Schlenz / Jepsen | Der Bojenmann | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 320 Seiten

Reihe: Die Knudsen/La Lotse-Serie

Schlenz / Jepsen Der Bojenmann

Kriminalroman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-641-26973-9
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, Band 1, 320 Seiten

Reihe: Die Knudsen/La Lotse-Serie

ISBN: 978-3-641-26973-9
Verlag: btb
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



So einen exzentrisch exponierten Toten hat der Hamburger Kommissar Thies Knudsen, leitender Ermittler des LKA in Altona, noch nie gesehen: Die hölzerne Kunstfigur »Bojenmann«, die bei Övelgönne im Fluss auf einer Tonne steht, ist über Nacht abgesägt und ausgetauscht worden. Durch eine ähnlich aussehende, besonders makabre Leiche. Knudsen und sein Team, die toughe Dörte Eichhorn und die Forensikerin »Spusi« Diercks, sind ratlos. War hier ein Spinner am Werk? Oder steckt mehr dahinter? Schon bald ist klar: Ein Serientäter sucht Hamburg heim, denn weitere kunstvoll hergerichtete Opfer folgen.

Kommissar Knudsen tut schließlich das, was er immer tut, wenn er nicht weiter weiß: er fragt seinen alten Freund Oke La Lotse Andersen um Rat. Der ehemalige Lotse lebt direkt an der Elbe in Övelgönne, unweit vom Tatort, hat Elbwasser im Blut, kennt sich bestens aus im Hafen der Hansestadt, ist außerdem belesen und denkt scharf. Andersen bringt Knudsen und sein Team schließlich auf die richtige Spur. Sie führt zu einem Mann, der seit Jahren verschwunden ist - und einer internationalen Seemannsmission, dem Duckdalben. Hier laufen alle Fäden zusammen. Doch können sie den Mörder stoppen, bevor er erneut zuschlägt?
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… _ _ _ …

Der Seemannsclub lag in am Eurogate Containerterminal und hatte erst kürzlich ein Jubiläum vermelden können: Der einmillionste Matrose war zu Besuch gewesen. Der rote Backsteinbau wirke wie ein Außenposten der Menschlichkeit inmitten des vibrierenden Hafengeländes, hatte es in einem Artikel geheißen. Nur hier hatten die Matrosen überhaupt eine Chance, ein paar kostbare Stunden für sich und ihre Bedürfnisse zu ergattern – falls der Käpt’n ihnen für maximal drei, vier Stunden frei gab und die Liste der Landgänger rechtzeitig an die Wasserschutzpolizei weiterreichte, sofern es sich bei den Seeleuten um keine EU-Bürger handelte. Was bei den meisten der Fall war. Mehrheitlich handelte es sich bei den Seeleuten um junge Filipinos, die in Manila auf der Straße von Agenturen gekobert, fast schon shanghait wurden. Für eine Handvoll Dollar, pflegte zu sagen.

»Und weißt du, wie man diese Männer heute abschätzig nennt?«

Knudsen hatte keine Ahnung.

Oke Andersen redete sich in seiner Wohnung gerade ein wenig in Rage, während sich ein babyblaues Containerschiff der Reederei an seinem Fenster Richtung Burchardkai schob und die gegenüberliegende Elbseite auf einer Länge von vierhundert Metern komplett verdeckte. Wenn er schon selber nicht mit in den kommen dürfe, wolle er seinen Freund Knudsen wenigstens etwas »briefen«, wie er meinte. Als Käpt’n und Lotse a.D. fühlte sich Oke Andersen mit den Seeleuten besonders solidarisch. Heute, erklärte er seinem Freund Knudsen also weiter, würden die Reeder von »ABs« sprechen (Äybees) – für .

»Fähige Körper, Thies, das ist in etwa so menschenverachtend, wie wenn Männer von jungen Frauen als sprechen. Das sind moderne Galeeren- und Lohnsklaven, beinahe wieder wie im Absolutismus beherrscht und ihrer unveräußerlichen Menschenrechte beraubt. Und weißt du, was das Grundübel ist?«

Knudsen schüttelte sanft den Kopf.

»Der Container. Die Box des Bösen!«

Bei einem weiteren Bier erfuhr der Kommissar, dass es der Amerikaner Malcom McLean war, der 1956 als erster Reeder achtundfünfzig Container verschiffte und damit den Grundstein für die Globalisierung legte. Gewinner waren die Reeder, Verlierer die einfachen Hafenarbeiter, die die ersten Containerschiffe noch abschätzig als Schachtelschiffe bezeichneten und deren einzige Qualifikation für ihre Arbeit bis dahin Muskeln und ein stabiler Rücken gewesen waren.

, warf Knudsen ein, um zu signalisieren, dass er aufpasste.

»Genau. Wenn früher achtzig Muskelmänner die Ladung eines Stückgut-Frachters, wie meinetwegen der , in einer Woche löschten«, referierte , »werden die Vierhundert-Meter-Pötte heute mehr oder weniger vollautomatisch in wenigen Stunden gelöscht. Überall auf der Welt werden die gleichen zwei Größen genutzt, die Zwanzig- oder Vierzig-Fuß-Standardcontainer, die Bausteine der Globalisierung schlechthin. Weißt du, Thies, wie viele davon weltweit im Umlauf sind?«

Knudsen schüttelte erneut den Kopf.

»Gut fünfunddreißig Millionen, in denen mittlerweile jährlich Waren im Wert von vier Billionen Dollar transportiert werden. In vierhundert Meter langen Stahlkolossen, früher mal romantisch Schiffe genannt. Die Drogentransporte habe ich hier natürlich nicht mitgerechnet. Das ist ja euer Job.«

»Gott, Gigantomanie vom Feinsten«, sagte Knudsen. Er war schon beeindruckt, aber auch etwas ermattet. . Aber war noch nicht fertig. In seiner spontanen Verwandlung in eine Art Senior-Chef von Attac, dem größten Globalisierungsgegner-Verein schlechthin.

»Würdest du alle Container einer einzigen Ladung aneinanderreihen und darauf spazieren gehen, Thies, was meinst du … wie weit würdest du kommen?«

Knudsen hatte keine Ahnung. Im Schätzen war er ganz schlecht.

»Du kommst von hier locker bis nach Lübeck.«

»Krass«, sagte Knudsen, sich im selben Moment darüber klarwerdend, wie bescheuert es klang, wenn erwachsene Menschen das Idiom der Jugend annahmen.

»Und die Matrosen, Thies, die bleiben dabei auf der Strecke. Buchstäblich. Shanghai-Hamburg und retour in elf Wochen.«

»Hum …«, sagte Knudsen.

»Des Seemanns Braut ist die See, heißt es ja immer«, fuhr fort. »Nur, dass Braut und Bräutigam heutzutage oft durch eine Art Zwangsehe zustande kommen. Mehr als anderswo gilt heute in der Schifffahrt: Zeit ist Geld. Ein fahrender Kahn verdient welches, ein Containerschiff, das im Hafen liegt, nicht gelöscht wird oder keine Ladung hat, kostet täglich Abertausende von Dollar.«

Kurzum, fasste zusammen, der Container habe der Seefahrt jegliche Romantik geraubt und jede Menge Sachlichkeit gebracht. Quadratisch, praktisch, tot.

Ein gutes Schlusswort, dachte Knudsen. Sehr anschaulich.

»Und warum?«, echauffierte sich dennoch weiter, »nur damit du deine Kiwis bei Aldi für neunzehn Cent und bei KiK eine Kinderjeans aus Bangladesch für fünf Euro neunzig kaufen kannst. Die Matrosen zahlen mit den höchsten Preis für unsere Geiz-ist-geil-Mentalität. Ein Hohn, wenn ich in der Werbung lese: ›Der Preis spricht für sich!‹ Ich kann dir genau sagen, was der spricht: Ausbeutung, Umweltverschmutzung, Sklaventum, Kinderarbeit spricht der Preis. Sonst nichts.«

Knudsen beschlich allmählich das Gefühl, er allein sei am Elend der Welt schuld. Er kaufte ja auch mal günstig ein.

war nun bereits bei der »unchristlichen Seefahrt«, die auf ausgeflaggten Schiffen, Panama, Monrovia, Malta, Liberia, ohne Gewerkschaft und Arbeitsrechte praktiziert wurde. An Bord herrschten heute fast frühkapitalistische Verhältnisse: einbehaltener Lohn, unbezahlte Überstunden, kein Urlaub. Und der Landgang der Seeleute sei im Zuge dessen längst zu einem Landgängchen verkümmert. Gerade mal dreieinhalb Stunden zwischen den Touren. Die Matrosen könnten heute nicht mal mehr die Reeperbahn besuchen, Geschenke kaufen für Frau und Kinder daheim oder ihre schmale Heuer sonst wie auf den Kopf hauen, erklärte . Wenn überhaupt, schafften es die Männer während ihres Landganges mit dem Tagespass vom Containerterminal nur in die Einrichtungen der Seemannsmission.

»Und damit wären wir beim «, schloss .

* * *

Knudsen und Eichhorn parkten direkt vor der Tür des Ein Name, der genauso gut oder fast besser zu einem Puff als zu einer diakonischen Einrichtung gepasst hätte, dachte Knudsen. Das Gebäude befand sich inmitten eines eher schmucklosen Backsteinbaus – immerhin mit Wintergarten. Ein Außenposten der Zivilisation im Hafengebiet.

Es roch angenehm ehrlich nach Kaffee, Bockwurst, Pizza, Zigaretten, Suppe. Im Foyer führte eine Wendeltreppe nach oben zu dem Gebetsraum, rechter Hand lagen drei Telefonzellen, der heiß begehrte Draht in die Heimat. Auf den Türen klebte ein Sticker: »Free calls home – wherever it is«. Schon auf den ersten Metern bekam man das Gefühl, ein privates Maritim-Museum zu betreten. An der Wand hingen Schiffsprofile verschiedener Frachter, alte Schiffsruder, Seekarten, ein Schwertfisch aus Plastik.

Das mit Abstand am meisten vertretene Ausstellungs- bzw. Dekorationsstück waren Rettungsringe in unterschiedlichen Orangetönen, wie bei einem Schiffsausrüster. Lauter Gastgeschenke der Seeleute. Die Rettungsringe hingen an der Wand, am Geländer, an der Decke. Insgesamt mochten es an die hundert sein. Vielleicht für jede gerettete Seele einen, dachte Knudsen. Im fanden sich genug für die nächsten zwanzig Olympiaden der Mitmenschlichkeit.

Dörte Eichhorn erinnerte das sofort an die Kunstaktion von Ai Weiwei. Der chinesische Künstler hatte während der Berlinale die Säulen des Konzerthauses am Gendarmenmarkt mit Schwimmwesten verkleidet, die angeblich allesamt von Flüchtlingen stammten. Fast noch symbolträchtiger als Rettungswesten kamen ihr die Rettungsringe hier vor. Kein Wunder, dass der Diakon des , Sönke Jürgens, auch bloß genannt wurde.

»Ich gehe erst mal für kleine Mädchen«, sagte Eichhorn. Eine Formulierung, die überhaupt nicht zu ihr passte, dachte Knudsen.

»Okay, ich mach so lange den Touristen.«

Überrascht, wie zwanglos es in der Seemannsmission zuging, sah sich Knudsen unbehelligt um. Das hier, so merkte man sofort, war ein offenes Haus. Offenbar war man in diesem außergewöhnlichen Außenposten der Stadt an viele Gäste gewöhnt. An einer Pinnwand hingen die Porträts der Menschen, die hier ehrenamtlich wirkten. Ein Stück weiter prangte eine Collage mit der Aufschrift: Fast nur Asiaten in weißen Hemden mit Epauletten. Handschriftlich waren die Namen und Schiffsnamen mit Präfix für vermerkt: Mr Allal Cruz von der ; Jireh S. Bartolata fährt auf ; Caesar Felipe – usw. Kaum einer lächelte. Fast alle guckten ernst in die Kamera, sodass Knudsen unweigerlich an die vorbestraften Männer in den verschiedenen Verbrecherkarteien denken musste, die er oft genug durchsehen musste. Nur, dass es sich hier um potenzielle Opfer handelte, wie Knudsen nach und...


Schlenz, Kester
Kester Schlenz, geboren 1958, ist ein echtes Nordlicht. Sternzeichen Fische. Geboren in Kiel, aufgewachsen in Schleswig. Mit 16 Jahren samt Family in Richtung Hamburg gezogen. Dort auch studiert und Journalist geworden. Stationen, unter anderem: Szene Hamburg, Cinema, Brigitte und Stern. In der Stern-Kantine ist auch die Idee zum »Bojenmann« geboren worden. Denn regelmäßig wird Schlenz von seinem Kumpel Jepsen mittags im Verlag besucht. Ansonsten spielte Schlenz in seiner Jugend Schlagzeug, und zwar in einer Band, die in Hamburg-Bergedorf weltbekannt war. Der Name der Gruppe tut hier nichts zur Sache. »Sadoboys« klingt ja nun wirklich gewöhnungsbedürftig.

Jepsen, Jan
Jan Jepsen, geboren 1962, wurde in der Nacht der großen Hamburger Sturmflut gezeugt. Er wuchs – größtenteils in Gummistiefeln – in der ehemaligen Lotsensiedlung Övelgönne auf: »Unten am Hafen, wo die großen Schiffe schlafen.« Schon früh entdeckte er seine Leidenschaft für das Schreiben, Reisen und die Fotografie. Sein erster Roman (»Wie die Wilden«) handelt von einer Kindheit an der Elbe und wurde von der Kritik als Hamburger Antwort auf Tom Sawyer und Huckleberry Finn bezeichnet. Auf einer gemeinsamen Reportage in Norwegen lernte er Kester Schlenz kennen. Aus Kennenlernen wurde Freundschaft, aus Freundschaft in Co-Autorenschaft ihr erster gemeinsamer Krimi »Der Bojenmann«, es folgte »Der Schattenmann«. Das Motto der beiden: Vier Gehirnhälften schreiben (und morden) besser als zwei.



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