E-Book, Deutsch, 364 Seiten
Schmeling / Chirlek Ein Ostsee-Pirat
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7431-8507-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 364 Seiten
ISBN: 978-3-7431-8507-4
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Carl Schmeling war ein Autor des 19. Jahrhunderts.
Autoren/Hrsg.
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II. Die Postjacht.
Der Morgen des 30. Juli sah daher eine ganz ungewöhnliche Bewegung auf der Insel; schon von früh ab wehte der Schwedenborg von dem hohen Bakenberg, zwischen Kloster und Grieben, auf dem sich zu jener Zeit eine Lotsenstation befand. Das ganze Lotsenpersonal war mit Fernrohren zugegen und dies ist erklärlich, denn der Major hatte demjenigen, der die Jacht zuerst entdeckte, eine Belohnung versprochen.
Bald auch zogen fast alle Bewohner der Insel von Süden nach Norden; denn sie wollten sowohl Neues hören, als die Töchter des Majors, des angesehensten Mannes der Insel, empfangen; Grieben hatte sich wirklich ihrer besonderen Achtung zu erfreuen.
Noch bedeutender waren die Vorbereitungen zum Empfang der Mädchen in Grieben selbst und gewiss um diesen recht feierlich zu machen, hatte auch Staelswerd seine Brigg dem Land möglichst nahekommenlassen. –
Inzwischen stieg die Sonne immer höher und verkündete bei Windstille, durch ihre brennenden Strahlen, einen heißen Tag. Schon um zehn Uhr ungefähr war die Hitze sengend, die Natur lag wie tot, die See war glatt wie ein Spiegel; gegen Mittag schien alles Leben erstorben zu sein, denn kein Tier und kein Mensch wagte eine Bewegung, alles verkroch sich in die Gebäude oder suchte wenigstens Schatten; dass bei dieser Windstille die Jacht nicht eintreffen konnte war natürlich.
Gegen zwei Uhr Nachmittags trat jedoch eine Änderung des Wetters ein; jene Nebel, welche unter dem Namen Daak bekannt sind, spielten auf der See und ein heißer Luftzug strich aus Süden her; im Norden und Nordwesten ballte sich Gewölk zusammen, welches sich, dichter und dunkler werdend, nach Nordosten wälzte. Der Wind wendete sich nach Südost und ward kühl.
Schon mit dem Beginn dieser Änderung des Wetters war wieder alles lebendig geworden und gegen drei Uhr befanden sich gewiss zwei Dritteile der Bewohner des Eilandes bei dem Lotsenhäuschen auf dem Bakenberg. Um diese Zeit langten auch der Major, seine Frau und Baron Staelswerd daselbst an, zu ihnen gesellte sich der Prediger Huldrich aus Kloster und ein Paar alte Lotsen, man judizierte über das Wetter und brauchte fleißig die Fernrohre. –
„Ich hab’s mir gedacht!“, sagte da plötzlich einer der Letzteren sein Instrument senkend „dort drüben wettert‘s und die Jacht muss mitten drin sein; wenn das alles da links zusammenbraut, dürfte sie einen harten Kampf haben!“
„Ich habe es ebenfalls leuchten sehen!“, meinte Staelswerd „und an einem starken Wetter dürfen wir nicht mehr zweifeln, ich glaube sogar, dass auch wir hier noch unser Teil bekommen!“
Diese Reden setzten den Major und seine Frau in Besorgnis; Grund war allerdings vorhanden, denn die Dunstmassen im Norden und Nordwesten wurden immer schwarzer und sendeten ihre Streifen bis zum Zenit südwärts; man konnte sogar bald mit den bloßen Augen die Blitze sehen. Das Meer nahm eine dunkelgrüne Farbe an und grollte dumpf, indem es kleine Schaumstreifen wirbelte; der Wind setzte jeden Augenblick um und schuf zu Zeiten jene Bewegungen auf dem Wasser, die in der Seemannssprache „Katzenklauen“ heißen.
Sowohl der Leutnant wie die Lotsen suchten indessen die besorgten Eltern zu beruhigen, denn die Postjacht war wie allgemein bekannt, ein starkes seetüchtiges Schiff mit starker Bemannung, welches schon einen Puff vertragen konnte; der Prediger schob dagegen alles unserem Herrgott in die Schuhe, als wolle er ihn für etwa entstandenen Schaden verantwortlich machen.
So verging eine bange Stunde, in der man auch mitunter den fernen Donner rollen zu hören glaubte, – es war vier Uhr geworden; der Wind blies jetzt stet und mit einiger Heftigkeit aus Nordost. Wer ein Fernrohr besaß, musterte von Zeit zu Zeit den Horizont.
„Da ist sie!“, rief plötzlich derselbe Lotse, welcher vorhin gesprochen und dessen Auge also wohl das schärfste sein musste, „gnädiger Herr, ich habe sie zuerst entdeckt!“
„Gott sei Dank!“, rief der Major, „aber wo steht sie, Nehls?“
„Hier, gnädiger Herr!“, sagte Nehls, das Fernrohr des Majors richtend und als Avertissement für die anderen, „genau überm Dornbusch zeigt sie Tuch.“
Ob der Major oder andere, die den Wink beachteten, das entfernte Segel entdeckten, ist fraglich, jedenfalls hatte es jedoch der Baron gefunden, was vielleicht dem Umstande zugeschrieben werden konnte, dass sein Fernrohr besser, als die Instrumente der anderen war.
„Ein Schiff steht da, das ist gewiss!“, sagte er nach kurzer Pause, „ob es die Jacht ist, müssen wir erwarten, das erkennbare Tuch ist ein Rahsegel!“
„Nun ja, Euer Gnaden!“, meinte der Lotse eifrig, „der Junker macht sich zu Zeiten den Scherz, wenn er nämlich Eile hat und die, denke ich mir, wird er heute haben.“
Der Lotse warf bei diesen letzten Worten einen Seitenblick auf den Major.
„Sein Schade sollte diese Eile auch nicht sein!“, meinte er, den Tubus senkend, „ich ward wirklich schon ängstlich, Frau, diese Furcht war also umsonst; über See schicken wir jedoch die Mädchen nicht wieder, das habe ich mir im Stillen gelobt!“
„Danken wir Gott dem Herrn für seine Gnade!“, sagte der Pastor salbungsvoll.
Während dieses Gespräches war das andere Volk, welches die von den bevorrechteten Personen gebildete Gruppe in einem weiten Halbkreise umgab, näher gerückt und der Schulmeister hielt die Gelegenheit für so günstig, sich von der Gesellschaft der Plebejer zu trennen, um in die der Herrschaften aufzugehen, was ihm einen strafenden Blick des Predigers eintrug, den er jedoch durchaus nicht zu bemerken schien.
„Das ist die Postjacht nicht!“, sagte plötzlich der Leutnant bestimmt, nachdem er wieder längere Zeit das Segel geprüft, „es zeigt sich noch ein zweites Rahsegel unter dem ersten!“
Eine längere erwartungsvolle Stille trat ein; die Fernrohre wurden eifrig während derselben in Anspruch genommen.
„Gott verdamm’ mich!“, rief Nehls plötzlich, ganz seine Umgebung vergessend, „und der zweite Lappen ist ein richtiges Schoner-Marssegel!“
„Ihr habt Recht!“, erwiderte der Baron, „es ist ein Schoner, der dort herabkommt, es wäre indessen möglich, dass man ein größeres Fahrzeug zum Postschiff gewählt hätte.“
„Die Brigg lässt ein Signal stiegen, Eure Gnaden!“, rief plötzlich jemand. Alle Augen wendeten sich auf das, gleichsam unter den Füßen der Menge liegende Kriegsschiff. Der schon seit dem Morgen wehende Flaggenschmuck desselben war verschwunden, dagegen regte es sich lebhaft auf seinem Deck und am Vordertopp zeigte sich das Signal „sechs!“
Natürlich verstand, außer dem Leutnant, niemand dessen Bedeutung und jener machte zuerst eine schnelle Bewegung, als wolle er den Berg hinab eilen, doch eben so schnell besann er sich und ein Böswilliger hätte glauben können, der Baron habe nicht Lust an Bord zu gehen, um seinen zu Ehren der erwarteten Damen angelegten Galaanzug empfangsfähig zu erhalten.
„Es ist nicht nötig“, murmelte er, „schafft eine Stange!“
Diese war bald herbeigebracht, Staelswerd befestigte sein seidenes Tuch, – blau und gelb gewürfelt, – an die Stange, hob sie empor und ließ sie langsam wieder sinken; sofort verschwand auf der Brigg das Signal, die Bootsmannspfeife ertönte, die Gangspielstoppen klapperten und schnell wie ein Gedanke breiteten sich die Segel aus; nach wenigen Minuten war das Schiff flott und strich hart an den Wind gehend, durch die düstern Wogen, dass sich vor seinem zierlichen Bug jeden Augenblick ein paar mächtige Schaumberge bildeten. Es schob stet an Wittow hinauf und die Menge wendete sich wieder dem anderen Segel zu.
„Mit dem Schoner ist es richtig!“, sagte jetzt ein anderer Lotse, „doch ich meine fast, der Kerl sei ein Preuße, seht doch mal genauer hin, Leute!“
„Es scheint wahrhaftig so!“, rief Nehls, „ich möchte fast wetten, dass das die Kolberger „Flora“ ist!“
Leutnant Staelswerd horchte hoch auf.
„Da hätte ich doch an Bord gehen müssen!“, murmelte er.
„Nun die Sache ist immerhin noch nicht gewiss!“, sagte Nehls, „warten wir ab, bis wir Holz sehen!“
Unangenehm enttäuscht und neuen Besorgnissen hingegeben, hatte der Major kein Wort gesprochen, sich aber viel und ängstlich, bewegt; die Menge erging sich jetzt ziemlich rücksichtslos und laut in Vermutungen über das Schiff, welches bald auch dem unbewaffneten Auge sichtbar geworden.
„Gotts Tod!“, rief Nehls plötzlich, „was wird das? Hinter dem Rumpf lantscht noch ein anderer – ein Wrack!“
„Ich habe es auch bemerkt“, sagte Staelswerd, „und ich denke, es wird einer unserer Kreuzer sein, der mit einer Prise zurückkehrt!“
„Ihre Brigg legt bei, Baron!“, rief der Major, „da –!“
Die Brigg hatte wirklich ihre Rahen „ins Kreuz gebrasst“,...




