Schirokauer | Meine Novellen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 247 Seiten

Schirokauer Meine Novellen


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-3522-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 247 Seiten

ISBN: 978-3-8496-3522-0
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Alfred Schirokauer war ein deutscher Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmregisseur. Dieser Sammelband beinhaltet seine Novellen Hinter der Welt und Irrwege der Liebe.

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Die von der Mitternachtsonne umglühte weiße Jacht wurde für Helga Helaason das Symbol ihrer Sehnsucht nach der Welt.

Die vielen Wochen hindurch, die der "Eisvogel" noch an den Küsten Spitzbergens und Grönlands kreuzte, träumte sie in allen stillen Stunden von dem geheimnisvollen Zauber der Prunkjacht. So oft in der Ferne am Horizont etwas weiß aufglänzte, beugte sie den Körper weit vor über das Eisengeländer, starrte hinaus in das graue Polarmeer, und das Herz pochte schmerzhaft gegen die harte Stange.

Doch immer wieder waren es nur treibende öde Eisberge, die sie narrten. Ach, sie wußte es ja auch im Grunde: die weiße Jacht hatte ihre frohen Festtagsfahrer längst zu gastlichen Küsten des Südens getragen. –

Durch alle ihre Tagesträume glitt die weiße Jacht, nachdem Helga Helaason im Herbst in ihr Heimatdorf Hlidarendi zurückgekehrt war. Still und gefügig ging sie ihrem Tagewerk nach, führte in den Morgenstunden die Wirtschaft, gebot den Mägden und hielt Ordnung in dem weitläufigen Hausstande des Bezirkshauptmannes. Und an Gerichtstagen, wenn die Bauern der ganzen Gegend auf ihren struppigen, kleinen Pferdchen herzuritten, waltete sie mit kaltblütiger Ruhe und Umsicht, all diesen Männern und hungrigen Ponys bei bösem Wetter Unterkunft zu bieten.

Doch in ruhigen Zeiten gehörten die Nachmittage ihr.

Da las sie die Bücher der Mutter. Oder wenn die alte stürmende Unruhe sie davontrieb, gebot sie dem Knechte, Gràni zu satteln. Dann flog sie auf dem kleinen, ruppighaarigen Schimmel hinaus die einsamen Wege.

Dicht vor dem Ort erstreckte sich eine weite gelbe Sandfläche. Unhörbar berührten die Hufe des Ponyhengstes den weichen rieselnden Boden. Wenn ihr Gemüt sehr sehnsüchtig summte, ging es wild über die Wüste hin, der einsamen Insel im Sandmeere zu. An dem sacht anschwellenden grünen Rasenfleck sprang sie aus dem Sattel, warf dem Tiere die Zügel über den schlanken Hals und setzte sich nieder in das dürre Gras.

Und dann feierte Auge und Herz liebevolle Heimatsandacht.

Dicht vor ihr erhob der Eyjafjallagletscher seinen stumpfen Kegel über die schroffe Felswand, von der brausend der stürmende Wasserfall des Selgalandsfoß herniederwetterte.

Etwas nördlicher lohten die Zacken des Tindafjallagletschers in der untergehenden Sonne. Und weit in der Ferne glänzte mit seinem blanken schwarzen frostzerfressenen Achatfelsen groß und einsam der Gipfel des Hekla.

Die Sonne sank hinter den Höhen, jäh ward die Welt dunkel. Die Ebene ringsum dehnte sich weit nach allen Seiten hinaus, ohne Grenze, ohne Ende. Von den Bergen hernieder stieg die Nacht wie eine Riesin und schritt mit weitgespanntem Gewande über die Sandwüste hin. Ein zarter blauer Hauch stäubte dicht über dem Erdboden auf unter ihrem schleppenden Saume.

Helga kauerte am Boden mit hochgereckten Knien, blickte in die Runde, die lebend ward von Grauen, und fühlte die Schauer der Einsamkeit über ihrem Haupte. Gràni stand als ein violetter Schatten und hob nüsternd die kluge Nase. Ein knisternder Wind rann über die sandige Fläche.

In dieser ahnungsvollen Verlassenheit erhob sich Helga Helaasons törichte Sehnsucht nach der Ferne, die weit, unnennbar weit, hinter dem dunklen Gehege der Berge lag, so verzweifelt und ungebärdig, daß sie den seelischen Schmerz durch körperliches Weh betäuben mußte. Sie verrankte die Finger, daß sie in den Gelenken knackten, sie biß die Zähne auf die Lippen, daß helle rote Blutstropfen an dem Kinn herabsickerten.

Dann wieherte Gràni ängstlich auf und schüttelte durchschauert das zottige Fell. Das riß sie empor. Sie schwang sich in den Sattel und stob lautlos durch die einbrechende Nacht. Erst an den vorgeschobenen Häusern des Dorfes hemmte Gràni den furchtgehetzten Galopp.

Die niedrigen Hütten standen klein und bedrückt in der Dunkelheit. Von den moosgedeckten Dächern stieg ein bläulich-grauer feiner Dunst. Da sprang Helga Helaason aus dem Sattel und überließ dem Hengst den Weg zum warmen Stalle.

Sie trat in die Tür der letzten Hütte, ihre Freundin Sigrid Einarsson zu besuchen. Als sie die Stubentür öffnete, gewahrte sie, daß sie zu früh gekommen war. Das ganze Haus lag noch im Dämmerungsschlummer. In der niedrigen allgemeinen Wohnstube, der "Badestube", lagen die Knechte und Mägde in den Betten, die Männer an der Wand rechts, die Weiber zur Linken. Laut schnarchend ging ihr Atem. Eine dicke träge Luft stand unter der tiefhängenden Decke.

Von dem Knarren der Tür aufgescheucht, kam jetzt aus ihrem Holzverschlage am unteren Ende der Stube die Hausfrau hervor.

Sie hatte einen sehr leisen Schlaf, seit der Bauer Magnus Einarsson gestorben war.

"Wer ist da?" fragte sie ins Dunkel hinein.

"Helga Helaason."

Da trat die Frau an eines der Betten zur Linken und weckte die Magd.

"Steh auf," gebot sie, "und mach Licht."

Helga hörte ein Recken und Gähnen, ein Krachen des Bettes, ein letztes faules Wälzen, und endlich erhob sich die Magd, patschte mit nackten Füßen in die anstoßende Küche und kam mit einem flackernden Spane zurück. Bald brannte die Petroleumlampe unter der Decke mit runder surrender Flamme und erhellte matt die längliche Stube.

Jetzt kam Frau Einarsson, gab Helga die Hand, ging dann zu jedem Schläfer und rüttelte ihn wach. Ein drolliges Auftauchen zum Leben erschütterte jedes Lager.

Nach wenigen Minuten saß jeder auf seinem Bettrande. Tische und Stühle fehlten. Der Bettrand ist im Binnenlande des Isländers Sitz.

Bald war alles in Tätigkeit. Die Mägde spannen und webten, die Knechte arbeiteten an Roßhaarflechtereien oder besserten schadhaft gewordenes Feldgerät aus.

Helga Helaason saß neben Sigrid Einarsson, einem hochgewachsenen drallen Mädel, und plauderte. Sigga erzählte von ihrem großen Bruder Arni, der den "Eisvogel" nun auch verlassen hatte und im Süden auf Fischfang gesegelt war. Und Helga mußte noch einmal ausführlich berichten, wie Arni an der Jan Mayen-Insel diesem Ungetüm von Grönwal die Harpune mitten hinein in das Blasloch geschleudert hatte.

Alle lauschten mit verhaltenem Atem der oft gehörten Heldenmär und nickten bedeutungsvoll mit den Köpfen und lobten noch einmal die verwegene Tat ihres jungen Herrensohnes Arni.

Dann bat die kleine schwarze Magd Gudrun den rothaarigen Knecht Sveinbjörnsson um eine seiner wunderschönen Sagen.

Sveinbjörnsson tat, als höre er nicht. Er war sich seines Künstlertums und dessen begründeter Ansprüche bewußt. Verwöhnt war er wie ein Virtuos der Kulturwelt. Dreimal wollte er gebeten sein. Das war eine Art Hausgesetz.

Als Helga selbst die dritte Bitte an ihn richtete, erhob er sich schwerfällig und gewichtig von seiner Flechtarbeit, ging in die Kammer der Frau und kam mit einem dicken, arg zerlesenen geschriebenen Folianten zurück. Er ließ sich wieder auf den Bettrand nieder, blätterte her, blätterte hin, nickte, probte leise dies, probte halblaut jenes, hob das Buch dem kärglichen Lichte der Lampe entgegen und begann endlich mit starker wohlgeschulter Stimme die alte Saga von Olaf Lillenrose:

"Olaf ritt an der Felsenwand,
Er hatte den Weg verloren.
Sein Pferd jetzt plötzlich stille stand,
Wohl an den Elfentoren.
Beherzt trat Herre Olaf ein –
Da lohte roter Flammenschein,
Die Luft ging sanft und linde,
Sanft wehten vom Felsen die Winde."

So las er.

Und die Rocken surrten und die Nadeln flogen hellauf blinkend im gelben Lampenlicht und die Garne spulten sich hurtig ab wie die Verse des Liedes.

Die Herbstnacht stand hoch und kühl mit tausend weißen Sternen über dem Dorfe, als Helga Helaason mit Wangen, die erhitzt waren vom Zauber der Sage, und einem quälenden Zweifel im Herzen in die hell erleuchtete Stube der Bezirkshauptmannswohnung trat. Der Vater blickte flüchtig von seinen Akten auf und nickte ihr freundlich zu. –

So verging der Herbst und der Winter kam, dieser laue isländische Winter der Küstengegend, von dem sie sich draußen in der Welt solch phantastische Begriffe machen. Mild ist...



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