Schiller / Arnold | Gedichte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 430 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Schiller / Arnold Gedichte

Fischer Klassik PLUS
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401891-1
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Fischer Klassik PLUS

E-Book, Deutsch, 430 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401891-1
Verlag: S. Fischer
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Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. »Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen, / Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.« Diese Verse stammen nicht etwa von einem Dichter des 20. Jahrhunderts, sondern von Friedrich Schiller, an dem Thomas Mann beispielsweise einen rebellischen Materialismus und die wunderbare »Lust am höheren Indianerspiel« rühmte. Eine Entdeckungsreise durch diese Sammlung mit den schönsten und wichtigsten Gedichten Schillers zeigt, wie lebendig dessen Lyrik heute gerade wieder ist.

Friedrich Schiller wurde 1759 in Marbach geboren. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen musste der junge Schiller 1773 in die 'Militär-Pflanzschule' eintreten, wo er ab 1775 Medizin studierte; später wurde er Regimentsmedicus in Stuttgart, das er 1782 nach Arrest und Schreibverbot wegen seines Stückes 'Die Räuber' jedoch fluchtartig verließ. 1789 wurde er zum Professor der Geschichte und Philosophie in Jena ernannt, 1799 ließ er sich endgültig in Weimar nieder. Schiller starb am 9.5.1805 in Weimar.
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Der Venuswagen


Klingklang! Klingklang! kommt von allen Winden,

Kommt und wimmelt scharenweis.

Klingklang! Klingklang! was ich will verkünden,

Höret, Kinder Prometheus’!

Welkes Alter – rosenfrische Jugend,

Warme Jungen mit dem muntern Blut,

Spröde Damen mit der kalten Tugend,

Blonde Schönen mit dem leichten Mut!

Philosophen – Könige – Matronen,

Deren Ernst Kupidos Pfeile stumpft,

Deren Tugend wankt auf schwanken Thronen,

Die ihr (nur nicht über triumpht.

Kommt auch ihr, ihr sehr verdächtgen Weisen,

Deren Seufzer durch die Tempel schwärmt,

Stolz prunkieret, und vielleicht den leisen

Donner des Gewissens überlärmt,

Die ihr in das Eis der Bonzenträne

Eures Herzens geile Flammen mummt,

Pharisäer mit der Janusmiene!

Tretet näher – und verstummt.

Die ihr an des Lebens Blumenschwelle

In der Unschuld weißem Kleide spielt,

Noch nicht wilder Leidenschaften Bälle,

Unbefleckten Herzens feiner fühlt,

Die ihr schon gereift zu ihren Giften

Im herkulschen Scheidweg stutzend steht,

Hier die Göttin in den Ambradüften,

Dort die ernste Tugend seht,

Die ihr schon vom Taumelkelch berauschet

In die Arme des Verderbens springt,

Kommt zurücke, Jünglinge, und lauschet,

Was der Weisheit ernste Leier singt.

Euch zuletzt noch, Opfer des Gelustes,

Ewig nimmer eingeholt vom Lied,

Haltet still, ihr Söhne des Verlustes!

Zeuget wider die Verklagte mit.

Klingklang! Klingklang! schimpflich hergetragen

Von des Pöbels lärmendem Hussah!

Angejochet an den Hurenwagen

Bring ich sie, die Metze Zypria.

Manch Histörchen hat sie aufgespulet,

Seit die Welt um ihre Spindel treibt,

Hat sie nicht der Jahrzahl nachgebuhlet,

Die sich vom verbotnen Baume schreibt?

Hum! Bis hieher dachtest dus zu sparen?

Mamsell! Gott genade dich!

Wiß! so sauber wirst du hier nicht fahren

Als im Arm von deinem Ludewig.

Noch so schelmisch mag dein Auge blinzen,

Noch so lächeln dein verhexter Mund,

Diesen Richter kannst du nicht scharwenzen

Mit gestohlner Mienen Gaukelbund.

Ja so heule – Metze, kein Erbarmen!

Streift ihr keck das seidne Hemdchen auf.

Auf den Rücken mit den runden Armen!

Frisch! und patschpatsch! mit der Geißel drauf.

Höret an das Protokoll voll Schanden,

Wie’s die Garstge beim Verhöre glatt

Weggelogen oder gleich gestanden

Auf den Zuspruch dieser Geißel hat.

Volkbeherrscher, Götter unterm Monde,

Machtumpanzert zu der Menschen Heil,

Hielt die Buhlin mit dem Honigmunde

Eingemauert im Serail.

O da lernen Götter – menschlich fühlen,

Lassen sich fast sehr herab zum – Vieh,

Mögt ihr nur in Nasos Chronik wühlen,

Schnakisch stehts zu lesen hie.

Wollt ihr Herren nicht skandalisieren,

Werft getrost den Purpur in den Kot,

Wandelt wie Fürst Jupiter auf vieren,

So erspart ihr ein verschämtes Rot.

Nebenbei hat diese Viehmaskierung

Manchem Zeus zum Wunder angepaßt,

Heil dabei der weisen Volksregierung,

Wenn der Herrscher auf der Weide grast!

Dem Erbarmen dorren ihre Herzen

(O auf Erden das Elysium),

Durch die Nerven bohren Höllenschmerzen,

Kehren sie zu wilden Tigern um.

Lose Buben mäkeln mit dem Fürstensiegel,

Kreaturen vom gekrönten Tier,

Leihen dienstbar seiner Wollust Flügel

Und ermauscheln Kron und Reich dafür.

Ja die Hure (laßts ins Ohr euch flistern)

Bleibt auch selbst im Kabinett nicht stumm,

In dem Uhrwerk der Regierung nistern

Öfters Venusfinger um.

Blinden Fürsten dienet sie zum Stocke,

Blöden Fürsten ist sie Bibelbuch.

Kam nicht auch aus einem Weiberrocke

Einst zu Delphos Götterspruch?

Mordet! Raubet! Lästert, ja verübet,

Was nur greulich sich verüben läßt –

Wenn ihr Lady Pythia betrübet,

O so haltet eure Köpfe fest!

Ha! wie manchen warf sie von der Höhe!

Von dem Rumpf wie manchen Biederkopf!

Und wie manchen hub die geile Fee,

Fragt warum? – Um einen dicken Zopf.

Dessen Siegesgeiz die Erde schrumpfte,

Dessen tolle Diademenwut

Gegen Mond und Sirius triumphte,

Hoch gehoben von der Sklaven Blut,

Dem am Markstein dieser Welt entsunken

Jene seltne Träne war,

Vom Saturnus noch nicht aufgetrunken,

Nie vergossen, seit die Nacht gebar,

Jenen Jüngling, der mit Riesenspanne

Die bekannte Welt umgriff,

Hielte sie zu Babylon im Banne,

Und das – Weltpopanz entschlief.

Manchen hat ins Elend sie gestrudelt,

Eingetrillert mit Sirenensang,

Dem im Herzen warme Kraft gesprudelt

Und des Ruhms Posaune göttlich klang.

An des Lebens Vesten leckt die Schlange,

Geifert Gift ins hüpfende Geblüt,

Knochen dräuen aus der gelben Wange,

Die nun aller Purpur flieht.

Hohl und hager, wandelnde Gerippe,

Keuchen sie in des Cocytus Boot.

Gebt den Armen Stundenglas und Hippe,

Huh! – und vor euch steht der Tod.

Jünglinge, o schwöret ein Gelübde,

Grabet es mit goldnen Ziffern ein:

Fliehet vor der rosigten Charybde,

Und ihr werdet Helden sein.

Tugend stirbet in der Phrynen Schoße,

Mit der Keuschheit fliegt der Geist davon,

Wie der Balsam aus zerknickter Rose,

Wie aus rißnen Saiten Silberton.

Venus’ Finger bricht des Geistes Stärke,

Spielet gottlos, rückt und rückt

An des Herzens feinem Räderwerke,

Bis der Seiger des Gewissens – lügt.

Eitel ringt, und wenn es Schöpfung sprühte,

Eitel ringt das göttlichste Genie,

Martert sich an schlappen Saiten müde,

Wohlklang fließt aus toten Trümmern nie. –

Manchen Greisen, an der Krücke wankend,

Schon hinunter mit erstarrtem Fuß

In den Abgrund des Avernus schwankend,

Neckte sie mit tödlich süßem Gruß.

Quälte noch die abgestumpften Nerven

Zum erstorbnen Schwung der Wollust auf,

Drängte ihn, die träge Kraft zu schärfen,

Frisch zu spornen zäher Säfte Lauf.

Seine Augen sprühn erborgte Strahlen,

Tödlich munter springt das schwere Blut,

Und die aufgejagten Muskeln prahlen

Mit des Herzens letztlichem Tribut.

Neuverjüngt beginnt er aufzuwarmen,

All sein Wesen zuckt in Sinn,

Aber husch! entspringt sie seinen Armen,

Spottet ob dem matten Kämpfer hin.

Was für Unfug in geweihten Zellen

Hat die Hexe nicht schon angericht’?

Laßt des Doms Gewölbe Rede stellen,

Das den leisen Seufzer lauter spricht.

Manche Träne – aus Pandoras Büchse –

Sieht man dort am Rosenkranze glühn,

Manchen Seufzer vor dem Kruzifixe

Wie die Taube vor dem Stößer fliehn.

Durch des Schleiers vorgeschobne Riegel

Malt die Welt sich schöner, wie ihr wißt,

Phantasie leiht ihren Taschenspiegel,

Wenn das Kind das Paternoster küßt.

Siebenmal des Tages muß der gute

Michael dem starken Moloch stehen,

Beide prahlen mit gleich edlem Blute,

Jeder, wißt ihr, heißt den andern gehn.

Puh! da splittert Molochs schwächres Eisen!

(Armes Kind! wie bleich wirst du!)

In der Angst (wer kann es Vorsatz heißen?)

Wirft sie ihm die Zitternadel zu.

Junge Witwen – vierzigjährge Zofen

Feuriger Komplexion,

Die schon lange auf – Erlösung hoffen,

Allzufrüh der schönen Welt...


Arnold, Heinz Ludwig
Heinz Ludwig Arnold, geboren 1940 in Essen und gestorben 2011 in Göttingen, war freiberuflicher Publizist und Honorarprofessor der Universität Göttingen.
Er war Herausgeber der Zeitschrift 'Text+Kritik' sowie des ›Kritischen Lexikons zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur‹.
2009 erschien die von ihm herausgegebene dritte, völlig neu bearbeitete Auflage des ›Kindler Literatur Lexikons‹.

Schiller, Friedrich
Friedrich Schiller wurde 1759 in Marbach geboren. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen musste der junge Schiller 1773 in die "Militär-Pflanzschule" eintreten, wo er ab 1775 Medizin studierte; später wurde er Regimentsmedicus in Stuttgart, das er 1782 nach Arrest und Schreibverbot wegen seines Stückes "Die Räuber" jedoch fluchtartig verließ. 1789 wurde er zum Professor der Geschichte und Philosophie in Jena ernannt, 1799 ließ er sich endgültig in Weimar nieder. Schiller starb am 9.5.1805 in Weimar.

Friedrich SchillerFriedrich Schiller wurde 1759 in Marbach geboren. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen musste der junge Schiller 1773 in die "Militär-Pflanzschule" eintreten, wo er ab 1775 Medizin studierte; später wurde er Regimentsmedicus in Stuttgart, das er 1782 nach Arrest und Schreibverbot wegen seines Stückes "Die Räuber" jedoch fluchtartig verließ. 1789 wurde er zum Professor der Geschichte und Philosophie in Jena ernannt, 1799 ließ er sich endgültig in Weimar nieder. Schiller starb am 9.5.1805 in Weimar.
Heinz Ludwig ArnoldHeinz Ludwig Arnold, geboren 1940 in Essen und gestorben 2011 in Göttingen, war freiberuflicher Publizist und Honorarprofessor der Universität Göttingen.
Er war Herausgeber der Zeitschrift 'Text+Kritik' sowie des ›Kritischen Lexikons zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur‹.

2009 erschien die von ihm herausgegebene dritte, völlig neu bearbeitete Auflage des ›Kindler Literatur Lexikons‹.



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