Schlick | Penny Maroux und das Geheimnis der 11 | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Schlick Penny Maroux und das Geheimnis der 11


1. Auflage, Ungekürzte Ausgabe 2019
ISBN: 978-3-7641-9236-5
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

ISBN: 978-3-7641-9236-5
Verlag: Ueberreuter Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Penny Maroux denkt über die seltsamsten Dinge nach: Ist das Rauschen des Windes in den Bäumen eine Sprache, die wir nicht verstehen? Fühlen sich Blumen an jedem Tag gleich - oder können Geranien montags auch mal schwer genervt und freitags übermütig sein? Spätestens seit ihrem 11. Geburtstag häufen sich die rätselhaften Fragen - und ständig begegnet ihr die Zahl 11! Im Trödelladen des alten Horatio Ping stößt Penny auf erste Antworten. Sie erfährt, wer die Elfer-Kinder sind, warum manche Menschen lieber eigene Gedanken haben, als sich anzupassen, und beginnt, an die Kraft der Gedanken zu glauben ... Dieses Buch ist ein Glücksfall! Mitreißend und humorvoll macht es Mut, sich abseits des Mainstreams zu bewegen. Ausgezeichnet als 'Das außergewöhnliche Buch 2023' 

Oliver Schlick wurde 1964 in Neuwied/Rhein geboren. Nach Abitur und Zivildienst studierte er Sozialarbeit an der FH Düsseldorf. Seit mehreren Jahren ist er in der stationären Jugendhilfe und der Flüchtlingsarbeit tätig. Oliver Schlick lebt in Düsseldorf, und wenn er nicht schreibt, verbringt er die Zeit mit dem Sammeln von Schneekugeln und Blechspielzeug sowie dem exzessiven Hören von »The Cure«.
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Mein Name ist Penny Maroux, ich lebe in Winderbusch und mag Waldmeisterbrause, Erdbeereis und Pizza Funghi. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass das Rauschen des Windes eine Sprache ist, deren Worte wir nicht verstehen. Manchmal frage ich mich, ob Küchenkräuter sich immer gleich fühlen. Oder ob Basilikum montags möglicherweise genervt, mittwochs schwer gelangweilt und freitags auch mal übermütig sein kann. Vor allem aber frage ich mich, warum sich nicht jeder diese Fragen stellt.

Heute ist mein elfter Geburtstag. Donnerstag, der elfte Juli.

Normalerweise reißt mich das Klingeln des Weckers um sieben Uhr aus dem Tiefschlaf, worauf ich mich widerwillig aus dem Bett erhebe, unter die Dusche schleppe, warmes und kaltes Wasser auf mich einprasseln lasse und dabei versuche, ganz allmählich in die Gänge zu kommen. Aber heute Morgen schlage ich die Augen auf, bevor sich der Wecker meldet – und bin schlagartig so hellwach, als hätte ich eine Tüte Kaffeepulver inhaliert.

Elf Minuten vor sieben, stelle ich beim Blick auf das Ziffernblatt fest. Was für ein witziger Zufall: mein elfter Geburtstag, der elfte Juli und ich werde um elf vor sieben wach. Dabei habe ich keine Ahnung, dass in genau elf Minuten eine noch viel merkwürdigere Sache passieren wird.

Aber schön der Reihe nach: Als ich mit nassen Haaren aus der Dusche steige und in meine Klamotten schlüpfe, höre ich es unten in der Küche poltern. Tante Kirsten kramt das gute Frühstücksgeschirr aus dem Schrank. Kein Geburtstagsfrühstück ohne gutes Geschirr, Tiefkühltorte und . Mit den halb aufgetauten Torten habe ich mittlerweile zu leben gelernt, aber wenn mir jemand ein Geburtstagsständchen singt, rollen sich mir vor lauter Peinlichkeit die Zehennägel auf. Letztes Jahr, an meinem zehnten Geburtstag, war ich so todesmutig, bei Tante Kirsten anzufragen, ob wir in Zukunft nicht auf das Ständchen verzichten könnten. Schwerer Fehler! Sie hat augenblicklich ihr Beleidigte-LeberwurstGesicht aufgelegt und gezischt: »Wenn jemand Geburtstag hat, dann wird ihm zu Ehren ein Ständchen gesungen. Das gehört sich so!«

Wenn jemand weiß, was sich gehört, dann Tante Kirsten. Sie hat zu allem eine Meinung. Und sie hat gerne recht. Weswegen man ihr möglichst nicht widersprechen sollte. Sie hat nicht nur recht, sie hat recht. Und kommandiert dabei Leute rum. Kirsten ist Leiterin der Kindertagesstätte in Winderbusch. Was bedeutet, dass sie nicht nur die armen kleinen Kindergartenkinder, sondern auch sämtliche Erzieherinnen rumkommandieren darf.

Ich schnüre meine Chucks, ziehe die Jeansjacke über, schiebe mir meine grüne Samtkappe auf den Kopf und werfe einen kurzen Blick in den Spiegel. Und wie beinah jedes Mal frage ich mich, ob das Mädchen, das mir entgegenschaut, wirklich nur mein Spiegelbild ist. Könnte es nicht auch ein völlig fremdes Mädchen sein, das in einer geheimnisvollen Welt hinter dem Spiegel lebt, mir zufällig aufs Haar gleicht und mich verhohnepipelt, indem es immer genau das tut, was ich gerade tue? Zugegeben, das Mädchen sieht mir zum Verwechseln ähnlich: braune Locken, braune Augen, Sommersprossen um die Nase, T-Shirt, Jeansjacke. Sie trägt sogar die gleiche Kappe wie ich. Die grüne Samtkappe mit schmalem Schirm, die meiner Mutter gehört hat. Die Kappe ist mir ein bisschen zu groß, was aber nicht weiter auffällt, wenn man sie nur weit genug aus der Stirn schiebt. Dem Mädchen im Spiegel passt sie auch nicht.

, denke ich.

Ich blicke meinem Spiegelbild tief in die Augen, dann wende ich mich langsam ab, schaue interessiert in eine Ecke, so als gäbe es dort was unglaublich Spannendes zu sehen, und dann – werfe ich blitzschnell den Kopf herum und beobachte, was das Mädchen im Spiegel macht. Das Mädchen ist clever. Bisher habe ich es noch nie bei einem Fehler erwischt. Es tut immer genau das, was ich tue. Auch diesmal. , denke ich.

Penny? Kommst du?«, höre ich Papa von unten rufen. Gefolgt von Tante Kirstens vorwurfsvoller Stimme:

»Wie lange will uns das Geburtstagskind denn noch warten lassen?«

»Komme gleich«, rufe ich.

Aber vorher muss ich noch den Tag begrüßen. Wie man das macht, hat Mama mir gezeigt, als ich ganz klein war.

Sie ist seit fünf Jahren tot. Kurz nach meinem sechsten Geburtstag ist sie plötzlich schwer krank geworden und wenige Monate darauf gestorben. Man sagt, die Erinnerung an einen Menschen verblasst immer mehr, je länger er fort ist. Aber meine Erinnerungen an Mama sind bunt und voll knalliger Farben. Immerzu hat sie sich verrückte Geschichten für mich ausgedacht. Oder Lieder mit Nonsens-Texten, die wir dann gemeinsam gesungen haben: Und die Erinnerung daran, wie Mama mir beigebracht hat, den Tag zu begrüßen, steht mir so deutlich vor Augen, als hätte sie es erst gestern getan. , hat sie mir erklärt.

Das Begrüßungsritual geht folgendermaßen: Ich gehe vor dem Fenster in Position, dann ziehe ich den Vorhang mit einem entschlossenen Ruck zur Seite, reiße das Fenster weit auf, nehme einen tiefen Atemzug und blicke dem jungen Tag ins Gesicht. Und nachdem ich mir einen ersten Eindruck davon verschafft habe, wie er so drauf ist, begrüße ich ihn. Zum Beispiel mit: »Hallo, sechster Mai. Freut mich, dich kennenzulernen. Und mach dir keine Gedanken wegen des kleinen Regenschauers. Ich mag Frühlingsschauer. Und du riechst total umwerfend. Nach Maiglöckchen!« Oder: »Guten Morgen, zweiter August. Wow, du bist echt heiß!« Manche Tage muss man ein bisschen trösten. Besonders in der kalten Jahreszeit: »Es darf auch graue Nebeltage geben. Du bist völlig in Ordnung, dritter November. Du bist eben ein Tag zum Lesen und In-eine-Decke-Kuscheln. Ist doch auch was.«

Der heutige Tag braucht keinen Trost. »Es ist mir ein Vergnügen, elfter Juli«, begrüße ich ihn. »Du bist eine echte Schönheit!« Und das meine ich genau so, wie ich es sage: Hinter unserem verwilderten Garten bahnt sich der leise murmelnde Brixbach seinen Weg durch die Landschaft. Der große Kirschbaum, der vor meinem Fenster aufragt, wirft einen langen Schatten auf die Obstwiese hinter dem Haus, die noch von Tau bedeckt ist. Jenseits des Baches erheben sich dicht bewaldete Hügel mit gewaltigen Laubbäumen. Die Morgensonne kitzelt meine Nase, ein paar Schnecken haben sich zum Frühstück im Salatbeet versammelt, der Himmel ist blau, nur vereinzelt segelt ein gut gelauntes weißes Wattewölkchen durch den Morgen. Viel besser kann ein Sommertag nicht starten. Und ein Geburtstag auch nicht.

»Penny, wenn du nicht bald kommst, sind die Kerzen runtergebrannt!«, reißt mich Kirstens beleidigte Stimme aus meinen Betrachtungen. Wenn ihr Tonfall von vorwurfsvoll zu beleidigt wechselt, wird es gefährlich.

»Komme!«, brülle ich und will das Fenster gerade schließen – als ich mitten in der Bewegung innehalte und mit offenem Mund in den Kirschbaum starre. Einen kurzen Moment lang glaube ich, ich hätte eine Halluzination. Aufgespießt auf einen kleinen Zweig steckt ein grüner Briefumschlag!

Er hat das gleiche Grün wie die Blätter um ihn herum, deswegen habe ich ihn nicht sofort wahrgenommen. Aber jetzt erkenne ich, dass jemand mit einem Filzstift eine auf das Kuvert gekrakelt hat. Und darunter prangt – ebenso krakelig – mein Name: .

Wie festgewachsen stehe ich da und stiere auf den grünen Umschlag. Ist das etwa eine Geburtstagskarte? Für mich? Aber wer deponiert eine Geburtstagskarte in einem Kirschbaum? Papa bestimmt nicht. Und Tante Kirsten erst recht nicht. Wer kommt auf so eine Idee?

Ich schließe kurz die Augen und kneife mich in den Unterarm, um sicherzugehen, dass ich mir den grünen Umschlag nicht einbilde. Aber als ich die Augen öffne, ist er noch immer da.

Also, wenn das so ist …

Ich atme einmal tief durch, dann schwinge ich mich kurz entschlossen aufs Fensterbrett, halte mich am Fensterkreuz fest und angele mit der anderen Hand nach dem mysteriösen Kuvert. Aber wie weit ich meinen Arm auch ausstrecke – zwischen Fingerspitzen und Umschlag fehlt ein guter Zentimeter. Da hilft nur noch eine halsbrecherische Akrobatik-Einlage: Ich klammere mich mit der Linken weiter fest, lasse mich so weit aus dem Fenster hängen, wie es geht, und schwinge mit dem Oberkörper vor und zurück, während meine rechte Hand versucht, die Karte zu erhaschen. Wahrscheinlich sehe ich dabei aus wie ein Schimpanse...



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