E-Book, Deutsch, 172 Seiten
Schirokauer Die siebente Großmacht
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7597-0088-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 172 Seiten
ISBN: 978-3-7597-0088-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alfred Schirokauer (1880-1934) war ein jüdischstämmiger Schriftsteller, der vor allem auch als Drehbuchautor und Regisseur gewirkt hat. Er gehört zu den Autoren, deren Bücher von den Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 öffentlich verbrannt wurden.
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I.
Am 19. September 1913 tagte eine Konferenz der Pressekommission in der russischen Botschaft zu Berlin.
Der Agent Wasmibratow fuhr in seinem Bericht fort: „... und so kann ich Eurer Exzellenz zu meinem Bedauern nur erklären, dass mein Auftrag gescheitert ist. Ich habe mit der Leitung sämtlicher großen Zeitungen Berlins in der diskretesten Weise Fühlung genommen, mir aber überall eine Abfuhr geholt.“
„Unmöglich!“, rief der Botschaftsrat. Seine Augen wanderten in ratlosem Ärger um den Kreis seiner Beamten.
Der Militärattaché versuchte einen matten Trost. „Es ist wie in meinem Ressort, Exzellenz. Zu meiner Verzweiflung muss ich täglich die gleiche Wahrnehmung machen. Trotz meiner eifrigsten Bemühungen gelingt es mir nicht, die Wünsche Seiner Exzellenz des Herrn Kriegsministers zu erfüllen. Diese deutschen Offiziere sind einfach nicht zu bestechen.“
Ein allgemeines Nicken zorniger Missbilligung lief um das Rund des grünen Tisches.
Der Botschaftsrat zupfte ungeduldig an der Seide seiner Krawatte.
„Ja, aber meine Herren“, klagte er eindringlich, „es muss etwas geschehen. Wir können uns doch unmöglich das Armutszeugnis ausstellen, dass es uns allein nicht gelingt. Noch überall hat der russische Rubel gesiegt. Ich brauche es Ihnen nicht zu wiederholen. Sie alle wissen, dass die halbe Pariser Presse in unserem Solde steht, dass wir in Fleet-Street zwei der größten Blätter beherrschen, dass wir in Belgien die öffentliche Meinung nach Belieben beeinflussen. Unsere Kollegen in Bukarest, in Sofia — ja, was soll ich aufzählen? Sie wissen es ja selbst. Denken Sie an die österreichische Monarchie. In Prag haben wir unsere Organe, in Sarajewo, auch in Wien. Und nur hier soll uns nichts gelingen! Meine Herren, kein Mensch in Petersburg wird uns glauben, dass unsere Mühen an der Ehrenhaftigkeit dieses deutschen Volkes zerschellt sind. Sie wissen, für solche Beteuerungen hat man bei uns nur ein fatales Lächeln. Auf uns wird es zurückfallen, uns wird man für Tölpel halten.“
Er faltete die Hände in hilfloser Verzweiflung auf dem Tische.
In bedrücktem Schweigen senkten sich die Stirnen der eleganten Slawen.
„Wie wäre es denn“, fragte unsicher ein junger Sekretär, „wenn wir eine eigene große Zeitung hier gründeten?“
Der Botschaftsrat hob den intelligenten Kopf.
„Hm, eine Idee, Pawel Michaelowitsch. Immerhin eine Idee.“
Die andern nickten eifrig.
Der Botschaftsrat überlegte. „Sie meinen es so, Pawel Michaelowitsch: Wir geben das Kapital, stellen einen gewiegten deutschen Journalisten mit großem Namen an — den wird man finden — und übertragen diesem, unter unserer Ägide natürlich, die Leitung der Zeitung. Eine Idee, meine Herren, nicht wahr?“
Alles beeilte sich, Zustimmung zu bekunden.
Seine Exzellenz wandte sich an den Finanzmann der Kommission. „Iwan Iwanowitsch, wie hoch schätzen Sie die Kosten eines solchen Unternehmens?“
Der Mann mit den feinen Schläfen des Gelehrten sann einige Augenblicke, nahm einen Notizblock vom Tische und rechnete.
Tiefe Stille schwang durch das Zimmer, man hörte das Knarren der Lackstiefel unter dem Tische.
Der Finanzmann riss einen energischen Strich aus dem Papier und verkündete sein Ergebnis.
„Es handelt sich, wenn ich recht verstehe, um eine große Zeitung von Ruf. Sie müsste mit Elan eingeführt werden, müsste sich mit Verve einen großen Leserkreis werben und müsste zu diesem Ende erstklassig redigiert werden. Ich schätze die Kosten der Einführung des Organs auf etwa eine Million Rubel.“
„Na nu!“, rief der Botschaftsrat. Auch die andern verrieten bestürztes ungläubiges Erstaunen.
„Das ist das mindeste“, erhärtete der Finanzmann seinen Überschlag. „Dabei berechne ich natürlich nur die Einführung des Blattes. Ehe es sich rentiert, können Jahre vergehen.“
Da entfuhr es dem Botschaftsrat: „Aber dann ist der Plan unausführbar. Wir würden ja sonst die Mittel verbrauchen, die uns für diesen Zweck zur Verfügung gestellt sind.“
Ein Augurenlächeln rieselte um den Tisch.
Exzellenz erkannte seine unbedachte Offenherzigkeit, lächelte aber auch, halb gnädig, halb listig — man war ja unter sich — ward dann aber gleich wieder ernst und rückte gequält auf seinem Lehnsessel einher.
„Ja, meine Herren“, stellte er kläglich das Ergebnis der Sitzung fest, „dann sind wir ja wieder so weit wie vorher. Ich bin in der allergrößten Verlegenheit. Seine Exzellenz, der Herr Botschafter, verlangt unbedingt, dass wir zu einem positiven Beschlusse kommen. Ich“ — er zog die Uhr, seine Stirn durchfurchten tausend Fältchen — „ich habe um ein Uhr Bericht zu erstatten. Meine Herren, es ist halb eins!“
Peinliches Schweigen. Da hob der Agent Wasmibratow sein durchtriebenes Tatarengesicht. „Wenn ich mir ein Wort gestatten darf, Eure Exzellenz.“
Der Botschaftsrat machte eine gewährende Geste mit der Hand, sein goldenes Kettenarmband klirrte klingend.
„Ich würde mir folgenden Vorschlag gestatten“, begann Wasmibratow. „Die großen Zeitungen sind unzugänglich, auch die mittleren. Es gibt in Berlin aber einige kleine Blätter, die von der Sensationslust der Menge leben. Diese Presse wäre natürlich zugänglich. Ich denke da in erster Linie an die ‚Tagespost‘ und den ‚Argus‘.“
Ein Murren raunte auf. Alles redete durcheinander:
„Das ist doch unmöglich, mit diesen Skandalblättern können wir uns doch nicht einlassen, wir wollen doch Einfluss haben.“
Der Botschaftsrat hob die weiße gepflegte Hand. Langsam verebbte der Aufruhr.
„Sie haben ganz recht, meine Herren, die Vereinigung mit einem solchen anrüchigen Blatte würde den Zwecken unserer Regierung schlecht dienen.“
Wasmibratow lächelte ein unterwürfiges, hündisches Lächeln und erwiderte: „Die Einwendungen dieser hohen Versammlung habe ich mir selbstgemacht. Ich habe mir aber gesagt, dass wenig mehr ist als nichts. Es ist eine Art mittlerer Linie, mit der wir uns, wie ich glaube, zunächst begnügen müssen. Einen ähnlichen Ausweg hat ja auch der Herr Militärattaché gewählt.“
Der Major schleuderte dem Agenten einen wütenden Blick zu, knurrte halblaut „Tölpel“, sah sich aber doch zu einer Aufklärung genötigt, da sein Spion seine Geschäftspraktiken verraten hatte. Er drehte an seinem Schnurrbart, dachte: „Ich muss ihm in Zukunft mehr abgeben, diesem Halunken“, und erläuterte:
„Der Agent hat insofern recht, als ich mich allerdings bescheiden musste. Viel ist hier nicht zu erfahren, wie ich Ihnen ja bereits bemerkt habe. Um nun aber nicht mit ganz leeren Händen vor Seiner Exzellenz, dem Herrn Kriegsminister zu stehen, übersende ich wenigstens geringfügigere“ —— er suchte nach dem Ausdruck — „Ergebnisse: Modelle eines neuen Geschützes, Pläne eines Forts, einer geheimgehaltenen Eisenbahnlinie usw.“
Der Botschaftsrat lächelte fein. „Ich verstehe, Arkad Nikolaijewitsch, ut aliquid fieri videatur, wie wir auf dem Gymnasium sagten. Damit es den Anschein hat, dass etwas geschieht.“
Alles lachte, denn jeder wusste, dass etwas „geschehen“ musste, damit die Rubel, die für den bestimmten Zweck ausgeworfen waren, ins Rollen kamen. In welche Taschen sie dann rollten, auch das wusste jeder Eingeweihte.
Der Botschaftsrat zog wieder die Uhr. „Meine Herren, wir müssen zum Ziele kommen. Dieses Vorgehen auf der mittleren Linie scheint mir bei näherer Überlegung vielleicht doch das Vernunftgemäße. Es ist nicht zu leugnen, dass wenig mehr ist als nichts.“
Er wandte sich dem Agenten zu: „Wenn ich Sie recht verstehe, so meinen Sie Folgendes: Man setzt sich mit einem dieser Blätter — der Ausdruck Revolverpresse ist hier natürlich nicht gefallen“ — er lächelte schelmisch —
Ein vorwitziger kleiner Attaché rief: „Skandalblätter wurde gesagt!“
„Auch das habe ich nicht gehört“, sagte Seine Exzellenz mit Nachdruck. „Wir setzen uns also mit der ‚Tagespost‘ oder dem ‚Argus‘ in Verbindung und besprechen die Sache mit ihnen. Was Sie zu sagen haben, wissen Sie wohl?“
Wasmibratow verbeugte sich bejahend.
„Natürlich so billig wie möglich. Die Sensationsgeschichten müssen aufhören, dagegen müsste“ — er zog wieder die Uhr — „aber das brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, Sie wissen Bescheid.“
„Vollkommen, Exzellenz.“
Der Botschaftsrat holte tief Atem, dass sich die weiße Pikeeweste über dem breiten Brustkasten dehnte:
„Dann darf ich wohl, meine Herren, dem Herrn Botschafter berichten, dass die Verhandlungen...




