E-Book, Deutsch, Band 1721, 544 Seiten
Reihe: Beck Paperback
Schmidt Das politische System Deutschlands
3. Auflage 2016
ISBN: 978-3-406-69704-3
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Institutionen, Willensbildung und Politikfelder
E-Book, Deutsch, Band 1721, 544 Seiten
Reihe: Beck Paperback
ISBN: 978-3-406-69704-3
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses Buch ist ein Wegweiser durch das politische System der Bundesrepublik Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Manfred G. Schmidt erläutert sowohl das Regelwerk, das die Verfassung der Politik vorgibt, als auch die Verfassungswirklichkeit. Ausführlich werden die politischen Institutionen, deren Funktionsweise sowie der Prozess der politischen Willensbildung behandelt. Zudem wird die Staatstätigkeit in den wichtigsten Feldern der Innen- und Außenpolitik und in ihren Wechselwirkungen mit den politischen Institutionen und Prozessen untersucht. Der Autor erörtert die Politik in Deutschland aus der Perspektive des internationalen und historischen Vergleichs und bewertet ihre Stärken und Schwächen. Ein für die 3. Auflage neu verfasstes Kapitel ist den Möglichkeiten und Grenzen einer Europäisierung des Regierungssystems gewidmet.
Manfred G. Schmidt ist Professor für Politische Wissenschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
Weitere Infos & Material
1;Cover;1
2;Titel;3
3;Zum Buch;545
4;Über den Autor;545
5;Impressum;4
6;Inhaltsverzeichnis;5
7;Vorwort;15
8;Teil I: Politische Institutionen, Akteure und Willensbildung;19
8.1;Kapitel 1: Die Staatsverfassung der Bundesrepublik Deutschland;19
8.1.1;1. Ein langer «Weg nach Westen»;20
8.1.2;2. Alte und neue Pfade der Verfassungspolitik;22
8.1.3;3. Verfassungspolitische Weichenstellungen;26
8.1.4;4. Verfassung und Verfassungswirklichkeit;32
8.1.5;5. Strukturen politischer Herrschaft in der Bundesrepublik Deutschland;41
8.2;Kapitel 2: Wahlrecht und Wahlsystem;44
8.2.1;1. Wahlberechtigung und Wahlalter;44
8.2.2;2. Das Wahlsystem bei Bundestagswahlen;45
8.2.3;3. Bewertungen der personalisierten Verhältniswahl;50
8.2.4;4. Wahlrechtsreform?;53
8.3;Kapitel 3: Wähler und Wahlverhalten;56
8.3.1;1. Die soziale Zusammensetzung der Wählerschaft;56
8.3.2;2. Wahlbeteiligung;59
8.3.3;3. Die Stimmenverteilung auf die politischen Parteien;62
8.3.4;4. Wählerverhalten: beweglicher als zuvor;65
8.3.5;5. Milieubindungen und Parteiidentifikation;75
8.3.6;6. Bundestags- und Landtagswahlen im Vergleich;78
8.4;Kapitel 4: Politische Parteien und Parteiensystem;82
8.4.1;1. Politische Parteien;83
8.4.1.1;1.1 CDU/CSU;85
8.4.1.2;1.2 SPD;89
8.4.1.3;1.3 FDP;92
8.4.1.4;1.4 Bündnis 90/Die Grünen;94
8.4.1.5;1.5 Die Linke;96
8.4.1.6;1.6 Die AfD;99
8.4.1.7;1.7 Parteimitglieder;100
8.4.2;2. Parteiensystem;100
8.4.2.1;2.1 Zahl der Parteien, Fragmentierungsgrad, Dominanz und Oppositionsoptionen;100
8.4.2.2;2.2 Trend zum «polarisierten Pluralismus»?;101
8.4.2.3;2.3 Konfliktlinien;103
8.4.2.4;2.4 Policy-Positionen der Parteien;104
8.4.2.5;2.5 Koalitionen;108
8.4.2.6;2.6 Regierungswechsel;109
8.5;Kapitel 5: Intermediäre Organisationen: Interessenverbände und Massenmedien;111
8.5.1;1. Die organisierte Gesellschaft;111
8.5.2;2. Herrschaft der Verbände? Die Lehre von den «Großen Vier»;113
8.5.3;3. Teils korporatistische, teils pluralistische Staat-Verbände-Beziehungen – aber kein «Verbändestaat»;122
8.5.4;4. Massenmedien als «Vierte Gewalt»?;127
8.6;Kapitel 6: Vom «negativen Parlamentarismus» zum parlamentarischen Regierungssystem;134
8.6.1;1. Ein parlamentarisches Regierungssystem der republikanischen Form – mit Parteiendominanz;134
8.6.2;2. Die soziale und parteipolitische Zusammensetzung des Deutschen Bundestags;138
8.6.3;3. Abstimmungsregeln – Parteienpolitik zwischen Mehrheitsdemokratie und Großer Koalition;144
8.6.4;4. Funktionen des Deutschen Bundestages;148
8.6.4.1;4.1 Wahlfunktion;148
8.6.4.2;4.2 Gesetzgebung;150
8.6.4.3;4.3 Kontrolle und Opposition;155
8.6.4.4;4.4 Interessenartikulation und Kommunikation;158
8.6.4.5;4.5 Repräsentation und Repräsentationslücken;160
8.6.5;5. Das mächtigste Parlament auf dem Kontinent?;161
8.7;Kapitel 7: Regieren im «halbsouveränen Staat»: die Exekutive des Bundes;167
8.7.1;1. Die Bundesregierung;167
8.7.1.1;1.1 Amt und Person der Bundeskanzler;167
8.7.1.2;1.2 Eine «Kanzlerdemokratie»?;172
8.7.2;2. Der Bundespräsident;180
8.7.3;3. Machtressourcen und Machtbegrenzungen der Bundesregierung;186
8.7.3.1;3.1 Machtressourcen: Kompetenzen, Staatsfinanzen, Verwaltungsführung;186
8.7.3.2;3.2 Machtbegrenzungen – warum Alleingänge für Bundesregierungen schwierig sind;189
8.7.3.3;3.3 Der Staat der vielen Vetospieler und Mitregenten;194
8.7.4;4. Bildung, Stabilität und Auflösung von Bundesregierungen;195
8.7.5;5. Die parteipolitische Zusammensetzung der Bundesregierungen seit 1949;197
8.8;Kapitel 8: Regieren im «halbsouveränen Staat»: Politik im Bundesstaat;200
8.8.1;1. Die Bundesländer;200
8.8.2;2. Mitregent und Vetospieler: der Bundesrat;203
8.8.2.1;2.1 Mitwirkung der Länder an der Gesetzgebung;208
8.8.2.2;2.2 Mitwirkung der Länder bei Verwaltung, Wahlen und Krisenmanagement;212
8.8.3;3. Der unitarische Bundesstaat;213
8.8.4;4. Polyzentrismus, Fragmentierung und Politikverflechtung;214
8.8.5;5. Hoher Kooperationsbedarf und Dauerwahlkampf;217
8.8.6;6. Sozialstaatsföderalismus;219
8.8.7;7. Die Föderalismusreformen I und II;219
8.8.8;8. Deutschlands Bundesstaat im Vergleich;223
8.9;Kapitel 9: Regieren mit Richtern;225
8.9.1;1. Verfassungspolitische Grundlagen und Organisation der rechtsprechenden Gewalt;225
8.9.2;2. Das Bundesverfassungsgericht;227
8.9.2.1;2.1 Struktur;227
8.9.2.2;2.2 Macht und Machtgrenzen;229
8.9.2.3;2.3 Spannungen zwischen Verfassungsgerichtsbarkeit und Politik;239
8.9.3;3. Deutschlands Judikative zwischen Nationalstaat und Europäischer Union;244
8.9.4;4. Wirkungen des Bundesverfassungsgerichts auf die Demokratie;245
8.9.5;5. Suprematie des Rechts?;246
8.10;Kapitel 10: Deutschlands politische Führungsschicht;248
8.10.1;1. Wer regiert Deutschland?;248
8.10.2;2. Zusammensetzung und Rekrutierung der politischen Führungsschicht;249
8.10.2.1;2.1 Kontinuitätsbrüche;249
8.10.2.2;2.2 Rekrutierung und soziale Herkunft;251
8.10.2.3;2.3 Professionalisierung;254
8.10.2.4;2.4 Auf- und Abstiege;255
8.10.3;3. Werte, Gruppenzugehörigkeit und Zielvorstellungen;257
8.10.3.1;3.1 Wertorientierung und Ziele;257
8.10.3.2;3.2 Parteinähe und Parteimitgliedschaft;258
8.10.3.3;3.3 Ost-West-Unterschiede;259
8.10.3.4;3.4 Einstellungen zur Demokratie;261
8.10.4;4. Der Aufbau der politischen Generationen im Wandel;262
9;Teil II: Politikfelder;264
9.1;Einleitung;264
9.2;Kapitel 11: Außenpolitik: Vorfahrt für Handelsstaat und «Zivilmacht»;265
9.2.1;1. Rahmenbedingungen deutscher Außenpolitik nach 1949;265
9.2.2;2. Außenpolitik im Zeichen des Ost-West-Konflikts und des «Sonderkonflikts» mit der Sowjetunion;270
9.2.3;3. Eine neue deutsche Außenpolitik nach 1990?;274
9.2.4;4. Parteienwettbewerb, Exekutivmacht und Domestizierung der Außenpolitik;281
9.2.5;5. Die Außenpolitik im Regimevergleich;288
9.3;Kapitel 12: Politik mit Zweidrittelmehrheiten: Änderungen des Grundgesetzes;291
9.3.1;1. Zweidrittelmehrheiten und die Praxis der Grundgesetzänderungen;291
9.3.2;2. Bewertungen der Verfassungsänderungen;296
9.3.3;3. Die Politik der Verfassungsänderungen;298
9.3.4;4. Verfassungsänderungen im internationalen Vergleich;300
9.3.5;5. Zeitverzögerungen und Nichtentscheidungen;303
9.4;Kapitel 13: Staatsfinanzen;306
9.4.1;1. Wachsende Staatshaushalte: Vom Wiederaufbau zum Wohlfahrtsstaat;307
9.4.2;2. Die Finanzierung der Staatsaufgaben in Deutschland: der verschuldete «Steuer» und «Sozialabgabenstaat»;309
9.4.3;3. Staatsfinanzen im Bundesstaat und im Kontext der EU;312
9.4.4;4. Deutschlands Staatsfinanzen im Vergleich;320
9.4.5;5. Determinanten der Staatsquote;322
9.4.6;6. Schlussfolgerungen;327
9.5;Kapitel 14: Wirtschaftsverfassung und wirtschaftspolitische Ergebnisse;331
9.5.1;1. Deutschlands Wirtschaftsverfassung;331
9.5.1.1;1.1 Soziale Marktwirtschaft;333
9.5.1.2;1.2 Die Verfassungswirklichkeit der Sozialen Marktwirtschaft;335
9.5.1.3;1.3 Handlungsspielräume, Parteiendifferenzen und große Herausforderungen;339
9.5.1.4;1.4 Deutschlands Wirtschaftsverfassung aus dem Blickwinkel vergleichender Politischer Ökonomie;343
9.5.2;2. Wirtschaftspolitische Ergebnisse: Wirtschaftswachstum, Arbeitslosenquote und Inflationsrate;345
9.5.3;3. Liberalisierungspolitik und ihre Grenzen;348
9.6;Kapitel 15: Sozialpolitik;352
9.6.1;1. Sozialstaatsstrukturen;353
9.6.1.1;1.1 Sozialstaatsschichten;353
9.6.1.2;1.2 Die Doppelstruktur des deutschen Sozialstaats;355
9.6.1.3;1.3 Der Sozialstaat der Machtaufteilung;356
9.6.2;2. Entwicklung der Sozialpolitik seit 1949;357
9.6.3;3. Internationaler Vergleich;361
9.6.3.1;3.1 Alter und Größenordnung der deutschen Sozialpolitik;361
9.6.3.2;3.2 Ein «konservativer Wohlfahrtsstaat»?;362
9.6.3.3;3.3 Sozialpolitische Regulierungen der Arbeitswelt im internationalen Vergleich;363
9.6.4;4. Antriebs- und Bremskräfte der Sozialpolitik;365
9.6.5;5. Wirkungen der Europäischen Union auf die Sozialpolitik in Deutschland;369
9.6.6;6. Wirkungen der Sozialpolitik;371
9.7;Kapitel 16: Bildungspolitik;374
9.7.1;1. Der Einfluss des Politik-Erbes auf die Bildungsfinanzen;375
9.7.2;2. Wirtschaftskraft, Bevölkerung im Ausbildungsalter und Bildungsbeteiligung;379
9.7.3;3. Politisch-kulturelle, arbeitsmarktökonomische und parteipolitische Fundamente der Bildungsausgaben;381
9.7.4;4. Föderalismus und Finanzierungskonkurrenz der öffentlichen Bildungsausgaben;384
9.7.5;5. Die Staat-Markt-Arbeitsteilung in der Bildungsfinanzierung;386
9.7.6;6. Bilanz;387
9.8;Kapitel 17: Umweltpolitik;392
9.8.1;1. Der späte Einstieg in die nationale Umweltpolitik;392
9.8.2;2. Phasen der Umweltpolitik des Bundes seit 1969;394
9.8.2.1;2.1 Die Etablierungsphase: 1969–1973;395
9.8.2.2;2.2 Umweltpolitik im Zeichen der Trendwende;397
9.8.2.3;2.3 Die dritte Phase: 1982–1998;399
9.8.2.4;2.4 Rot-grüne Umweltpolitik: 1998–2005;403
9.8.2.5;2.5 Schwarz-rote und schwarz-gelbe Umweltpolitik: 2005–2015;406
9.8.3;3. Warum die Umweltpolitik viel später als die Sozialpolitik institutionalisiert wurde;409
9.8.4;4. Deutschlands Umweltpolitik im internationalen Vergleich;411
9.8.5;5. Ungelöste Aufgaben;417
9.9;Kapitel 18: Die «Politik des mittleren Weges»;419
9.9.1;1. Der «mittlere Weg»;419
9.9.2;2. Institutionelle Bedingungen und Reproduktionsmechanismen des «mittleren Weges» vor 1990;422
9.9.3;3. Leistungsprofile des «mittleren Weges» vor und nach 1990;425
9.9.3.1;3.1 Ungleichgewicht zwischen Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik und Beschäftigung;428
9.9.3.2;3.2 Verluste bei der Preisstabilitätspolitik;429
9.9.3.3;3.3 Kontinuität des «Steuer-» und «Sozialabgabenstaates» – mit kleinerem Staatsdienerheer und Nebenfolgen;433
9.9.3.4;3.4 Fragilere Strukturen des delegierenden Staates;434
9.9.3.5;3.5 «Mittlerer Weg» oder Liberalisierung des deutschen Kapitalismus?;436
9.9.4;4. Warum weiter auf dem «mittleren Weg»?;438
9.10;Kapitel 19: Europäisierung des politischen Systems? Tendenzen und Grenzen;441
9.10.1;1. Strukturen der Europäischen Union;442
9.10.2;2. Die These vom «neuen deutschen Regierungssystem»;443
9.10.2.1;2.1 Europäisierung der politischen Institutionen;444
9.10.2.2;2.2 Europäisierung der Staatsaufgaben: Tendenzen seit 1957;447
9.10.3;3. Beabsichtigte und unbeabsichtigte Folgen der Aufgabeneuropäisierung;453
9.10.4;4. Tendenzen und Grenzen der Europäisierung;455
10;Teil III: Bilanz;457
10.1;Kapitel 20: Leistung und Mängel der Politik in Deutschland;457
10.1.1;1. Leistung und Defizite: institutionelle und prozessuale Messlatten;458
10.1.1.1;1.1 Vorgaben des Grundgesetzes;458
10.1.1.2;1.2 Politische Unterstützung;462
10.1.1.3;1.3 Machtwechsel;463
10.1.1.4;1.4 Integration der Opposition;465
10.1.1.5;1.5 Machtaufteilung und Machtfesselung;465
10.1.2;2. Politikproduktion und Politikresultate;467
10.1.2.1;2.1 Freiheit, Sicherheit und Wohlfahrt;467
10.1.2.2;2.2 Problemlösungsfähigkeit;470
10.1.2.3;2.3 Fehlerkorrekturfähigkeit und Zukunftstauglichkeit;475
10.1.2.4;2.4 Lernfähigkeit;479
10.1.3;3. Ungelöste Probleme;482
10.1.4;4. Fazit;486
11;Verzeichnis der zitierten Quellen und der Literatur;489
12;Häufig verwendete Abkürzungen;489
13;Register;534
TEIL I
Politische Institutionen, Akteure und Willensbildung
Kapitel 1 Die Staatsverfassung der Bundesrepublik Deutschland
Deutschland ist das Land der vielen politischen Umbrüche. Allein im 20. Jahrhundert durchlebte es mehr fundamentale Regimewechsel als andere etablierte Demokratien. Der Wandel von der konstitutionellen Monarchie zur Weimarer Republik nach dem Ende des Ersten Weltkrieges mündete in eine umstrittene, instabile Demokratie.[1] Sie wurde schon 14 Jahre später – 1933 – von der nationalsozialistischen Diktatur abgelöst. Diese steuerte Deutschland innen- und außenpolitisch in die «Katastrophe»[2]. Nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur 1945 folgten die «Jahre der Besatzung»[3]. Nun gabelten sich die Wege für rund viereinhalb Jahrzehnte. In der Sowjetischen Besatzungszone marschierte die Sowjetische Militäradministration im Verein mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) in einen diktatorischen Sozialismus.[4] In den westlichen Besatzungszonen hingegen wurde – nach dem Ende der «kriegerischen Okkupation»[5] eines «besiegten Feindstaates»[6] – der Boden für eine föderative verfassungsstaatliche Demokratie bereitet. Das geschah zunächst in einer «Liberalisierungsdiktatur»[7], die von den westlichen Besatzungsmächten gelenkt wurde und auf die Unterstützung insbesondere der christdemokratischen, sozialdemokratischen und liberalen Parteien der westdeutschen Länder setzte. Mit den Landtagswahlen vor 1949 und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 begann der zweite Anlauf zur Demokratie in Deutschland. Er blieb zunächst auf den Westen des geteilten Landes beschränkt. In seinem Ostteil wurde noch im selben Jahr die Deutsche Demokratische Republik (DDR) gegründet. Diese stand im Zeichen des Aufbaus einer Diktatur, die an sowjetische Traditionen sowie an kommunistische und linkssozialistische Konzepte der Weimarer Republik anknüpfte und den «SED-Staat»[8] schuf. Die Teilung Deutschlands in West und Ost wurde 41 Jahre später durch die Herstellung der staatsrechtlichen Einheit Deutschlands beendet. Mit ihr hörte die DDR zu existieren auf. Nun konnten West- und Ostdeutschland im Verfassungsgewande der Bundesrepublik zusammenwachsen.
1. Ein langer «Weg nach Westen»
Deutschland hat einen «langen Weg nach Westen»[9] hinter sich, einen langen Weg hin zu einer verfassungsstaatlichen Demokratie. Mittlerweile aber zählt das Land zu den seit mehreren Dekaden stabilen liberalen Demokratien. Diesem Kreis gehören, selbst bei großzügiger Zählung, nicht mehr als rund drei Dutzend Staaten an: neben den nordamerikanischen und den westeuropäischen Ländern beispielsweise auch Japan und Australien.[10] Die Mitgliedschaft in diesem exklusiven Klub ist ein Erfolg der Bundesrepublik Deutschland, den in ihrem Geburtsjahr kaum jemand erwartet hatte.[11] Zu groß schienen dafür die Erblasten des NS-Staates zu sein, zu schwer die Hinterlassenschaften des Krieges und der Kriegsfolgen, zu schmal die wirtschaftliche Basis, zu negativ die Erfahrungen mit der Demokratie der Weimarer Republik und zu gewaltig die innen- und außenpolitischen Herausforderungen des neuen, noch unter dem Besatzungsstatut stehenden Staates.
Dass Deutschlands zweiter Anlauf zur Demokratie dennoch glückte, im Gegensatz zum ersten Versuch, der mit der Auflösung der Weimarer Republik endete, hat viele Ursachen.[12] Zu ihnen gehört die vollständige öffentliche Diskreditierung der NS-Diktatur. Für eine «Dolchstoßlegende» war 1945 im Unterschied zu 1918/19 kein Platz mehr. Zugute kam der Bundesrepublik Deutschland – vor allem infolge des aufbrechenden Ost-West-Konflikts – eine weitsichtigere Politik der westlichen Siegermächte als 1918/19: Diese eröffnete dem westdeutschen Teilstaat die Chance der Teilhabe an den inter- und supranationalen Organisationen des Westens. Zugute kam ihm überdies das abschreckende Beispiel der sozialistischen Diktatur, die in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR auf den Bajonetten der Roten Armee von den Kadern der SED, ihrer Gefolgschaft und ihren Mitläufern errichtet wurde. Verantwortlich für die Verwurzelung der Demokratie in der Bundesrepublik waren nicht zuletzt das «Wirtschaftswunder», der in der deutschen Geschichte beispiellose wirtschaftliche Aufschwung vor allem der 1950er und 1960er Jahre, und eine Sozialpolitik, die tatkräftig zum Abbau der Hypotheken der NS-Diktatur, des Krieges und der Nachkriegszeit beitrug. Durch Wirtschaftsaufschwung und Sozialpolitik wurde «Wohlstand für alle»[13], so die griffige Formel des damaligen Bundeswirtschaftsministers Ludwig Erhard, für die große Mehrheit der Bürger fassbar. Das kam der Anerkennungswürdigkeit der demokratischen Staatsform und ihrer faktischen Anerkennung zugute.
Demokratiefördernd wirkten auch Mechanismen des politischen Systems. Diese begünstigten stabile Regierungen und integrierten die parlamentarische Opposition. Insbesondere aufgrund der Gliederung in Bund und Länder hatte jeder Verlierer einer Bundestagswahl die Chance, durch Siege bei Landtagswahlen in den Ländern an die Regierung zu gelangen und gegebenenfalls über den Bundesrat im Bund mitzuregieren. Dieser Mechanismus trug maßgeblich zur Einbindung der Opposition bei, entschärfte den Nullsummenspielcharakter von Wahlen im Lande, erleichterte dem Wahlverlierer die Akzeptanz der Niederlage und milderte somit die hohe Spannung zwischen den parteipolitischen Lagern. Zur Demokratieverwurzelung trug auch die Verfassung bei – das «Grundgesetz» vom 23. Mai 1949 mitsamt seinen Änderungen. Das Grundgesetz definiert das verfassungsrechtliche Spielregelwerk der Politik in der Bundesrepublik. Es tut dies in einer Weise, die für Machtaufteilung sorgt, die zugleich Interessenausgleich sowie Kompromisssuche fördert, und die der Verfassung und ihrer Auslegung durch das Bundesverfassungsgericht die höchste Autorität beimisst. Beides – die verfassungspolitischen Vorgaben des Grundgesetzes und die Verfassungsauslegung durch das Bundesverfassungsgericht – werden in Deutschland in hohem Maße akzeptiert, und zwar in der Politik ebenso wie in der Gesellschaft und der Wirtschaft.
Weil das so ist, erlaubt die Analyse der Staatsverfassung und der Verfassungsgerichtsbarkeit besonders aufschlussreiche Einblicke in den politischen Betrieb des heutigen Deutschlands. Deshalb beginnt dieses Buch beim verfassungsrechtlichen und politischen «Überbau» – und nicht bei der wirtschaftlichen «Basis» oder bei der Gesellschaft, so wichtig diese als Rahmenbedingungen der Politik auch sind.
2. Alte und neue Pfade der Verfassungspolitik
An der verfassungspolitischen Willensbildung für Westdeutschland wirkten viele mit – nicht nur die Alliierten, wie die von rechter und linker Seite vertretene Auffassung nahelegt, das Grundgesetz sei auf den Bajonetten der Besatzungsmächte entstanden. Sicherlich hatten die Westalliierten die Initiative zur Verfassungsbildung ergriffen. Zweifellos hatten sie verfassungspolitische Vorgaben festgeschrieben: Liberaldemokratisch, konstitutionalistisch und föderalistisch musste die westdeutsche Staatsverfassung sein, und die Wiedergeburt eines starken Staates sollte sie verhindern. Zudem hatten die Westalliierten in die verfassungspolitische Willensbildung massiv eingegriffen. Doch Entwurf, Beratung und Erstellung der Verfassung, die Beschlussfassung über sie und ihre Annahme in den Parlamenten waren das Werk deutscher Verfassungsspezialisten und Politiker. Auch der Name der Verfassung – «Grundgesetz» – offenbart dies. Er sollte das Provisorium der Verfassung betonen, solange Deutschland geteilt war.
Die Weichenstellungen des Grundgesetzes spiegelten die Bestrebungen der Siegermächte wie auch der Landespolitiker wider, den neuen deutschen Staat in enge Grenzen zu verweisen. Starke Länder, ein schwacher Zentralstaat sowie mächtige Barrieren gegen den Wiederaufstieg eines Machtstaates – das waren zentrale politische Leitideen auf beiden Seiten. Die Architekten des Grundgesetzes knüpften zudem an Traditionen liberaler Verfassungstheorien aus Westeuropa und Nordamerika an: Die liberaldemokratischen Strukturen, die Konstitutionalisierung der Demokratie und die Stärkung der Grundrechte zeugen hiervon. Unübersehbar waren die Lehren, die aus der politischen Geschichte Deutschlands von 1919 bis 1945 und in Abgrenzung zum DDR-Sozialismus gezogen wurden: Sie liefen auf einen Institutionenneubau hinaus, der von einem antitotalitären «Geist der Gesetze» durchweht und vom Bestreben, Strukturmängel der Weimarer Reichsverfassung zu vermeiden, geprägt war.[14] Auf dieser Basis wurden die Grundrechte als unmittelbar geltendes Recht festgeschrieben und somit ein «Grundrechtestaat»[15] geschaffen. Hierauf gründet auch die Einrichtung einer Verfassungsgerichtsbarkeit als Hüter und Deuter der Verfassung. Und hier liegt zudem der Beweggrund für die Entscheidung, die verfassungspolitische Position des Bundespräsidenten zu schwächen und das Amt des Bundeskanzlers zu stärken.
Das Grundgesetz spiegelt den Ausgleich zwischen unterschiedlichsten Bestrebungen wider. Der Zwang zum...




