Schiller | Kabale und Liebe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 130 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Schiller Kabale und Liebe

Ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-401814-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen

E-Book, Deutsch, 130 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401814-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. Die Wucht Schiller'scher Emotionen erschütterte und begeisterte schon das Theaterpublikum seiner Zeit. Ein junger Mann liebt eine junge Frau, und beide sind glücklich. Auch Luises Mutter ist, schon wegen der Geschenke, mit dem Adelsspross ganz zufrieden. Doch die Väter haben ihre eigenen Pläne. Die Einmischung hat fatale Folgen: Mord und Selbstmord.

Friedrich Schiller wurde 1759 in Marbach geboren. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen musste der junge Schiller 1773 in die 'Militär-Pflanzschule' eintreten, wo er ab 1775 Medizin studierte; später wurde er Regimentsmedicus in Stuttgart, das er 1782 nach Arrest und Schreibverbot wegen seines Stückes 'Die Räuber' jedoch fluchtartig verließ. 1789 wurde er zum Professor der Geschichte und Philosophie in Jena ernannt, 1799 ließ er sich endgültig in Weimar nieder. Schiller starb am 9.5.1805 in Weimar.
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Siebente Szene


Ferdinand. Der Präsident. Wurm, welcher gleich abgeht.

FERDINAND

Sie haben befohlen, gnädiger Herr Vater –

PRÄSIDENT

Leider muss ich das, wenn ich meines Sohns einmal froh werden will – Lass Er uns allein, Wurm. – Ferdinand, ich beobachte dich schon eine Zeit lang und finde die offene rasche Jugend nicht mehr, die mich sonst so entzückt hat. Ein seltsamer Gram brütet auf deinem Gesicht – Du fliehst mich – Du fliehst deine Zirkel – Pfui! – Jahren verzeiht man zehn Ausschweifungen vor einer einzigen Grille. Überlass diese mir, lieber Sohn. Mich lass an deinem Glück arbeiten, und denke auf nichts, als in meine Entwürfe zu spielen. – Komm! Umarme mich, Ferdinand.

FERDINAND

Sie sind heute sehr gnädig, mein Vater.

PRÄSIDENT

Heute, du Schalk – und dieses Heute noch mit der herben Grimasse? (Ernsthaft.) Ferdinand! – zulieb hab ich die gefährliche Bahn zum Herzen des Fürsten betreten? zulieb bin ich auf ewig mit meinem Gewissen und dem Himmel zerfallen? – Höre, Ferdinand – (Ich spreche mit meinem Sohn) – hab ich durch die Hinwegräumung meines Vorgängers Platz gemacht – eine Geschichte, die desto blutiger in mein Inwendiges schneidet, je sorgfältiger ich das Messer der Welt verberge. Höre. Sage mir, Ferdinand: tat ich dies alles?

FERDINAND

(tritt mit Schrecken zurück) Doch nicht, mein Vater? Doch auf soll der blutige Widerschein dieses Frevels nicht fallen? Beim allmächtigen Gott! Es ist besser, gar nicht geboren sein, als dieser Missetat zur Ausrede dienen.

PRÄSIDENT

Was war das? Was? Doch! ich will es dem Romanenkopfe zugut halten – Ferdinand – ich will mich nicht erhitzen, vorlauter Knabe – Lohnst du mir für meine schlaflosen Nächte? Also für meine rastlose Sorge? für den ewigen Skorpion meines Gewissens? – Auf mich fällt die Last der Verantwortung – auf mich der Fluch, der Donner des Richters – Du empfängst dein Glück von der zweiten Hand – das Verbrechen klebt nicht am Erbe.

FERDINAND

(streckt die rechte Hand gen Himmel) Feierlich entsag ich hier einem Erbe, das mich nur an einen abscheulichen Vater erinnert.

PRÄSIDENT

Höre, junger Mensch, bringe mich nicht auf. – Wenn es nach deinem Kopfe ginge, du kröchest dein Leben lang im Staube.

FERDINAND

O, immer noch besser, Vater, als ich kröch um den Thron herum.

PRÄSIDENT

(verbeißt seinen Zorn) Hum! – Zwingen muss man dich, dein Glück zu erkennen. Wo zehn andre mit aller Anstrengung nicht hinaufklimmen, wirst du spielend, im Schlafe gehoben. Du bist im zwölften Jahre Fähndrich. Im zwanzigsten Major. Ich hab es durchgesetzt beim Fürsten. Du wirst die Uniform ausziehen, und in das Ministerium eintreten. Der Fürst sprach vom Geheimenrat – Gesandtschaften – außerordentlichen Gnaden. Eine herrliche Aussicht dehnt sich vor dir. – Die ebene Straße zunächst nach dem Throne – zum Throne selbst, wenn anders die Gewalt soviel wert ist als ihre Zeichen – das begeistert dich nicht?

FERDINAND

Weil meine Begriffe von Größe und Glück nicht ganz die Ihrigen sind – Glückseligkeit macht sich nur selten anders als durch Verderben bekannt. Neid, Furcht, Verwünschung sind die traurigen Spiegel, worin sich die Hoheit eines Herrschers belächelt. – Tränen, Flüche, Verzweiflung die entsetzliche Mahlzeit, woran diese gepriesenen Glücklichen schwelgen, von der sie betrunken aufstehen, und so in die Ewigkeit vor den Thron Gottes taumeln – Mein Ideal von Glück zieht sich genügsamer in mich selbst zurück. In meinem liegen alle meine Wünsche begraben. –

PRÄSIDENT

Meisterhaft! Unverbesserlich! Herrlich! Nach dreißig Jahren die erste Vorlesung wieder! – Schade nur, dass mein fünfzigjähriger Kopf zu zäh für das Lernen ist! – Doch – dies seltne Talent nicht einrosten zu lassen, will ich dir jemand an die Seite geben, bei dem du dich in dieser buntscheckigen Tollheit nach Wunsch exerzieren kannst. – Du wirst dich entschließen – noch heute entschließen – eine Frau zu nehmen.

FERDINAND

(tritt bestürzt zurück) Mein Vater?

PRÄSIDENT

Ohne Komplimente – Ich habe der Lady Milford in deinem Namen eine Karte geschickt. Du wirst dich ohne Aufschub bequemen, dahin zu gehen und ihr zu sagen, dass du ihr Bräutigam bist.

FERDINAND

, mein Vater?

PRÄSIDENT

Wenn sie dir bekannt ist –

FERDINAND

(außer Fassung) Welcher Schandsäule im Herzogtum ist sie das nicht! – Aber ich bin wohl lächerlich, lieber Vater, dass ich Ihre Laune für Ernst aufnehme? Würden Sie zu dem sein wollen, der eine privilegierte Buhlerin heuratete?

PRÄSIDENT

Noch mehr. Ich würde selbst um sie werben, wenn sie einen Fünfziger möchte – Würdest du zu dem nicht sein wollen?

FERDINAND

Nein! So wahr Gott lebt!

PRÄSIDENT

Eine Frechheit, bei meiner Ehre! die ich ihrer Seltenheit wegen vergebe –

FERDINAND

Ich bitte Sie, Vater! lassen Sie mich nicht länger in einer Vermutung, wo es mir unerträglich wird, mich Ihren Sohn zu nennen.

PRÄSIDENT

Junge, bist du toll? Welcher Mensch von Vernunft würde nicht nach der Distinktion geizen, mit seinem Landesherrn an einem dritten Orte zu wechseln?

FERDINAND

Sie werden mir zum Rätsel, mein Vater. nennen Sie es – , da mit dem Fürsten zu teilen, wo er auch unter den hinunterkriecht?

PRÄSIDENT

(schlägt ein Gelächter auf).

FERDINAND

Sie können lachen – und ich will über das hinweggehen, Vater. Mit welchem Gesicht soll ich vor den schlechtesten Handwerker treten, der mit seiner Frau wenigstens doch einen ganzen Körper zum Mitgift bekommt? Mit welchem Gesicht vor die Welt? Vor den Fürsten? Mit welchem vor die Buhlerin selbst, die den Brandflecken ihrer Ehre in meiner Schande auswaschen würde?

PRÄSIDENT

Wo in aller Welt bringst du das Maul her, Junge?

FERDINAND

Ich beschwöre Sie bei Himmel und Erde! Vater, Sie können durch diese Hinwerfung Ihres einzigen Sohnes so glücklich nicht werden, als Sie ihn unglücklich machen. Ich gebe Ihnen mein Leben, wenn das Sie steigen machen kann. Mein Leben hab ich von Ihnen, ich werde keinen Augenblick anstehen, es ganz Ihrer Größe zu opfern. – Meine , Vater – wenn Sie mir nehmen, so war es ein leichtfertiges Schelmenstück, mir das Leben zu geben, und ich muss den wie den verfluchen.

PRÄSIDENT

(freundlich, indem er ihn auf die Achsel klopft) Brav, lieber Sohn. Jetzt seh ich, dass du ein Kerl bist, und der besten Frau im Herzogtum würdig. – Sie soll dir werden – Noch diesen Mittag wirst du dich mit der Gräfin von Ostheim verloben.

FERDINAND

(aufs Neue betreten) Ist diese Stunde bestimmt, mich ganz zu zerschmettern?

PRÄSIDENT

(einen laurenden Blick auf ihn werfend) Wo doch hoffentlich deine Ehre nichts einwenden wird?

FERDINAND

Nein, mein Vater. Friederike von Ostheim könnte jeden andern zum Glücklichsten machen. (Vor sich, in höchster Verwirrung.) Was seine an meinem Herzen noch ganz ließ, zerreißt seine Güte.

PRÄSIDENT

(noch immer kein Aug von ihm wendend) Ich warte auf deine Dankbarkeit, Ferdinand –

FERDINAND

(stürzt auf ihn zu und küsst ihm feurig die Hand) Vater! Ihre Gnade entflammt meine ganze Empfindung – Vater! meinen heißesten Dank für Ihre herzliche Meinung – Ihre Wahl ist untadelhaft – aber – ich kann – ich darf – Bedauern Sie mich – Ich kann die Gräfin nicht lieben.

PRÄSIDENT

(tritt einen Schritt zurück) Holla! Jetzt hab ich den jungen Herrn. Also in diese Falle ging er, der listige Heuchler – Also es war nicht die Ehre, die dir die Lady verbot? – Es war nicht die , sondern die , die du verabscheutest?

FERDINAND

(steht zuerst wie versteinert, dann fährt er auf und will fortrennen).

PRÄSIDENT

Wohin? Halt! Ist das der Respekt, den du mir schuldig bist? (Der Major kehrt zurück.) Du bist bei der Lady gemeldet. Der Fürst hat mein Wort. Stadt und Hof wissen es richtig. – Wenn du mich zum Lügner machst, Junge – vor dem Fürsten – der Lady – der Stadt – dem Hof mich zum Lügner machst – Höre, Junge – oder wenn ich ! – Halt! Holla! Was bläst...


Schiller, Friedrich
Friedrich Schiller wurde 1759 in Marbach geboren. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen musste der junge Schiller 1773 in die "Militär-Pflanzschule" eintreten, wo er ab 1775 Medizin studierte; später wurde er Regimentsmedicus in Stuttgart, das er 1782 nach Arrest und Schreibverbot wegen seines Stückes "Die Räuber" jedoch fluchtartig verließ. 1789 wurde er zum Professor der Geschichte und Philosophie in Jena ernannt, 1799 ließ er sich endgültig in Weimar nieder. Schiller starb am 9.5.1805 in Weimar.

Friedrich SchillerFriedrich Schiller wurde 1759 in Marbach geboren. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen musste der junge Schiller 1773 in die "Militär-Pflanzschule" eintreten, wo er ab 1775 Medizin studierte; später wurde er Regimentsmedicus in Stuttgart, das er 1782 nach Arrest und Schreibverbot wegen seines Stückes "Die Räuber" jedoch fluchtartig verließ. 1789 wurde er zum Professor der Geschichte und Philosophie in Jena ernannt, 1799 ließ er sich endgültig in Weimar nieder. Schiller starb am 9.5.1805 in Weimar.



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