E-Book, Deutsch, 242 Seiten
Schlesinger Märchen-Dia-Rollfilm in der DDR
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7693-8144-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die DEFA-Color-Bildbänder im Überblick
E-Book, Deutsch, 242 Seiten
ISBN: 978-3-7693-8144-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sie brachten großes Kino ins kleine Wohnzimmer: die Dia-Rollfilme der DEFA, dem staatlichen Filmstudio der DDR. Mit Hilfe eines per Hand betriebenen Bildwerfers wurden vor allem Märchen an die Wand projiziert: anfangs aus DEFA-Klassikern wie "Das kalte Herz" (1950) oder "Das tapfere Schneiderlein" (1956), später als gezeichnete Comic- und Bildergeschichten von namhaften Künstlerinnen und Künstlern. Heute erleben die Dia-Rollfilme ein Comeback, wenn sie digital oder in Buchform wiederveröffentlicht werden. Dieses Handbuch stellt erstmals alle DEFA-Märchen-Bildbänder vor: von A wie "Aladin und die Wunderlampe" bis Z wie "Zwerg Nase".
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Resümee
Auch wenn zwölf (= 12 Dia-Rollfilme) von insgesamt 83 Märchen (= 108 Dia-Rollfilme) nicht gesichtet wurden, so ist es doch möglich, ein erstes Fazit für die DEFA-Märchen-Bildbänder zu ziehen. Einschränkend sei diesem vorangestellt, dass der Bundesarchiv-Aktenbestand, der den VEB DEFA-Kopierwerke Berlin umfasst, noch unbearbeitet ist, d. h. eine Einsichtnahme nicht möglich ist (Stand: 16.7.2024). Zwar konnten dafür Unterlagen in anderen Beständen (Ministerium für Kultur inkl. Vorprovenienz Staatliches Komitee für Filmwesen, VEB DEFA-Studio für Spielfilme) eingesehen werden, doch die Recherche brachte wenige bis keine relevanten Informationen zutage. Wichtig wäre z. B. zu erfahren, wie die Herstellung von Märchen-Bildbändern sowie die staatliche Abnahme derselben verlief. Das Privatarchiv des Künstlers Olaf Rammelt (u. a ? Der Tannenbaum; 184, 2. Fassung), der u. a. Korrespondenz seines Vaters Heinz Rammelt mit den DEFA-Kopierwerken aufbewahrt, gibt hier erste Einblicke: So ist daraus ablesbar, dass der Autor eine Textfassung aufsetzte, auf deren Basis der Maler die Bilder zeichnete. Die Abstimmung, d. h. Änderungswünsche, zwischen den Beteiligten (Zeichnung, Text) und dem Auftraggeber (Kopierwerke) gestaltete sich z. T. mühsam und langwierig. Ob das für alle Beteiligten des DE-FA-Märchen-Dia-Rollfilms zutrifft, lässt sich bislang nicht sagen.
Anfänge
Als der VEB DEFA-Kopierwerke mit der Herstellung seiner Agfacolor-Bildbänder (später: Color-Bildband) beginnt, greift er zunächst auf Dokumentarfilme des VEB DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme zurück, z. B. Pilze und Wildfrüchte (DDR 1953), der als zweiteiliges Bildband herauskommt. Später verwendet der Betrieb vom DEFA-Studio für Synchronisation mit einer deutschen Sprachfassung versehene sowjetische Zeichentrickfilme für seine Bildbänder. Darunter ist auch ? Das Märchen vom Fischer und Fischlein (9): Es ist der erste DEFA-Dia-Rollfilm nach einer Märchenvorlage. Zwar ist der halbstündige Animationsfilm auf nur 25 einzelne Szenenbilder gekürzt und mit Textkästen versehen, aber er verbreitet ein echtes Heimkino-Gefühl, weil er und alle anderen Zeichentrickfilme ja ebenso in Lichtspielhäusern anlaufen.192 Dabei ist die Strategie der DEFA-Kopierwerke offenbar auch wirtschaftlich interessant, denn die miteinander verbundenen DEFA-Studios und -Produktionsstätten können Synergieeffekte nutzen und sich mit diesem Alleinstellungsmerkmal überdies von Mitbewerbern, wie Imago und Ascop, absetzen.
DEFA-Märchenfilm
Mit ? Frau Holle I, II (18, 19) folgt endlich der erste DEFA-Animationsfilm, der auf ein klassisches Märchen zurückgeht – hier noch aus dem Studio für populärwissenschaftliche Filme, bevor 1955 das Trickfilm-Studio gegründet wird (in dem später ? Katze und Maus in Gesellschaft, 42, entsteht). Dennoch bleibt sowohl der Puppen- als auch der Zeichentrickfilm nach Märchenvorlagen die Ausnahme; es werden vorrangig Kinder- und Tiergeschichten auf Bildbänder kopiert: entweder aus der eigenen DEFA-Produktion (z. B. Die Geschichte vom Sparschweinchen, 41) oder dem sozialistischen Ausland (z. B. Das faule Füchslein I, II; 23, 24). Mit den drei populären Märchenspielfilmen Das kalte Herz (DDR 1950), Die Geschichte vom kleinen Muck (DDR 1953) sowie Das tapfere Schneiderlein (DDR 1956) schlagen die DEFA-Kopierwerke allerdings ein neues Kapitel auf: Denn jeder Kinofilm wird äußerst aufwändig in etwa 120 Szenenfotos auf jeweils vier Dia-Rollfilme kopiert. Die Bildbeschreibung auf extra Texttafeln zwischen den Szenenfotos übernehmen u. a. der einflussreiche Kinderfilmexperte Hellmuth Häntzsche und Drehbuchautor Hans Kubisch (Alarm im Zirkus, DDR 1954). Ob es der hohe Material- bzw. Kostenaufwand (ein Film = vier Teile) oder die Mehrfachauswertung derselben DEFA-Märchenfilme auf Heimmedien ist, der die DEFA-Kopierwerke zum Umdenken ihrer Bildband-Strategie zwingt, bleibt bislang noch offen. Fakt ist, dass sich sowohl der Heimkinofilm im 8-mm-/16-mm-Format für den Schmalfilmprojektor als auch der Dia-Rollfilm für den Bildwerfer dem DEFA-Märchenfilm widmet und es deshalb zu Überschneidungen kommt. Obwohl ein Bildband mit 4,75 Mark gegenüber einem Heimkinofilm mit 15–44 Mark (Stand: 1958) deutlich günstiger ist, wird der Dia-Rollfilm ? Das tapfere Schneiderlein I–IV (68–71) das dritte und letzte Bildband, das nach einem DEFA-Märchenspielfilm entsteht. Zwar erscheint z. B. ? Das kalte Herz I–IV (32–35) bis Mitte der 1970er-Jahre in mehreren Neuauflagen, doch der gezeichnete DEFA-Märchen-Dia-Rollfilm bestimmt bis zum Ende der DDR das Angebot in diesem Segment.
Neben dem direkten Einfluss des DEFA-Märchenfilms wirkt sich das Filmgenre ebenso indirekt auf den gezeichneten Märchen-Dia-Rollfilm aus. Das zeigt z. B. ? Das singende, klingende Bäumchen (236; 236, 2. Fassung), der eindeutig auf den gleichnamigen populären DEFA-Spielfilm von 1957 zurückgeht. Der zwei Jahre später entstandene Das Feuerzeug (DDR 1959) hinterlässt im gleichnamigen Märchen-Bildband (? Das Feuerzeug; 207, 2. Fassung) seine Spuren, wenn hier die Hexe ebenso in Gestalt einer Schlange ihr Ende findet (und ihr nicht wie bei Hans Christian Andersen der Kopf abgeschlagen wird). Zudem heißt in ? Die goldene Gans (175, 2. Fassung) der jüngste von drei Brüdern Klaus, wie schon im gleichnamigen DEFA-Spielfilm von 1964.
DEFA-Künstlerinnen und -Künstler
Die Abkehr vom DEFA-Film hin zum gezeichneten Dia-Rollfilm hat nicht zur Folge, dass das Märchen-Bildband jetzt ohne das Talent von DEFA-Künstlerinnen und -Künstler auskommen muss. Diese arbeiten z. B. für das Trickfilm-Studio und zeichnen später auch Geschichten für den Dia-Rollfilm. Dazu gehört Eduard „Edi“ Hessheimer, der z. B. am Zeichentrickfilm Das Tintenteufelchen (DDR 1957) beteiligt ist und drei Märchen-Dia-Rollfilme illustriert, darunter ? König Drosselbart (86, 2. Fassung). Auch Ursula Sacher, die wie Hessheimer DEFA-Animationsfilme im Trickfilm-Studio mitgestaltet, steuert einen Märchen-Bildband bei: ? Ännlein und Sibylle (180). Genannt sei zudem Karl-Heinz Hofmann, ebenso Mitarbeiter im Studio, der mit seiner Frau Ursula für die DE-FA-Kopierwerke neben Schwänken (Till Eulenspiegel I, II; 13, 14; 2. Fassung) das Märchen ? Sechse kommen durch die ganze Welt (276) für den Dia-Rollfilm bebildert. Und im Textfach bewährt sich die junge Dagmar Nawroth (? Die feuerrote Blume, 108): Sie arbeitet damals im Studio für Synchronisation, steigt später zur promovierten Synchronregisseurin auf und bleibt dem Märchenfilmgenre treu (u. a. Das Schloß hinterm Regenbogen, ROM 1968).
Westlicher Comic-Stil
Trickfilmer, wie Hessheimer und Hofmann, mischen mit ihrem ‚modernen’, humoristischen, mit Comic-Elementen versehenen Stil den Märchen-Dia-Rollfilm in den 1970ern kräftig auf. Plötzlich haben Prinzessinnen Glupschaugen (? Die goldene Gans; 175, 2. Fassung), Könige gehen vor Schreck in die Luft (? Sechse kommen durch die ganze Welt, 276) und Zwerge werden via Speedlines aus Adlerklauen befreit (? Schneeweißchen und Rosenrot; 191, 2. Fassung). Die Karikaturisten Willy Moese und Heinz Jankofsky, beide Pressezeichner für populäre DDR-Printmedien, stehen Hessheimer/Hofmann in nichts nach. Mehr noch: Moeses Figuren in ? Rumpelstilzchen (209, 2. Fassung) muten cartoonesk an, wenn die Müllerstochter mit Sexappeal auffällt, die Titelfigur eine rote Knollennase trägt und die Krone des Königs an eine Narrenkappe erinnert. Jankofsky verwendet hingegen in seiner sechsteiligen ? Burattino-Serie (342–347) konsequent dem Comic verpflichtete Text-Bild-Ideen, z. B. Denk- und Sprechblasen, Buchstaben-/Satzzeichenfolgen („?!“), die z. B. auf Erstaunen hinweisen, Soundwords („Wumm!“, „Ratsch!“) oder Lettering in der Figurenrede („HALTET DEN DIEB!“, „Hilfe!“), d. h. fettgedruckte Groß- oder Kleinbuchstaben, die Lautstärke andeuten. Doch wenngleich auch Olaf Rammelt in ? Der Tannenbaum (184, 2. Fassung), Benno Butter in ? Das Feuerzeug (207, 2. Fassung), Hans Jurk in ? Aladin und die Wunderlampe (241) und Erhart Bauch in ? Das tapfere Schneiderlein (268) punktuell einzelne Elemente, wie Denkblasen, Piktogramme (z. B. Blitz) oder Speedlines, verwenden, so ist die Formensprache des Comics im DEFA-Märchen-Dia-Rollfilm überraschend wenig vertreten. Das kann einerseits dem Misstrauen der DDR-Kulturfunktionärinnen und -funktionäre gegenüber dieser als westlich abgestempelten Kunstform geschuldet sein. Andererseits steht ein Teil der Literaturwissenschaft, die sich mit der Märchenillustration beschäftigt, dem Comic ohnehin skeptisch gegenüber. Als sich Mitte der 1980er die westdeutsche Folkloristin Annemarie Verweyen mit deutschsprachigen Buchillustrationen...




