E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Schmid Dreizehn ist meine Zahl
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7152-7561-1
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 144 Seiten
ISBN: 978-3-7152-7561-1
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alice Schmid, inzwischen eine bekannte Schweizer Autorin und Filmemacherin, ist ein wuchtiger Erstling mit viel Liebe zum Detail gelungen, anrührend, beklemmend und von großer Glaubwürdigkeit. Eine tief berührende und wahrhaftige Geschichte, deren Witz und Feinfühligkeit lange nachklingen.
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1
Seit ich zählen kann, zähle ich. Das hilft. Dreizehnist meine Zahl. So oft haut Mutter mich auf den Rücken. Wenn ich vor Angst Bisi mache, zähle ich auch. Bis dreizehn bleibt es warm, danach wird es kalt zwischen den Beinen. Wenn es dunkel ist, pocht es dreizehn Mal an meine Ohren. Das ist der Tod im Treppenhaus. Hinter der Holzwand, wo Mutter und Vater schlafen, quietscht es. Dreizehn Mal. Das ist, wenn Vater von der Nachtschicht kommt.
Bei uns auf dem Napf läuft alles verkehrt. Wer auf der Hinterseite des Berges lebt, ist Berner Protestant. Wer vorne lebt, ist Katholik und gehört zum Kanton Luzern. Beides unter demselben Dach verträgt sich schwer. Solange Mutter Protestantin ist, hat sie noch die Fröhlichkeit. Vater ist Katholik, er hat das Schweigen. Das mit meinem schwarzen Herz ahnt kein Mensch, alle bewundern mich, sie sagen zu mir: »So ein lieber Vater. So eine schöne Mutter. Du wirst mal eine wie sie.«
Meine Mutter ist für mich die Größte. Sie dürfte mich immer hauen. Alles gäbe ich für sie, wenn sie mich nur lieb hat. Eines Tages wird sie mich lieben, da bin ich mir ganz sicher, weil niemand sie so liebt wie ich.
In meinem Zelt aus Stoffresten von Mutters Heimarbeit zähle ich auch, mit den Fadenspulen aus Holz von Vaters Versuchen: »Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun.« So viele Jahre bin ich alt. Jede Spule schreibe ich an, mit einer blauen Zahl. Ich stelle sie auf, in einer Reihe, zähle auch die andern, stelle sie in die zweite Reihe dahinter: »Zehn, elf, zwölf, dreizehn.« Niemand soll erfahren, was ich plane. Nach dem Zählen haue ich die Spulen um. Sie fallen hin, wie die Reihe im Dominospiel.
Angefangen hat alles mit einer Lüge.
In der Schule steht eine Kartonschachtel auf dem Schrank. Sie ist bunter als die mit Vaters Spulen auf der Küchenbank. Aber Vaters Kartonschachtel kommt erst am Mittag, jetzt ist Morgen. Ich muss schreiben lernen. OMO ist mein erstes Wort. So steht es oben auf dem Schrank.
Kopfrechnen ist mir lieber. Da bin ich hellwach, blitzschnell, nicht zu schlagen. Das kann ich, weil ich jeden Tag Vaters Spulen zähle. Sogar Fräulein Sidler staunt. Bis zum ersten Tag im neuen Schuljahr, als Vreneli sagt, ich sei eine Lügnerin. Wir rutschen alle eine Reihe nach, Vreneli und ich sind jetzt in der mittleren Reihe, zuvorderst kommen neue Erstklässler, und zuhinterst sitzen die Großen von der Sechsten.
Ein Kind nach dem andern steht auf, wir müssen den Beruf vom Vater sagen. Fräulein Sidler schreibt alles in ihr Buch. Die meisten sagen: »Mein Vater ist Bauer.« Viertelabnüüni sagt: »Schnapser.« Sein Vater fährt mit Töff und Schnapsmaschine rund um den Napf. Auf seinem Nummernschild wackelt das LU 915. Niemand weiß, ob er Protestant vom Kanton Bern oder Katholik vom Kanton Luzern ist. Er brennt vorn und hinten am Napf die Äpfel und Birnen. Fast alle Väter haben einen zweiten Beruf, weil es bei uns so stotzig ist und schwer, als Bauer genügend Geld zu verdienen.
Viele Väter köhlern als Nebenverdienst, Vrenelis Vater ist so einer. Sie hat immer Ruß im Gesicht und an den Beinen. Wenn sie sich bewegt, steigt Duft aus ihren Kleidern wie bei einer Wurst aus dem Räucherkamin. Mein Vater war früher Metzger. Jetzt ist er Fabrikant von Beruf. Eigentlich ist er Erfinder. Ich entscheide mich für die Berufsarbeit und stehe auf: »Mein Vater ist Fabrikant.« Vreneli redet mir ins Wort und steht nochmals auf, obwohl ich dran bin, nicht sie. »Lilly lügt, Fabrikarbeiter ist ihr Vater.« Fräulein Sidler glaubt natürlich mir. Sie lächelt und schreibt es auf, in ihr Buch. Vreneli kann nicht wissen, dass mein Vater mit seinem Schweigen etwas Besonderes ist.
Ueli gehört auch in unsere Reihe, er steht als Letzter auf und sagt: »Ich habe keine Mutter.« Er versteht nicht, dass es hier um Väter geht. Ueli hat feuchte Augen, als Fräulein Sidler zu uns »Ruhe!« sagt. Sie ist auf der Seite von ihm und sagt: »Jeder Vater hat einen Beruf, auch der von dir, Ueli.« Ueli bringt nicht heraus, was Fräulein Sidler hören will. Er möchte schon. Das sieht man. Er kann nicht. Er starrt ins Leere. Kein Wunder, sitzt er allein in seiner Bank. Keiner mag neben einem Kind sitzen, das so komisch ins Leere schaut wie Ueli.
Auf dem Schulweg starrt er auch. Er geht ein paar Schritte hinter mir. Drehe ich mich um, bleibt er stehen, starrt mich an. Fräulein Sidler gibt ihm Zeit. Wir dürfen nicht lachen. Schließlich schafft er es, und es wird sich noch zeigen, dass es stimmt, was er sagt: »Immer am Morgen …« Dann ist es wieder still. Das mit dem Morgen hätte mich interessiert. Aber Ueli sagt schnell: »Mein Vater darf nie einen Ring tragen.« Etwas stimmt nicht mit ihm. Ich weiß nur, wenn ich nicht schlafen kann, sehe ich aus meinem Doppelstockbett an der Scheune von Uelis Vater immer Licht. Die ganze Nacht und auch am Morgen.
Jetzt muss ich einen Satz zu OMO schreiben. Mit Tinte aus dem Fass, das vorne im Pultloch steckt. Ich mache es verkehrt, weil ich im Kopf immer noch bei Uelis Licht an der Scheune bin. Vielleicht ist sein Vater auch Erfinder. Ich tunke zuerst die Feder ins Fass und drücke sie erst danach in den hölzernen Halter. Tinte tropft aufs Blatt. Ich blättere auf die nächste Seite. Der dunkle Fleck drückt durch, aufs neue Blatt. Vreneli neben mir ist längst am Schreiben. Ich denke nur an das Wort, das oben auf der Schachtel geschrieben steht.
Immer wenn es still wird im Schulzimmer überfällt, es mich. Alles wird schwer. Im Nacken sticht ein Schmerz, als stecke ein Metzgermesser drin. Mein Kopf plumpst vorne runter wie der Kopf der Änzilochjungfrau, der bei uns zu Hause schlaff am Nagel hängt. Ich raffe mich wieder auf. Schiele nach links, schiele nach rechts, mit steifem Nacken. Alle sind am Schreiben. Ich atme tief. Niemand darf merken, was mir beim Schreiben passiert. Schon gar nicht Fräulein Sidler. Sie könnte es der Mutter sagen. Ich konzentriere mich, schaue zum Schrank. OMO. Alles beginnt von vorn, die Augen schwer wie Blei, ich schaffe das nicht, mit der größten Anstrengung nicht. Die Augendeckel sind das Schlimmste. Sie schweben, sie zittern, fallen zu. Das ist nur am Tag so. Nachts sind sie federleicht, aufgedreht, pulsieren sie. Jetzt ist es Morgen, alle Kinder in den Bänken hellwach, auch die Neuen in der vordersten Reihe. Bei mir ist es umgekehrt. Ich kämpfe. OMO gleitet weg vom Schrank, die Schachtel schwebt hinauf zur Holzdecke. Ich sehe die drei Buchstaben wie im Nebel. Jetzt verschwinden sie. Weg sind sie aus meinem Augenschlitz.
Die ganze Schule starrt hinauf zur Kartonschachtel, kratzt mit den Federn Buchstaben um Buchstaben aufs Papier. Vreneli neben mir schreit, steht schon wieder auf. »Fräulein Sidler!« Mehr bringt sie nicht raus. Sie starrt mit schneeweißem Gesicht auf meinen Unterarm, wo die Feder voller Tinte wie ein Angelhaken stecken geblieben ist. Ich zerre daran, mit meinen geschwärzten Fingern. Die Haut lüpft sich wie das Stoffrestezelt, in dem ich zu Hause die Spulen zähle. Darunter klemmt die Feder, will nicht raus. Ich spüre den Schatten von Fräulein Sidler, höre ihre Stimme, jetzt habe ich nur noch den Halter in der Hand. Sie schickt Viertelabnüüni die Schnapsflasche holen, aus dem OMO-Schrank.
Zum Glück schaut Fräulein Sidler nur auf meine Feder und nicht auf das Blatt, wo meine Hand wie von allein geschrieben hat. Der Buchstabe O sieht aus wie eine langgezogene Wasserblase, die nach oben drängt. Das M ist doppelt so lang. Es fliegt wie ein Nachthemd über die Linien zum Seitenrand. Beim zweiten O passiert es: Mein Körper zuckt zusammen. Die Hand macht einen Ruck, schießt übers Blatt, der Federhalter landet, zack, in meinem Arm. Immer werde ich schwer. Dauern tut es nur ein paar Sekunden, im Nu bin ich wieder wach. Die Angst schlägt ein, das Herz fliegt. Hat es jemand gesehen, das mit meinem Schlaf? Umblättern, zudecken, und alles beginnt von vorn. Aber so was wie jetzt, das ist mir noch nie passiert.
Fräulein Sidler dreht an meiner Feder. Einfach geht das nicht. Bei ihr kommt die Haut auch mit, die Feder bleibt drin. Erst als sie rundum die Haut mit den Fingern drückt und spannt, kommt die Feder raus. Ueli stöhnt, als Viertelabnüüni Schnaps auf das schwarze Loch in meinem Arm gießt. Es brennt wie Feuer. Alle machen »Uäähh!«, stehen rund um mein Pult. Ich zähle, beiße auf die Zähne, gebe keinen Ton von mir. Ueli fällt um, liegt ohnmächtig vor mir auf dem Boden. Zum Glück schauen alle auf ihn. Niemand kann mein OMO sehen. Es verdampft auf dem Blatt. Die Tinte vermischt sich mit dem Schnaps.
In der Pause schenkt Ueli mir eine Zwetschge. Ich weiß nicht, will er sich wichtig machen, hat er es gesehen, das mit meinem Schlaf. Er starrt mich an, wie immer, als möchte er mir etwas sagen. Er ahnt nicht, dass ich das mit dem Licht an seiner Scheune sehe, jede Nacht und auch am Morgen. Seine Zwetschge glänzt, mehr schwarz als blau. Er reibt sie ab, am Hosenbein. Ich esse sie, sie ist süß, noch etwas warm. Bei uns auf dem Napf wachsen fast keine Zwetschgen, nur Birnen und Äpfel. Und die landen in der Schnapsmaschine bei Viertelabnüüni. Ich laufe weg, mit der Zwetschge im Mund. Ueli holt mich ein, starrt zu mir hoch wie ein geschlagener Hund, einen halben Kopf kleiner als ich. Er sagt: »Du bist jetzt mein Schatz.« Ich spucke ihm den Zwetschgenstein vor die Füße.
Da, wo die Väter den Nebenverdienst machen, raucht es aus dem Wald. Auf dem Schulweg gehen Vreneli, ich, Ueli und Viertelabnüüni meist zusammen, weil wir am weitesten oben am Napf wohnen und in der gleichen Reihe sitzen. Ich schüttle Vrenelis Arm ab. In der...




