E-Book, Deutsch, 139 Seiten
Schiller Observiert
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7531-9282-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Freundschaft der anderen Art
E-Book, Deutsch, 139 Seiten
ISBN: 978-3-7531-9282-6
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mein Name ist Daniel Schiller und ich wurde am 26. Juli 1994 in Hof geboren. 2013 absolvierte ich mein Abitur. 2014-2017 trat ich die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger im Sana-Klinikum Hof an und arbeitete bis März 2020 im OP als Pflege-Abteilungsleiter der Allgemeinchirurgie. Aufgrund der Corona-Pandemie ließ ich mich im April 2020 auf die Intensivstation versetzen. Inspiriert von meinen dortigen Erlebnissen, schrieb ich das Werk 'Observiert - Freundschaft der anderen Art'.
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Kapitel 2: Ein vertrautes Gesicht
Mein Name ist Christoph Meier. Ich wurde am 22. August 1995 in einer kleinen Stadt im Südosten Deutschlands geboren. Dort wohnte ich mit meinen Eltern in einer Doppelhaushälfte, die leider noch nicht ganz abbezahlt war.
Unser Haus bestand aus einem Flur, über den man durch sechs Türen weitere Zimmer erreichen konnte, drei auf jeder Seite. Gleich rechts nach dem Hauseingang befand sich das Wohnzimmer, gegenüber das Schlafzimmer meiner Eltern. Die rechte mittlere Tür führte in die Küche, die linke zu meinem Zimmer. Durch die beiden hinteren Türen gelangte man rechts ins Bad und links in eine Abstellkammer.
Meine Eltern hatten beide Jobs, die uns zwar kein wohlhabendes Leben ermöglichten, aber durch die wir uns dennoch hin und wieder etwas leisten konnten, wie beispielsweise einen All-Inclusive Urlaub in Dubai. Meine Mutter arbeitete Frühmorgens als Reinigungskraft in einem Supermarkt und mein Vater wurde bei einer Sicherheitsfirma angestellt.
Ich besuchte in meinem nicht sehr besiedelten und im Winter sehr tristen Ort die Grundschule und ging danach auf die einzige Realschule der Stadt.
Leider erlaubten mir es meine Noten nicht, das Gymnasium zu besuchen oder wenigstens das Fachabitur zu erlangen. Das brauchte ich aber auch gar nicht, denn für mein Vorhaben genügte mir meine befriedigende mittlere Reife.
Mein damals bester Freund, Tim Krügel, mit dem ich auch sechs lange Jahre auf die gleiche Schule ging und wir so gut wie immer nebeneinander saßen, hatte die fantastische Idee, als Anlaufstelle für das Schülerpraktikum der neunten Klasse das renommierte, städtische Altenheim zu wählen.
Man kann sich womöglich gut vorstellen, wie befremdlich mir die Arbeit mit älteren Menschen anfangs viel. Nicht nur, weil ich mein bisheriges Leben überwiegend mit Gleichaltrigen verbracht hatte, sondern auch, weil ich noch nie einen anderen Menschen beim Essen oder Gehen helfen musste.
Das Schwierigste für mich war aber der Toilettengang mit den Bewohnern des Altenheims, die sich danach nicht mal selbst das Gesäß säubern konnten und mir nun diese Aufgabe zukam.
Das Praktikum belief sich auf insgesamt zwei Wochen und dank meiner kompetenten Bezugsperson während dieser Zeit, konnte ich viel über den Umgang mit Menschen, Beschäftigungstherapien, Essenseingabe und auch Medikamentengabe lernen. So ist es zum Beispiel gerade bei bettlägerigen Bewohnern sehr wichtig, nach dem Essen oder Schlucken einer Tablette, den Mund auf Rückstände zu kontrollieren, da diese sonst in die Trachea, also Luftröhre, gelangen und diese dort schlimmstenfalls verschließen und zum Ersticken führen könnten.
Dieses Praktikum bestärkte mich in dem Entschluss, später einmal mit Menschen zu arbeiten.
Doch gab es einen Beruf, bei dem man nicht nur mit älteren, sondern auch mit jüngeren Menschen in Kontakt treten könnte, um diesen zu helfen?
Ja, diesen gab es! So schrieb ich noch während der Schulzeit eine Bewerbung an das örtliche Krankenhaus – das Forte-Klinikum. Allerdings reichte ein schlichtes Bewerbungsformular nicht aus. Ich musste eine Kopie meines Impfpasses beilegen, sowie meines Ersten-Hilfe-Ausweises. Auch wurde mir geraten, mich einer freiwilligen Blutuntersuchung zu unterziehen.
Nach ungefähr drei Wochen kam ein Schreiben des Forte-Klinikums. Ich sollte doch bitte zunächst ein einwöchiges Praktikum in Erwägung ziehen, hieß es darin. Sobald ich dann das Praktikum beginnen würde, dürfte ich mich auch bei dem Betriebsarzt des Klinikums vorstellen, der mit Freuden einen Gesundheitscheck und auch die freiwillige Blutuntersuchung durchführen würde.
Natürlich nahm ich dieses Angebot an und vereinbarte daraufhin ein Praktikum. Auch wenn ich dadurch noch nicht unbedingt Geld verdienen konnte, war es eine gute Möglichkeit, weitere Einblicke in dieser Berufswelt zu gewinnen.
Es war April 2012, als ich das Praktikum beginnen durfte. Manch einer hätte Mitleid bekommen und sich dabei denken können, wieso er nur seine wertvollen Osterferien dazu opferte, doch weil mich dieser Beruf so sehr fesselte, fiel mir das nicht sonderlich schwer.
Gleich zu Beginn des Praktikums hatte ich einen Termin beim Betriebsarzt Dr. Schieter. Er befand sich im Untergeschoss des Klinikums. Leicht zu finden war er nicht, allerdings war das Personal des Klinikums so nett, mich zu ihm zu führen.
Lange warten, wie normalerweise bei Ärzten üblich, musste ich glücklicherweise nicht. Ich wurde sofort zu ihm hineinbestellt.
Nach der Begrüßung nahm er meine persönlichen Daten auf und befragte mich über Allergien und chronische Erkrankungen, an welchen ich zum Glück nicht litt.
Im Anschluss sollte ich noch eine Urinprobe abgeben und mich einer Blutentnahme unterziehen. Beiden Untersuchungen stimmte ich zu. Nur wenige Stunden würde es brauchen, bis mein Blut analysiert würde, da ein Labor direkt in der Klinik errichtet wurde. Allerdings würde die schriftliche Analyse immer per Post nach Hause geschickt werden, da diese zu den persönlichen Daten der Mitarbeiter gehöre. So soll verhindert werden, dass Kollegen einen nicht gewollten Einblick in solche empfindliche Daten bekommen könnten.
Nach dreißig Minuten wurde ich bei Dr. Schieter entlassen und durfte nun auf meine Station. Es war die Station I4, eine Station der inneren Medizin. Das Forte-Klinikum besaß zwölf Stationen, davon sechs für die innere Medizin und sechs für die Chirurgie. Daneben gab es, wie ich schon anmerkte, ein Labor, eine Radiologie, eine Pathologie, eine kleine Intensivstation und auch einen OP, der nochmals über sechs Operationssäle verfügte.
Im zweiten und zugleich obersten Stockwerk des Klinikums angekommen, suchte ich meine Station auf. Die langen Gänge sahen für mich anfangs alle gleich aus. Es brauchte eine gewisse Zeit, bis ich mich an die Wege des Klinikums gewöhnte. Nach wenigen Minuten erreichte ich schließlich mein Ziel – die Station I4.
Die dortige Leitung, Schwester Erika, nahm mich auch sofort in Empfang, als ich mich mit meinem Namen vorstellte. Anscheinend wurde ich schon rege erwartet.
Schwester Erika zeigte mir daraufhin die Umkleidekabinen der Männer und gab mir passende Kleidung mit. Das strahlende Weiß durfte ich allerdings nicht tragen, dies war nur den examinierten Pflegekräften vorbehalten. Stattdessen bekam ich diese Uniform in einem satten Blauton. Sofort nutzte ich den Spiegel in der Männerumkleide und schoss ein Selfie. ‚Kommt bestimmt gut auf meinem Instagram-Account an‘, dachte ich mir.
Fertig umgezogen suchte ich wieder meine Station auf und meldete mich dort erneut bei Schwester Erika. Sie stellte mich daraufhin meiner Bezugsperson vor, dem Pfleger Oliver. Ein wirklich äußerst humorvoller Mitarbeiter, mit dem das Arbeiten sehr viel Spaß machte.
Oliver ist ein Mann mittleren Alters. Er besitzt kurze, gelockte Haare und trägt überwiegend einen Dreitagebart. Mit seinem kleinen Wohlstandsbäuchen sorgt er bestimmt auch heute noch für Spaß und Unterhaltung, zumal er sich nie zu schade dafür ist, auch hin und wieder über sich selbst zu lachen.
Oliver ging nun mit mir über die ganze Station und zeigte mir wichtige Räume, wie die Küche, das Gemeinschaftsbadezimmer, die Toilette, die Lagerräume mit den Schieberspülen und natürlich die achtzehn Patientenzimmer.
„Hörst du das?“, fragte mich Pfleger Oliver.
„Meinst du das Piepsen? Dann ja!“, antwortete ich.
Genau das meinte er. Er sagte, dass dies das Glockensystem der Station sei. Jeder Patient habe eine Art Fernbedienung über seinem Bett hängen, mit dem er ebendiesen >Schwesternruf< betätigen könne. Daraufhin ertöne ein Piepsen über der Station. Im Stationsstützpunkt könne man dann an einem Monitor direkt ablesen, welcher Patient diese Klingel benutzte.
Deshalb ging Pfleger Oliver mit mir, nachdem wir das Piepsen wahrgenommen hatten, in den Stützpunkt zurück und lasen auf dem Monitor über der Arbeitsfläche „Zimmer 14“. Olli, wie ich meine Bezugsperson auch oft nannte, und ich machten uns dann auf den Weg ins Zimmer vierzehn.
Ich wusste zuerst nicht, was mich dort erwarten würde. War der Patient in einer lebensbedrohlichen Lage? Hatte er irgendwo starke Schmerzen? Blutete er aus einer Wunde? So viele Fragen schossen mir durch den Kopf.
„So, Christoph. Klopfe an und öffne dann die Türe“, bat mich Olli.
„Meinst du, ich kann das schon?“, fragte ich skeptisch. Olli lachte nur und nickte mit dem Kopf. Also klopfte ich an und öffnete die Tür, genau so wie Olli es wollte.
„Guten Morgen, Frau Helm, wie kann ich Ihnen denn helfen?“ Zum Glück übernahm meine Bezugsperson das Wort, denn ich war schlichtweg mit der Situation überfordert. Olli sagte später, dass man oftmals nachfragen muss, wer denn im Zimmer geklingelt hätte, denn sobald zwei oder mehrere Patienten in einem Zimmer lägen, ist weder an der roten Lampe über der Zimmertür, die ebenfalls beim Betätigen der Glocke vor einem jeden Zimmer erleuchten würde, noch auf dem Monitor im Stützpunkt zu ersehen, wer darin Hilfe bräuchte. Doch bei Frau Helm war es ganz einfach, denn sie lag in einem Einzelzimmer.
Und als diese Patientin dann ihr Anliegen aussprach, schwanden meine ganzen Sorgen und Fragen, die mir durch den Kopf schossen, sofort dahin.
„Können Sie mir mal bitte das Kopfkissen aufschütteln? Ich liege hier so flach da!“
Als ich das hörte, fragte ich mich, ob man denn für solch eine Bagatelle wirklich hätte klingeln müssen, weswegen ich das auch Olli fragte, als wir wieder das Patientenzimmer verlassen hatten.
„Weißt du, Christoph. Die...




