E-Book, Deutsch, 653 Seiten
Schimank Der Ostdeutsche, das unbekannte Wesen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-347-52618-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Band 1
E-Book, Deutsch, 653 Seiten
ISBN: 978-3-347-52618-1
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wolfgang Schimank wurde 1956 in Potsdam geboren. Er studierte in Lutherstadt Eisleben "Industrielle Elektronik" und ist seitdem im wissenschaftlich-technischen Bereich tätig. Derzeit arbeitet er als Elektronik-Ingenieur an der Freien Universität Berlin. In der Wendezeit engagierte er sich in der DDR-Bürgerrechtsbewegung.
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Vorwort
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursachen derselben nicht an Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“1
Immanuel Kant, 1784
Die Berliner Mauer war zweifellos das Symbol der schmerzhaften Teilung Deutschlands. Im Gegensatz zur Grenze zu Westdeutschland konnte sie aufgrund der räumlichen Enge nicht versteckt werden und erinnerte somit insbesondere die Berliner täglich an die deutsche Tragödie. Wenn sie beispielsweise mit der S-Bahn zwischen Berlin-Pankow und Berlin-Schönhauser Allee fuhren, passierten sie Grenzgebiet. Dort war auch für einen kurzen Augenblick in der Ferne der Geisterbahnhof Bornholmer Straße zu sehen. Auch wenn sich die Mehrheit aller Deutschen mehr oder weniger mit der Existenz der Mauer abgefunden hatte, so wurde sie stets als ein Fremdkörper empfunden. Udo Lindenberg brachte es mit dem Titel „Mädchen aus Ostberlin“ musikalisch auf den Punkt … Der Fall der Mauer im November 1989 wurde von den Menschen im Westen wie im Osten des geteilten Deutschlands gleichermaßen frenetisch bejubelt. Menschen lagen sich in den Armen, die sich nicht kannten. Die Deutschen waren wohl in diesem Moment das glücklichste Volk der Welt. Da ich Großeltern in Westberlin hatte, war dieses Ereignis auch für mich sehr emotional.
Wenn ich heutzutage Freunden und Bekannten meinen in der Wendezeit erworbenen Berliner Stadtplan „Mit den neu eingerichteten Übergängen; Stand: 46. Woche 1989“ zu ihren Berlin-Exkursionen mitgebe, dann sind sie sehr erstaunt, wie wenig von der Berliner Mauer übrig geblieben ist, sodass wenig an die Teilung Berlins und indirekt auch Deutschlands erinnert. Am baulichen Zustand der Gebäude lässt sich ebenfalls nicht mehr erkennen, ob man sich gerade im Ostteil oder Westteil Berlins befindet. Die Jugendlichen können immer weniger mit den Begriffen „Ossi“ und „Wessi“ etwas anfangen, was ich sehr begrüße. Nun wächst zusammen, was zusammengehört, könnte man meinen. Oder doch nicht?
Der 3. Oktober 2020, der 30. Jahrestag der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, wäre ein geeigneter Anlass gewesen, sich kritisch mit dieser Frage auseinanderzusetzen, eine Bestandsaufnahme vorzunehmen. Bedauerlicherweise hatte die Coronakrise verhindert, dass die Menschen diesen wichtigen Feiertag gemeinsam würdig begehen konnten. Meine Befürchtung ist eingetreten, dass sich die Politiker und die Vertreter der Leitmedien gegenseitig auf die Schulter klopfen und die Vereinigung ohne Wenn und Aber als eine einzigartige Erfolgsgeschichte darstellen. Die Frage, ob die Vereinigung auch im Sinne der ehemaligen DDR-Bürger oder gar im Sinne der DDR-Bürgerrechtler erfolgt ist, stellten sie sich überhaupt nicht. Vielmehr verwiesen sie darauf, dass es den Bürgern der neuen Bundesländer dank des Wohlstands und der Freiheit so gut wie nie zuvor gehe. Daran ist zweifellos etwas Wahres. Allerdings sind mir die Betrachtungen zu sehr auf das Materielle abgestellt. Und was die Aussagen der Politiker zur gewonnenen Freiheit betrifft: In Anbetracht der Tatsache, dass die dem einfachen Bürger zugestandenen Freiheiten auf dem Rückzug sind, ist es mir etwas zu billig, darauf hinzuweisen, dass die Situation in der DDR noch viel schlechter war. Aber war da nicht noch etwas? Gibt es nicht bis heute gewisse Ungerechtigkeiten zwischen den ehemaligen DDR-Bürgern und ihren Kindern und den Westdeutschen, was deren Behandlung betrifft? Existieren nicht noch aus den 1990er-Jahren Verletzungen, die bis heute unsichtbar wirken? Gibt es nicht bis heute Dinge, über die sich der ehemalige DDR-Bürger immer wieder wundert? Haben die Menschen im vereinigten Deutschland wirklich Demokratie und Meinungsfreiheit, oder erinnert nicht schon wieder vieles an die DDR? Wenn man sich nicht nur auf die Aussagen der Politiker und der Leitmedien, einschließlich ARD und ZDF, verlässt, dann dürfte jedem klar sein, dass es doch noch einiges zu besprechen gibt.
Viele Landes- und Bundespolitiker der etablierten Parteien werden auf die von mir genannten Fragen keine befriedigende Antwort geben können, denn die Revolution hat ihre Kinder gefressen. Kaum ein Bürgerrechtler, der vor Dezember 1989 in der DDR-Bürgerrechtsbewegung aktiv tätig war, wird noch in der Politik dabei sein. Ich vermute, dass zudem ein Teil der wenigen übrig gebliebenen Bürgerrechtler durch Geld und Macht korrumpiert sein dürfte und die Befindlichkeiten der ehemaligen DDR-Bürger längst nicht mehr kennt oder ignoriert, denn ansonsten wäre ein öffentlicher Aufschrei zu hören. Bei Angela Merkel ist der Fall klar: Sie hatte mit der DDR-Bürgerrechtsbewegung nur sehr wenig zu tun. Außerdem hat sie stets ihre ostdeutsche Sozialisierung verleugnet.
Gewiss, es gibt eine Reihe von Büchern, die sich mit dem Leben in der DDR auseinandersetzen, teils wissenschaftlich, teils sachlich in Form von Erzählungen und teils reißerisch abgefasst. Bei den von staatlicher Seite erstellten Beschreibungen der DDR, zum Beispiel von der „Bundeszentrale für politische Bildung“ (bpb), habe ich den Eindruck, dass das Geschriebene nicht immer mit der Realität in der DDR übereinstimmt. Zuweilen werden DDR-Gesetze und Aussagen von SED-Funktionären (Wunschdenken) als einzige DDR-Realität angenommen, dabei wären Befragungen vieler ehemaliger DDR-Bürger ratsamer gewesen. Man sollte sich aber beeilen, da sich die Reihe der Personen lichtet, die einen großen Teil ihres Lebens in der DDR bewusst verbracht hatten.
Was hat mich veranlasst, ein Buch über die DDR und ihre Bürger zu schreiben? Hierfür gibt es drei Gründe:
Ich war in der DDR von Anfang an aktives Mitglied in der „Sozialdemokratischen Partei in der DDR“ (SDP) in der Ortsgruppe Neuruppin. Diese war in den ersten Oktobertagen 1989 gegründet worden. Dort kamen Menschen zusammen, die für die Verwirklichung von Rechtsstaatlichkeit, Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit in der DDR nach westlichem Vorbild eintraten. Zu diesem Zweck wurden auch zwischen Oktober und Dezember 1989 Demonstrationen organisiert. Dass die SPD-Führung in der BRD anfangs etwas irritiert war, gern die privilegierte Rolle bei der DDR-Staatsführung weiterhin behalten hätte und daher nicht immer für die SDP eine große Hilfe war, sei nur am Rande erwähnt. Nahezu alle SDP-Mitglieder votierten für die Vereinigung der DDR mit der BRD. Öffentlich thematisiert wurde das aber erst Ende November/Anfang Dezember 1989. Als dann am 3. Oktober 1990 die nationale Einheit vollzogen wurde, sahen meine Mitstreiter und ich uns am Ziel angekommen.
Dass es eine Weile dauern würde, die Lebensverhältnisse im Osten und Westen Deutschlands anzugleichen, war uns schon damals bewusst. Dass die Angleichung aber so lange dauern und die Transformation so viel Leid und Verbitterung mit sich bringen würde, konnte keiner von uns voraussehen. Am allerwenigsten hatten wir uns vorstellen können, dass sich im vereinigten Deutschland bei der Meinungs- und Pressefreiheit langsam, aber sicher Verhältnisse einstellen würden, die immer mehr denen in der DDR ähneln. Dafür sind nicht Tausende Menschen in der DDR auf die Straße gegangen und haben riskiert, eventuell verhaftet oder anderen Schikanen ausgesetzt zu werden!
Ein zweiter Punkt, warum ich beschloss, etwas über die Ostdeutschen zu schreiben, entstand beim Lesen vieler Passagen im Buch „Wer wir sind – die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ von Jana Hensel und Wolfgang Engler, denen ich einfach nicht zustimmen kann, weder was die Beschreibung der Verhältnisse in der DDR noch was die in der heutigen BRD betrifft. Das wollte und konnte ich nicht so stehen lassen. Im zweiten Teil meines Buches werde ich darauf ausführlich eingehen.
Ein dritter Punkt für meine Motivation, als Autor tätig zu werden, ist die Tatsache, dass die Westdeutschen zu wenig über ihre Mitbürger in den neuen Bundesländern wissen. Unter anderem, um sie dafür zu interessieren und eine Brücke zu ihnen zu bauen, habe ich mein Buch mit der gemeinsamen deutschen Geschichte in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges begonnen und Szenen während der Schließung der Berliner Mauer beschrieben. Meine Familie war davon auch stark betroffen. Mein Anliegen ist es, mit diesem Buch, nicht, wie es so manche Medien vorexerzieren, die Deutschen in Ost und West gegeneinander auszuspielen, sondern sie zusammenzubringen, Verständnis dafür zu schaffen, warum die Ostdeutschen sind, wie sie sind.
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Was ist das Besondere an diesem Buch?
Ich beginne die Betrachtungen über die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und stelle anhand neuer wissenschaftlicher Forschungsergebnisse dar, ab...




