Schindel Dunkelstein
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7099-7750-7
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Realfarce
E-Book, Deutsch, 124 Seiten
ISBN: 978-3-7099-7750-7
Verlag: Haymon Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Schindel, geboren 1944 in Bad Hall/Oberösterreich, lebt als freier Schriftsteller in Wien. Ausgezeichnet u. a. mit dem Erich-Fried-Preis 1993 und mit dem Eduard-Mörike-Preis 2000. Zahlreiche Publikationen, u.a. 'Gebürtig'. Roman (1992), 'Immernie'. Gedichte (2000), 'Nervös der Meridian'. Gedichte (2003), 'Mein mausklickendes Saeculum'. Gedichte (2008). Bei Haymon: 'Kassandra'. Roman (2004), 'Der Krieg der Wörter gegen die Kehlkopfschreie'. Capriccios (2008).
Autoren/Hrsg.
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Erster Akt
1.
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EDITH: Gisa. Letztes Klogerücht.
GISA: Auf das geben wir gar nichts.
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GISA: Schau, Edith, wie dieser deutschen Frau die Reichsohrwascheln wachsen. Ach, Edith.
EDITH: Ich freu mich so. Wir werden amnestiert.
GISA: Aha. Wir zwei?
EDITH: Die andern auch. Alle Politischen.
GISA: Wo ist das Ksiberl?
EDITH: Kein Ksiberl. Unsere wissens noch nicht.
GISA: Und du schon?
EDITH: Ja, ich. Und ist gar kein Klogerücht.
GISA: Wen hast du diesmal wieder bestrickt?
EDITH: Den blonden Mistelbacher.
GISA: Wann denn?
EDITH: Ziemlich bald. Warum, glaubst, lassens uns denn raus?
GISA: Was sagt denn dein Mistelbacher?
EDITH: Der hat keine Ahnung, warum, aber er ist sicher, dass. Mag der Schuschnigg auf einmal uns Kommunisten?
GISA: Wenns nach dem Schuschnigg ginge, könnten wir hier eh verfaulen. Wegen der da.
EDITH: Was, wegen der Nazis lassens uns raus?
GISA: Ach nein, Edith, bloß wegen deines Hinterns.
EDITH: Gibts einen besseren Grund?
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2.
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ALTER HÄFTLING: Halb blind waren wir oder jedenfalls ich im Ständestaat, in der Systemzeit, wie die Nazis sagen. Es kommt mir von jetzt gesehen nahezu paradiesisch vor.
WILLY KLANG: Das Paradies der Arbeitslosen, der Ausgesteuerten.
ALTER HÄFTLING: Eine bittere Zeit – damals. Und die Deutschen aus dem neuen Hitlerreich in Salzburg mit den Marmeladestullen, und die Österreicher fressen den Kitt aus dem Fenster.
WILLY KLANG: Die Piefkes, die Marmeladinger.
ALTER HÄFTLING: Und wir, famose Luftschlucker.
WILLY KLANG: Meiner Familie ist es gar nicht so schlecht gegangen. Zwar war die Arbeiterbewegung am Boden, aber ich als Arztkind habs ganz gut gehabt. Ich erinnere mich genau, wie ich mit Papa sonntags ins Josephstal jausnen gegangen bin. Die Ausgesteuerten sind draußen vorbeigeschlichen; die Nasen haben sie sich platt gedrückt, und mit den Augen habens meiner Buttersemmel nachgeschaut bis in’ Schlund. Papa hat rausgeschaut. „Arme Hunde, unverschuldet arme Hunde, Willy, schau sie dir nur an. Der Hitler schaut ihnen bereits aus den Augen heraus.“
ALTER HÄFTLING: Ihr wart im Café Josephstal? Ihr habt dort tarockiert. Ich bin auch draußen vorbeigegangen.
WILLY KLANG: Aus deinem Ponem hat aber der Hunger herausgeschaut oder was?
ALTER HÄFTLING: Hoffnungslosigkeit, Willy. Ich hab ja auf keinen Führer hoffen können, nach den Rassengesetzen, die der im Reich verkünden hat lassen. Du warst also ein feiner Pinkel, bist es geblieben. Tarockierst du noch immer gelegentlich?
WILLY KLANG: Tarockieren? Unsereiner hat Bridge gespielt. Ich hab gewohnt in der Pfeilgasse, gleich gegenüber vom Josephstal.
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3.
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DER ALTE SCHWARZ: Na, auf was warten wir denn noch?
VATER KLANG: Auf wen schon. Auf deine Tochter.
DER ALTE SCHWARZ: Nicht nur kann sie nicht spielen, rechtzeitig kommen kann sie schon gornicht.
JUNGER BRIDGEPARTNER: Großer Gott, old Blacky.
DER ALTE SCHWARZ: Was ist denn?
JUNGER BRIDGEPARTNER: Du rauchst zu viel, du hustest zu viel.
DER ALTE SCHWARZ: Das ist Kismet.
JUNGER BRIDGEPARTNER: Braucht dein Patient nicht eine Kur?
VATER KLANG: Solche Zigarren braucht er wie einen Kropf.
DER ALTE SCHWARZ: Doktor Ossi. Gibst jetzt a Ruh?
VATER KLANG: Na freilich. Hast eh nur die Bronchitis mit doppeltem Resonanzboden. Aus der Lunge naturgemäß und …
DER ALTE SCHWARZ: … aus der Gruft, ich weiß. Müder Witz.
VATER KLANG: Geh wenigstens nach Gastein, old Blacky. Schöne, wilde Natur.
DER ALTE SCHWARZ: Natur?
JUNGER BRIDGEPARTNER: Gepflegte Parkanlagen. Ruhige, ältere Leut.
VATER KLANG: Sogar Bridgespieler.
DER ALTE SCHWARZ: Wer in Bad Gastein auf Kur geht, spielt ka Bridge.
JUNGER BRIDGEPARTNER: Vergönns dir!
DER ALTE SCHWARZ: Das ist doch kein Gönnen, das ist … Ich fahr nicht nach Gastein.
VATER KLANG: Er fährt nicht nach Gastein.
DER ALTE SCHWARZ: Ich werd euch das erklären. Also gut, ich bin in Gastein. Was tu ich? Ich steh in der Früh auf und geh a bissel spazieren auf nüchternen Mogn, weil ich bin ja auf Kur. Was kommt dann? Na, dann kommt das Frühstück. Danach, was tu ich? Ich geh a bissel spazieren. Dann komm ich zurück, geh zur Trinkhalle, schlemper das gesunde Wasser, denn ich bin ja auf Kur. Was tu ich dann? Spazieren geh ich. Dann komm ich zurück, und die Post war schon da. Ich lese also sämtliche Zeitungen. Dann mach ich für die Gesundheit noch einmal das, was man einen ausgedehnten Spaziergang nennt. Ich bin auf Kur. Dann könnt das Mittagessen kommen, aber es ist erst drei viertel zehn Vormittag. Ich fahr nicht nach Gastein.
JUNGER BRIDGEPARTNER: Aha. Er fährt nicht nach Gastein.
VATER KLANG: Dafür kommt jetzt deine Tochter.
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THERES: Servus Moskowitz, grüß dich, Doktor Klang. Servus, Papa.
BEIDE BRIDGEPARTNER: Fräulein Theres.
DER ALTE SCHWARZ: Das Fräulein Tochter glaubt, ich leb ewig.
THERES: Entschuldige, Papa, aber die Tante war so in Rage, da konnt ich nicht …
DER ALTE SCHWARZ: Sämtliche Tanten sind entweder in Rage oder im Geplärr. Hier aber wird gewartet.
VATER KLANG: Fanget an! Fanget an!
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DER ALTE SCHWARZ: Thesi! Was soll denn solches? Hast du nichts vernommen?
THERES: Ich spiel nach meiner Raison, Papa.
DER ALTE SCHWARZ: Du meinst, nach deiner Bledheit.
THERES: Jetzt reichts mir aber. Seit Wochen immer dasselbe mit dir, Papa. Ich bin doch nicht auf deine Herrenpartie angewiesen.
DER ALTE SCHWARZ: Dann hebe dich hinweg. Geh und spiel mit deinen Weibern Wäschekluppen aufhängen.
JUNGER BRIDGEPARTNER: Old Blacky, beruhige dich.
DER ALTE SCHWARZ: Wer kann sich bei so einer Tochter beruhigen. Pathologische Phlegmatiker möglicherweise.
THERES: Man dankt.
DER ALTE SCHWARZ: In diesem Café spielst du mir nicht mehr, so lang ich leb.
THERES: Hab...




