E-Book, Deutsch, 362 Seiten
Schmid Die Erfindung der Nativität.
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7583-3605-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zur Entstehung der Horoskop-Astrologie im spätptolemäischen Ägypten
E-Book, Deutsch, 362 Seiten
ISBN: 978-3-7583-3605-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alfred Schmid promovierte 2005 in Basel mit einer Dissertation zur politischen Funktion antiker Astrologie ("Augustus und die Macht der Sterne"). Weitere Schwerpunkte seiner Forschung waren die griechische Historiographie, das Königtum, die Geschichte des Naturbegriffs, die Geschichtsreligion im 19. Jahrhundert sowie der Vergleich mit Altchina. Er war von 2000 bis 2022 an verschiedenen schweizerischen und deutschen Universitäten in Lehre und Forschung tätig und gehörte auch zu den Herausgebern mehrerer Bände der kritischen Edition der Werke Jacob Burckhardts. Das vorliegende Buch ging aus einem Förderprojekt der DFG hervor, mit der Projektnr. 3976011187.
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Vorbemerkung
Dieses Buch ist die Frucht eines durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) grosszügig vier Jahre lang finanzierten Forschungsprojekts mit eigener Stelle an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, dort angesiedelt im Fachbereich Alte Geschichte unter der Ägide von Stefan Pfeiffer.
Dass es in dieser etwas ‘selbstgebastelten’ Form veröffentlicht wird, hat mit den Umständen seiner Entstehung zu tun, die in die Zeit von 2018-2022 fiel, d. h. in die Zeit der Corona-Restriktionen, die mir auch seit Anfang 2020 nicht mehr erlaubten, nach Deutschland zu reisen. Immerhin sind in der ersten Phase noch Dienstreisen nach Cambridge, Oxford und Heidelberg möglich gewesen. Ein lange geplanter workshop zum Thema der „Ordnung des Singulären“ („The Cultural Background of Birthchart-Astrology. Vorsehung, Schicksal, Teleologie“) hat dann im März 2022 im online-Format doch noch stattgefunden und wäre ohne die kundige Organisation und Leitung von Nesina Grütter nicht möglich gewesen. Ich habe von verschiedener Seite für mein Arbeiten und Fortkommen Hilfe, Zuspruch und Anregung erhalten. Besonders hervorheben möchte ich, neben den schon genannten Stefan Pfeiffer und Nesina Grütter: Enno Rudolph, Stefan Rebenich, Rita Gautschy, Andreas Winkler, Ian Moyer, Hubert Cancik, Hildegard Cancik-Lindemaier, John Weisweiler, Joachim Friedrich Quack, Francesca Rochberg, Geoffrey Lloyd, Livia Capponi, Franziska Naether, Sandra Scheuble-Reiter und Monika Leonhardt als Ansprechspartnerin in Halle. Das Manuskript ist gründlich lektoriert und auch stilistisch sehr verbessert worden durch Viviane Fahr Gratzl. Meine Frau Marceline hat mir die ganze Zeit den Rücken freigehalten.
Die erschwerten Umstände haben die Ausarbeitung meines Projekts nicht entscheidend behindern können, sie haben aber das wissenschaftliche Umfeld, in dem es offiziell, und vom deutschen Steuerzahler unterstützt, angesiedelt war, radikal verändert. Was sich für mich verändert hat, ist die Wissenschaft als Institution einer an Rationalität, Evidenz und intellektueller Redlichkeit ausgerichteten Öffentlichkeit. Diese mag zwar schon immer mehr Ideal und fraglos beschworene Norm gewesen sein als selbstverständliche Praxis, doch schien wenigstens die Norm im Bedarfsfall unter guten Umständen einklagbar zu sein, oder sie wirkte mindestens als Drohung durch das Gewicht einer gewaltigen Autorität, die durch Jahrhunderte von fleissiger und ingeniöser Arbeit aufgetürmt worden ist und im Seminar meiner Ausbildung noch mit Mommsens stechendem Blick über dem Eingang zur Bibliothek Wache hielt. – Das abschreckende Bild der angsteinflössenden Autorität des 19. Jahrhunderts ist übrigens schon länger verschwunden, die Bibliothek in einer grösseren aufgehoben.
Das gewaltige, längst auch schon staatstragende Gewicht wissenschaftlicher Publizität beruht auf der Anstrengung von vielen Generationen, die sich um eine Ausweitung der Lesbarkeit in irgend einer Form, ja der Plausibilität dieser Welt bemüht haben, indem sie die Ergebnisse anderer aufgenommen, in ihren Intentionen verstanden und mit dem schöpferischen Ingenium des Verstehens erneuert weitergegeben haben.
Das alles ist achtunggebietend und tritt entsprechend autoritär im Debattenraum unserer modernen Gesellschaften auf. Und gerade diese Autorität hätte es leicht verhindern können, dass mit Beginn im März 2020 fast alle Gebote wissenschaftlicher Redlichkeit öffentlich missachtet, ja sogar geächtet und bisweilen gar verboten worden sind, dies weltweit und empörender Weise mit der Berufung auf „die Wissenschaft“, die sich eine anfangs nicht sehr grosse, aber medial omnipräsente Kamarilla mediokrer und zutiefst unredlicher Geister als Alleinbesitz1 angemasst hat. In Wirklichkeit hat man überall angefangen, unter Missachtung des angesammelten Wissens über den besten Umgang mit epidemisch viralen Erkrankungen, einer in Panik geratenen und von der Möglichkeit autoritären Durchgreifens elitär faszinierten Politik Hunderttausende von „Studien“ hinterherzuwerfen, um das unerhörte Unternehmen, auf das man sich kopflos und medial aufgehetzt eingelassen hatte, „wissenschaftlich“ zu rechtfertigen und damit zu legitimieren. Und nicht nur das: man hielt es von Anfang an für nötig, abweichende Einschätzungen – also alles in einem ernsthaften Sinne Wissenschaftliche – zu diffamieren, zensorisch auszuschalten oder moralisch zu diskreditieren.
Dabei ist die angemessen kritische Einschätzung dieser „Pandemie“ und ihrer politischen Verarbeitung ein Thema für sich; sowohl der wissenschaftliche wie der mediale mainstream – beide weichen kaum voneinander ab – fallen hier aus, weil sie sich in den Prozess der verfassungswidrigen Autorisierung einspannen liessen, somit selbst Teil sozial destruktiver Politik geworden sind. Unter den Publikationen, die das heute immer erkennbarer werdende Debakel dieser Jahre beschreiben und zunehmend auch seine Vorgeschichte zu erhellen beginnen, nenne ich hier nur einige – ihre Lektüre lässt die Ausmasse eines Desasters klar erkennen, das auch ein Desaster der Wissenschaftlichkeit gewesen ist: WODARG 2021; KENNEDY 2021; VAN ROSSUM 2021; LAUSEN/VAN ROSSUM 2021; FRANK 2023; MAUL 2023; MEYEN 2024; RÖHRIG 2023 (zur Rechtslage); KUTSCHERA 2022, ANONYM 2022 (ein französisches Autorenkollektiv), DESMET 2022, HOFBAUER 2022 (zur Entstehung aktueller Zensurpraxis); SÖNNICHSEN 2023; MÜLLER-ULLRICH 2023 (eine Quellensammlung zum öffentlichen Stil); die französische Überblicksdarstellung von MICHEL (2024), von der ich erst den ersten Band gelesen habe, und zuletzt als ernsthafter Aufarbeitungsversuch aus der Wissenschaft selbst diverse Beiträge in BUCHENAU/FECHNER 2024. All diese Bücher – einige sind brillant geschrieben, alle sind sie anständig recherchiert und transparent – haben offenbar gemeinsam, dass man sie auf Universitätsbibliotheken kaum findet. Sie werden auch medial nicht besprochen oder auf Praktikantenniveau diffamiert, ohne dass je auch nur ein Argument aus ihnen zitiert worden wäre – kurz: sie existieren öffentlich nicht, auch nicht für den wissenschaftlichen Debattenraum. Was den Medizinanthropologen Jean-Dominique Michel angeht – seine Darstellung ist besonders konsequent („Autopsie d’un désastre“) und schlicht beklemmend –, so hat es dieser Autor sogar geschafft, von Wikipedia, einem Zentralorgan des aktuellen „polit-medialen Komplexes“, offenbar zur Strafe gestrichen worden zu sein.
Gewiss kann rechtlich niemand verpflichtet werden, sich Klarheit über das Geschehen seiner Zeit zu verschaffen, auch deshalb, weil das zur politischen Stellungnahme und damit gefährlich werden kann. Für Wissenschaftler lag aber und liegt der Fall hier noch etwas anders: Sie sind dafür zuständig, werden dafür bezahlt und haben meist diesbezüglich noch einen Promotionseid beschworen, wo sie versprechen „die Wahrheit zu suchen und zu bekennen“, dass gerade sie den Bereich öffentlicher Rationalität vor jedem Zugriff, auch der Politik, die gerade als Demokratie auf Öffentlichkeit beruht, zu schützen hätten. Sie sind die Priester einer kunstvoll und bisweilen umständlich geregelten Debattenkultur, in der es zur unabdingbaren Pflicht gehört, jedes mögliche Argument, das gegen das eigene spricht, anzuhören und das eigene schlüssig zu verteidigen oder fallenzulassen. Bei „Corona“ hat das alles nicht mehr gezählt, deswegen sind soziale Experimente mit Menschen im grössten Ausmasse möglich geworden, denn es gab für fast alle sogenannten „Massnahmen“ – von Abstandsregeln und Lockdowns bis Maskenpflicht – keine wissenschaftlichen Grundlagen, dagegen viele fundierte Einwände, und gerade die so ungemein wirksamen „Modellrechnungen“, die der degradierten und desinformierten Öffentlichkeit vormachten, wieviele Hunderttausende bei Nichtannahme ihrer autoritären Vorgaben zur Sozialdisziplin umkommen müssten, lassen sich einwandfrei als wissenschaftlicher Betrug oder als Scharlatanerie erkennen. Ihr grundlegender Schwindel bestand schon darin, eine empirische Sozialwissenschaft wie die Epidemiologie mit der prognostischen Prägnanz einer exakten Naturwissenschaft auftreten zu lassen.
Im Moment, wo gerade Anthony Fauci in den USA vor dem Repräsentantenhaus zugibt, für seine Abstandsregeln keine wissenschaftliche Basis gehabt zu haben – das wurde offenbar von ihm einfach ad hoc erfunden2 –, wo auch der regierungsberatende deutsche Soziologe Heinz Bude am 21. 1. 24 in einer öffentlichen Diskussion in Graz von „Folgebereitschaft“ sprach, die es bei den Leuten in künftigen Krisensituationen zu erzeugen gelte, und er sich brüsten konnte damit, dass man 2020 Parolen dafür gefunden habe, die „so nach Wissenschaft aussehen“, wie „flatten the curve“3, – und wo man, wenn man will, in einem videofeature den damals amtierenden „Mister Corona“ der Schweiz, der für alle Bundesmassnahmen letzte Instanz gewesen ist und sich übrigens auf Anfrage öffentlich als...




