Schirokauer | Der erste Mann: Roman einer Primanerin | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 138 Seiten

Schirokauer Der erste Mann: Roman einer Primanerin


1. Auflage 2017
ISBN: 978-80-272-2892-8
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 138 Seiten

ISBN: 978-80-272-2892-8
Verlag: Musaicum Books
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Alfred Schirokauers Roman 'Der erste Mann: Roman einer Primanerin' ist ein fesselndes Werk, das die Geschichte einer begabten Schülerin aus der Oberstufe erzählt. Der Roman zeichnet sich durch einen klaren, präzisen Schreibstil aus und bietet einen tiefen Einblick in die Gedanken und Gefühle der Protagonistin. Schirokauer schafft es, die Spannung aufrechtzuerhalten, während er gleichzeitig die Entwicklung der Hauptfigur und ihre Herausforderungen einfühlsam darstellt. Das Buch spielt vor dem Hintergrund der Bildungssystem und thematisiert Themen wie Ehrgeiz, sozialer Druck und Selbstfindung. Es ist ein grundlegendes Werk des literarischen Realismus und hat bis heute eine starke Resonanz in der Leserschaft.

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IV


In der Tür traf Just auf die Studienrätin Fräulein Doktor Wolter. Die Schülerinnen nannten sie, mit der psychologischen Treffsicherheit ahnenden Gefühls, »die Hyäne«. Auch bei der Lehrerschaft war sie verdächtig und unbeliebt, doch wegen ihres hervorragenden Könnens und verblüffenden Lehrtalents geachtet. Sie gab alte Sprachen. Die Klassen, in denen sie unterrichtete, waren in Latein und Griechisch nicht nur sattelfeste Grammatiker, sondern waren wirklich durchseelt vom Geist des antiken Rom und Hellas.

Just durchschaute und betrauerte sie. Er hatte sich immer bemüht, alles Menschliche zu begreifen und zu entschuldigen. Er erkannte, daß dieses schattenhafte unschöne Mädchen von 36 eine einsame verbitterte Frau war, deren verdrängtes Liebesgefühl sich in Haß und Grausamkeit gegen die hoffnungsvollen, gegen diese jungen Geschlechtsgenossen umgesetzt hatte, denen das Glück der Liebe vielleicht einst blühen würde. Er verstand und bemitleidete, sah in Fräulein Wolter eine bedauernswerte Gemütskranke, trat für sie ein, sooft ihr Gefahr drohte, suchte seine Schülerinnen nach Kräften vor den Entgleisungen der Lehrerin zu schützen und betonte immer wieder ihre vorbildliche Leistung als Pädagogin.

Die Studienrätin vergalt ihm seine geheime Fürsorge mit Bosheit und Galle. Denn sie liebte ihn. Und daß er sie als Weib nie beachtet hatte, war eine der quälenden Wunden ihres schwärenden Herzens.

»Ah, Herr Kollege Just«, eiste sie ihn auf der Schwelle des Lehrerzimmers an mit ihrer geisterhaften Stimme, »gut, daß ich Sie treffe«.

Sie trat in das Zimmer zurück. »Ich muß mich bitter über eine Schülerin Ihrer Klasse beschweren.«

»Och?« machte Just und lächelte liebenswürdig. »Es sind doch sonst so brave Mädel.«

»Bei Ihnen gewiß«, zischte sie anzüglich. »Bei mir heucheln sie nicht. Bei mir zeigen sie ihre wahre Frauennatur.«

»Was hat es denn gegeben?« suchte Just einzulenken.

»Gestern vor meiner griechischen Stunde von 12 bis 1 wollte Irma Kiesel nach Hause geschickt werden. Fühlte sich angeblich krank. Das kennen wir. Vor jeder Klassenarbeit werden einige plötzlich krank. Alte Geschichte. Aber nicht bei mir! Feige Drückebergerin!«

»Aber Irma Kiesel ist doch ganz gut in Griechisch«, wandte Just ein.

»Wenn auch. Grade deshalb wollte sie keine IV mehr riskieren. Ich lehnte das Ansuchen natürlich ab. Und da sprang diese Neue – wie heißt sie doch?«

Just half nicht aus.

»Herrgott noch mal! Diese – die – die Haink! – jetzt hab’ ich’s, springt auf, wie eine Panterin sag ich Ihnen, so was hab’ ich noch nicht gesehen. Puterrot im Gesicht und faucht mich an: Das ist eine Gemeinheit von Ihnen! Sehen Sie nicht, daß Irma krank ist?! Und ehe ich noch was sagen kann, hat sie die Kiesel am Arm und führt sie zur Tür. Ich vertrete ihr den Weg, sage: was erlauben Sie sich? Sind Sie nicht bei Troste! Sie bleiben beide hier. Da sieht mich die Haink an – ihre Augen funkeln raubtierhaft – ich glaubte, sie wollte Gewalt anwenden, und gab, um einen folgenschweren Vorgang zu vermeiden, die Tür frei. Nach einigen Minuten kommt die Haink ganz seelenruhig zurück und sagt: ich habe Irma in ein Auto gesetzt. – Noch habe ich nichts veranlaßt, Herr Kollege. Ich wollte zuvor mit Ihnen sprechen. Ich nehme an, Sie werden mit mir darin konform gehen, daß diese offene Auflehnung gegen meinen Befehl exemplarische Strafe fordert.«

»Hm«, antwortete Just. »Irma Kiesel fehlt heute.«

»Das kann ich mir denken«, lachte Fräulein Wolter mit dem Lachen, das ihr den Namen »Hyäne« eingetragen hatte. »Sie wird sich schwer hüten, heute zur Schule zu kommen.«

»Ich würde nicht ganz so sicher sein, liebe Kollegin. Ich kenne Irma Kiesel. Wie Sie wissen, führe ich die Klasse seit der Obersekunda. Irma Kiesel ist nicht …«

»Es handelt sich hier nicht um die Kiesel, Herr Kollege, sondern um die Haink«, schnitt die Wolter ihm scharf ins Wort.

Das Zimmer war jetzt in der Pause dicht besetzt. Die anderen taten, als seien sie von Gespräch, Heftekorrigieren oder Lektüre heftig in Anspruch genommen. In Wahrheit lauschten sie gespannt auf das Gespräch, das von der Studienrätin im hohen Diskant geführt wurde. Jeder wünschte der Wolter eine Niederlage. Just war, trotz seiner überragenden Stellung unter den Lehrkräften, bei allen Herren und Damen neidlos beliebt.

»Für mich, Fräulein Wolter«, entgegnete Just ruhig, »handelt es sich zunächst darum, ob Irma Kiesel wirklich krank war oder nicht.«

»Sie wollen damit befürworten, daß eine Schülerin sich erdreistet …«

»… für eine kranke Kameradin einzutreten, ja, das will ich unter allen Umständen befürworten.«

»Das ist unerhört!« schrie die Frau, fassungslos vor Zorn. »Aber man weiß ja, daß Sie immer die Partei der Mädchen ergreifen. Man kann von Männern keine Objektivität erwarten. Ich werde mich über Sie und die Haink beim Direktor beschweren. Wir wollen doch mal sehen, ob es an diesem Gymnasium noch Disziplin und …«

Den Rest übertönte die Tür, die die Davoneilende ins Schloß schmetterte.

Just setzte sich an seinen Platz, an den großen mit Wachstuch bespannten Tisch. Ihm war übel zumut. Er hatte seine Sicherheit verloren. Hatte es ihn beeinflußt, daß die Klage sich gegen Ute richtete? Er beargwöhnte sich. Es war natürlich, trotz allem, ein arger Bruch der Schuldisziplin – ob die Wolter im Recht war oder nicht –, Gehorsamsverweigerung vor versammelter Mannschaft hatte man das früher beim Militär genannt. Eins der schwersten Verbrechen.

Aber ganz Ute Haink war es. Warmherziges, unbekümmertes Eintreten für eine andere. Ganz Ute! Ihm wurde heiß in der Brust. Wunderbares Mädel! Tapferer Kerl. Oh, er wußte schon, warum er sie so selbstvergessen liebte. Aber die Schule! Die Disziplin! Wäre er genau so für jedes andere Mädchen eingetreten? Er zweifelte zum erstenmal an seinem Gerechtigkeitsgefühl.

Da lachte Knaus neben ihm. Ein blonder Hüne, der Mathematiker der oberen Klassen. »Ärgern Sie sich nicht, Just. Lohnt nicht. Aber man sollte diesem Vampyr dort mal energisch auf die Folterfingerchen klopfen.«

Alle, auch die Damen, stimmten bei. Da trat der Schuldiener ein und bat Just zum Direktor.

»Die arbeitet prompt«, polterte Knaus, der ewig Heitere.

»Sagen Sie dem Chef mal tüchtig Bescheid«, rief Fräulein Gröner, die Turnlehrerin. »Sie tun damit ein gutes Werk. Es ist ja entsetzlich, wie sie die Kinder schikaniert.«

»Ih«, lehnte Just ab, schon an der Tür, »Sie sehen ja, die Kinder helfen sich selbst. Sie ist beklagenswert genug. Werfen wir keine Klamotten.«

Damit war er draußen. –

»Tag, Just, hab’ was sehr Erfreuliches für Sie.«

Der kleine, energische, elegante Herr reichte seinem besten Mann eine kräftige, gedrungene Hand. Er war seinen Lehrern und Lehrerinnen stets helfender und beratender Kollege, konnte aber, wenn nötig, den Vorgesetzten mit schneidender Strenge hervorkehren. Er war kaum vierzig, vibrierte von Leben, fühlte mit der Jugend, war hervorgegangen aus dieser neuen kernigen Lehrerschaft, die nach dem Kriege die Schulen Preußens entstaubt und ausgelüftet und zu Erziehungsstätten reformiert haben, die in nichts mehr den muffigen und überalterten Drillanstalten ähneln, die noch vor zwanzig Jahren den deutschen Nachwuchs dressierten.

Direktor Börner wußte, fühlte es in sich selbst, daß die Menschen nach der großen Umwälzung des Jahrhunderts anders geworden waren. Er ließ den ihm anvertrauten heranwachsenden Frauen jede mögliche Freiheit des Denkens und Fühlens und Glaubens.

Doch grade deshalb sah er die höchste Aufgabe der Schule in der Erziehung zur Selbstbeherrschung und Selbstzucht. Daher forderte er striktesten Gehorsam und schärfste Disziplin, verlangte er Achtung und Autorität der Eltern und Lehrer und ahndete mit den schwersten Strafen jeden Verstoß gegen die Gesetze einer Sittlichkeit. Mädchen, die sich in erotische Abenteuer verstrickten, rodete er schonungslos aus seiner Schulgemeinde aus.

»Etwas Erfreuliches?« staunte Just. Er war auf etwas höchst Unerfreuliches gefaßt. Denn er wußte, Widersetzlichkeit war und blieb in Direktor Börners Augen ein unentschuldbarer Frevel.

»Noch ganz privat.« Er bot Just die Zigarettenschachtel. »Und nur für Sie erfreulich, für uns höchst betrübsam.«

Just scherzte. »Sie geben mir unlösliche Rätsel auf, Herr Direktor.«

Börner lächelte. Die Winkel der Augen zogen sich bis zu den Schläfen hin in lustige Falten.

»War gestern im Provinzialschulkollegium wegen einer anderen Sache. Sprach mit Schulrat Kersten. Er erkundigte sich sehr lebhaft nach Ihnen.«

»Nach mir?!«

»Ja, mein Gutester. Sprach sehr begeistert über Ihr neues Buch, den Lessing als Erzieher. Sie sind am dransten.«

»Ach nee!«

»Ach ja. Ostern kriegen Sie Ihr Gymnasium in Berlin.«

Just riß die Augen weit auf.

»Jawohl, Herr Direktor in spe.«

Just staunte. Ueber sich. In ihm jubelte nicht die Freude erfüllter Hoffnung und Erwartung, jauchzte keine Ueberraschung über unvermutet erreichtes Ziel. In ihm war ein stumpfes Schweigen der Gleichgültigkeit. War er so ausschließlich ausgefüllt von dieser Leidenschaft, die seit gestern abend sein Gefühl und seinen Verstand beherrschte, daß er jeder anderen Regung unfähig war? Direktor eines Gymnasiums sollte er werden. Höchstes Streben jedes Lehrers. Ehrgeiz und Sehnsucht Julies....



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