werke veröffentlichte. Dieses Buch bringt eine Zusammenfassung seiner Einfälle und der ständigen Suche auf dem Boden der Tatsachen.
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Beziehungskrisenalarm
Dornenvögel oder Bundesliga?
Epoche um Epoche zieht sich durch die Geschichte unserer Menschheit. Eine davon ist die Romantik. Und die meisten Frauen sind ihr von damals bis auf ewig verfallen. Weil ich aber ab und zu im Fernsehen die Bundesliga anschaue, behauptet sie, meine Angebetete, ich sei unromantisch. Nur weil sie immer Die Dornenvögel sehen will.
»Du könntest auch einmal von mir träumen!«
»In der Zeit könnte aber auch ein Tor fallen.«
Trotzdem ließ ich das nicht auf mir sitzen. Umgehend habe ich mir die gesamte Abteilung der Romantik gründlich vorgenommen. Um zu wissen, was eine Frau ahnt, habe ich Grillparzer gelesen: Die Ahnfrau.
Ich habe mir Schiller und Goethe kommen lassen. Gesamtausgabe. Ich meine: Gesamtausgabe, fünf Euro für zwei Reclamhefte. Da scheue ich keine Kosten. Nicht von der Steuer absetzbar.
Das eine heißt: Die Leiden des jungen Werther.
»Gibt es da auch einen etwas Älteren?«, habe ich die Buchhändlerin gefragt.
»Dann können Sie Der alte Mann und das Meerhaben.«
Als ob das Romantik wäre.
Ich war in den Museen der Welt. Louvre. Centre Pompidou. Prado. Uffizien. Alte und Neue Pinakothek. Kann man sich alles mit Kunstbildbänden in der Bücherei ausleihen. Und: Heimatmuseum Rosenheim. Aber persönlich.
Ich habe die Bilder alle auswendig gelernt. Caspar David Friedrich: Frühlingserwachen. Und die musikalischen Offenbarungen!
Johannes Brahms: Draculas Nachtgesang. Oder so ähnlich.
Silcher und Eichendorff: In einem schwülen Grunde. Da steht eine Mühle. (Heute ist dort eine Mülldeponie.)
Dann kam mein großer Auftritt. Ich ließ die Bundesliga außen vor. Meine liebe Frau und Lebensgefährtin bügelte vor dem Fernseher. Der Hund schlief träumend im Lehnstuhl. (Hab ihn ausnahmsweise nicht verjagt, aus meinem Fernsehsessel!) Es liefen die romantisch-erotischen Abenteuer des Giacomo Casanova. Giacomo Casanova war gerade in den Bleikammern von Venedig. Unfreiwillig. Aber selbst dort formte er poetischerotische Sätze. Das konnte ich nun auch. Ich räusperte mich einfühlsam. Meine liebe Lebensgefährtin blickte fragend auf:
»Schon wieder Bundesfußball?«
»Nimmermehr! Aber sprich, Geliebte, was fühlst du, wenn die Nachtigall und die Lerche den länger werdenden Tag verkünden? Wenn die prallen Knospen aufbrechend ein Frühlingsahnen in dir erwecken? Was denkst du, wenn der Winter mit letzten Tränen hinfort schmelzen muss?«
»Dann wird’s höchste Zeit für Sommerreifen.«
Ich war verletzt wie ein waidwunder Hirsch. Am liebsten wäre ich zu Casanova in die Bleikammer. Aber der war inzwischen frei und vergnügte sich auf das Romantischste mit einer Komtesse. Es war Winter geworden. Schneeflocken trieben sanft. Es war arschglatt. Die Komtesse fuhr in einer Kutsche vor. Er stieg zu ihr in das Gefährt. Dann flüsterte Casanova: »Hoffentlich Winterreifen, sonst bleib ich da.«
Seitdem haben wir mehrere Fernseher. Einen für die Bundesliga. Und einen für die Dornenvögel.
Ich muss jetzt aber nachschicken: Jede Ähnlichkeit, auch mit Personen, oder gar mit meiner lieben Frau, ist rein zufällig. Sonst wäre der größte Ärger vorprogrammiert.
Emotionale Intelligenz
Meta-emotionale Kompetenzen werden immer wichtiger.
Das wissen Frauen schon lange.
Die Verständigung in der Partnerschaft scheitert oft an fehlender geistiger Zuständigkeit. Frauen verwechseln zwar immer wieder rechts und links, Verlierer aber sind auf lange Sicht die Buben. Weil sie immer noch Kraft mit Intelligenz verwechseln. Da bleibt dann oft nur noch die Hilfsschule.
Und so entsteht Polarisierung.
Frauen übernehmen die faktisch-mathematischen Fähigkeiten immer häufiger. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie die Macht generell ergreifen, wenn die Männer sie unachtsam irgendwo hingelegt haben.
Neuerdings suchen Männer diese emotionalen Defizite auszugleichen, überziehen aber, indem sie in romantische Gefilde abdriften. Frauen kontern souverän-männlich.
Das erzeugt intergeschlechtliche Verständigungsschwierigkeiten:
Er: Rede, Mädchen, allzu liebes – willst du, dass ich komme, wenn die Sterne grüßen?
Sie: Du, i hab’s jetz glei, wart a bissl, dann mach i den Staubsauger aus.
Er: Wenn so lind dein Aug mir schauet, letzte Trübe flieht, welche mich umgrauet.
Sie: Hast jetz heut scho wieder dei’ greisligs Hemd und die oide Hosn anzogn!
Er: Sieh, wie ist die Welt so klar, blickt der Mond hernieder, die du meine Liebe bist, liebe du mich wieder!
Sie: Du, der neue Bodybuilder im Fitnessstudio, der schaut vielleicht guat aus!
Er: Es bebet das Gesträuch, erschüttert von der Liebe!
Sie: Hast jetz du die Nachtkastltür schon wieder offen lassn!
Er: Nachtigall, die singt so schön, wenn die Sterne funkeln. Liebe mich, geliebtes Herz, küsse mich im Dunkeln!
Sie: Kannst du noch mal ’s Licht einschaltn, i hab mei’ Gebiss noch net raustan.
Fazit: Das Gehirn von Frauen und Männern arbeitet sehr unterschiedlich!
Romantik
Ein romantischer Mensch hat einfach viel mehr vom Leben! Er erlebt alles intensiver – die Liebe, die Trauer.
Eine SMS der Geliebten lässt ihn jauchzen.
Eine Nachricht vom Finanzamt rührt ihn zu Tränen: »Wir haben Ihr Konto in Liechtenstein gefunden!«
Ich war noch ein Bub, ein Bonsai, circa einen Meter hoch, da erlebte ich meine Frühromantik. Auf Bairisch. Meine Mutter sang das berühmte Lied vom verliabtn Buam, der seinem Madl ein Edelweiß holt, aus der überhängenden Wand. Und jetzt kommt der romantische Kick: Es haut’n obi!
Die Hochromantik – wie könnte es anders sein – traf mich mitten in der Pumpertät: Vico Torriani, Addio, donna Grazia!
Aber dann wurde es wirklich ernst. Mich erfasste eine späte Romantik.
Ich nahm die Picke auf, ich stieß ins Horn! Ich war der Nachtwächter des Romantikers Bonaventura. Ich bangte um den Schatten von Peter Schlemihl und seine Liebe zur Forstmeisterstochter. Ich war der Taugenichts von Eichendorff. Und da glaub ich heute noch meine wahre Identität gefunden zu haben!
Und – ich wollte Dramatiker werden. Oder Schauspieler. Ich griff nach Höherem. Nicht einfach nur Ringelnatz: »Die Nonnen schwitzen in den Klöstern, ’s wird Östern.« Oder: »Drüben am Walde kängt ein Guruh, warte nur, balde känguruhst auch du!« – Nein! Ich griff nach dem Höchsten: Faust! Osteraufmarsch!
Ich sprach vor.
»Na – dann machn Se mal.«
Ich schicke voraus: Damals gab es noch keine Rechtschreibreform. Man schrieb und sprach noch sinnvoll. Zum Beispiel das Wort: Thal. Man schrieb und sprach es noch mit Th.
Ich holte tief Luft. Mindestens zehn Minuten. Dann legte ich los:
»Vom Eise befreit sind Strom und Weiher
durch des holden Frühlings belebenden Blick.
Im Thaale – grünet Hoffnungsglück.
Der coole Winter, der alte Geier,
zog sich in rauh’re Gefilde zurück.
Von dort her sendet er fliehend nur
ohnmächt’ge Schauer gefrorenen Eises
in Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes.
Überall regt sich Wachstum und Streben,
alles will sie mit Farbe bekleben.
Doch an Bluumen, an Bluumen, an Bluumen –
fehlt’s im Revier.«
Leider aber: Die Jury schüttelte sämtliche Köpfe. »Das ist doch kein Faust. Das ist ein ganz grober Fäustling!«
Seitdem überlasse ich die Romantik kompetenteren Fachkräften.
Jodler-Romantik
Wo – so frage ich – findet man denn heute noch natürliche, echte Dummheit? Außer vielleicht – im Musikantenstadl.
Aber – alles Erdverbundene, Wahre entschwindet, für immer.
Wir sprechen heute wieder über Land und Leute. Diesmal – Menschen der Berge!
Berge! – Oh wie hoch sie sind! Wie sie gen Himmel ragen! Und oh wie klein ist doch der Mensch!
Berge! Wie sie sich aufgefaltet haben!
Und dazu einfältig fromm der Mensch in rauer Landschaft. In kargen Verhältnissen. Aber er singt, er juchzt, er jodelt! In dieser unbequemen Gegend!
Lautmalerei, dort, wo der Wildbach rauscht – Überschlag der Stimme von der Brust in den Kopf.
Boarischer Plärr-Juchza – niederösterreichischer Alm-Dudler – steirischer Alp-Hullaza …
Wir befinden uns in der Selbstbedienungsklause Oim-Roserl.
Oim – das ist die Alpe, die Alm. Ja, ein Vorposten der Kultur.
Die Alm – sehen wir doch einmal nach im Almanach! Oder fragen wir einfach die alte Katharina – die oide Kath. Sie war ein Leben lang Sennerin auf der Alm und lebt heute noch von Almosen.
»Liebe Katharina, wie war das denn früher mit der Almromantik?«
»Ja mei.«
»So erzählen Sie doch. Hatten Sie oft männlichen Besuch?«
»Freili. Ganz oft.«
»Wie romantisch. Was war dann?«
»Kinder.«
»Wie viele haben Sie denn?«
»I glaub, zehne. – Oder zwölfe.«
»Was sind die denn geworden?«
»Alle...




