Schlick | Miranda Lux | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Schlick Miranda Lux

Denken heißt zweifeln oder warum jede Geschichte zwei Seiten hat
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7641-9137-5
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Denken heißt zweifeln oder warum jede Geschichte zwei Seiten hat

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-7641-9137-5
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Welt steckt voller Geheimnisse...Ist eine antike Tragödie für Ereignisse in der Gegenwart verantwortlich? Leben Außerirdische unter uns? Und warum sind Matratzenläden immer in Eckhäusern? Die Welt steckt voller Geheimnisse und nichts ist so, wie es scheint. Niemand weiß das besser als die 15-jährige Miranda Lux, Expertin für Rätsel und Verschwörungen jeder Art. Miranda bezweifelt alles. Kein Wunder, denn ihre Eltern waren prominente Verschwörungstheoretiker, bis sie bei einem mysteriösen Hubschrauberabsturz ums Leben kamen - was Miranda selbstverständlich infrage stellt. Auf der Suche nach der Wahrheit wird Miranda vom Zweifelwerk unterstützt, einer chaotischen Organisation von Querdenkern, für die sie ihren Lehrer Viktor Carelius als neuestes Mitglied gewinnen konnte. Als sich ein mysteriöser Todesfall ereignet, der unbestreitbare Parallelen zu Mirandas Eltern aufweist, gibt es endlich eine frische Spur. Sie führt zu einer Gruppe mit einem brisanten Geheimnis und zu einem unerbittlichen Gegner ...

Oliver Schlick wurde 1964 in Neuwied/Rhein geboren. Nach Abitur und Zivildienst studierte er Sozialarbeit an der FH Düsseldorf. Seit mehreren Jahren ist er in der stationären Jugendhilfe und der Flüchtlingsarbeit tätig. Oliver Schlick lebt in Düsseldorf, und wenn er nicht schreibt, verbringt er die Zeit mit dem Sammeln von Schneekugeln und Blechspielzeug sowie dem exzessiven Hören von 'The Cure'.
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1


Der dünne Ledereinband liegt auf einem Stehpult in der Bibliothek meiner Eltern. Eine antike Tragödie. »Ajax« von Sophokles. Aufgeschlagen auf den Seiten achtundzwanzig und neunundzwanzig. Siebzehn Zeilen hat meine Mutter farbig markiert. Das Buch liegt noch immer so da wie an dem Tag, an dem ich es zum ersten Mal gesehen habe.

Es war ein Mittwoch. Ein kühler, regnerischer Sommertag. So wie heute. Fast auf den Tag genau vor acht Jahren. Ich war sieben, hatte Zöpfe und Sommersprossen und wusste nichts von der Arbeit meiner Eltern. Ich war noch so klein, dass ich mich auf die Zehenspitzen stellen und den Kopf recken musste, um einen Blick in das Buch zu werfen. Damals ahnte ich nicht, dass wir die Dinge nie so sehen, wie sie sind, sondern so, wie wir sind. Und ich hatte keinen blassen Schimmer von der Existenz des Zweifelwerks.

Ich erinnere mich, wie ich mit klopfendem Herzen die Tür zur Bibliothek öffnete, die ich vorher nie hatte betreten dürfen. Daran, wie ich staunend auf die bis zur Decke reichenden Regale voller Bücher blickte, auf die Tische mit den grünen Leselampen, auf die Sofas und ausladenden Sessel, auf die Galerie über mir und den roten Teppich zu meinen Füßen, der so dick ist, dass er das Geräusch der Schritte verschluckt. Ich weiß noch, wie mein Blick zu dem großen Kamin am anderen Ende des Raumes wanderte und an dem seltsamen schwarz-rot lackierten Spiegeltisch hängen blieb, der so überhaupt nicht zu den anderen Möbeln zu passen scheint. Ich hatte ein merkwürdiges, ehrfurchtvolles Gefühl, so als würde ich das Heiligtum einer fremden Religion betreten. Für einen Moment glaubte ich das Parfüm meiner Mutter zu riechen; ich erinnere mich daran, wie der Regen gegen die Fenster schlug, und daran, dass Tante Trudi irgendwann neben mir stand und leise sagte: »Es wird Zeit, Miranda.«

Ich erinnere mich wie ich, meine Hand in ihre gelegt, durch den Regen zum Hammersteiner Friedhof spaziert bin. Ich erinnere mich deshalb so genau an diesen Tag, weil es der Tag war, an dem meine Eltern beerdigt wurden.

Seither habe ich die siebzehn Zeilen unzählige Male gelesen. Ich habe gewartet. Darauf, dass etwas geschieht, das mir helfen wird zu verstehen.

Gestern ist etwas geschehen!

Ich nehme in einem abgewetzten Ohrensessel Platz und ziehe eine Fotografie aus dem schwarzen Umschlag, den Elektra mir am Vorabend übergeben hat. Ein Polizeifoto. Es gibt kaum ein Dokument oder Foto, an das Elektra nicht gelangt.

Beim Anblick des Toten richten sich meine Nackenhaare auf, aber ich widerstehe dem Impuls die Augen abzuwenden und zwinge mich, die Fotografie genau zu betrachten: die Blutspritzer, die sich wie eine krakelige rote Fieberkurve über die Raufasertapete verteilen, das Gewehr zu Füßen des Mannes, sein Kopf, der in einer dunklen Lache auf einem Schreibtisch inmitten von Büchern und Papieren liegt.

Ich präge mir jedes Detail ein.

Nüchtern gesehen ist auch der Tod eines Menschen nur ein Ereignis unter vielen. Auf dieser Welt finden unaufhörlich Ereignisse statt. Stehen sie in offensichtlichem Zusammenhang, spricht man von Ereignisketten.

Wenn an einem Sommernachmittag auf der Terrasse des »Hammersteiner Hof« eine Wespe um den Kopf eines Weißbiertrinkers schwirrt, ist das ein Ereignis. Lässt sie sich eine Sekunde später unbemerkt auf dem Rand des Bierglases nieder, rutscht auf dem glatten Untergrund ab und stürzt kopfüber in einen klebrigen See aus Hefeweizen, ist das wiederum ein Ereignis. Genau wie der tiefe Schluck den der durstige Gast nimmt, sein ungläubiger Blick, das blitzschnelle Anschwellen seiner Zunge, der Griff an den Hals. Ein Stuhl kippt um, Menschen schreien, die Sirene eines Krankenwagens ertönt …

Ereignis auf Ereignis: Wespe – Weißbier – großer Durst – tiefer Schluck – starker Schmerz. Eine für jeden durchschnittlich Begabten nachvollziehbare Kette.

Andere Ereignisse haben nichts miteinander zu tun. Manche von ihnen sind freudig, manche traurig, manche sind außergewöhnlich, andere alltäglich und banal. Ein zusammenhangloses, kunterbuntes, nie enden wollendes Durcheinander von Geschehnissen. An verschiedenen Orten, zu verschiedener Zeit: die Geburt eines Kindes in Kairo im April 1986. Der Absturz eines mit drei Personen besetzten Hubschraubers über der Nordsee im Sommer 2008. Der heimliche Verzehr eines Schokoriegels durch Tante Trudi, – die offiziell eine strenge Sauerkraut-Diät hält – heute Morgen in unserer Küche. Oder … der tragische Unfall eines ehemaligen Luftwaffenoffiziers, der sich beim Reinigen seiner Jagdwaffe versehentlich erschießt. Gestern Nachmittag.

Ereignisse ohne jede Verbindung.

Auf den ersten Blick.

Bis man über den scheinbar unbedeutenden Umstand stolpert, dass zwei Opfer des Hubschrauberabsturzes und der tote Ex-Offizier offenbar eine Vorliebe für schwere literarische Kost geteilt haben. Für die meisten Menschen wäre es wahrscheinlich nichts als ein merkwürdiger Zufall, dass die antike Tragödie des Ajax das letzte Werk war, das sowohl meine Eltern, wie auch der gestern ums Leben gekommene Stabsoffizier gelesen haben …

Ich wandere, das Foto in der Hand, hinüber zu dem Stehpult und lasse meine Augen über die markierten Zeilen des Textes gleiten.

Geliebtes Salamis, der Wogen Dröhnen
umtost dich nun,
da Seeleute auf deine Küsten blicken,
die fest im Meere ruhen …

Meine Finger zittern, als ich die Fotografie des toten Offiziers neben den Ledereinband lege. An der linken Schläfe des Mannes – sein Name war Joachim Hersfeld – ist ein sternförmiges Einschussloch zu erkennen. Die grauen Haare um die Wunde herum sind blutverkrustet, sein Gesicht liegt mit der rechten Wange auf einem Ledereinband.

»Ajax« von Sophokles.

Die gleiche Ausgabe wie die vor mir.

Aufgeschlagen auf den Seiten achtundzwanzig und neunundzwanzig.

Geliebtes Salamis, der Wogen Dröhnen
umtost dich nun …

Vor drei Jahren, an meinem zwölften Geburtstag, haben mich die Zweifelwerker aufgenommen, und das Erste, was ich lernte, war: Der Moment, in dem man auf scheinbar unbedeutende Verbindungen merkwürdiger Art trifft, ist der Moment, in dem man sich fragen sollte, ob die Ereignisse wirklich unabhängig voneinander geschehen sind – oder ob sie vielleicht Glieder einer Kette sein könnten.

Endgültig bemerkenswert wird es, wenn man auf ein drittes Ereignis mit derselben Verbindung stößt. Spätestens dann sollten aus Fragen Zweifel werden: Zweifel daran, ob die Ereignisse unabhängig voneinander geschehen sind. Zweifel daran, ob sie so geschehen sind, wie es offiziell behauptet wird. Zweifel daran, ob sie überhaupt geschehen sind.

Ich bezweifle, dass der Hubschrauberabsturz meiner Eltern vor acht Jahren ein Unglück war. Ich bezweifle sogar, dass sie tot sind, obwohl das für jeden anderen eine unerschütterliche Tatsache zu sein scheint. Ich bezweifle, dass der Schusswaffen-«Unfall« von Joachim Hersfeld am gestrigen Nachmittag ein Unfall war. Und ich bezweifle, dass Gerald von Aschersberg seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hat.

Sein Tod liegt mehr als fünfundzwanzig Jahre zurück. Das erste von drei Ereignissen, das erste Glied in dieser Kette.

Ich gehe zu dem Regal mit den Biographien, steige auf eine Leiter und ziehe einen abgegriffenen Band, den ich schon mindestens ein Dutzend Mal gelesen habe, aus dem obersten Fach: »Der Fall Gerald von Aschersberg«.

Die Büsche vor dem Fenster scheinen in der Abenddämmerung näher aneinanderzurücken. Ich nehme an einem der Tische Platz, knipse die Leselampe an, streiche mir die Haare aus der Stirn und beginne, durch die Seiten zu blättern.

Gerald von Aschersberg wurde im Jahr 1989 Staatssekretär im Verteidigungsministerium, aber bereits am achtundzwanzigsten März 1991 wurde er in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Fünf Tage später erlitt er einen Nervenzusammenbruch und wurde in ein Krankenhaus gebracht. Um ein Uhr fünfundvierzig am Morgen des zweiundzwanzigsten Mai 1991 stürzte Aschersberg aus einem Fenster des sechzehnten Stocks, in dem sich sein Krankenzimmer befand, in den Tod.

Hinterlassen hat er siebzehn handschriftliche Zeilen, die er kurz zuvor aus einem Buch über Weltliteratur kopiert hatte.

Geliebtes Salamis, der Wogen Dröhnen
umtost dich nun …

Die Zweifelwerker, allen voran Fidelio Hümmerich, haben schon bald nachdem sie mich eingeweiht hatten, meinen Blick darauf gelenkt, dass Ajax ein Bindeglied zwischen dem Schicksal von Gerald von Aschersberg und dem meiner Eltern sein könnte. Aber wie dieser Zusammenhang aussieht – diese Frage hat mir bis heute niemand beantworten können. Ich habe alles über Aschersberg gelesen, was ich in die Finger bekommen konnte: jedes Buch, jeden Internetartikel, jeden noch so kleinen Zeitungsschnipsel. Ich bin auf verstörende Informationen gestoßen. Ich habe eine Vermutung darüber, welche Verbindung sein Tod mit dem Hubschrauberabsturz meiner Eltern haben könnte – aber...



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