Schiller | Wallenstein | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 325 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Schiller Wallenstein

Ein dramatisches Gedicht
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-401802-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein dramatisches Gedicht

E-Book, Deutsch, 325 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-401802-7
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon. Mit dem Autorenporträt aus dem Metzler Lexikon Weltliteratur. Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK. »Wie sehr ist das Neue alt und das Alte neu, was ist geschichtliche Notwendigkeit und individuelles Versagen, wie ist der Verlauf der Geschichte beeinflussbar, kann man ein allgemein anerkanntes politisches und ökonomisches System überhaupt verändern? Schillers ?Wallenstein? ist eine gültige Beschreibung von politischer Wurstelei. Es passt auf jede Situation, besonders heute.« (Peter Stein)

Friedrich Schiller wurde 1759 in Marbach geboren. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen musste der junge Schiller 1773 in die 'Militär-Pflanzschule' eintreten, wo er ab 1775 Medizin studierte; später wurde er Regimentsmedicus in Stuttgart, das er 1782 nach Arrest und Schreibverbot wegen seines Stückes 'Die Räuber' jedoch fluchtartig verließ. 1789 wurde er zum Professor der Geschichte und Philosophie in Jena ernannt, 1799 ließ er sich endgültig in Weimar nieder. Schiller starb am 9.5.1805 in Weimar.
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Sechster Auftritt


JÄGER. WACHTMEISTER. TROMPETER.

WACHTMEISTER

Wir danken schön. Von Herzen gern.

Wir rücken zu. Willkommen in Böhmen!

ERSTER JÄGER

Ihr sitzt hier warm. Wir, in Feindes Land,

Mussten derweil uns schlecht bequemen.

TROMPETER

Man sollts euch nicht ansehn, ihr seid galant.

WACHTMEISTER

Ja, ja, im Saalkreis und auch in Meißen

Hört man euch Herrn nicht besonders preisen.

ZWEITER JÄGER

Seid mir doch still. Was will das heißen?

Der Kroat es ganz anders trieb,

Uns nur die Nachles übrig blieb.

TROMPETER

Ihr habt da einen saubern Spitzen

Am Kragen, und wie euch die Hosen sitzen!

Die feine Wäsche, der Federhut!

Was das alles für Wirkung tut!

Dass doch den Burschen das Glück soll scheinen,

Und so was kommt nie an unser einen!

WACHTMEISTER

Dafür sind wir des Friedländers Regiment,

Man muss uns ehren und respektieren.

ERSTER JÄGER

Das ist für uns andre kein Kompliment,

Wir ebenso gut seinen Namen führen.

WACHTMEISTER

Ja, ihr gehört auch so zur ganzen Masse.

ERSTER JÄGER

Ihr seid wohl von einer besondern Rasse?

Der ganze Unterschied ist in den Röcken,

Und ich ganz gern mag in meinem stecken.

WACHTMEISTER

Herr Jäger, ich muss Euch nur bedauern,

Ihr lebt so draußen bei den Bauern;

Der feine Griff und der rechte Ton,

Das lernt sich nur um des Feldherrn Person.

ERSTER JÄGER

Sie bekam Euch übel, die Lektion.

Wie er räuspert und wie er spuckt,

Das habt Ihr ihm glücklich abgeguckt;

Aber sein Schenie, ich meine sein Geist,

Sich nicht auf der Wachparade weist.

ZWEITER JÄGER

Wetter auch! wo Ihr nach uns fragt,

Wir heißen des Friedländers wilde Jagd,

Und machen dem Namen keine Schande –

Ziehen frech durch Feindes und Freundes Lande,

Querfeldein durch die Saat, durch das gelbe Korn –

Sie kennen das Holkische Jägerhorn! –

In einem Augenblick fern und nah,

Schnell wie die Sündflut, so sind wir da –

Wie die Feuerflamme bei dunkler Nacht

In die Häuser fähret, wenn niemand wacht –

Da hilft keine Gegenwehr, keine Flucht,

Keine Ordnung gilt mehr und keine Zucht. –

Es sträubt sich – der Krieg hat kein Erbarmen –

Das Mägdlein in unsern sennigten Armen –

Fragt nach, ich sags nicht um zu prahlen;

In Bayreuth, im Voigtland, in Westfalen,

Wo wir nur durchgekommen sind –

Erzählen Kinder und Kindeskind

Nach hundert und aber hundert Jahren

Von dem Holk noch und seinen Scharen.

WACHTMEISTER

Nun da sieht mans! Der Saus und Braus

Macht denn der den Soldaten aus?

Das Tempo macht ihn, der Sinn und Schick,

Der Begriff, die Bedeutung, der feine Blick.

ERSTER JÄGER

Die Freiheit macht ihn! Mit Euren Fratzen!

Dass ich mit Euch soll darüber schwatzen. –

Lief ich darum aus der Schul und der Lehre,

Dass ich die Fron und die Galeere,

Die Schreibstub und ihre engen Wände

In dem Feldlager wiederfände? –

Flott will ich leben und müßig gehn,

Alle Tage was Neues sehn,

Mich dem Augenblick frisch vertrauen,

Nicht zurück, auch nicht vorwärts schauen –

Drum hab ich meine Haut dem Kaiser verhandelt,

Dass keine Sorg mich mehr anwandelt.

Führt mich ins Feuer frisch hinein,

Über den reißenden, tiefen Rhein,

Der dritte Mann soll verloren sein;

Werde mich nicht lang sperren und zieren. –

Sonst muss man mich aber, ich bitte sehr,

Mit nichts weiter inkommodieren.

WACHTMEISTER

Nu, nu, verlangt Ihr sonst nichts mehr?

Das ließ sich unter dem Wams da finden.

ERSTER JÄGER

Was war das nicht für ein Placken und Schinden

Bei Gustav dem Schweden, dem Leuteplager!

Der machte eine Kirch aus seinem Lager,

Ließ Betstunde halten, des Morgens, gleich

Bei der Reveille, und beim Zapfenstreich.

Und wurden wir manchmal ein wenig munter,

Er kanzelt’ uns selbst wohl vom Gaul herunter.

WACHTMEISTER

Ja, es war ein gottesfürchtiger Herr.

ERSTER JÄGER

Dirnen, die ließ er gar nicht passieren,

Mussten sie gleich zur Kirche führen.

Da lief ich, konnts nicht ertragen mehr.

WACHTMEISTER

Jetzt gehts dort auch wohl anders her.

ERSTER JÄGER

So ritt ich hinüber zu den Ligisten,

Sie täten sich just gegen Magdeburg rüsten.

Ja, das war schon ein ander Ding!

Alles da lustiger, loser ging,

Soff und Spiel und Mädels die Menge!

Wahrhaftig, der Spaß war nicht gering,

Denn der Tilly verstand sich aufs Kommandieren.

Dem eigenen Körper war er strenge;

Dem Soldaten ließ er vieles passieren,

Und gings nur nicht aus seiner Kassen,

Sein Spruch war: leben und leben lassen.

Aber das Glück blieb ihm nicht stet, –

Seit der Leipziger Fatalität

Wollt es eben nirgends mehr flecken,

Alles bei uns geriet ins Stecken;

Wo wir erschienen und pochten an,

Ward nicht gegrüßt noch aufgetan.

Wir mussten uns drücken von Ort zu Ort,

Der alte Respekt war eben fort. –

Da nahm ich Handgeld von den Sachsen,

Meinte, da müsste mein Glück recht wachsen.

WACHTMEISTER

Nun! da kamt Ihr ja eben recht

Zur böhmischen Beute.

ERSTER JÄGER

Es ging mir schlecht.

Sollten da strenge Mannszucht halten,

Durften nicht recht als Feinde walten,

Mussten des Kaisers Schlösser bewachen,

Viel Umständ und Komplimente machen,

Führten den Krieg, als wärs nur Scherz,

Hatten für die Sach nur ein halbes Herz,

Wolltens mit niemand ganz verderben,

Kurz, da war wenig Ehr zu erwerben,

Und ich wär bald für Ungeduld

Wieder heim gelaufen zum Schreibepult,

Wenn nicht eben auf allen Straßen

Der Friedländer hätte werben lassen.

WACHTMEISTER

Und wie lang denkt Ihrs hier auszuhalten?

ERSTER JÄGER

Spaßt nur! so lange tut walten,

Denk ich Euch, meine Seel! an kein Entlaufen.

Kanns der Soldat wo besser kaufen? –

Da geht alles nach Kriegessitt,

Hat alles ’nen großen Schnitt.

Und der Geist, der im ganzen Korps tut leben,

Reißet gewaltig, wie Windesweben,

Auch den untersten Reiter mit.

Da tret ich auf mit beherztem Schritt,

Darf über den Bürger kühn wegschreiten,

Wie der Feldherr über der Fürsten Haupt.

Es ist hier wie in den alten Zeiten,

Wo die Klinge noch alles tät bedeuten,

Da gibts nur Vergehn und Verbrechen:

Der Ordre fürwitzig widersprechen!

Was nicht verboten ist, ist erlaubt;

Da fragt niemand, was einer glaubt.

Es gibt nur zwei Ding überhaupt,

Was zur Armee gehört und nicht,

Und nur der Fahne bin ich verpflicht.

WACHTMEISTER

Jetzt gefallt Ihr mir, Jäger! Ihr sprecht

Wie ein Friedländischer Reitersknecht.

ERSTER JÄGER

Der führt ’s Kommando nicht wie ein Amt,

Wie eine Gewalt, die vom Kaiser stammt!

Es ist ihm nicht um des Kaisers Dienst,

Was bracht er dem Kaiser für Gewinst?

Was hat er mit seiner großen Macht

Zu des Landes Schirm und Schutz vollbracht?

Ein Reich von Soldaten wollt er gründen,

Die Welt anstecken und entzünden,

Sich alles vermessen und unterwinden –

TROMPETER

Still! Wer wird solche Worte wagen!

ERSTER JÄGER

Was ich denke, das darf ich sagen.

Das Wort ist frei, sagt der General.

WACHTMEISTER

So sagt er, ich hörts wohl einige Mal,

Ich stand dabei. »Das Wort ist frei,

Die Tat ist stumm, der Gehorsam blind«,

Dies urkundlich seine Worte sind.

ERSTER JÄGER

Obs just seine Wort sind, weiß ich nicht;

Aber die Sach ist so, wie er spricht.

ZWEITER JÄGER

Ihm schlägt das Kriegsglück nimmer um,

Wie’s wohl bei andern pflegt zu geschehen.

Der Tilly überlebte seinen Ruhm.

Doch unter des Friedländers Kriegspanieren

Da bin ich gewiss zu viktorisieren.

Er bannet das Glück, es muss ihm stehen.

Wer unter seinem Zeichen tut fechten,

Der steht unter besondern Mächten.

Denn das weiß ja die ganze Welt,

Dass der Friedländer einen Teufel

Aus der Hölle im Solde hält.

WACHTMEISTER

Ja, dass er fest ist, das ist kein Zweifel.

Denn in der blutgen Affär bei Lützen

Ritt er euch unter des Feuers Blitzen

Auf und nieder mit kühlem Blut.

Durchlöchert von Kugeln war sein Hut,

Durch den Stiefel und Koller fuhren

Die Ballen, man sah die deutlichen Spuren,

Konnt ihm keine die Haut nur ritzen,

Weil ihn die höllische Salbe tät schützen.

ERSTER JÄGER

Was wollt Ihr da für Wunder bringen!

Er trägt ein Koller von Elendshaut,

Das keine Kugel kann durchdringen.

WACHTMEISTER

Nein, es ist die Salbe von Hexenkraut,

Unter Zaubersprüchen gekocht und gebraut.

TROMPETER

Es geht nicht zu mit rechten Dingen!

WACHTMEISTER

Sie sagen, er les auch in den Sternen

Die künftigen...


Schiller, Friedrich
Friedrich Schiller wurde 1759 in Marbach geboren. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen musste der junge Schiller 1773 in die "Militär-Pflanzschule" eintreten, wo er ab 1775 Medizin studierte; später wurde er Regimentsmedicus in Stuttgart, das er 1782 nach Arrest und Schreibverbot wegen seines Stückes "Die Räuber" jedoch fluchtartig verließ. 1789 wurde er zum Professor der Geschichte und Philosophie in Jena ernannt, 1799 ließ er sich endgültig in Weimar nieder. Schiller starb am 9.5.1805 in Weimar.

Friedrich SchillerFriedrich Schiller wurde 1759 in Marbach geboren. Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen musste der junge Schiller 1773 in die "Militär-Pflanzschule" eintreten, wo er ab 1775 Medizin studierte; später wurde er Regimentsmedicus in Stuttgart, das er 1782 nach Arrest und Schreibverbot wegen seines Stückes "Die Räuber" jedoch fluchtartig verließ. 1789 wurde er zum Professor der Geschichte und Philosophie in Jena ernannt, 1799 ließ er sich endgültig in Weimar nieder. Schiller starb am 9.5.1805 in Weimar.



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