Schlüter | City Crime – Puppentanz in Prag | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 192 Seiten

Reihe: City Crime

Schlüter City Crime – Puppentanz in Prag

Puppentanz in Prag
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-641-32994-5
Verlag: TULIPAN
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Puppentanz in Prag

E-Book, Deutsch, Band 2, 192 Seiten

Reihe: City Crime

ISBN: 978-3-641-32994-5
Verlag: TULIPAN
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Auf nach Prag! Finns Schwester Joanna hat Karten für ihre Lieblingsband in der Goldenen Stadt gewonnen. Aber der Kurzurlaub wird zum Albtraum: Erst verschwinden die Karten. Dann bricht jemand in das Hotelzimmer der Geschwister ein und Finn und Joanna werden erpresst. Steckt etwa der gut aussehende Puppenspieler von der Karlsbrücke dahinter? Doch Finn und Joanna verfolgen bald eine andere heiße Spur. Und die führt sie mitten in die gefährliche Welt der Drogenmafia.

Andreas Schlüter, geb. 1958 in Hamburg, lernte nach dem Abitur Kaufmann, arbeitete dann mit Kinder- und Jugendgruppen, gründete 1989 das Journalistenbüro und die Fotoagentur SIGNUM. 1994 erstes Buch: "Level 4-die Stadt der Kinder", das ein Bestseller wurde und mittlerweile schon zu den modernen Kinderbuchklassikern gehört.
Seit 1996 ausschließlich Kinder- und Jugendbuchautor, seit 2004 auch Drehbuchautor u. a. für den "Tatort" (zusammen mit Mario Giordano). Er hat mehr als 40 Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht und einige Kinderkrimipreise erhalten.
Andreas Schlüter lebt in Hamburg und auf Mallorca.
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Ein herrlicher Tag! Da konnte man wirklich nicht meckern. Der Himmel war eine einzige, strahlend hellblaue Fläche – wie ein frisch gestrichenes Schwimmbad. Finn setzte sich seine neue Sonnenbrille auf, von der ihm alle in der Klasse bestätigt hatten, dass sie »cool« wäre, blinzelte in die Sonne und schaute über das Panorama der Stadt.

Aber das Tollste war: Zur Feier des Tages lud Papa die ganze Familie zum Essen ein. Und zwar nicht einfach in einen Imbiss oder zu McDonald’s – was Finn und Joanna allerdings auch recht gewesen wäre –, sondern in ein typisches Prager Restaurant, wie Papa behauptete. Finn war zunächst skeptisch. Er kannte das: Wenn irgendwo auf Ferienreisen etwas »landestypisch« war, dann waren das meistens Dinge, die er nicht mochte. In Frankreich hatte es mal Schnecken gegeben, auf Mallorca seltsame Innereien und in Griechenland lauwarmes Essen.

Aber als dann der Teller serviert wurde, war Finn hin und weg: dampfender Apfelrotkohl mit köstlichsten Semmelknödeln und einer gebratenen Ente, wie Finn sie noch nie gegessen hatte. »Die gute böhmische Küche!«, wie Papa es nannte, ließ Finn sich gefallen. Genau so musste Essen seiner Meinung nach sein: kräftig, voller Geschmack und – große Portionen!

Nur Mama verzog das Gesicht. »Da hätte ich mir meine Frühjahrsdiät ja sparen können!«, nörgelte sie und griff zum dritten Mal zur Speisekarte, um zu schauen, ob sie nicht doch noch einen leckeren Salat finden konnte.

Papa genoss ein großes Bier, sattdunkelgolden wie flüssiger Honig, mit hellem Schaum drauf, trank mit einem Schluck das halbe Glas leer, lehnte sich genüsslich zurück und seufzte: »So muss ein frisch gezapftes Bier schmecken. Die Tschechen machen das beste Bier der Welt!«

Joanna hatte sich Palatschinken bestellt, was Finn wunderte, denn für gewöhnlich aß sie nicht besonders gern Fleisch. Doch dann sah er, dass dieser »Schinken« nichts mit Fleisch zu tun hatte: Joanna bekam herrlich frisch zubereitete Eierpfannkuchen, bestrichen mit Aprikosenkonfitüre. Papa ließ sich zu seinem Bier einen warmen »Prager Schinken« schmecken, der auch wirklich ein Schinken war. Dazu eine deftige Portion Sauerkraut. Und Mama suchte in der Karte immer noch vergeblich nach etwas, das weniger als tausend Kalorien zählte, wie sie griesgrämig behauptete.

»Gar nichts essen hat null Kalorien!«, kicherte Papa.

Aber das fand Mama überhaupt nicht witzig. Und schon hing die Stimmung wieder auf halbmast.

»Ipf pfreu mipf pfon auf die Karlpfsbrücke!«, versuchte Joanna mit vollem Mund für gute Laune zu sorgen.

Aber niemand verstand sie.

Stattdessen rief Finn: »Bei mir regnet’s Pfannkuchen!« Er meinte die Sprenkel, die aus Joannas Mund flogen.

Mamas Mundwinkel rutschten noch weiter nach unten.

Joanna schlang ihren Bissen hinunter und wiederholte diesmal mit leerem Mund: »Ich freue mich schon auf die Karlsbrücke!«

»Ich auch!«, behauptete Finn, obwohl er nicht wusste, was ihn dort erwartete. Die Seite hatte er im Reiseführer übersprungen.

Mama hatte sich endlich entschlossen, doch noch etwas zu essen, und bestellte sich Nudeln mit Spinat und Spiegelei. Das Gericht kam pünktlich in dem Augenblick, als die anderen drei gerade fertig waren. Joanna und Finn machte das nichts aus. Es war eine gute Gelegenheit, sich noch Nachtisch zu bestellen. Und so gab es für jeden ein großes Eis. Zwar standen eine Reihe anderer superleckerer Sachen auf der Dessertkarte, aber das hätten die beiden nicht mehr in ihre prallvollen Mägen bekommen. Eis hingegen passte immer noch hinein.

Als schließlich auch Mama fertig war, was nicht allzu lange dauerte, weil sie die Hälfte stehen ließ, rieb Finn sich den Bauch. »Mann, ich bin pappsatt!«

»Zeit, ein bisschen zu laufen!«, fand Joanna. »Ich will zur Karlsbrücke!«

Und so machten sich die vier endlich auf den Weg. Sie hatten nur ein paar Minuten zu gehen. Nicht nur, weil die Karlsbrücke so nah gelegen war. Sondern auch, weil es dort keinen Meter mehr voranging. Tausende Touristen hatten die Brücke besetzt und machten ein Weiterkommen schlicht unmöglich.

Glaubte zumindest Finn. Doch Joanna ging wacker voran, und Finn wunderte sich, dass sich tatsächlich immer wieder ganz von selbst schmale Pfade in der Menschenmasse auftaten, ohne dass man jemanden anrempeln oder beiseiteschieben musste. Ein eigenartiges Phänomen, fand er. Beinahe wie ein Fischschwarm, der sich teilte, wenn ein Raubfisch durch ihn hindurchschwamm, ohne dass jemand hätte sagen können, wer den Befehl zur Teilung gegeben hatte. So glitt die vierköpfige Familie durch die Touristenmenge wie ein erhitztes Messer durch Butter. Doch schon nach wenigen Metern blieben sie wieder stehen, weil Joanna etwas entdeckt hatte.

»Seht mal!«

Am Anfang der Brücke stand ein Brautpaar. Genau so eines, wie man es aus Filmen kannte. Die Braut trug ein langes, weißes Hochzeitskleid mit Rüschen und langer Schleppe, dazu weiße Spitzenhandschuhe, mit denen sie einen großen Strauß roter Rosen in Händen hielt. Daneben ihr Bräutigam im Hochzeitsfrack und einem Zylinder auf dem Kopf.

Finn sah sich nach einem Kamerateam um, den Beleuchtern und den Wohnwagen für die Schauspieler, denn er hoffte, hier würde ein Film gedreht. Doch Fehlanzeige. Das Brautpaar war echt. Es stand an der Brüstung der Brücke und ließ sich nicht nur von den Familienmitgliedern, sondern von Hunderten Touristen vor dem Hintergrund der Moldau fotografieren.

»Waaahnsinn, oder?«, rief Joanna hingerissen.

Finn verzog das Gesicht. »Was?«, fragte er.

»Oh Mann, du hast echt keine Ahnung!«, fauchte Joanna ihn an. »Das ist voll romantisch!«

Finns Blick wandte sich von dem Hochzeitspaar ab und blieb einige Meter weiter an einem Typen haften. Er bewegte eine Marionette, die zu den Klängen aus einem Gettoblaster Geige spielte. Er musste grinsen, denn die Puppe trug genau so einen Frack wie der Bräutigam, den Joanna noch immer anhimmelte. Noch lustiger aber war die zweite Marionette. Die trug ein Hochzeitskleid. Die Puppe stellte aber keine Frau dar, sondern ein rosafarbenes Schwein. Miss Piggy im Brautkleid sozusagen. Finn gefiel das.

Erneut ein freudiges Aufquieken. Erst dachte Finn, Miss Piggy hätte das Geräusch verursacht, doch dann begriff er, dass es Joanna gewesen war.

»Da!«, rief sie. Ihre Stimme überschlug sich fast.

Finn folgte ihrem Blick. Um die Ecke rollte eine offene schwarz-goldene Hochzeitskutsche heran, gezogen von zwei festlich geschmückten Schimmeln. Sofort zog Joanna ihr Smartphone aus der Tasche, um sich in die Hundertschar Touristen einzureihen, die ebenfalls fotografierten.

»Oh Mann!«, stöhnte Finn. Er fand nichts langweiliger als Hochzeitspaare, obwohl er zugeben musste, dass die Kutsche nicht schlecht war. Man hätte sie gut nutzen können, um einen Musketier- oder Robin-Hood-Film zu drehen. Trotzdem wandte er sich ab – und stutzte.

»Da ist noch ein Hochzeitspaar!«, stellte er verblüfft fest und tippte seiner Schwester auf den Rücken. Die drehte sich kurz um  und stutzte ebenfalls. Tatsächlich stand an der gegenüberliegenden Brüstung der Brücke ebenfalls ein Brautpaar. Und wäre die Braut nicht im Gegensatz zu der ersten blond gewesen, hätte man sie kaum unterscheiden können. In Finns Augen trug sie das gleiche Hochzeitskleid, der Mann einen ebensolchen Frack und Zylinder. Finn vermutete schon einen Kostümverleih in der Nähe, der gerade ein gutes Geschäft machte.

»Eine Doppelhochzeit!«, seufzte Joanna. »Wie romantisch!«

Finns Blick ging in den Himmel.

»Ich geh schon mal vor!«, verkündete er und marschierte los.

Aber nur wenige Meter später traf er auf ein drittes Hochzeitspaar.

»Ich glaub’s nicht!«, sagte er und schaute fragend zu seinen Eltern. Seine Mutter war bei Joanna geblieben und beobachtete mit ihr, wie das erste Paar unter Blitzlichtgewitter wie ein Promipärchen in die Kutsche stieg. Papa zuckte auch nur mit den Schultern und erklärte Finn, dass die Karlsbrücke eben ein beliebter Ort für den Fototermin von Brautpaaren war. Finn ahnte, weshalb seine Schwester so heiß darauf gewesen war, hierherzukommen. Sie hatte das bestimmt gewusst. Es war ein Fehler gewesen, die Seiten im Reiseführer zu überspringen.

Da Joanna und Mama mit dem Fotografieren immer noch nicht fertig und offenbar gewillt waren, mit dem zweiten Paar auf die nächste Kutsche zu warten, widmete Finn sich wieder dem Marionettenspieler mit Miss Piggy. Die Puppe im Frack hatte jetzt eine Geige in den Händen und spielte für seine Braut.

Finn hatte sich noch nie ein Marionettentheater angesehen. Aber dieser Geigenspieler und seine Schweinchen-Braut gefielen ihm. Der Puppenspieler hatte Finns Aufmerksamkeit sofort wahrgenommen. Die Puppe wandte sich Finn zu und schob mit seinem hölzernen Fuß den Hut, der vor ihm stand, ein wenig in seine Richtung. Finn grinste den Puppenspieler an, doch der tat so, als führe seine Puppe ein Eigenleben und als ob er mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun hätte.

Wieder stupste die Marionette den Hut ein paar Zentimeter weiter Richtung Finn und machte eine tiefe Verbeugung.

»Wie viel Kronen sind fünfzig Cent?«, fragte Finn seinen Vater.

Die Antwort kam von Joanna, die sich mit Mama unbemerkt wieder zu ihnen gesellt hatte.

»Wenn du jedem Künstler hier einen halben Euro schenkst, bist du in der Mitte der Brücke pleite!«, prophezeite sie lachend.

Aber das hatte Finn nicht vor. Nur dem Geiger wollte er etwas geben. Und jetzt, wo seine Schwester sich...


Schlüter, Andreas
Andreas Schlüter, geb. 1958 in Hamburg, lernte nach dem Abitur Kaufmann, arbeitete dann mit Kinder- und Jugendgruppen, gründete 1989 das Journalistenbüro und die Fotoagentur SIGNUM. 1994 erstes Buch: "Level 4-die Stadt der Kinder", das ein Bestseller wurde und mittlerweile schon zu den modernen Kinderbuchklassikern gehört.Seit 1996 ausschließlich Kinder- und Jugendbuchautor, seit 2004 auch Drehbuchautor u. a. für den "Tatort" (zusammen mit Mario Giordano). Er hat mehr als 40 Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht und einige Kinderkrimipreise erhalten. Andreas Schlüter lebt in Hamburg und auf Mallorca.

Napp, Daniel
Daniel Napp wurde 1974 in Nastätten (Rheinland-Pfalz) geboren. Nach Abitur und Zivildienst im Krankenhaus absolvierte er von 1996 bis 2002 ein Designstudium in Münster mit dem Schwerpunkt Illustration. Seit 2006 arbeitet er in der Ateliergemeinschaft Hafenstraße in Münster. Er wurde bereits viermal für die Illustratorenschau zur Kinder- und Jugendbuchmesse in Bologna ausgewählt.



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