E-Book, Deutsch, 286 Seiten
Schlesinger Märchenhörspiel in der DDR II
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-6330-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die 10"- und 12"-Schallplattenbearbeitungen des Labels LITERA. Ein Überblick
E-Book, Deutsch, 286 Seiten
ISBN: 978-3-6951-6330-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das DDR-Schallplattenlabel LITERA setzte mit seinen aufwändig produzierten Märchenhörspielen Maßstäbe. Dazu gehörten neben Klassikern von Grimm, Andersen und Hauff auch fantastische Alltagsgeschichten. Hier wie dort sollten die Märchenbearbeitungen (sozialistisch) erziehen, aber ebenso eine Welt der sozialen Gerechtigkeit entwerfen. Erstmalig bietet dieses Nachschlagewerk nun einen Überblick über mehr als 85 LP (10" und 12") mit ca. 200 Kurz- und Langhörspielen, die sich dem Genre zuordnen lassen. Eine unverzichtbare Ergänzung zum bereits erschienenen "Märchenhörspiel in der DDR. Die 7"-Schallplatten der Labels ETERNA und LITERA. Ein Überblick" (2023).
Autoren/Hrsg.
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Resümee
Kritisch rückblickend auf eine gut dreißigjährige Geschichte der Kindertonträgerproduktion in der DDR spricht der westdeutsche Verhaltens- und Sozialwissenschaftler Jan-Uwe Rogge im Jahr 1987 von „»eingefahrenen Gleisen«“, in denen sich das Medium bewege. Grund seien „[ü]ber Jahre hinweg gleichbleibende ästhetische Auffassungen bei der medienspezifischen Umsetzung“ sowie „die Unterordnung von akustischen Ausdrucksmitteln unter das Wort […] – losgelöst von jenen ästhetischen Diskussionen, die im Kinderfilm oder -fernsehen längst stattgefunden“ hätten.259 Auch eine DDR-Fachzeitschrift konfrontiert Jahre zuvor den Chefredakteur im VEB Deutsche Schallplatten, Jürgen Schmidt, mit „zu ausgefahrenen Gleisen“, bezieht sich hier aber auf Produktionsstab und Mitwirkende, die „immer wieder dieselben“ seien, was sich ebenso auf das Angebot selbst auswirke.260 Als zwei von ohnehin sehr wenigen zeitgenössischen Einschätzungen, die sich näher mit dem Thema befassen, sollen sie in einem Resümee nochmals zusammenhängend hinterfragt werden. Denn das Märchen, als eines der Genres, denen sich LITERA widmet, zeigt sich im Rückblick doch durchaus vielfältiger sowohl in der Ästhetik, dem Wechselspiel von Wort und Musik (Geräusch) sowie hinsichtlich künstlerischer Debatten, die direkt oder indirekt auch ihre Spuren auf den Märchenschallplatten hinterlassen. Grundsätzlich ist daran zu erinnern, dass die LITERA-Produktion – wie alle DDR-Medienangebote – staatlich gelenkt und in ein politisch-ideologisches Erziehungskonzept eingebunden ist. Das Märchenhörspiel auf Schallplatte oder Kassette, das sich zuvorderst an Kinder wendet, soll (wie Kinderfernsehen, Kinderfilm, Kinderrundfunk, Kinderbuch) immer auch eine sozialistische Grundhaltung vermitteln. Das gilt ebenso für Produktionen, die eher ein erwachsenes Publikum im Blick haben. Etwaige Schlussfolgerungen sind daher nur im Kontext damaliger gesellschafts- und kulturpolitischer Rahmenbedingungen möglich.
Erst Rundfunk, dann Schallplatte
Als 1963 die ersten 10“-Märchenplatten vom neu gegründeten Label LITERA in den Läden stehen, ist das Märchenhörspiel im Radio längst etabliert. So verwundert es kaum, wenn u. a. zwei Rundfunkübernahmen den Beginn markieren: ? und ? (beide: 1963). Ob die Fremdproduktionen von 1959 bzw. 1961 anfangs aus wirtschaftlichen Gründen (Einsparpotential) auf LP gepresst werden, bleibt offen. Gleichwohl leitet sich daraus keine generelle Vorgehensweise ab, denn es sind Ausnahmen, zu denen später noch der ? (1985) gehört. Denn: Hörinszenierungen, die bereits erfolgreich im Rundfunk laufen, produziert LITERA in der Regel noch einmal neu, z. B. ? (1975), auch wenn die meisten Mitwirkenden an der Radiofassung beteiligt sind. D. h., dass Synergieeffekte, die künstlerisch sinnhaft wären, zumeist unterbleiben.
Popularität des Kinos
Auch der Märchenfilm bestimmt anfangs das Programm, wie und ? (beide: 1964) zeigen. Die beiden gleichnamigen Kinofilme von 1959 sind sehr populär in der DDR; das gilt unisono für Schauspieler Rolf Ludwig selbst, der im DEFA-Film die Hauptfigur und im Hörspiel den Sprecher übernimmt. Eine ähnliche Besetzungsstrategie nutzt Jahre zuvor der Rundfunk, als in (1959) Johannes Maus die Rolle des alten Muck spricht bzw. spielt, wie im DEFA-Film (1953). Die Beispiele machen deutlich, dass sich anfangs sowohl der Rundfunk als auch LITERA die Popularität des Kinos und seiner Helden zunutze machen. Andererseits gibt es zwei umgekehrte Beispiele, bei denen die Kinofilme den Schallplattenbearbeitungen folgen: ? (1972) und ? (1976), wobei letztere unter dem neuen Titel (1984) im Kino anläuft.
Stars aus Kinderfunk und -fernsehen
Daneben erscheinen Figuren, die Kinder bereits aus dem Rundfunk kennen, auf Schallplatte, wie der Radio-Sandmann: Er hat am 22.5.1956 seinen ersten Auftritt im Rundfunk261, erscheint 1963 mit zwei für die 7“-Single bearbeiteten Geschichten () und später auf einer Kompilation (? , 1968). Dasselbe gilt für ? (1968), die ebenso erst im Radio und später auf 7“-Single (z. B. , 1961) ihre Abenteuer erleben. Aus dem Kinderfernsehen sind es Meister Nadelöhr, Clown Ferdinand, Herr Fuchs und Frau Elster sowie Pittiplatsch & Co., die den Weg vom Bildschirm auf die LP finden, z. B. (1966) auf ? (1968), ? (1965), ? (1972) oder (1980). Hier wie dort verlässt sich LITERA auf bereits etablierte TV-Phänomene, wird aber in seiner fast 30-jährigen Geschichte keine eigens für die Schallplatte erdachten Figuren entwickeln, die den umgekehrten Weg hätten gehen können: in den Rundfunk oder ins Fernsehen.
Ein Viertel Kompilationen
Außer LP, die nur ein bis zwei Schallplattenbearbeitungen (A- und B-Seite) enthalten, gibt es etwa 24 Kompilationen (= 28 Prozent der LP-Gesamtproduktion), auf denen mehrere Kurzhörspiele zusammengefasst sind. Das können Hörstücke sein, die bereits auf 7“-Single erschienen (z. B. ? , 1965) oder neu produziert werden (z. B. ? , 1977) Pädagogische Vorbehalte, „ob diese langen Märchenplatten dem Fassungsvermögen eines Kindes entsprechen“, verfliegen schnell. Denn die Vorteile, z. B. „daß die Märchen [wie auf 7“-Single] nicht geteilt sind, also im ganzen gehört werden können“ 262, aber auch der Preis (12,10 Mark für 40 bis 60 Spielminuten) sprechen für die 12“-LP; das gilt später für die MC (20,10 Mark) nur noch eingeschränkt. Davon abgesehen kann LITERA Synergieeffekte nutzen, um bereits veröffentlichte Stücke wiederzuverwerten.
Tier- und Gegenwartsmärchen an Nr. 1
Darin werden Märchen der Brüder Grimm oft für die LP bearbeitet (18 inkl. Kompilationen). Erst mit großem Abstand folgen Kunstmärchen von Andersen (6), Hauff (3), Perrault, Bürger, Nemcová, Storm, Carroll, Stevenson, Kipling, Fallada, Kafka, Hárs (jeweils 1). Frühe orientalische (2) oder italienische Sammlungen für Erwachsene (1) sind die Ausnahme. Sowohl als Kompilation (2) als auch einzelne Märchen-LP sind sowjetische Autoren vertreten, wie Marschak (3), Tolstoi (2), Puschkin, Platonow, Solowjow (jeweils 1) – erreichen aber dennoch nicht die Zahl, die quantitativ ob der Bedeutung und Stellung des sowjetischen Märchens (Theater, Buch) zu erwarten gewesen wäre. Ebenso sind andere befreundete sozialistische Länder wenig vertreten, wie Kompilationen mit Geschichten aus Jugoslawien, Ungarn (jeweils 1), aber auch aus verschiedenen Bruderstaaten (3) zeigen. Andere (kapitalistische) Länder, mit Ausnahme Indien (1), sowie fremde Kontinente, wie Afrika, Asien sowie Mittel- und Südamerika (1), scheinen vergessen. Auffällig ist, dass sich das deutsche Volksbuch (3) und die Zauberposse (1) einen Platz erobern – als dramatisierte Prosa. Trotzdem machen neu erdachte Tier- und Gegenwartsmärchen aus der DDR die größte Gruppe (22) aus: als Verkehrsmärchen (2), nach Kinderbüchern (6), mit TV- und Radio-Figuren (8) etc. Zu den Autorinnen und Autoren zählen Feustel (5), Hacks, Rodrian, Sturm, Wendt (jeweils 2), Bergner, Brasch, Emuth, Fülfe, Krumbach, Mucke, Pludra, Preuße, Strittmatter, Ullrich, Wiede, Wolf (jeweils 1).
1960er-Jahre: Fantastischer Gehorsam
In den Anfangsjahren kommt das szenisch gestaltete Märchen noch am häufigsten vor: Ein/e auktoriale/r Sprecher/in erzählt die Geschichte, in die Dialoge der Figuren sowie Musik und Geräusche eingeblendet sind, z. B. ? (1963). Daneben entstehen Stücke, die an ein Hörbuch erinnern, wenn ein/e Sprecher/in alle Rollen übernimmt und den Märchentext bestenfalls lebendig und mitreißend ‚vorliest’ – ebenso flankiert von entweder naturalistischer oder instrumental erzeugter Geräuschkulisse, z. B. (1964), hier zudem als musikalisches Märchen inszeniert. Und: Anstelle überlebter Struwwelpetriaden erobert sich das fantastische...




