E-Book, Deutsch, Band 1, 448 Seiten
Reihe: Wings of Ash
Schikorra / Moon Notes Wings of Ash 1. Schlafende Drachen
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-96981-081-1
Verlag: Moon Notes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 448 Seiten
Reihe: Wings of Ash
ISBN: 978-3-96981-081-1
Verlag: Moon Notes
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jana Schikorra, 1993 in Lübeck geboren, studierte Germanistik und Soziologie an der Universität Hamburg. Das Schreiben ist für sie wie ein ewiger Sommer, der sie durch kalte Wintertage trägt.
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Kapitel 1
Ich hatte schon immer gewusst, dass meine Stimme eines Tages mein Todesurteil sein würde.
Vermutlich seit dem Tag, an dem meine Eltern in Tränen ausgebrochen waren, als sie mich das erste Mal singen hörten.
Ziemlich sicher, seit sie daraufhin alles in ihrer Macht Stehende taten, um mich aus der Hauptstadt in ein Dorf zu schaffen, das den Namen Gandarra trug.
Und unumstößlich, seit sie ihr Leben opferten, um mich zu schützen.
Trotzdem war ich jetzt, da der Tod auf meiner Schwelle stand, überrumpelt.
Ich wollte noch nicht gehen.
Es war zu früh.
Viel zu früh.
»Gylda Endurian?«, fragte mich ein Gardist mit grollender Stimme. Ein Helm verdeckte einen Großteil seines Gesichts, aber die Aussparungen an den Augen offenbarten das sadistische Glitzern darin.
Gylda.
Ich hatte ihn zwanzig Jahre lang nicht mehr gehört, diesen Namen. Nicht, nachdem meine Eltern all ihr Vertrauen und Vermögen in die Dorfgemeinschaft gesetzt hatten, in der ich aufgewachsen war – als Lysandra Nuviree.
Betont lässig warf ich mir die langen dunkelroten Haare über die Schulter. Ihre Farbe war ebenso wenig echt wie der Name, den ich angenommen hatte.
Rayanne, meine Ziehmutter, hatte mir gezeigt, wie ich das seidige Gold meiner Geburt in Burgunder verwandelte.
Doch meine Haarfarbe würde mich kaum vor dem bewahren, was mir bevorstand.
»Gylda Endurian?«, fragte der Gardist erneut. Die Art, wie er es tat – lauter und drohender als zuvor –, ließ keinen Zweifel daran, dass seine Geduld bald erschöpft war.
Meine letzten Minuten in Gandarra waren angebrochen.
Und ich hatte gewiss nicht vor, sie fügsam zu verbringen.
»So jemanden kenne ich nicht, tut mir leid. Ich heiße Lysandra. Lysandra Nuviree.«
Die Lüge, bereits unzählige Male ausgesprochen, kam mir auch heute erfreulich leicht über die Lippen.
Mein Herz schlug in gewohntem Tempo vor sich hin; verhöhnte die darin eingesperrte, grässliche Angst mit mühsam erlernter Abgeklärtheit.
Etwas, das auch die geschärften Sinne des Gardisten erfassen mussten – und von dem ich mir erhoffte, dass es ihn zumindest ein wenig irritierte.
»Lysandra. Natürlich.« Kein bisschen irritiert, dafür aber durch und durch bösartig, lachte er. Als würde der schneidend kalte Wind mit einstimmen, schickte er sogleich eine Böe an der bulligen Statur des Fae vorbei. »Du kannst dich nennen, wie du willst, Mädchen. Das ändert nichts daran, dass du mich heute in die Hauptstadt begleiten wirst.«
Er deutete mit dem Daumen über die Schulter. Dorthin, wo ein wenig abseits von meiner Hütte der vergitterte Karren stand, vor den er sein riesiges Pferd gespannt hatte.
Wegen des Zaubers, der sich darum wie eine milchige Membran kräuselte, konnte ich nicht sehen, ob sich bereits andere der Gabe Verdächtigte im Inneren befanden.
Stumm flehte ich darum, die Einzige zu sein.
»Aber davon einmal abgesehen«, fuhr der Gardist in süßlichem Tonfall fort, »ist diese Beschreibung hier mehr als eindeutig.« Er wedelte ungeduldig mit dem Stück Pergament, das er in den behandschuhten Fingern hielt. Bisher hatte ich den Blick darauf bewusst vermieden. Jetzt zwang ich mich, hinzusehen. Wie befürchtet, entdeckte ich sofort das königliche Wappen auf der Rückseite des Papiers:
eine Krone, deren mittlerer von insgesamt sieben Zacken eine Rose aufspießte, und davor zwei gekreuzte Zepter, deren Griffe wie Eisblumen geformt waren.
Darunter stand eine Zahl: 1738.
Das Jahr meiner Geburt.
Nascania existierte schon länger. Bedeutend länger sogar, wenn man historischen Aufzeichnungen Glauben schenkte. Aber mit der Herrschaft des Winterkönigs hatte eine neue Zeitrechnung begonnen.
Eine von Schnee, Eis und Grausamkeit.
»Gylda Endurian, Tochter von Syra und Reignar Endurian. Menschenstämmige Mutter, Vater ebenfalls von gewöhnlichem Blut. Abgerundete Ohren, keine verlängerten Eckzähne oder sonstigen Fae-Merkmale. Goldene Haare, blaue Augen, herzförmiges Muttermal links über Oberlippe.« Beim Verlesen des letzten Punktes geriet er ins Stocken.
Ich widerstand dem Drang, mir an die Lippe zu fassen, wo sich zwar kein solches Muttermal mehr, aber dafür eine Narbe befand. Längst nicht die einzige Narbe, die ich trug. Meine Eltern hatten mir noch weitere kleine Schnitte im Gesicht hinzugefügt – damit die Entfernung meines Leberflecks nicht allzu offensichtlich war.
Wahrscheinlich sollte ich mich gar nicht an so vieles erinnern können, wo ich doch noch ein kleines Kind war, als all das passierte. Und doch tat ich es.
»Ich habe kein Muttermal im Gesicht«, wies ich den Gardisten auf die von ihm selbst bemerkte Unstimmigkeit hin.
»Was du nicht sagst«, knurrte dieser in tiefstem Bariton.
Das Pergament gab ein klägliches Rascheln von sich, als er seine Faust darum schloss und es zerknüllte. Ich hoffte, dass der König ihn angemessen für diesen Verlust seiner Beherrschtheit bestrafte. Immerhin handelte es sich bei dem Schreiben um ein amtliches Dokument: einen Auszug aus dem Register, in dem jedes in Nascania geborene Lebewesen namentlich vermerkt und äußerlich beschrieben war.
Einmal jährlich ließ der König diese Beschreibungen erneuern, indem er zu offiziellen Sichtungen vor den Toren der Hauptstadt aufrief.
Sichtungen, denen ich als Kind zuletzt beigewohnt hatte.
Diesen Umstand würde ich mir nun zunutze machen – vorausgesetzt natürlich, der Gardist brachte mich nicht vorher um.
Wie um mir zu demonstrieren, dass er diese Möglichkeit durchaus in Betracht zog, packte er mich mit der freien Hand an der Schulter und drängte mich ins Innere der Hütte. So weit, bis die Kante meines Esstischs mir in den Rücken drückte.
Ich schluckte einen sich ankündigenden Schmerzenslaut mit zusammengebissenen Zähnen hinunter.
Gemeinsam mit der Furcht, die sich meiner Kontrolle langsam, aber sicher entzog.
Der Gardist konnte mir mühelos die Wirbelsäule entzweibrechen, wenn er wollte. Mich weiter vor sich herschieben, bis meine Knochen knackend nachgaben und mein Oberkörper hinter mir auf die Tischplatte klappte.
Es war demütigend.
Um mir den Garaus zu machen, bräuchte er weder das an seinem Waffengurt befestigte Schwert noch die Kraft seiner absurd großen Hände.
Ein einzelner Funke seiner Fae-Magie wäre ausreichend. Trotzdem bohrten sich seine Finger tiefer in den dicken Stoff meines Fellmantels.
»Du hältst dich für besonders gerissen, was? Aber ich lasse mich von dir nicht täuschen, Endurian.«
Ich keuchte, als er den Druck auf meine Schulter noch verstärkte. Der Schmerz war heftig, nah an der Grenze des Unerträglichen, aber er würde mich nicht zum Reden bringen.
Ein Geständnis würde bedeuten, meine Ziehfamilie offiziell des Verrats an der Krone anzuprangern und somit zum Tode zu verurteilen.
Dass sie sich im Augenblick nicht in Gandarra aufhielt, war daher wohl der gnädigste Zufall, den ich mir hätte erträumen können.
Ich konnte nur hoffen, dass meiner Familie nach meiner Hinrichtung ausreichend Zeit zur Flucht blieb.
»Ich. Bin. Eine. Nuviree«, presste ich stur hervor, während ich gegen die Tränen anblinzelte, die mir unter dem Brennen und Stechen in meiner Schulter nun in die Augen schossen.
Der Gardist knurrte so laut, dass die Dielen, die ich nur noch mit den Spitzen meiner Lederstiefel berührte, erbebten. »Und jetzt sing, verdammt noch mal.«
Der Moment war gekommen.
Eine letzte winzige Gelegenheit, das eigentlich Unvermeidbare doch noch abzuwenden.
Denn der Gardist musste sich meiner Gabe ganz sicher sein, um mich auszuliefern. Sein König tolerierte keine Fehler.
Sichtlich widerwillig ließ er von mir ab, damit ich mich aufrichten konnte. Ich versuchte, nicht an das Messer zu denken, das in meinem linken Stiefel steckte.
Oder daran, was ich mit diesem einzigen Erbe meiner leiblichen Eltern machen würde, wenn mein verzweifelter Notfallplan aufging.
Grimmig befingerte ich meinen Pelzkragen, räusperte mich und stimmte eine düstere Melodie an.
Nach und nach flocht ich Worte darin ein, fügte sie zu wohltönenden Reimen zusammen.
Und dabei hörte ich mich ganz wie erhofft vollkommen fremd an.
Die besondere Mixtur aus Nesseln, Kräutern und Wintergräsern, die ich dreimal täglich einnahm, raubte meinem Gesang die für die Gabe charakteristisch-rauchige Note. Gewiss nichts, was mich bei einem Vorsingen vor dem Winterkönig vor dessen Urteil gerettet hätte.
Aber für jene Kostprobe, die sein Gesandter von mir verlangte, könnte der täuschende Effekt womöglich ausreichen.
Ohne zu blinzeln beobachtete ich, wie die Augen des Gardisten sich hinter seinem Helm in aufkeimender Skepsis verengten.
»Das reicht.« Er hob eine Hand, und ich hielt fügsam inne.
Er drehte mir den Rücken zu – und wandte sich zum Gehen. »Ich denke, ich habe vorerst genug gehört.« Der so ersehnte Ausspruch hing griffbereit in der kalten Luft, und dennoch traute ich mich nicht, ihn als Wahrheit zu verinnerlichen.
Aber das musste ich auch nicht.
Mir das Messer aus dem Stiefel zu ziehen und es dem gepanzerten Ungeheuer in den Rücken zu treiben, reichte vollkommen aus.
Doch noch während ich mich danach bückte, schoss meine kostbarste Waffe ganz ohne mein Zutun aus Leder und Schnürung heraus.
Geradewegs in die Hände des Gardisten, der auf der Schwelle stehen geblieben war und sich nun wieder zu mir umdrehte.
»Hübsch. Ich wüsste zu gern, wie du an einen solchen Schatz gekommen bist.« In einer...




