E-Book, Deutsch, 250 Seiten
Schimmang Königswege: Drei Erzählungen
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-95764-109-0
Verlag: Hallenberger Media Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 250 Seiten
ISBN: 978-3-95764-109-0
Verlag: Hallenberger Media Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es ist schieres Glück, dass Schlesinger den Koffer entdeckt. Aber dann fackelt er nicht lange und nimmt ihn an sich. Der Koffer ist voller Geld – und Schlesinger weiß, was er jetzt zu tun hat.
Und auch der alternde Kunsthistoriker Vandenberg erlebt einen entscheidenden Augenblick in seinem Leben.
Eigentlich hat er schon lange aufgegeben, an sein Glück zu glauben. Seine Frau ist ihm weggelaufen, und seine Freunde haben sich von ihm zurückgezogen. An einem kalten Apriltag beschließt Vandenberg schließlich, noch einmal nach Den Haag zu fahren und sich »Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge« anzuschauen, das berühmte und tiefgründige Gemälde des holländischen Malers Vermeer. Es wird eine schicksalhafte Reise für Vandenberg. Denn er begegnet nicht nur Grace, einer fremden schwarzen Frau, der er in ihre winzige Wohnung folgt. Er findet endlich heraus, welche Bedeutung Vermeers Bild für sein eigenes Leben hat.
Ob Schlesinger oder Vandenberg - immer beobachtet Jochen Schimmang seine Helden in ganz besonderen Momenten ihres Lebens, Momente, in denen sie, die ewigen Verlierer und Zauderer, sich plötzlich aus ihrer Selbstverlorenheit zu reißen vermögen und zu begreifen beginnen, dass es immer einen »Königsweg« zum Glück gibt. Momente, von denen an sie mit einem mal alles richtig machen und sich am Ende ihres Glücks als würdig erweisen.
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Eine andere Form der Intimität, eine der wenigen, die ihm verbleibt, weil er sie selber herstellen kann und dabei von niemandem abhängig ist. Diese Form nennt er so: .
Noch immer das Hotelbett. Er hat ein Kissen aus dem Schrank geholt und es zusammen mit dem Kopfkissen in seinem Nacken postiert. Es gehört zu den wenigen Dingen, an die auch die besten Hotels nicht denken, dass ihre Gäste vielleicht im oder auf dem Bett lesen möchten. Die beiden Kissen zusammen tun es gerade. Er liest nicht, er hält ein Buch in der Hand und geht mit den Augen darüber hinweg. Statt zu lesen, hört er den Schritten auf dem Flur zu. Ein junges Paar, das verspätet vom zurückkommt, vielleicht haben sie anschließend noch gegessen. (Auch Vandenberg, das spürt er jetzt, muss heute noch einmal seine Zelle verlassen und essen gehen.) Er hört ein, zwei Tüten rascheln, und die junge Frau erzählt ihrem Liebsten etwas, was sie gerade gemeinsam erlebt haben, unter Gelächter. Gelächter, das dunkler wird, und Vandenberg hört die Erregung in diesem Fall der Stimme, die unkontrollierbare Vorfreude. Die Stimmen entfernen sich. Dann hört er im Zimmer rechts nebenan die Dusche laufen, oder jemand lässt sich ein Bad ein, danach das schwere Husten eines älteren Mannes. Älter als er, Vandenberg. Sogar die heftigen, unregelmäßigen Atemzüge hört er, die der Hustenanfall ausgelöst hat. Älter als ich, denkt Vandenberg befriedigt. Dicker, viel, viel dicker. Und wahrscheinlich hat er jetzt Schweißperlen auf der Stirn. Dann zwei Minuten Stille, in denen Vandenberg immer wieder denselben Halbsatz in seinem Buch fixiert, ohne ihn zu verstehen. Bis er kleine, schnelle Schritte hört, von mehr als zwei Personen, dann angeregte Unterhaltung, nur Männer: das sind die Japaner, die er heute Abend an der Bar gesehen hat, als er von seiner Gracht ins Hotel zurückkam, von den ballspielenden Jungen und den hüftwiegenden Mädchen. Die unverständlichen Laute schwellen an, erreichen seine Tür und entfernen sich dann ebenfalls um die Ecke, wie die Stimmen des jungen Paars vor wenigen Minuten. Eine Weile horcht Vandenberg noch, aber nun scheint eine längere Ruhephase im Hotel einzutreten, diese Stunde, in denen die zurückgekehrten Gäste nachschauen, was sie wirklich eingekauft haben, in denen sie Stadtpläne studieren, um noch einmal nachzuschauen, wo sie gewesen sind, in denen sie einfach für eine halbe Stunde die Augen schließen.
Vandenberg schaltet den Fernseher ein und wechselt eine Weile die Programme, bis er in einen französischen, vielleicht auch italienischen Film gerät, der Ernteszenen zeigt, irgendwo in einer fruchtbaren südeuropäischen Landschaft. Er sieht hin und denkt an etwas ganz anderes, an einen Satz, den er nicht eben gelesen hat, sondern vor Jahren und der sich die Frage stellte, ob es ein höchstes Gut gibt, etwas, woran man, hat man es gefunden, auf immerdar genießen könne. Dann taucht in dem Film in einer Nahaufnahme für fünf oder sechs Sekunden das Gesicht eines jungen Mädchens auf, das auf einem Heuwagen sitzt, nur eine Komparsin, mit fast englischem Teint, aber dunkel, Sommersprossen auf der Nase, ein mürrischer Mund, die Unterlippe aufgeworfen, dunkelblaue Augen - sehr dunkelblau! - und dunkles Haar. Das alles erfasst Vandenberg auf einen Blick, und in weniger als einer Sekunde ersteht vor ihm, nachdem er es mehr als zwanzig Jahre vergessen hat, das Bild von Karin Lammers.
Neben dem Haus seiner Eltern stand eine Gärtnerei. Als er gerade sechzehn geworden war, begann dort ein neues Lehrmädchen. Er sah sie neben dem Gärtner oder einem der Gehilfen stehen und sich stumm nickend all das anhören, was sie tun sollte. Man zeigte ihr, wie es gemacht wurde; dann ließ man sie allein, und sie begann konzentriert zu arbeiten. Dann und wann kam der Gärtner zu ihr, um nach dem Stand der Dinge zu sehen, und oft genug lobte er sie. Sie nickte nur; sie schien niemals zu sprechen. Sehr anstellig, sagte der Gärtner zu Vandenbergs Eltern. Kommt immer pünktlich, ist nie krank, und in der Mittagspause geht sie nach Hause.
Das erste Mal hörte er sie sprechen, als seine Eltern ihn nach drüben geschickt hatten, damit er zwei Setzlinge abholte. Während er wartet, geht sie an ihm vorbei ins Gewächshaus und fragt, in der offenen Tür stehend: Können Sie mal gucken? Ich bin fertig. Überraschend tiefe Stimme für ein junges Mädchen. Komme gleich, sagt der Gärtner, und sie geht an ihren Arbeitsplatz zurück, sieht Vandenberg direkt ins Gesicht, nickt ihm zu und presst einen Gruß hervor. Er sieht das dunkle Gesicht, Schattierungen zwischen Purpurrot und Schwarz, sieht die Sommersprossen auf der Nase, jetzt ist sie an ihm vorbei, und er ist wie vom Blitz getroffen.
Für Wochen ist es das letzte Mal, dass sie einander so nah sind. Er ist oft im Garten und späht über den Zaun. Manchmal sieht sie zu ihm hinüber, ohne Reaktion, ohne Gruß. Täuscht er sich, oder hat er sie zwei- oder dreimal in sich hineinlächeln sehen, wenn sie ihn beim Starren über den Zaun erwischt hat?
Dann neigt sich der Sommer. Er ist verreist gewesen mit seinen Eltern. Das Meer, der Sand, die Bücher. Nach der Rückkehr sieht er die schöne Gärtnerin fast eine Woche nicht, ist beunruhigt, panisch: hat sie die Lehre aufgegeben? Er kann sich nicht zurückhalten und fragt den Gärtner, der ihn aufklärt. Auch sie hat Anspruch auf Urlaub, erklärt er, morgen wird sie zurück sein.
Tatsächlich, am nächsten Tag ist sie wieder da, in groben roten Hosen und einem langärmligen schwarzen T-Shirt. Er meint zu sehen, wie der Gärtner mit ihr tuschelt und zum Haus von Vandenbergs Eltern hinüberdeutet, und wie sie beide dann lachen. Aber lacht sie überhaupt jemals? Er kann nichts Genaues sehen. Eine Geschichte voller Vermutungen und Ahnungen. Vandenberg kennt sich nicht aus.
Im Herbst kommt das große Volksfest, fünf Tage Ausnahmezustand in der Stadt. Der Geruch von gebrannten Mandeln und Zuckerwatte, neue Karussells, Wettstreit der Mikrophone. Erstmals: Autoscooter und als Zentrum von allem: die Raupe. Langsame Anfahrt, der Kassierer auf dem Trittbrett. Berg und Tal, immer schneller, dann das Sirenengeheul, über den Wagen senkt sich das Verdeck. Wie lange? Eine Minute, zwei, drei? Diese kleine Ewigkeit, in der man den Arm um sie legen, sie an sich ziehen, sie vielleicht küssen kann. Oder gar eine Hand unter den Pullover, unter die Bluse schieben kann.
Am späten Nachmittag steht Vandenberg dort mit einem Freund, lässig ans Geländer gelehnt. Sie sprechen über die Mädchen, die sie sehen und nicht anzusprechen wagen. Eine Fahrt geht gerade zu Ende, schon hat sich das Verdeck wieder gehoben. Einige der Mädchen sehen ärgerlich aus, als sie aussteigen, einige der Jungen verwirrt, andere schauen triumphierend zu ihren Freunden hinüber. Die Mikrophonstimme, an allen Karussells gleich, der Schaustellerton, langgezogen die Wörter, die Sätze halb gesungen. Neue Fahrt. Jetzt wieder einsteigen. Neues Glück. Vandenberg steigt ein, er liebt diese Fahrten ganz allein in der Dunkelheit. Noch immer die Aufforderung zuzusteigen, noch sind nicht alle Wagen besetzt. Musikwechsel. Tommy Roe singt . Plötzlich ist jemand bei Vandenberg im Wagen, er dreht sich zur Seite: Es ist das Gärtnermädchen. Er wird starr vor Aufregung. Voller Ernsthaftigkeit sagt sie; Lass mich auf die andere Seite. Sie tauschen die Plätze; sie sitzt jetzt rechts von ihm, innen, wie es sich gehört. Der Kassierer springt auf den Wagen, die Anfahrt hat schon begonnen. Nein, ruft Vandenberg, als sie zu ihrem Geld greift, ich bezahle! Noch sehen sie sich nicht an, erst, als die Fahrt schneller wird. Das kitzelt im Bauch, sagt sie und lacht zum ersten Mal, seit er sie kennt, zieht dabei die Sommersprossennase kraus, und er sieht ihre kräftigen weißen Zähne und denkt: Ein Mädchen, das viele Äpfel isst.
In Ordnung, dass ich eingestiegen bin? fragt sie ihn, und er beeilt sich zu nicken: Ja klar, völlig in Ordnung.
Dann das Sirenengeheul, und über ihren Köpfen schließt sich langsam die Raupe. Die Fahrt wird noch einmal schneller, die Zentrifugalkraft wirft sie aneinander. Er legt den Arm um ihre Schultern, sein Herz setzt aus, vielleicht wird er gleich ohnmächtig. Ist es so, wenn man ohnmächtig wird? Los schnell, sagt sie jetzt leise, und als er nicht begreift, wirft sie sich über ihn und küsst ihn oder beißt ihn, so genau ist das nicht zu unterscheiden. Dann lässt sie von ihm ab und . Er riecht ihr Haar, die Fahrt wird langsamer, das Verdeck hebt sich, er ist nicht ohnmächtig geworden. Sein Freund ist verschwunden.
Was nun?
Ich muss jetzt nach Hause, sagt sie, meine Mutter wird sonst böse. Bringst du mich?
Es ist gut, dass sie fragt, von selber wäre er auf den Gedanken nicht gekommen. Sie nehmen den Weg durch die Altstadt, an der calvinistischen Kirche vorbei.
Du gehst zum Gymnasium, sagt sie. Eine Feststellung, keine Frage.
Jaja. In drei Jahren mache ich Abitur.
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