Schlenzig | Bunter Stoff | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 228 Seiten

Schlenzig Bunter Stoff


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7543-9209-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 228 Seiten

ISBN: 978-3-7543-9209-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sechs Frauen sitzen in ihrem Stammcafé und feiern ihr dreißigjähriges Jubiläum. Ein spannender Rückblick in die achtziger Jahre im Osten Deutschlands. Einmal wöchentlich trafen sie sich in einer Kulturhausvilla zum Nähen und kreativen Gestalten von Kleidungsstücken. Es wurden Modenschauen organisiert. Ein Hobby, das die Frauen bis heute verbindet. Jede Protagonistin hat ein Eigenleben mit ihren Alltagssorgen, Ängsten und Nöten. Doch die Gruppe hält zusammen. Freundschaft verbindet. Die Zeit der achtziger Jahre, bis hin zur Wendezeit hat ihre Tücken. Was sich so leicht, fröhlich und locker anfühlt, ist einer Diktatur unterworfen, der sich niemand entziehen kann.

Autorin - Christiane Schlenzig lebt heute in der Oberlau-sitz bei Bautzen. Seit 2008 Mitglied im Berufsverband junger Autoren Bonn/Leipzig. Veröffentlichungen in Anthologien und bei Literaturwettbewerben. Sie schreibt Autobiografisches und Fiktives, gesellschaftskritische Gegenwartsliteratur. 2012 erschien im Engelsdorfer Verlag ihr Debüt Roman: Flügel im Wind, 2014 Roman: Zeit zwischen Nacht und Tag, 2016 Kraniche im Ruderflug-Erzählungen, 2017 Roman Wenn jede Stunde zählt, 2019 Roman Unebene Wege. 2020- 2. Auflage Roman Flügel zitternd im Wind www.christiane-schlenzig.de
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Autoren/Hrsg.


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1984 – Die VERNISSAGE


Die Villa umgeben von einer weitläufigen Parkanlage. Hecken, Sträucher, Bäume säulenartig zu beiden Seiten des Weges. Efeu windet sich um die Stämme.

Sie gehen, an Wachholder und Rhododendron vorbei, zum prunkvollen Eingangsportal. Eine Besucheransammlung an der Garderobe.

Eva grüßt mit einem Kopfnicken die Anwesenden, geht auf die Galeristin zu und stellt ihre Begleitung vor. Man reicht zur Begrüßung ein Glas Sekt. Sie prosten sich zu.

Eva zeigt nach oben. Zwei stattliche Säulen, zieren den Treppenaufgang zur ersten Etage. »Schau einmal, das Rondell aus Glas über dir, typisch Jugendstil. Leider ist die Turmkuppel im Krieg zerstört und das Dach nur notdürftig restauriert worden. Die geschwungenen Formen an den Decken kann man noch vage erkennen. Ranken, Pflanzen- und Symbolmotive hat man großzügig mit hellgrauer Wandfarbe übermalt.«

Als sie zum Saaleingang gehen, Entrüstung. »Guck dir das mal an, an den hochwertigen Flügeltüren sind mit Reißzwecken Plakate angepinnt. Wie kopflos.« Sie zischelt ihrer Freundin leise ins Ohr: »Die Kulturverantwortlichen scheinen wenig Sinn für geschichtsträchtige Baukunst zu haben.«

Während Eva mit den Initiatoren der Ausstellung spricht, schaut Helene sich unsicher um. Sie kennt hier niemanden, hält sich krampfhaft an ihrem Sektglas fest.

Warum ist sie eigentlich mit der Freundin mitgegangen? Sie spürt einen Druck in der Magengrube und sucht zwischen dem Besucherpulk nach einem Fluchtweg. Doch sie muss feststellen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, kann sie aus diesen Räumen nicht entkommen.

Sie nippt an ihrem Glas, und spürt im Nacken einen Blick auf sich gerichtet.

Es gibt Menschen, die so enorm viel Raum beanspruchen, dass sie präsent sind, bevor man sie überhaupt gesehen hat. Er steht am Empfangsbüfett, seine Augen schauen auffällig lange in ihre Richtung. Sie weiß nicht, ob er ins Nirgendwo starrt, oder zu ihr. Dann ist Eva wieder neben ihr, ein Lächeln unter Freundinnen, sie stoßen mit ihren Sektgläsern an. Die Kuratorin beginnt mit der Eröffnungsrede.

Als kenne sie das Gangmuster eines geheimen Labyrinths, zieht Eva sie, nach der Eröffnung, durch die Menge der Vernissagebesucher, hin zum Buffet. Ein langer Tisch, reich bestückt mit bunten Partyhäppchen. »Man kann hier von allem kosten so viel man möchte.«

Der Mann mit dem aufdringlichen Blick steht bereits, ausgestattet mit aufgefächerten Häppchen, am Ende der Tafel und schaut ihr direkt in die Augen. Helene spürt eine Hitzewelle im Gesicht, als Eva ihr den Herrn vorstellt: »Das ist Herr Berger, wir kennen uns von kulturellen Veranstaltungen.« Sein charmantes Lächeln schwebt durch die Luft und schlägt in ihr ein, als er sie anspricht: »In welcher Mission sind Sie hier?«

Blöde Frage, denkt sie, und ihre prickelnden Gefühle zerplatzen augenblicklich wie die Blasen in ihrem Sekt. Eva rettet die Situation: »Wir werden demnächst hier ein kulturelles Zentrum eröffnen.« Sie erhebt ihr Glas und lächelt in die Runde. »Auf unsere Zukunft und die gemeinsamen Aktivitäten in diesem Haus«, kippt den Sekt in sich hinein, hält das leere Glas ihrem Gegenüber hin: »Können Sie uns noch einmal Sekt nachfüllen lassen, Herr Berger?« Ein seltsamer Glanz liegt in Evas Augen, als sie dem Mann die Gläser hinhält. Sie schaut ihm hinterher. Wie er läuft, denkt Helene, so selbstbewusst, Schritt vor Schritt, mit den leeren Gläsern in den Händen.

»Woher kennst du den Herrn?«, fragt sie die Freundin.

»Den Berger? Er ist Mitglied im Kulturbund, organisiert Kunstausstellungen im Museum. Ich kenne ihn von diversen Veranstaltungen.

Sein Gebaren hat etwas von Großspurigkeit. Er weiß wohl sehr genau, dass er ein Schönling ist.«

Was macht er beruflich, will Helene fragen, aber da sieht sie Berger mit den vollen Sektgläsern jonglierend in den Saal zurückkommen.

Berger prostet ihr zu, ein kurzer Blick, der sich lang anfühlt. Sie hält sich am Stiel ihres Sektglases fest, als er fragt: »Was machen Sie so beruflich?«

Eva hat die Anspannung bemerkt, sie kennt ihre Freundin zu gut, weiß, dass diese Konversationen gar nicht mag, und versucht, Berger abzulenken. Sie spricht über die Ausstellung, über zeitgenössische Kunst, über kreative Gestaltung und die vielfältigen Aufgaben des Kulturhauses.

Doch dann reißt Berger mit ausufernden Anekdoten das Gespräch an sich. Mehr Nebensätze als Hauptsätze, wo am Ende kein Finale in Sicht scheint.

»Die Villa, Anfang des 20. Jahrhunderts als repräsentatives Jugendstilwohnhaus eines wohlhabenden Industrieellen erbaut, noch vor dem zweiten Weltkrieg in Staatseigentum übergegangen, hatte die Kriegswirren fast unbeschadet überstanden.

Das Gebäude diente als Hospital, als Flüchtlingsunterkunft und nach einer Renovierung in den siebziger Jahren zunächst als Jugendclub, schließlich wurde es Kulturhaus.«

Er faselt von kulturpolitischen Programmen, über kulturelle und künstlerische Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse innerhalb betrieblicher Kulturpläne. Über Gestaltung von Gegenwartsproblemen.

Eva redet ihm dazwischen, versucht es zumindest. Sie spricht von ihrer Aufgabe, die Volkskunst zu fördern. »Ich werde hier wöchentlich am Nachmittag Kurse für textiles Gestalten abhalten.«

Helene beneidet Eva um ihre Redegewandtheit und ihren Charme.

Sie kommt sich vor wie ein Gänseblümchen neben einer Rose.

Als der Direktor des Hauses hinzukommt, versiegt der Redefluss.

»Hallo Herr Berger. Ich habe gehört, dass Sie den Laden ihres Vaters übernehmen wollen? Schade!

Ich habe gedacht, mit einer Qualifizierung hätten Sie das Kreiskabinett für Kulturarbeit leiten können.« Bergers Mundwinkel verziehen sich zu einem missmutigen Bogen.

Er leert hastig sein Sektglas, verabschiedet sich ganz unvermittelt mit einem Kopfnicken in alle Richtungen und geht schnellen Schrittes davon.

Helene spürt, dass auch Eva sich am liebsten entfernt hätte, aber nun wird sie vom Direktor des Kreiskabinetts belagert und muss ihm von den zu erwartenden kulturellen Aktivitäten berichten. Sie steht stumm daneben, entfernt sich schließlich unauffällig, stellt ihr leeres Sektglas auf die Ablage, geht in den Ausstellungsraum.

Ihr Blick fällt auf ein Kunstwerk gleich neben dem Eingang: der Name der Künstlerin ist ihr fremd.

Ein Auge schaut auf sie herab.

Schwarz auf weißem Grund. Mehrere Bleistiftstriche ineinander verflochten. Das dunkle Auge, der Blick.

Schwarzweiß kennt keine Zwischentöne, differenziert nicht, unterscheidet nicht, denkt sie.

Das Augenlid bewegt sich, die Wimpern flattern.

Hat der Sekt ihren Blick getrübt?

Der Augapfel wird groß und größer, die Pupille deutet nach unten.

Ein helles Blau, wolkenartig mit Acryl an den rechten Rand des Bildes gepinselt. Blau, die Farbe des Vertrauens, der Klarheit, der Ruhe und Harmonie. Das Blau, es hat gerade eben etwas in ihr zum Schwingen gebracht.

Als sie sich an den plaudernden Besuchergrüppchen vorbeischlängelt, ist es, als schaue das Auge ihr hinterher. Sie geht in den Eingangsbereich, nimmt in der Garderobe ihre Jacke in Empfang und läuft nach draußen.

In der Parkanlage neben einer hohen Buchsbaumhecke sieht sie Berger, sie zuckt zusammen. Ihr ist klar, dass sie keine Chance hat, unbemerkt an diesem Mann vorbeizukommen.

Sie verharrt einen Moment, das Kunsterlebnis noch in sich: Denk an das Blau, sagt ihre innere Stimme. Sie richtet sich auf und geht selbstbewusst auf Berger zu. Als sie vor ihm steht, schaut er ihr direkt in die Augen: »Sie gefallen mir.«

Er überrascht sich wohl selbst damit. Er errötet bis an die Haarwurzel und kommt ins Stottern: »Ich kann viel reden, wenn es um Sachliches geht, aber …«, er stockt, der Anflug eines Lächelns zuckt um seine Lippen. »… aber hier«, er klopft mehrmals auf seine Brust.

»Hier drinnen etwas herausholen und in Worte fassen, das fällt schwer.«

Sie schaut zu Boden, als wolle sie in die Unterwelt abtauchen. Im Schutz der Buchsbaumhecke und eines rotblühenden Rhododendron spürt sie ein Kribbeln in der Magengegend.

Mit brennendem Hals und trockenem Mund versucht sie ein Lächeln. Berger nimmt ihre Hand:

»Komm, wir trinken Brüderschaft.«

In der Kneipe am Ende der Straße sitzen sie sich gegenüber, lassen die Gläser klingen.

Für Anfänge musste man sich entscheiden, Enden kommen von allein. Sie denkt an die zeitweiligen Studentenlieben, das Straucheln von einem Affärendesaster ins nächste.

Hier fühlt es sich anders an.

Mit Uwe Berger gab es einen Anfang.

Einen Anfang mit Spaziergängen,

Gesprächen,

mit Nähe,

die langsam...



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