Schindler | Das Cape aus rotem Samt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: Fischer Schatzinsel

Schindler Das Cape aus rotem Samt


1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-10-400270-5
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: Fischer Schatzinsel

ISBN: 978-3-10-400270-5
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Vom Schicksal geschlagen, ins Glück gefallen Bremen um die Jahrhundertwende: Dreizehn Jahre lang hat Marguerite das Leben einer reichen Bremer Kaufmannstochter geführt. Über Nacht verliert sie alles, was sie liebt: ihre Eltern, ihr Zuhause und ihre beste Freundin. Allein und mittellos muss Marguerite schuften, bis ihr die Finger bluten. Als sie zufällig mitbekommt, dass die Tochter des Konsuls entführt werden soll, will sie sie warnen. Eingehüllt in ein Cape aus rotem Samt wird Marguerite mit ihr verwechselt und selbst entführt. In letzter Sekunde gelingt ihr die Flucht. Plötzlich wendet sich das Blatt: Konsul Poggenpohl, der Freund ihres Vaters, wird als skrupelloser Betrüger entlarvt, und Marguerite erhält ihr Erbe zurück.

Nina Schindler war viele Jahre Lehrerin, Literaturkritikerin, Übersetzerin und arbeitete für Zeitschriften und Rundfunk, bevor sie begann, selbst erfolgreich Bücher zu schreiben. Sie lebt mit ihrer Familie in Bremen.
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Autoren/Hrsg.


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Magere Flöhe beißen scharf!

Deutsches Sprichwort

Kapitel 1


Das ist also das Balg von deiner Schwester!«, knurrte die große, dürre Frau und musterte mich mit unfreundlichem Blick, woraufhin ich zu Boden sah. »Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede!«, fuhr sie mich an.

Ich hob widerstrebend den Kopf.

Die Frau hatte ein rotes Gesicht mit einer langen Nase und kleine, dunkle Augen, die mich mit unverhüllter Abneigung anstarrten. Nach all dem Schrecken der letzten Zeit war das ein so unfreundlicher Empfang, dass es mir die Sprache verschlug. Ich holte zitternd Luft und wäre fast in Tränen ausgebrochen. Aber dann reckte ich trotzig den Kopf und wiederholte immer wieder in Gedanken: Nicht weinen! Nicht weinen! Nicht weinen!

»Tja, ganz die hochmütige, kleine Prinzessin, was? Aber wir sind jetzt gut genug, um dir ein Bett zu geben – nee, wie gütig von dir, dass du zu deiner armen Verwandtschaft gefunden hast! Bisher waren wir ja unserer noblen Schwägerin nicht fein genug!«

Endlich mischte sich Onkel Konrad ein.

»Lass schon gut sein, Agnes! Was kann denn die Kleine dafür? Und außerdem hat sie erst vor kurzem ihre Eltern verloren!« Er hob die beiden Koffer auf, die er während der gehässigen Begrüßung abgestellt hatte. »So, Marguerite, nun gib deiner Tante Agnes die Hand! Schließlich seid ihr ja verwandt.«

»Margueriiiite?«, wiederholte meine Tante mit schneidender Stimme. »Wie das klingt! So ein hochtrabender Name passt nicht hierher. Margueriiiite! Nein, nein – ab jetzt heißt du Gesche, verstanden?« Dann wandte sie sich an meinen Onkel. »Konrad, zeig ihr ihr Zimmer. Dann soll sie sich eine Schürze umbinden und in die Küche runterkommen. Ich kann immer ein bisschen Hilfe gebrauchen.« Sie kniff die Augen zusammen und schnaubte verächtlich. »Falls die da überhaupt zu was nutze ist.«

Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und verschwand in der Küche.

Onkel Konrad seufzte und zeigte mit dem Kopf in Richtung Treppe. »Da lang.«

Ich folgte ihm die engen, steilen Stufen hinauf.

»Hier im ersten Stock sind die Gästezimmer«, sagte Onkel Konrad und stieg ächzend in das nächste Stockwerk. »Bei uns übernachten manchmal Schiffer oder Kaufleute oder andere Reisende. Hier oben schlafen deine Tante Agnes und ich. Und jetzt auch du.«

Mit einem Tritt öffnete er eine schmale Holztür, und ich blickte in ein enges Kämmerchen. In der Ecke standen ein Bett vor dem kleinen Fenster, das nur wenig Licht hereinließ, und daneben ein Nachtschränkchen. An der Wand hing ein leerer Kleiderrechen, und in der anderen Ecke stand ein Stuhl vor einem Tischchen mit Spindelbeinen, das aussah, als würde es sofort zusammenfallen, wenn man auch nur ein Blatt Papier darauflegte.

Mit einem Seufzer der Erleichterung stellte Onkel Konrad die beiden Koffer ab und kratzte sich am Hinterkopf.

»Nicht besonders vornehm«, brummte er. »Aber mehr können wir dir nicht bieten.«

»Schon gut«, flüsterte ich. »Danke.«

Alles in mir war wie betäubt, völlig gefühllos. Aber das war besser als die schwere Traurigkeit, die mir seit Tagen wie eine bleierne Decke auf der Seele lag, die mir immer wieder Tränen in die Augen trieb und oft unverhofft eine brennend heiße Welle der Verzweiflung aufbranden ließ, die mich überrollte, als wollte sie mich zerquetschen.

Onkel Konrad trat hinaus in den Flur und räusperte sich. »Mach fix, Deern. Du hast ja gehört, was deine Tante gesagt hat.«

Es dauerte einige Zeit, bis ich das Kofferschloss geöffnet hatte, denn meine Finger waren wie erstarrt und wollten mir nicht gehorchen. Zwischen den Kleidern und der Unterwäsche lagen meine Schürzen: aus feinem, weißem Batist, mit gerüschten Kanten und langen, bestickten Bändern. Das waren bestimmt keine Schürzen, wie sie Tante Agnes sich vorgestellt hatte!

Voller Vorahnung von zukünftigen Schimpftiraden und Verhöhnungen ließ ich den Kopf hängen und zog langsam den Mantel aus.

Aber was konnte ich tun?

Ich nahm eine der Schürzen heraus und zog sie über mein dunkelblaues Wollkleid mit der Samtschärpe an, das ich zu der Beerdigung getragen hatte. Dann holte ich tief Luft und lief die Treppen hinunter durch die große, leere Gaststube in die Küche.

»Na endlich!«, blaffte Tante Agnes, doch dann stieß sie ein meckerndes Gelächter aus. »Wie siehst du denn aus? Das soll eine Schürze sein?« Sie schnaubte wieder verächtlich. »Ich seh schon, wir werden dir auch noch ordentliche Kleider besorgen müssen.« Sie zeigte auf eine große Schüssel. »Da, schäl die Kartoffeln. Die Schalen kommen dort in den Eimer, die sind für die Schweine. Und wenn du damit fertig bist, kannst du den Kohlkopf kleinschneiden. Was stehst du denn da und glotzt? Los, los, spute dich!«

Ich hatte mich in dem düsteren Raum umgesehen. In so einer Küche war ich noch nie gewesen, und zu Hause hatte ich nur sehr selten in die Küche gedurft, weil die Köchin das als Störung angesehen hätte.

An der Rückwand neben der Hintertür stand ein großer, schwarzer Eisenherd, an der Wand neben mir ein wuchtiger Küchenschrank, daneben hing ein offenes Regal voller Geschirr. Von dem Deckenbalken hingen Pfannen und Stielpfannen herab. Ein großer, offener Schrank diente wohl als Vorratsschrank, denn darin türmten sich Säckchen, Blechdosen und Tüten und davor standen Körbe. In der hinteren Ecke war ein großer Spülstein, an dem eine junge Frau stand, die sich umdrehte und mich neugierig musterte. Von der Mitte der Zimmerdecke hing eine Petroleumlampe herunter und verbreitete gerade genug Licht, um sich einigermaßen zurechtzufinden.

Tante Agnes stand an dem langen Tisch in der Mitte des Raumes, knetete Teig und tat jetzt so, als gäbe es mich nicht.

Ich sah erst auf die Schüssel mit den Kartoffeln, und dann schaute ich mich suchend um.

Womit schälte man die? Noch nie in meinem Leben hatte ich Kartoffeln geschält.

»Was stehst du denn immer noch dumm herum?« Tante Agnes wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn. »Da in der Schublade sind die Messer.« Sie sah mein ratloses Gesicht und runzelte die Brauen. »Hast du etwa noch nie Kartoffeln geschält? Nicht zu glauben! Sieh her, feines Fräulein – so geht das!«

Sie hatte ein Küchenmesser ergriffen und schälte blitzschnell eine Kartoffel, so dass eine säuberliche Schalenschlange herunterfiel.

»Da!« Sie gab mir das Messer, und ein säuerliches Lächeln überzog ihr Gesicht. »So, Prinzessin – nun zeig mal, was du kannst!«

Es dauerte mehr als zehn Kartoffeln, bis ich den Dreh leidlich heraushatte. Doch Tante Agnes rümpfte die Nase, weil ihr die Schalen zu dick waren.

»Wir sind hier keine Millionäre«, sagte sie und schniefte. »Wir können es uns nicht leisten, Essen zu verschwenden. Marthe, los spül weiter, ich brauch die Schüsseln!«, fauchte sie das Küchenmädchen an, das neugierig zugehört hatte, wie Tante Agnes mich anraunzte. »Und dann gehst du in die Schankstube und hilfst beim Bedienen!«

Marthe holte sich warmes Wasser vom Herd, goss es in eine Emailschüssel im Spülstein und schrubbte die Schüsseln, danach verschwand sie in der Gaststube, aus der mittlerweile Lärm drang. Tante Agnes kümmerte sich um die Töpfe, die auf dem großen Herd simmerten und brodelten. Aus dem Backofen duftete es nach Braten.

Als ich die letzte geschälte Kartoffel in die Schüssel fallen ließ, sagte Tante Agnes über die Schulter: »Geh jetzt auch rein in die Gaststube und mach dich bei deinem Onkel nützlich. Von Küchenarbeit hast du ja keine Ahnung, aber das bring ich dir demnächst alles bei, darauf kannst du dich verlassen!«

Zögernd trat ich über die Schwelle der Schankstube. Der große, niedrige Raum mit den dunklen Deckenbalken war düster, denn die Petroleumlampen konnten ihn nur teilweise erhellen. Die Fenster zur Straße hin waren klein und ließen nur wenig vom Licht der Straßenlaterne herein, und dichter Tabaksqualm hing in der Luft. In der Ecke stand ein einfacher Kachelofen und verbreitete Wärme. An den blanken Holztischen saßen nur Männer. Sie rauchten Pfeife oder krumme Zigarren, vor ihnen standen volle und halbvolle Gläser, und sie grölten und lachten. Manche kauten auch genussvoll und spien ab und zu einen dunkelbraunen Strahl in den Spucknapf, der ihnen am nächsten stand.

Keine feine Gesellschaft, fuhr es mir durch den Kopf, und fast hätte ich gelacht.

Feine Gesellschaft!

Als ob das diese Leute bekümmert hätte.

»Noch eins!«, brüllte ein großer Schwarzhaariger und hielt sein Glas hoch.

»Kommt gleich, Klaas«, brummte Onkel Konrad und zapfte weiter.

Dann gab er mir das gefüllte Glas.

»Bring es dem Mann dort!«, sagte er und deutete auf den Schwarzhaarigen. Ich nahm das Glas und stellte es vor den Mann auf den Tisch.

»Ho, wen haben wir denn da?« Der Mann in dem speckigen Lederwams streckte den Arm aus und kniff mich in die Taille. Ich zuckte erschrocken zusammen.

»Das ist ja mal eine hübsche Neuerwerbung, Konrad!«, rief er.

»Finger weg«, blaffte mein Onkel. »Das ist meine Nichte, und die rührt keiner an, klar?«

»Is ja schon gut«, sagte der Schwarzbart besänftigend. »Reg dich man bloß nicht auf!«

Vor Schreck wie erstarrt sah ich entsetzt die Männerrunde um den Tisch an. Als der Mann mich losließ, trat ich rasch zurück und eilte wieder zum Tresen.

»Kannst du zapfen?«, fragte Onkel Konrad und gab sich gleich selbst die Antwort: »Nein, natürlich nicht. Aber der Platz hinterm Tresen ist fürs Erste besser für dich.« Er zeigte mir, wie der Zapfhahn betätigt wurde und wie man das Glas...


Schindler, Nina
Nina Schindler war viele Jahre Lehrerin, Literaturkritikerin, Übersetzerin und arbeitete für Zeitschriften und Rundfunk, bevor sie begann, selbst erfolgreich Bücher zu schreiben. Sie lebt mit ihrer Familie in Bremen.

Nina SchindlerNina Schindler war viele Jahre Lehrerin, Literaturkritikerin, Übersetzerin und arbeitete für Zeitschriften und Rundfunk, bevor sie begann, selbst erfolgreich Bücher zu schreiben. Sie lebt mit ihrer Familie in Bremen.



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